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Zappelphilippe und Träumer

Unruhe und Unkonzentriertheit kommen bei fast jedem Kind gelegentlich vor. Aber ist das Kind nur lebhaft oder bereits hyperaktiv? Bei AD(H)S handelt es sich um eine häufig auftretende psychische Erkrankung, die bei Patienten wie Bezugspersonen zu Hilflosigkeit und Erschöpfung führt.
Ein Artikel von Susanne Rosenberger
Foto: djama - stock.adobe.com

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Moritz besucht die dritte Klasse Volksschule in Salzburg und findet den Unterricht mittlerweile ganz akzeptabel. Zu Beginn seiner Schulzeit war das nicht so: Es fiel ihm schwer, ruhig sitzen zu bleiben und seinen großen Bewegungsdrang in Schach zu halten. Durch diese motorische Unruhe hatte Moritz Probleme, sich zu konzentrieren und bei der Sache zu bleiben. Da er ständig unaufgefordert herausrief, störte er massiv den Unterricht.

Moritz‘ Symptome von Hyperaktivität und Impulsivität kombiniert mit einer schlechten Aufmerksamkeit waren natürlich nicht bloß in der Schule, sondern auch zu Hause und in der Freizeit aufgetreten. Im Spielverhalten war ihm schnell langweilig und es fiel ihm schwer, sich alleine zu beschäftigen. Die Eltern schimpften häufig, weil er ihre Aufforderungen nach mehrfacher Wiederholung nicht befolgte, er bei Tisch zappelte und Geschirr umstieß. Die niedrige Frustrationsgrenze des Jungen führte wiederum zu einer aggressiven Reaktion den Eltern gegenüber. Auch im Spiel mit gleichaltrigen Kindern kam es oft zu Konflikten, weil Moritz laut, heftig und sprunghaft reagierte – richtige Freunde hatte er deswegen keine.

Foto: photophonie - stock.adobe.com

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Wann liegt AD(H)S vor?
Ein quirliges Kind hat noch lange kein ADHS. Ganz im Gegenteil: Ein gesundes Kind muss sich viel bewegen, damit das Gehirn die nötigen neuronalen Netzwerke ausbauen kann. Phasen der Unruhe und Unkonzentriertheit gehören somit zu einer normalen Kindheit dazu. Erst wenn es im Alltag zu deutlichen Auffälligkeiten kommt, sollte man der Sache nachgehen.
Taucht eine Aufmerksamkeitsstörung kombiniert mit anderen Symptomen wie Impulsivität, Unruhe, Störungen des Sozialverhaltens auf, kann es sich um eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) handeln. Laut wissenschaftlichen Studien weisen international ca. 5 % der Kinder eine tatsäch-liche ADHS auf, wobei die Krankheit bis zu sechs Mal häufiger bei Buben als bei Mädchen diagnostiziert wird. Dieses Krankheitsbild setzt sich aus einer Kombination von Aufmerksamkeitsstörung, Hyperaktivität und Impulsivität zusammen. Die Symptome treten vor dem 7. Lebensjahr situationsübergreifend – also in Schule, Freizeit und zu Hause – auf und dauern länger als sechs Monate an.
Bei ADS handelt es sich hingegen um ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ohne Hyperaktivität, bei dem als Kernsymptom Unaufmerksamkeit auftritt. Auch die von ADS betroffenen Patienten können sich schlecht konzentrieren, sind vergesslich und leicht ablenkbar. In ihrer Außenwirkung erscheinen ADS-Kinder ruhig, verträumt und abwesend, leiden aber häufig unter einer inneren Unruhe und Getriebenheit.
Die Veranlagung für AD(H)S ist weitgehend genetisch bedingt, da die Ursache in einem neurobiologischen Ungleichgewicht liegt. Auch bestimmte Gifte während der Embryonalentwicklung (wie Nikotin, Alkohol, Drogen während der Schwangerschaft), eine Frühgeburt oder Komplikationen bei der Geburt können neurologische Störungen beim Kind verursachen.

Die Gesichter von AD(H)S erkennen
Erhärtet sich der Verdacht auf AD(H)S, folgt eine um-fassende und gründliche Diagnostik durch einen erfahrenen Kinder- und Jugendpsychiater, klinischen Psychologen oder Kinderarzt. Dabei können der Schweregrad der AD(H)S und die daraus resultierenden Beeinträchtigungen des Alltags des Kindes stark differieren. Bleiben die Symptome unerkannt und unbehandelt, kann dies zu nachhaltigen Verhaltensstörungen führen, die das gesamte Leben stark beeinflussen. Das Ziel einer AD(H)S-Therapie ist, soziale Kompetenzen, Selbstkontrolle sowie Selbstwahrnehmung zu fördern, das Selbstwertgefühl zu steigern und gleichzeitig impulsive Reaktionen zu mindern. Dabei ist die Behandlung von AD(H)S so individuell wie das Krankheitsbild an sich.
Für Kinder wie Moritz mit Verdacht auf ADHS ist das „Institut für Heilpädagogik“ (Rechtsträger: Land Salzburg) die richtige Anlaufstelle. Hier beschäftigt sich ein multidisziplinäres Team schwerpunktmäßig mit der Diagnostik und Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizitstörungen, Teilleistungsschwächen und Autismus. Für auffällige Kinder im Alter von 3 bis 18 Jahren kann eine umfassende Beratung und ambulante Untersuchung in Anspruch genommen werden. „Bei uns ist keine Zuweisung erforderlich, viele Eltern kommen aber auf Empfehlung von Pädagogen, Psychologen oder Beratungsstellen zu uns“, informiert der Leiter des Instituts für Heilpädagogik, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Dr. Georg Weiss.
Als erfolgreiche Methode hat sich die multimodale Therapie erwiesen. Sie kombiniert verschiedene Therapieansätze wie Aufklärung über das Krankheitsbild, Förder- und Therapiemaßnahmen für das Kind, Elterntraining zur Verbesserung der familiären Probleme, Sensibilisierung des sozialen Umfeldes, Behandlung begleitender Symptome (etwa Angststörungen), Einbeziehen von Ergo- und Mototherapeuten und – falls nötig – eine medikamentöse Therapie. Auch für Dr. Weiss gibt es nicht das eine Diagnoseinstrument, vielmehr „sammelt man Mosaiksteine, um abzuklären, was wirklich hinter einer Symptomatik steckt. Zudem ist es aufschlussreich, wie wir das Kind in der mehrstündigen Testsituation erleben.“
AdobeStock_113016870Unter gewissen Umständen ist eine begleitende Medikation unumgänglich, um spätere Therapieerfolge überhaupt erreichen zu können. Die verabreichten Stimulanzien (das bekannteste darunter ist der Wirkstoff Methylphenidat unter dem Medikamentennamen „Ritalin“) bewirken, dass sich an ADHS erkrankte Kinder durch eine höhere Dopamin-Ausschüttung im Gehirn besser konzentrieren und ihr Verhalten besser steuern können. Aufgrund kritischer Medienberichte stehen Eltern Medikamenten wie Ritalin häufig skeptisch gegenüber, weil sie ihr Kind nicht ruhigstellen wollen.
Neben unterschiedlichen ambulanten Therapien und ärztlichen Kontrollen bietet das „Institut für Heilpädagogik“ auch stationäre und tagesklinische Behandlungen an. Klein- und Vorschulkinder können wochentags die heilpädagogische Tagesklinik besuchen, es stehen sechs Plätze für je drei bis vier Monate zur Verfügung. Für Schulkinder bis 12 Jahre bietet sich die Möglichkeit einer stationären Aufnahme für acht bis neun Wochen geblockt, auch hier sind die Plätze mit 60 pro Jahr begrenzt. Daraus ergeben sich längere Wartelisten von etwa einem halben Jahr bis zur Erstvorstellung. Bis zur Aufnahme kann es – abhängig von verschiedenen Faktoren – relativ schnell gehen oder bis zu einem weiteren Jahr dauern (für die Tagesklinik).

ADHS bei Erwachsenen
Das umgangssprachliche „Zappelphilipp-Syndrom“ wird oft fälschlicherweise als Erkrankung eingestuft, die nur Kinder und Jugendliche betrifft. Tatsächlich bleibt die Störung – ohne entsprechende Therapie – oft bis ins Erwachsenenalter bestehen, allerdings mit veränderten Symptomen. Erwachsene ADHS-Patienten greifen häufig zu Suchtmitteln, um ruhiger zu werden und ihre Leistungsfähigkeit zu steigern. Depressionen, Ängste, Aggression und ein mangelndes Selbstwertgefühl gehören ebenso zu diesem Krankheitsbild wie ein häufiger Jobwechsel und ein erhöhtes Unfallrisiko.

Foto: photophonie - stock.adobe.com

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Tipps für Eltern von ADHS-Kindern

Strukturierung: den Tag und die Woche klar strukturieren und planen

Sicherheit: Klare Regeln und ein fester Tagesablauf geben dem Kind Sicherheit

Konsequenz: Eltern müssen im Alltag konsequent sein

Kommunikation: mit dem Kind in freundlicher, aber bestimmter Art sprechen, Feedback, Regeln formulieren

Motivation: Das Kind positiv motivieren und das Selbstbewusstsein stärken

Bewegung fördern: Körperbetontes Spielen und regelmäßige sportliche Aktivität

Auszeiten gönnen: Eltern sollten etwas für sich selbst tun

Quellen: Döpfner 2007, Neuhaus 2000, In: Ärzte Exklusiv

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