Wo der Ganges glasklar fließt, der Himalaya ruft und die Seele atmet.

Rishikesh ist der perfekte Ort, wenn man rauswill – aus dem Alltag, dem Kopf oder aus sich selbst. Direkt am Ganges und am Fuße des Himalayas gelegen, gilt die Stadt als Yoga-Hochburg und spiritueller Magnet für Sinnsuchende aus aller Welt. Namasté!
Text: Heidrun Henke
Fotos: Heidrun Henke

Wenn die Temperaturen wie aktuell jenseits der 35 Gradgrenze steigen und sich Menschenmassen in den Bädern tummeln, ist das Verlangen, nach Indien zu reisen, vielleicht nicht am stärksten. Denn in Indien sind sowohl Hitze als auch Menschen in einer Intensität vorhanden, die rekordverdächtig ist. Deshalb haben wir uns auch entschieden, das „Land der tausend Lichter“ im Februar zu bereisen, eine Jahreszeit, in der es gerade noch erträglich ist. Zumindest, was die Temperaturen betrifft.

Doch was die Anzahl der Menschen betrifft, denen wir auf unserer Reise begegnen, erleben wir dieses Jahr einen echten Höhepunkt. 650 Millionen Pilger haben sich 2025 auf den Weg gemacht, um am spirituellsten Fest der Menschheit teilzunehmen: Maha Kumbh Mela, ein Event, das nur alle 12 Jahre stattfindet. Ziel ist das rituelle Bad am heiligen Zusammenfluss von Ganges, Yamuna und Saraswati.

Wie gut, dass wir uns nicht für eine der Städte entlang des Ganges entschieden haben, wo das große Fest im Jänner und Februar zelebriert wurde. Zuweilen ist der Ganges dann so voll mit Menschen, dass man kaum mehr das Wasser sieht, sondern nur noch die bunten Saris der Pilger. Wir fahren also weiter nach Rishikesh, wo der Ganges noch frisch, glasklar und sauber ist. Wo man in den Anfängen des Himalaya-Gebirges seinen Ursprung erahnen kann und wo man einen ruhigen Platz am Ufer findet, um zu meditieren oder die Füße zu erfrischen. Wer mehr Action braucht: Auch Rafting ist hier erlaubt und sehr populär. Zwischen Stromschnellen und stillen Passagen erlebt man die Kraft des Wassers hautnah.

Yoga am Ursprung

Doch wofür Rishikesh eigentlich weltweit bekannt ist, ist Yoga. Hier scheint der Ursprung und Hotspot der Yogaszene zu sein. Nicht ohne Grund nennt man Rishikesh die „Welthauptstadt des Yoga“. Seit den 60er Jahren, als sogar die Beatles hierher pilgerten, zieht der kleine Ort am Fuße des Himalayas Menschen aus aller Welt an, die auf der Suche sind – nach sich selbst, nach Ruhe oder auch nach einer Pause vom Lärm der Welt.

In zahllosen Ashrams, Yogashalas und Meditationszentren kann man den ganzen Tag Asanas üben, meditieren, verschiedenste Atemtechniken erlernen oder einfach nur auf der Matte liegen und den Klangschalen lauschen. Sowie dem eigenen Herzschlag.

Besonders beliebt bei Backpackern ist Tapovan, ein Viertel, in dem gefühlt mehr Yogaschulen als Einwohner existieren. Wer hier eine Yogaausbildung machen will, sollte sich gut informieren, denn das Angebot ist riesig, unübersichtlich und die Qualität variiert. Neben einer klassischen Yogaausbildung kann man hier auch Ecstatic Dance, Gongbad, Tantrakurse, Inner Healing, Soundmeditation, Mondschein-Yoga und vieles mehr an Selbsterfahrung erleben. Die ein oder anderen Sinnsuchenden, die es im Laufe der Zeit nach Rishikesh gespült hat, sind geblieben und suchen noch immer. Oder haben hier ein Café eröffnet (mit Apfelstrudel, veganem Karottenkuchen und WLAN im Angebot) oder eine Schwedische Bakery mit Zimtschnecken und Café Latte mit Hafermilch. So fremd und anders Rishikesh mancherorts anmutet, hier fühlt man sich plötzlich wieder wie zuhause.

Wir entscheiden uns allerdings für eine tägliche Yogapraxis auf der anderen Flussseite, wo es ursprünglicher zugeht, in einem Ashram (eine Art Kloster). Eines der bekanntesten und ältesten Ashrams ist das Parmarth Niketan. Wir haben unsere Unterkunft in der Nähe dieses traditionellen Ortes gewählt, um möglichst nahe an der indischen Kultur zu sein. Jeden Morgen bei Sonnenaufgang besuchen wir gegen fünf Uhr die „Morning Prayers“ mit Feuerritual und Gesängen, um den neuen Tag zu begrüßen. Die Ashrams sind für alle offen und bieten Gebetsräume, Yogakurse und Meditationsstunden an. Wer mag, kann auch direkt in einem der spartanisch eingerichteten Zimmer oder Schlafsäle im Ashram wohnen oder gegen freie Kost und Logis mitarbeiten. Die indische Kultur wird hier sehr offen gelebt, jeder wird eingeladen mitzumachen, mitzusingen und kann sich als Teil der Gemeinschaft fühlen. Die Religiosität ist allgegenwärtig und in den Alltag eingebettet, sodass sie fast nicht mehr auffällt. Gebete, Rituale, Mantren, Pujas sind normaler Teil des Tages, die eine Struktur vorgeben und als tägliche spirituelle Praxis gesehen werden. Wir machen einfach mit und lassen uns von den Traditionen in eine andere Welt entführen. Als Beweis bekommen wir ein heiliges Zeichen auf die Stirn gemalt, das uns beschützen soll.

Der Ganges – heilig, kühl und klar

Der Ganges, Indiens heiliger Fluss, zeigt sich in Rishikesh noch in seiner reinsten Form – eiskalt, türkis und ungebändigt. Hier, so sagt man, ist der Ganges noch jung – kraftvoll, energetisch, reinigend. Ein Bad im Fluss gehört zum täglichen Ritual vieler Einheimischer. Auch wir überwinden uns, in das kalte Wasser zu steigen. Und tatsächlich, es prickelt auf unseren Waden und erfrischt unseren Geist. An den Ghats (die Steinstufen am Ufer des Ganges) findet jeden Abend die berühmte Ganga Aarti statt – ein berührendes Lichtritual mit Gesängen, Glocken und flackernden Öllampen. Kleine Kerzen werden von den Kindern verkauft, die man auf Blätterschiffchen den heiligen Fluss hinuntertreiben lässt und die die Nacht erhellen. Ein Moment der Verbundenheit entsteht. Denn es scheint so, als ob alle in diesem Moment dasselbe machen würden: loslassen und dankbar sein. Es ist für uns ein spiritueller Höhepunkt auf der Reise, der sich tief in unserem Gedächtnis verankert.

Ayurveda für Körper und Seele

Auch der Körper darf in Rishikesh geheilt werden. Die Stadt bietet jede Menge an Ayurveda-Retreats an. Ayurveda ist eine jahrtausendealte indische Heilkunst, die hier besonders gelebt und zelebriert wird. Die Heilpraxis passt perfekt zu der frischen Himalaya-Bergluft und zu dem langsamen, bedächtigen Lebensgefühl des Ortes. Zahlreiche Ayurveda-Kliniken und -Resorts bieten Panchakarma-Kuren, Ölbehandlungen, Massagen und Ernährungsberatung an. Die besseren Resorts haben sich alle etwas außerhalb der Stadt, in den Bergen angesiedelt und sind wahre Hideaways, die den einfachen Lebensstil zum Luxus erheben. Die Verbindung von Yoga und Meditation in der Natur bringt uns innere Ruhe und eine tiefe Regeneration von innen heraus, weit mehr als jede Wellnessreise, die wir je gemacht haben. Wir begegnen hier gestressten Managern aus Brasilien, Burnout-Kandidaten aus New Delhi, sinnsuchenden Singles, die Körper und Geist in Einklang bringen wollen, Naturliebhabern, die Wandern und Wellness verbinden sowie Leuten auf der Suche nach Longevity-Maßnahmen.

Zwischen Bergen und Wasser liegt Staunen

Rishikesh liegt dort, wo das Flachland Nordindiens in die ersten Ausläufer des Himalayas übergeht. Umgeben von üppigem Grün, schroffen Felsen und stillen Wäldern, scheint die Natur unberührt. Wer gern wandert, findet hier zahlreiche Wege zu kleinen Wasserfällen, Aussichtspunkten und abgelegenen Tempeln. Besonders beliebt ist der Aufstieg zum Neelkanth Mahadev Tempel – einem der wichtigsten Shiva-Heiligtümer der Region, tief in den Bergen gelegen. Der Weg dorthin ist gesäumt von Affen, Schmetterlingen und immer wieder dem Blick auf den grün schimmernden Ganges. Ein Highlight für mich und auch für andere, die es schaffen, sich den Wecker früh genug zu stellen, ist der Sonnenaufgang beim Tempel, wenn die ersten Sonnenstrahlen die Gebirgszüge des Himalayas streifen. Egal, wie viele Touristen mit uns gemeinsam auf den Sonnenaufgang warten, es ist trotzdem ein heiliger Moment, in dem alle ganz ruhig werden und ergriffen sind von diesem Naturschauspiel.

Ein Alltag zwischen Achtsamkeit und Abenteuer

Die Tage in Rishikesh folgen einem anderen Rhythmus. Frühmorgens, wenn die Sonne langsam über den Bergen aufgeht, beginnen wir den Tag mit dem leisen Summen der Mantras im Ashram und beenden ihn mit dem rhythmischen Klatschen der Abendgebete am Ganges. Dazwischen ist ganz viel Raum, um uns selbst zu entdecken und die Welt mal anders zu betrachten. Auch wenn wir nicht religiös sind, hier in Rishikesh sind wir ganz nahe am Glauben. Namasté!

  • Anreise: Der nächstgelegene Flughafen ist Dehradun (ca. 45 km entfernt). Von dort aus gelangt man mit Taxi oder Bus nach Rishikesh. Alternativ kann man mit dem Zug bis Haridwar fahren und von dort weiterreisen. Oder man fliegt nach New Delhi und fährt mit dem Taxi oder Bus nach Rishikesh, so wie wir es gemacht haben. Die Taxifahrt ist lang (4 bis 5 Stunden), kostet jedoch nicht viel.
  • Beste Reisezeit: Oktober bis März – dann ist es angenehm warm, aber nicht zu heiß. Im Sommer kann es über 40 Grad heiß werden, während der Monsun (Juli–August) teils starke Regenfälle bringt.
  • Unterkunft: Von schlichten Ashrams mit Tagesstruktur und Gemeinschaftsessen bis zu Boutique-Hotels mit Spa und Gangesblick – Rishikesh bietet für jedes Budget etwas. Viele der Unterkünfte sind in Tapovan, dem moderneren Stadtteil, wo die Yogi-Touristen dieser Welt nächtigen.
  • Yoga & Ayurveda: Besonders empfehlenswert sind Kurse im Sivananda Ashram, Yoga Niketan oder Parmarth Niketan. Für Ayurveda-Kuren: Ananda in the Himalayas (Luxus), das Veda5 (Detoxbehandlungen, Massagen und Ayurvedakost) oder Arogyadham (mittleres Budget).