„Wir alle tragen ein Stück Carmen in uns.“

Valbona Bushkola gehört zu den prägenden Tänzerinnen des Salzburger Landestheaters. Von klassischen Partien bis zu modernen Choreografien erzählt sie Geschichten mit jedem Schritt. In diesem Interview spricht sie über ihre künstlerische Entwicklung, die Herausforderungen ikonischer Rollen und die Leidenschaft, die jede ihrer Bewegungen antreibt.
Text: Doris Thallinger
Fotos: SLT / Christian Krautzberger, Tobias Witzgall

Valbona Bushkola

Sie haben Ihre Ausbildung an der Albanischen Nationalballettschule in Tirana begonnen, standen dort bereits im Nationaltheater auf der Bühne, haben später an der Akademie des Tanzes in Mannheim studiert und waren Mitglied im Ballettstudio am Badischen Staatstheater Karlsruhe, Teil des Europaballetts St. Pölten sowie beim Ballett Dortmund. Welche dieser Stationen hat Sie künstlerisch am nachhaltigsten geprägt?

Jede Station hat etwas in mir hinterlassen. An der Nationalballettschule in Tirana habe ich als Kind zum ersten Mal diese Kunstform kennengelernt, dort liegen meine Wurzeln und mein Fundament. In Mannheim hatte ich das große Glück, von Birgit Keil unterrichtet und gecoacht zu werden, eine Primaballerina ihrer Generation. Von ihr habe ich Respekt vor dem Beruf und eine tägliche Arbeitsethik gelernt. Sie bestand auf Demut und Neugier: stolz auf Fortschritte zu sein, aber nie selbstzufrieden. Sie lehrte mich, dass nicht das Ego, sondern die Arbeit führen muss, mit Fokus, Beständigkeit und Verantwortung gegenüber Choreografinnen, Partnerinnen und Publikum. Später, in Karlsruhe, Dortmund und schließlich hier in Salzburg, wurden diese Prinzipien praktisch. Außerhalb der Schule korrigiert dich niemand ständig, du musst deine eigene Lehrerin werden. Ich lernte Unabhängigkeit und Selbstorganisation. Gleichzeitig beobachtete ich andere Tänzerinnen, die Erfahreneren, Solistinnen, Hauptrollentänzerinnen. Ich studierte ihre Kunst, ihre Konzentration, wie sie Proben angehen. Diese stille Beobachtung wurde zu einer eigenen Form des Lernens. Noch heute lerne ich jeden Tag, indem ich meine Kolleginnen tanzen sehe, dieser stille Austausch im Studio ist unbezahlbar.

Seit 2019/20 sind Sie fest im Ensemble des Salzburger Landestheaters. Was hat Sie damals nach Salzburg gezogen, und was hält Sie bis heute hier?

Nach Salzburg kam ich eher zufällig, es war ein Vortanzen mit zwanzig Jahren, ohne zu wissen, dass dieser Ort so wichtig für mich werden würde. Ich kannte Reginaldo Oliveira und seine Arbeit, aber nicht die Tiefe und Intensität, mit der er kreiert. Salzburg ist eine Stadt, die man leicht lieben kann, und von Anfang an fühlte ich mich willkommen, fast wie zu Hause, was im Leben einer Tänzerin selten ist. Was mich hier hält, ist die kreative Arbeit: unsere Produktionen entstehen aus Entdeckung, Vertrauen und künstlerischem Dialog. Reginaldos Art, Rollen zu formen, fordert mich jedes Jahr aufs Neue heraus. In jedem Ballett entdecke ich neue Facetten, von mir selbst, meiner Ausdruckskraft und meinem Potenzial als Künstlerin.

Sie haben ein breites Rollenspektrum getanzt: von Marie im Nussknacker über Betsy in Anna Karenina und Carabosse in Dornröschen bis hin zu Frida in Fridas Welt und aktuell Carmen in Carmen / Rosa / Boléro. Welche Rolle war für Sie die größte Herausforderung, und warum?

Jede Rolle hat ihre eigenen Herausforderungen. Man muss sich jedes Mal neu erfinden, anpassen und verwandeln. Die schwierigsten Rollen sind für mich die von Menschen, die wirklich gelebt haben. Eine Figur wie Carabosse, eine Märchenfee, lässt viel Raum für Fantasie. Aber Frida Kahlo war real, sie hat gelebt, gelitten, erschaffen. Das bringt eine enorme Verantwortung mit sich. Um sie zu verkörpern, muss man über die Schritte hinausgehen, lesen, recherchieren, verstehen. Es geht darum, ihre Erfahrungen, ihre Stärke und Zerbrechlichkeit zu spüren, nicht sie zu kopieren, sondern ihre Wahrheit in sich selbst zu finden. Nur so kann man ihre Geschichte mit Ehrlichkeit erzählen.

Derzeit sind Sie Teil des dreiteiligen Ballettabends Carmen / Rosa / Boléro, der am 25. Oktober 2025 Premiere feierte. Wie haben Sie die Vorbereitung auf Carmen erlebt, besonders im Vergleich zu Ihren bisherigen Rollen?

Die Arbeit mit Valentina Turcu war eine Erfahrung voller Respekt und Liebe. Sie sucht in jeder Bewegung nach Wahrheit und akzeptiert nichts, was nur „schön“ aussieht. Ihre Carmen ist kein folkloristisches Klischee, sondern eine Frau, die gar nicht anders kann, als frei zu sein, selbst wenn diese Freiheit sie zerstört. Carmen verlangte absolute Ehrlichkeit von mir. Jede Probe fühlte sich an wie eine neue Begegnung, mit ihr und mit mir selbst.

„Carmen / Rosa / Boléro“ vereint drei ganz unterschiedliche choreographische Handschriften. Wie erleben Sie es als Tänzerin, an einem Abend in so verschiedene Stile einzutauchen?

Es ist, als würde man drei Leben in einer Nacht leben. Als Tänzerin fasziniert mich, wie schnell Körper und Geist von einer Welt in die andere wechseln können. In Carmen erzähle ich eine klare Geschichte, ich muss ihre Höhen und Tiefen in kurzer Zeit ganz leben. Rosa fühlt sich an wie viele kleine Geschichten, mit viel Freiraum für Interpretation. Und Boléro ist fast ein Ritual, ein stetiges Crescendo, das sich mit Ravels Musik aufbaut, bis alles zu reinem Rhythmus und Energie wird.

Was reizt Sie persönlich an der tänzerischen Bandbreite von Bizets/Schtschedrins dramatischer Carmen, Oliveiras popinspirierter Rosa und Ravels ekstatischem Boléro?

Mich begeistert, wie unterschiedlich diese drei Welten sind, und dass wir sie alle an einem Abend leben dürfen. Carmen besitzt eine dramatische Kraft, ihre Musik ist intensiv und voller Kontraste. Rosa ist modern, popinspiriert, verspielt und rhythmisch. Und Boléro ist fast hypnotisch, eine reine Verbindung zwischen Körper und Musik, in der Wiederholung zu Ekstase wird. Drei so verschiedene Stücke in einer Nacht zu tanzen, ist anstrengend, aber gerade das macht es lohnend, es zeigt die ganze Bandbreite unseres Könnens als Künstlerinnen und Künstler.

Valbona Bushkola, Lucas Leonardo

Welche Version von Carmen zeigt Valentina Turcu, worauf darf sich das Publikum freuen?

Ihre Carmen ist keine Frau, die gefallen will, sie will zu ihren eigenen Bedingungen existieren. Sie ist nicht perfekt, aber lebendig. In meinem Körper ist sie mal stark, mal verletzlich, mal zutiefst einsam. Und das berührt mich, denn ich glaube, wir alle tragen ein Stück Carmen in uns, diesen Teil, der sich weigert zu schweigen und seinen eigenen Weg wählt.

Wie verändert sich Ihr künstlerischer Ausdruck, wenn Sie zwischen klassisch-narrativem Tanz (Carmen), popinspiriertem Flamenco (Rosa) und repetitivritualisiertem Tanz (Boléro) wechseln?

Valbona Bushkola, Andrea Porro

Ich wechsle nicht nur den Stil, ich verändere meine ganze Körperlichkeit und, auf gewisse Weise, auch meine Persönlichkeit. In Carmen arbeite ich mit Linie, Blick und Ausdruck. In Rosa sind die Bewegungen scharf und schnell, daher brauche ich viel Erdung und Kontrolle. In Bolero geht es um Ausdauer und Expansion, man muss von Anfang bis Ende Energie geben, Zurückhalten ist unmöglich. Jedes Stück hat seinen eigenen Atem, seinen eigenen Herzschlag, und der Wechsel zwischen ihnen fühlt sich an, als würde ich zu einer anderen Version meiner Selbst werden.

Gibt es Aspekte der Carmen-Figur, mit denen Sie sich besonders identifizieren oder die Sie herausfordern?

Ich erkenne mich in ihrer Unabhängigkeit wieder, und manchmal auch in ihrer Impulsivität. Dieses Bedürfnis, frei zu sein und das Leben zu den eigenen Bedingungen zu leben, verstehe ich gut. Herausfordernd ist ihre emotionale Komplexität: Sie will frei sein, aber auch geliebt werden; sie sucht Nähe, kann sich aber nicht binden. Diese Gegensätze nur durch Bewegung spürbar zu machen, ohne sie zu erklären, ist eine der größten künstlerischen Aufgaben in Carmen.

Welche tänzerischen/mimischen Mittel setzen Sie ein, um Carmens Widersprüche auf der Bühne sichtbar zu machen?

Unser Körper ist das erste Instrument, um Emotionen zu zeigen, aber ein Rat, den mir viele große Ballettmeisterinnen gegeben haben, lautet: Benutze deine Augen. Auf der Bühne können die Augen alles sagen. Sie zeigen Carmens Stärke, ihre Angst, ihr Begehren und ihren Trotz, oft alles gleichzeitig. Genauso wichtig ist, jede Begegnung so wirken zu lassen, als passiere sie zum allerersten Mal. Auch nach unzähligen Proben muss jede Vorstellung lebendig und unvorhersehbar bleiben. Wenn Carmen Don José oder den Torero trifft, soll es sich anfühlen, als sähe sie ihn wirklich zum ersten Mal.Genau dort entsteht wahres Theater, im Moment.

Wie haben Sie sich mental und körperlich auf eine solch ikonische und komplexe Frauenfigur vorbereitet, die seit Langem Teil der Opern- und Tanzliteratur ist?

Die Vorbereitung war körperlich und mental zugleich. Körperlich braucht Carmen enorme Ausdauer, das entsteht nur durch ständiges Arbeiten und Proben. Was mir mental am meisten geholfen hat, war, Opernsängerinnen zu beobachten, die Carmen singen, besonders die Habanera. In ihrer Atmung und Phrasierung liegt so viel Gefühl. Das gab mir neue Werkzeuge, um die Figur zu verstehen, ohne andere Interpretinnen zu kopieren. Lesen und Beobachten haben mir ebenfalls geholfen, sie tiefer zu begreifen, es war eine innere Reise ebenso wie eine technische Vorbereitung.

Welche Traumrolle würden Sie gerne noch am Salzburger Landestheater oder auch darüber hinaus tanzen?

Meine größte Traumrolle wäre Manon in Kenneth MacMillans Ballett, sie hat diese wilde, grenzenlose Leidenschaft, die mich fasziniert. Ich würde auch gerne die Auserwählte in Le sacre du printemps tanzen, so roh und kraftvoll. Und wenn ich Teil einer neuen Kreation sein könnte, würde ich gerne Lady Macbeth verkörpern, eine komplexe Figur voller Ambition, Schuld und Verletzlichkeit.