Wie man sich bettet …

Die Matratze ist ein stiller Begleiter durch einen beträchtlichen Teil unseres Lebens. Wir schenken ihr wenig Aufmerksamkeit, solange sie ihren Dienst tut – und merken umso deutlicher, wenn etwas nicht stimmt. Dabei entscheidet nicht allein das Material über ihre Qualität. Es geht um die Beziehung zwischen Körper und Unterlage: um Druck, Unterstützung, Bewegungsfreiheit und die Frage, wie gut sich eine Liegefläche an den Menschen anpasst.

Text: Doris Thallinger  |  Fotos: Adobe Stock, Foto Italia, Sallaberger

Peter Sallaberger

Eine Matratze hat eine wesentliche, nicht einfache Aufgabe: Sie soll den Körper tragen, Gewicht aufnehmen, Druck verteilen und gleichzeitig ausreichend Unterstützung geben. Was dafür notwendig ist, lässt sich nicht anhand einer einzigen Eigenschaft beantworten. Peter Sallaberger (Betten Sallaberger, Bischofshofen) beschäftigt sich seit mehr als 35 Jahren mit der Frage, wie Menschen liegen und welche Bedingungen der Körper braucht, um während der Nacht möglichst wenig gegen seine Unterlage arbeiten zu müssen. Der Ausgangspunkt seiner Beratung ist deshalb der Mensch. Körpergröße, Gewicht, Körperform und Schlafposition fließen in die Beurteilung ein. Denn zwei Menschen können dasselbe Gewicht haben und dennoch völlig unterschiedliche Anforderungen an ihre Liegefläche stellen. Entscheidend ist, wie sich die Belastung über den Körper verteilt.

Eine Liegeprofilmessung macht sichtbar, an welchen Stellen Druck entsteht und wo die Unterlage stärker unterstützen oder nachgeben sollte. Die einzelnen Bereiche lassen sich entsprechend anpassen. Das Prinzip dahinter ist einfach: Nicht der Körper sollte sich der Matratze unterordnen – die Matratze sollte sich möglichst gut an den Körper anpassen. Auch die Forschung beschäftigt sich mit dieser Frage. Untersuchungen zur Ergonomie des Schlafens zeigen, dass Körpermaße und bevorzugte Schlafposition einen Einfluss darauf haben, wie ein Schlafsystem wahrgenommen wird und wie sich die Wirbelsäule darauf verhält.

Wenn der Körper nicht abschalten kann

Was passiert, wenn die Unterlage nicht zum Körper passt? Druck an Schulter, Hüfte oder anderen Körperstellen wird vom Körper nicht einfach ignoriert. Die Muskulatur reagiert darauf, indem sie unbewusst Spannung aufbaut. Wissenschaftlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass jeder morgendliche Schmerz oder jedeVerspannung auf die Matratze zurückzuführen wäre. Schlaf, Schmerzen und Muskelspannung sind ein komplexes Zusammenspiel. Dennoch ist die mechanische Logik nachvollziehbar: Wo eine Unterlage Druck nicht ausreichend verteilt, entstehen Belastungsspitzen; wo der Körper zu tief einsinkt, fehlt wiederum die notwendige Unterstützung.

Gerade der hartnäckige Mythos, bei Rückenproblemen möglichst fest zu liegen, hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass eine ausgewogene Unterstützung und eine möglichst gute Ausrichtung der Wirbelsäule wichtiger sind als die Vorstellung eines grundsätzlich besonders harten Schlafuntergrunds. Die entscheidende Frage ist damit weniger, welcher Härtegrad grundsätzlich „richtig“ ist. Es geht um das Verhältnis von Druckentlastung und Unterstützung.

Die Schulter trägt das Gewicht

Besonders deutlich wird dieses Verhältnis bei Seitenschläfern. Die Schulter ragt vergleichsweise weit aus der Körperkontur heraus und trägt in dieser Position einen erheblichen Teil des Körpergewichts. Sie muss deshalb ausreichend Raum bekommen, während der Rumpf gleichzeitig stabilisiert wird. Ist die Unterlage an dieser Stelle zu wenig nachgiebig, steigt der Druck. Gibt sie dagegen zu stark nach, kann die Körperachse aus dem Gleichgewicht geraten. Genau darin zeigt sich die zentrale Aufgabe einer Matratze: Sie muss an unterschiedlichen Stellen gleichzeitig nachgeben und unterstützen können.

Wenn sich der Mensch verändert

Die Anpassung ist nicht nur deshalb wichtig, weil Menschen unterschiedlich gebaut sind. Der Körper, für den eine Matratze gekauft wird, ist nicht unbedingt derselbe Körper, der einige Jahre später darauf liegt. Gewicht kann sich verändern, ebenso Beweglichkeit und Körperform. Nach Verletzungen oder Operationen können sich Belastungen verschieben. Selbst die bevorzugte Schlafposition kann sich im Laufe der Zeit verändern. Eine anpassbare Liegefläche kann darauf reagieren. Der Körper bleibt schließlich nicht statisch – warum sollte es die Liegefläche sein?

Das Bett als System

Die Matratze sollte jedoch nicht isoliert betrachtet werden. Unter ihr befindet sich der Lattenrost oder ein anderer Unterbau, darüber liegt der Bezug – und am Kopfende kommt das Kissen hinzu. Jede dieser Schichten beeinflusst die anderen. Peter Sallaberger versteht Matratze, Unterbau und Kissen entsprechend als Einheit. Wenn mehrere Komponenten unterschiedlich reagieren, kann sich dadurch auch die ursprüngliche Wirkung der Matratze verändern.

Besonders das Kopfkissen wird dabei häufig unterschätzt. Sinkt die Schulter in Seitenlage in die Matratze ein, verändert sich automatisch der Abstand zwischen Kopf und Unterlage. Die Höhe des Kissens muss dazu passen. Ein Kissen, das unabhängig von der Matratze ausgewählt wurde, kann daher eine eigentlich gut abgestimmte Körperposition wieder verändern.

Das gilt auch für eine zusätzliche Matratzenauflage. Sie ist nicht automatisch ein Gewinn: Abhängig von Material und Befestigung kann sie das Liegegefühl verändern und die Beweglichkeit der darunterliegenden Matratze beeinflussen.

Was unter der Oberfläche steckt

Bei den Materialien ist die Auswahl groß: Kaltschaum, Latex, Federkern und zahlreiche Kombinationen versprechen jeweils unterschiedliche Eigenschaften. Für Peter Sallaberger hat hochwertiger Kaltschaum einen entscheidenden Vorteil: Er lässt sich differenziert verarbeiten und in unterschiedlichen Bereichen mit verschiedenen Eigenschaften versehen. Gleichzeitig ist er formstabil und kann Feuchtigkeit vergleichsweise gut abgeben.

Die Temperatur der Nacht

Guter Schlaf ist nicht nur eine Frage der Statik. Auch das Klima im Bett beeinflusst die Nacht. Während des Schlafs verändert sich die Körpertemperatur, der Körper gibt Wärme ab und produziert Feuchtigkeit. Das macht auch die Auswahl von Matratze, Bezug und Bettdecke relevant. Eine gute Luft- und Feuchtigkeitsregulierung sorgt dafür, dass sich zwischen Körper und Bett kein unangenehmes Mikroklima entwickelt.

Das Bett muss atmen

Die Frage des Schlafklimas endet nicht bei der Matratze. Ein gut belüfteter Bettunterbau, geeignete Materialien und regelmäßiges Lüften sind einfache Maßnahmen. Gerade am Morgen lohnt es sich, die Bettdecke zurückzuschlagen und das Bett zunächst auslüften zu lassen, anstatt Wärme und Feuchtigkeit sofort wieder einzuschließen. Auch die regelmäßige Pflege zählt zu den wesentlichen Faktoren. Ein abnehmbarer, waschbarer Bezug ist praktisch, um die Oberfläche regelmäßig zu reinigen.

Wenn die Matratze in die Jahre kommt

Eine Matratze hat kein eingebautes Ablaufdatum. Die häufig genannten sieben bis zehn Jahre können deshalb nur als grobe Orientierung dienen. Materialqualität, Beanspruchung, Körpergewicht, Pflege und Nutzung beeinflussen, wie lange die ursprünglichen Eigenschaften erhalten bleiben. Irgendwann stellt sich deshalb weniger die Frage, wie alt die Matratze ist, sondern vielmehr was sie noch leistet.

Hat sich ihre Form verändert? Entstehen spürbare Mulden? Hat sich das Liegegefühl verändert? Lässt sich der Bezug ausreichend pflegen?

Und vor allem: Schläft man darauf noch so gut wie früher?

Gerade der letzte Punkt ist aufschlussreich.  ine Matratze kann langsam altern, ohne dass man einen klaren Zeitpunkt benennen könnte, an dem sie „schlecht“ geworden ist. Der Körper gewöhnt sich an kleine Veränderungen.

Erst der Vergleich zeigt den Unterschied. Am Ende zählt deshalb nicht, wie lange eine Matratze hält, sondern wie lange sie dem Körper guttut.