Weiße Freiheit

Stille statt Après-Ski, Freiheit statt Liftticket: Immer mehr Menschen entdecken das Tourengehen als ursprüngliche Form des Wintersports. Doch wer die unberührte Seite der Alpen sucht, trifft auch auf ihre Schatten. Lawinen sind keine abstrakte Bedrohung – sie fordern Wissen, Respekt und Demut vor der Natur.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Sepp Schiefer

Die Sonne bricht durch die Wolken, glitzert auf unberührten Schneehängen. Nur das leise Knirschen unter den Skiern durchbricht die Stille. Abseits der Pisten beginnt für viele Tourengeher der wahre Wintertraum – fernab des Trubels, nah an der Natur. Tourengehen verbindet körperliche Herausforderung, Naturerlebnis und das tiefe Gefühl von Freiheit. Doch diese Idylle birgt auch Risiken: Lawinen zählen zu den größten Gefahren im alpinen Winter.

Für die meisten sind sie abstrakt – bis der Schnee plötzlich lebt. Eine Lawine ist eine Masse aus Schnee, die mit unglaublicher Geschwindigkeit den Hang hinabgleitet, alles mitreißt, was ihr im Weg steht. Oft genügt ein Windstoß, eine instabile Schneeschicht oder ein Schritt zu viel – und der Berg entlädt seine Last.

Der Reiz der Berge – und das Risiko

Immer mehr Menschen entdecken das Tourengehen als Alternative zum alpinen Skifahren. Die Kombination aus Aufstieg und Abfahrt, der direkte Kontakt mit unberührter Natur und die körperliche Auslastung machen diesen Sport einzigartig.

Doch genau diese Abgeschiedenheit verlangt Verantwortung. Anders als auf präparierten Pisten gibt es hier keine Warnschilder, keine Rettungsschranken, keine markierten Wege. Wer sich ins freie Gelände begibt, trägt selbst die Verantwortung – und muss wissen, wie man Risiken einschätzt. In Österreich sterben jährlich rund 20 Menschen durch Lawinen – darunter auch erfahrene Bergsportler.

Sepp Schiefer

Für Bergführer Sepp Schiefer ist Tourengehen weit mehr als „nur“ Sport. „Es ist eine Mischung aus Planung, Taktik und Verantwortung“, sagt er. Seit Jahrzehnten ist der staatlich geprüfte Bergführer in den Alpen unterwegs – ein Mann, der Schnee liest wie andere die Zeitung.

„Mit meinen Gästen bin ich noch nie in eine Lawine gekommen“, erzählt Schiefer.

„In der Theorie heißt es: Geh gar nicht erst hin, wenn‘s und wo’s gefährlich ist. Aber in der Praxis schaut es anders aus: Jede Tour braucht hundert kleine Beurteilungen, Erwägungen und Entscheidungen! Eben diese Umstände machen den Tourensport so fordernd, spannend und interessant.“

Das tägliche Brot: der Lawinenlagebericht

Bevor Sepp Schiefer loszieht, prüft er Wetter und Lawinenlagebericht. „Das ist das tägliche Brot eines Tourengehers. Ohne diese Informationen brauchst du gar nicht losgehen.“ Auf den Seiten lawine.salzburg.at oder lawine.at liest er nach, wo welche Gefahrenstufe herrscht. Zwischen einzelnen Regionen liegen oft Welten.

Die Skala reicht von eins bis fünf – und schon die „Drei“ ist tückisch. „Viele glauben, drei bedeutet wie in der Schule ‘befriedigend’. Fakt ist, dass bei Lawinenwarnstufe 3 bei weitem die meisten tödlichen Lawinenunglücke passieren. Denn Stufe 3 bedeutet „erhebliche Gefahr“ und ist nicht mit „mittlere Gefahr“ als Mittelwert von 1 und 5 zu übersetzen. Im Speziellen, wenn Wind mit im Spiel ist“, erklärt Sepp Schiefer eindringlich. „Der Wind ist der Baumeister der Lawinen. Er schleift die Kristalle rund, presst sie zusammen, lagert sie ab. Hinter Bergkämmen und Kuppen, in Rinnen und Mulden kann sich dann der Schnee ablagern – die Schneedecke ist aus unterschiedlichen Schichten aufgebaut, ähnlich einer Cremeschnitte – gespannt wie eine Mausefalle.“

Die Kombination aus Unwissenheit im Umgang mit Lawinenwarnberichten, Unerfahrenheit in der Risikoeinschätzung vor Ort und einer erhöhten Risikobereitschaft bei der vermeintlich „mittleren / eventuellen“ Gefahr sei eine denkbar ungünstige.

„Erfahrung und gesunder Menschenverstand sind besonders in diesem Kontext sehr wichtig. Aber auch das ist oftmals zu wenig, da das Thema Lawine so komplex ist und im Kontext des Klimawandels auch wir „alten Hasen“ immer wieder Überraschungen erleben.“

Unsichtbare Gefahr im weißen Paradies

Lawinen entstehen, wenn sich eine Schneeschicht über einer weniger stabile Schicht legt. Ursachen eines Lawinenabganges gibt es viele: wechselnde Temperaturen, Schneefall, Wind oder die Belastung durch einen Wintersportler. Risikofaktoren sind der Schneedeckenaufbau, die Steilheit des Geländes, die Exposition, Wind und Sonne.

Schon wenige Zentimeter einer instabilen Schicht innerhalb der Schneedecke reichen aus, um die „weißen Massen“ abgleiten zu lassen.

Vorbereitung ist alles

Zum Sicherheitsequipment gehören LVS-Gerät (Lawinenverschüttetensuchgerät), Sonde, Schaufel und ein Erste-Hilfe-Set, idealerweise auch ein Airbagsystem und natürlich das Wissen, wie man diese Ausrüstungsgegenstände richtig einsetzt. „Das ist wie der Sicherheitsgurt im Auto. Ohne fahr ich nicht weg – und ohne Sicherheitsausrüstung geh ich keine Tour.“ Jedoch: „Ausrüstung allein reicht nicht“, sagt Schiefer. „Man muss auch die Dynamik einer Lawine verstehen, das Wetter beobachten und im Zweifel bereit sein, die Tour abzubrechen.“

Zur Planung gehört nicht nur das Ziel, sondern auch die Gruppe. „Ich will wissen: Wer geht mit? Wie fit ist jeder einzelne? Wie fährt er Ski?“

Vor jeder Tour erfolgt nochmals ein LVS-Check, Gruppenkontrolle, Notfallplan. „Wir besprechen kurz, wie wir vorgehen – was ist zu tun, wenn jemand aus der Gruppe betroffen ist, ein Unfall passiert?“ So wird das Bewusstsein im Gedankenspiel spielerisch geschärft und sensibilisiert.

Auch Schaufeln und Sondieren will gelernt sein: „Von der Seite reingraben, nicht von oben – sonst nimmst du im schlimmsten Fall dem Verschütteten die Luft, indem du seine Atemhöhle zerstörst. Zudem ist eine Bergung des Verschütteten von oben nicht möglich. Von der Seite im rechten Winkel zum Hang – mit System im Wechsel, bis zur Erschöpfung.“ (Trichterschaufeln)

Kleine Kurse, große Wirkung

Oft sind es Kleinigkeiten, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. „Wer einmal an einem Alpinkurs teilgenommen hat, bekommt Wissen aus der ersten Reihe vermittelt, das er sich sonst über Jahre mühsam erarbeiten müsste“, empfiehlt Sepp Schiefer. Beispielsweise Bergführer, Alpinschulen und alpine Vereine bieten hervorragende Schulungen an: von der Ausrüstung über die Technik bis hin zur Taktik.

Im Notfall hilft Technik – aber nur, wenn sie funktioniert. „Wenn das Handy leer ist, brauchst du altes Wissen: das alpine Notsignal – ein optisches oder akustisches Zeichen sechsmal pro Minute (Licht oder Pfeifsignal), dann eine Minute Pause – dies so lange fortsetzen, bis Hilfe eintrifft. „Kostet nix, braucht keine Batterie, funktioniert immer.“

Zwischen Technik und Taktgefühl

„Es ist keine Raketenwissenschaft“, sagt Schiefer. „Aber einer muss es dir zeigen: Wie liest man eine Karte, wie erkennt man Expositionen, wie interpretiert man den Lawinenbericht?“ Er beschreibt, wie Nordhänge anders reagieren als Südhänge, wie Wind, Temperatur und Schneeschichten zusammenspielen.

Warnzeichen und Verhalten im Ernstfall

Erfahrene Tourengeher lernen, Warnsignale zu erkennen: Risse im Schnee, hohl klingende Schichten, kleine Lawinenabgänge, plötzliche Wetterwechsel. Die Natur spricht – man muss nur zuhören.

Und wenn doch etwas passiert? „Versuchen, an der Oberfläche zu bleiben, den Kopf schützen, Hände vor das Gesicht und versuchen, sich eine Atemhöhle zu schaffen! Eine Kauerstellung einnehmen. Wer einen Airbag trägt, diesen sofort beim Lawinenabgang auslösen“, zählt Sepp Schiefer die wichtigsten Maßnahmen im Notfall auf.

Nach 15 Minuten unter Schnee sinken die Überlebenschancen rapide. Deshalb zählt schnelles Handeln – und Vorbereitung.

Die Verantwortung des Einzelnen

Tourengehen ist ein Sport voller Schönheit und Demut. Wer abseits der Pisten unterwegs ist, bewegt sich in einer Welt, die keine Fehler verzeiht. „Respekt vor der Natur ist das A und O“, sagt Schiefer. „Wir können uns vorbereiten, wir können lernen, wir können uns ausrüsten – aber wir müssen auch wissen, wann wir umkehren.“

Am Ende bleibt das Tourengehen ein Balanceakt zwischen Abenteuerlust und Achtsamkeit. Die Berge belohnen den, der sie versteht – und sie bestrafen den, der sie unterschätzt. Wer gut vorbereitet, informiert und vorsichtig ist, erlebt eine unvergessliche Form des Wintersports – fordernd, erfüllend und voller Freiheit.