Von Salzburg in die Herzen der Welt

The Sound of Music hat die Welt verzaubert, in Österreich hingegen traf der Hollywood-Kult lange auf Skepsis. Zwischen Filmmythos und echter Familiengeschichte bleibt die Faszination dennoch seit 60 Jahren ungebrochen – und findet langsam auch in Salzburg Anerkennung und Würdigung als kulturelles Phänomen.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Skyline Medien, Franz Neumayr, Christian Leopold, Siegrid Cain, Tourismus Salzburg GmbH, SalzburgerLand Tourismus, Universität Mozarteum Salzburg

Kaum eine Melodie ist so tief ins kollektive Gedächtnis eingegangen wie Do-Re-Mi. Seit der Uraufführung von The Sound of Music im Jahr 1965 singen Kinder in den USA, Asien und Australien dieselben Tonstufen, während sie sich an die lachende Gouvernante Maria erinnern, die mit sieben Kindern auf einer Blumenwiese tanzt und die Berge als Bühne nutzt. Der Film gewann fünf Oscars, wurde zum Kassenschlager und zur globalen Ikone von „Österreich“ – oder vielmehr: von einer märchenhaften, musikalischen Version davon.

Während die Welt Salzburg als Heimat der singenden Trapp-Familie feiert, begegnen die meisten Österreicher dem Film mit höflicher Distanz – oder gar mit Unverständnis. Wie konnte es dazu kommen, dass The Sound of Music überall ein Kult wurde – nur nicht dort, wo seine Geschichte spielt?

Eine Alpenidylle als Projektionsfläche

Der Film, gedreht in und um Salzburg, ist eine Hommage an die Berge, die Musik und die Idylle. Doch er ist zugleich ein Produkt seiner Zeit: Entstanden im Amerika der 1960er-Jahre, erzählt er nicht das komplexe, vom Krieg überschattete Europa, sondern eine heile Welt, die in ihrer Ästhetik dem amerikanischen Traum entspricht.

Für das Nachkriegs-Amerika war The Sound of Music eine Erzählung über Hoffnung, Liebe und moralische Standhaftigkeit – eine Familie, die sich gegen ein totalitäres Regime erhebt, zusammenhält und durch Musik überlebt. Für viele Zuschauer verkörperte Österreich damit nicht mehr das Land des Anschlusses, sondern ein Land der Romantik, der Musik, der inneren Freiheit.

Für die Österreicher selbst hingegen war diese Lesart schwer verdaulich. Das Land befand sich in den 1960er-Jahren gerade erst im Prozess der Selbstfindung nach dem Zweiten Weltkrieg, und der Gedanke, Hollywood möge aus der nationalsozialistischen Vergangenheit ein singendes Märchen machen, wirkte befremdlich. Der Film wurde in Österreich nur spärlich beworben, lief kaum in den Kinos – und verschwand rasch wieder aus dem Bewusstsein.

Während jährlich Abertausende Touristen aus den USA und anderen Ländern zu den Drehorten pilgern, ist in Salzburg bis heute ein gewisses Schmunzeln zu spüren, wenn Touristengruppen auf den Spuren von Maria von Trapp Edelweiss singen.

Stadt der Mythen

Franziska Lipp

Dass Salzburg eine Stadt der Mythen ist, weiß man. Mozart. Festspiele. UNESCO-Welterbe. Doch The Sound of Music – der Film, der 1965 Salzburg auf die Weltkarte des Popkults setzte – bleibt lange eine Art Fremdkörper im Selbstbild der Stadt. „In Salzburg sind wir so stolz auf unsere Hochkultur“, sagt Franziska Lipp. „Aber The Sound of Music klammern wir immer noch aus. Viele meinen, es sei so kitschig. Jedoch: Wie definieren wir Kitsch?“ Die Kultur- und Tourismussoziologin, die als Autorin seit Jahren über Salzburg schreibt, hat sich in ihrem Buch Sound of Salzburg auf Spurensuche begeben. Herausgekommen ist eine liebevolle, kluge Annäherung an ein Phänomen, das in den USA zum Familienritual geworden ist – und in Salzburg oft mit einem Achselzucken quittiert wird.

Weltkulturerbe als Kulisse

Franziska Lipp taucht in ihrem Buch ein in die Filmgeschichte, in die Familienlegende und in die Welt der Fans. Bei ihren Recherchen begegnete sie Menschen aus aller Welt – etwa einem Mann aus Chicago, der den Film jedes Jahr mit seiner mittlerweile verstorbenen Mutter gesehen hatte. „Er hat erzählt, dass der Film für ihn untrennbar mit seiner Familie verbunden ist.“ Besonders eindrücklich beschreibt sie ihre Beobachtungen auf der Picknickwiese oberhalb von Werfen: „Da saßen Teenager aus Israel, Familien aus Neuseeland, ein Paar aus Kalifornien, Studenten aus Kopenhagen – und alle kamen wegen Sound of Music. Die ganze Welt trifft sich auf dieser Bergwiese.“

Dass viele Drehorte noch heute fast unverändert sind, empfindet Lipp als Geschenk: „Der Mirabellgarten, der Residenzplatz, der Petersfriedhof – sie sehen noch genauso aus wie vor 60 Jahren. Das ist für Fans unglaublich. Hinter diesen Orten steckt echte Geschichte. Sie sind nicht nur Kulisse, sie sind Teil unseres Weltkulturerbes.“

Ein Fenster nach Europa

Für viele ihrer Gesprächspartner war der Film das erste Bild Europas. „Ein Kanadier hat mir erzählt, für ihn sei The Sound of Music immer ‚a window to Europe‘ gewesen. Er dachte als Kind, ganz Europa sähe so aus.“

Besonders in den USA spiele der Film bis heute eine wichtige Rolle in großen Lebensmomenten, so Franziska Lipp. „Kristina von Trapp hat mir erzählt, dass in Amerika viele Lieder aus The Sound of Music zu Hochzeiten und sogar zu Beerdigungen gespielt werden. Da steckt ein echter emotionaler Bezug dahinter – es sind große Themen: Liebe, Heimat, Familie.“

Die wahre Geschichte der Familie Trapp

Hinter der märchenhaften Erzählung steht jedoch eine reale Familie, deren Geschichte mindestens so faszinierend ist wie die Filmversion – wenn auch wesentlich ernster.

Nach dem Tod seiner ersten Frau suchte Georg von Trapp, ein Marineoffizier der k.u.k.-Monarchie, eine Hauslehrerin – so kam Maria Kutschera, Lehrerin und Novizin, 1926 ins Haus der Trapps. Als anpackende, lebensfrohe und sehr musikalische Frau eroberte sie bald das Herz der gesamten Familie, bereits 1927 heirateten Maria und Georg in der Kirche des Stifts Nonnberg. Zu den sieben Kindern aus erster Ehe kamen später drei gemeinsame.

Die politischen Umstände zwangen die Trapps, Österreich 1938 zu verlassen. Anders als im Film flohen sie nicht zu Fuß über die Berge in die Schweiz – sie nahmen den Zug nach Italien. Georg von Trapp hatte dort durch seine frühere Marinezeit familiäre Verbindungen. Von dort aus wanderte die Familie später über London in die USA aus. Maria von Trapp war zu der Zeit bereits mit ihrem jüngsten Kind Johannes schwanger. In den USA baute sich die Familie eine neue Existenz als Trapp Family Singers auf. Eine Karriere, die jedoch bereits 1935 in Österreich begann und die Familie schließlich bis 1955 in mehr als 30 Länder führte.

In Vermont gründeten sie die Trapp Family Lodge, ein Gästehaus, das bis heute in Familienbesitz ist – und zum Pilgerort für Fans geworden ist. Maria von Trapp schrieb ihre Erinnerungen nieder, die als Vorlage für den Broadway-Musical-Erfolg von Rodgers & Hammerstein (1959) dienten, aus dem wiederum der Film entstand.

Mythos und Realität

Während die reale Maria eine komplexe, manchmal widersprüchliche Persönlichkeit war – streng gläubig, eigenwillig, aber auch von tiefer Menschlichkeit geprägt –, macht der Film aus ihr eine nahezu engelsgleiche Figur. Diese Verklärung trug sicherlich zum Erfolg bei: Maria wird zum Symbol für Liebe, Familie, Musik und Mut – universelle Werte, die in jeder Kultur verstanden werden. Vielleicht liegt gerade darin der Grund, warum der Film in Österreich so schwer ankam: Er spricht weniger von der österreichischen Wirklichkeit als von einer amerikanischen Sehnsucht.

Der wahre Zauber von The Sound of Music liegt in der emotionalen Übertragbarkeit: Es ist die Geschichte von Menschen, die trotz widriger Umstände zusammenhalten, die ihre Heimat verlieren, aber eine neue finden – eine Geschichte, die Migration, Verlust und Neubeginn auf heitere Weise erzählt. In einer globalisierten Welt, die ständig zwischen Wurzeln und Wandel pendelt, hat das bleibende Gültigkeit.

Späte Liebe

In den letzten Jahren hat sich das Verhältnis zum Film auch in Österreich verändert. Touren, die zu Drehorten wie dem Mirabellgarten oder dem Schloss Leopoldskron führen, gehören inzwischen fest zum touristischen Angebot Salzburgs. Junge Österreicher begegnen dem Film oft neugieriger als frühere Generationen – vielleicht, weil sie ihn nicht als nationale Peinlichkeit, sondern als popkulturelles Kuriosum sehen, das mit liebevollem Kitsch Weltoffenheit verbindet. Vielleicht musste Österreich erst lernen, The Sound of Music nicht als verzerrten Spiegel zu sehen, sondern als ein Märchen, das aus der eigenen Geschichte erwuchs – und in der Fantasie der Welt weiterlebt.

Carl Philip von Maldeghem, Intendant des Salzburger Landestheaters, ging bereits vor 13 Jahren das „Risiko“ ein, das Musical The Sound of Music auf die Bühne zu bringen – in deutscher Sprache und mit großem Erfolg! Im aktuellen Spielplan – zum 60. Jubiläum – kehrt das Musical zurück auf die Bühne des Salzburger Landestheaters und ist noch bis 27. Dezember zu sehen.

Ein Zuhause für Salzburgs Filmikone

„Sound of Music Salzburg“ wird ab kommendem Sommer die
Geschichte von The Sound of Music und der Familie Trapp erzählen.

Im Sommer 2026 eröffnet im historischen Schlossensemble Hellbrunn das Museum Sound of Music Salzburg. Das Projekt vereint Filmgeschichte, Musicalkunst und Familienbiografie – und verleiht der weltberühmten Story der Familie von Trapp einen festen, authentischen Schauplatz.

Zentraler Dreh- und Angelpunkt ist der Pavillon – im Film als „Gazebo“ weltberühmt geworden – in dem zwei der ikonischsten Szenen von The Sound of Music gedreht wurden. Seit 1991 steht er im Park von Hellbrunn und zieht Fans aus aller Welt an.

Künftig wird er Startpunkt eines immersiven Rundgangs, der die Gäste mitten ins Geschehen versetzt: 360°-Projektionen, Surround-Sound und atmosphärische Effekte begleiten auf eine Reise durch Film, Bühne und Familiengeschichte und lassen Fiktion wie auch Historie lebendig werden.

Das Museum erzählt die Geschichte von The Sound of Music in vier Stationen:

1. Gazebo
Der Pavillon als ikonischer Startpunkt. Innen erleben Besucher berühmte Filmszenen in einem immersiven Projektraum, der Ton und Bild verschmelzen lässt.

2. Remise – die Geschichte eines Klassikers
Hier beginnt die filmhistorische Reise: von der Autobiografie Maria von Trapps über die Broadway-Uraufführung 1959 bis zu den Dreharbeiten in Salzburg 1964. Die globale Wirkung des Films, seine Oscars, TV-Präsenz und Fankultur werden eindrucksvoll dargestellt.

3. Jägerhaus – Musical und Familie
Im Erdgeschoss dreht sich alles um Bühnenaufführungen weltweit, im Obergeschoss um die reale Geschichte der Familie Trapp: Emigration in die USA, Neuanfang und ihr kulturelles Erbe.

4. Tierwärterhaus – Service & Shop
Infodesk, Kassa und Museumsshop – hier beginnt und endet die Reise durch die Welt von The Sound of Music.

„Wir erzählen zwei Geschichten nebeneinander: die reale Geschichte der Familie Trapp und die Filmgeschichte, was Hollywood daraus gemacht hat – aus einem Buch, aus einem deutschen Film, aus einem Broadway-Musical. Bis heute erzeugt das diesen Mythos“, erklärt Chef-Kurator Peter Husty.

Husty hebt die Vision von Regisseur Robert Wise hervor: „Er wusste genau, was er inszeniert. Seine Location-Scouts haben die prächtigsten Schauplätze Salzburgs gefunden, und Julie Andrews wurde als Maria von Trapp perfekt inszeniert. Wir zeigen Fotos aus der realen Geschichte – Maria von Trapp im Kloster Nonnberg in den 1920er-Jahren – und daneben Julie Andrews in Werfen in der Do-Re-Mi-Szene. Es geht nicht nur um Kostüme oder Gitarren, sondern um Haltung, Emotion und die Verschmelzung von Landschaft, Stadt und Geschichte.“

Der Kurator betont den Mythos des Films: „Robert Wise hat gesagt: ‚Hollywood is fiction, not reality.‘ Der Film wollte nie die reale Geschichte abbilden, sondern ein Hollywood-Phänomen schaffen – basierend auf Maria von Trapps Buch, aber zu einem globalen Mythos gewachsen, der bis heute begeistert.“

Ein Museum für alle

Das neue Haus soll nicht nur Filmfans, sondern auch Schulen, Salzburgerinnen und Salzburgern sowie Besuchern aus aller Welt die Gelegenheit geben, sich mit dem Phänomen The Sound of Music auseinanderzusetzen.

„Während Mozart und die Festspiele unsere Kulturidentität prägen, ist es für viele internationale Gäste dieser Film, der sie überhaupt erst nach Salzburg bringt“, erklärt Kurator Peter Husty. Mit dem Museum entsteht nun ein Ort, der diese Faszination würdigt und zugleich Salzburg als Kulturstandort international noch weiter stärkt.

Denn: Der Film mag eine romantische Überhöhung sein – doch seine Botschaft bleibt wahr:

Mut, Musik und Zusammenhalt können auch in dunklen Zeiten tragen. Und vielleicht ist das der eigentliche Grund, warum die Welt The Sound of Music liebt – und Österreich langsam damit beginnt.

Buchtipp:

The Sound of Salzburg

Franziska Lipp

Servus Verlag, ISBN-13 9783710404061

Auf den Spuren von The Sound of Music – Salzburg von seiner Hollywood-Seite

Schon früh am Morgen herrscht rund vor der Andräkirche in Salzburg internationales Stimmengewirr. Menschen aus den USA, Australien, Kanada, Südafrika, Malaysia und sogar den Bermudas haben sich versammelt, um einen der Original Sound of Music Tour-Busse von Panorama Tours zu besteigen – jenem Salzburger Familienunternehmen, das 1967 von Stefan Herzl gegründet wurde und bis heute Besucher aus aller Welt auf die Spuren des Kultfilms führt. Ihr Ziel: eine Reise durch Filmgeschichte – und zu Salzburgs schönsten Seiten.

Pünktlich um 9.15 Uhr ergreift Tourguide Birgit Schulz ihr Mikrofon. Im Dirndl und mit herzlichem Lächeln begrüßt sie ihre Gäste zu einer musikalischen Fahrt, die sie liebevoll als „eine Liebeserklärung an Salzburg“ beschreibt. Und tatsächlich: Schon der erste Blick aus dem Busfenster ist eine Hommage an die Stadt selbst.

Vorbei am Marionettentheater, wo der Jodelsong „The Little Gotthard“ gedreht wurde, am Hotel Sacher – Julie Andrews’ Domizil während der Dreharbeiten – und am Hotel Bristol, in dem die Filmcrew wohnte, entfaltet sich Salzburg als lebendiges Drehbuch. Vom Mönchsberg bis zum Kloster Nonnberg, in dem die echte Maria einst lebte, wird klar: Mit über 2.000 gedrehten Szenen ist Salzburg selbst der wahre Star des Films.

Ein erster Stopp führt zum Schloss Hellbrunn. Zwar wurde hier keine Szene gedreht, doch der berühmte Pavillon – Schauplatz der Liebesszenen „Sixteen Going on Seventeen“ und „Something Good“ – zieht Fans aus aller Welt magisch an. „Hier habe ich schon Heiratsanträge miterlebt“, erzählt Birgit Schulz lächelnd. „Sound of Music ist eben für viele ein Stück Herzgeschichte.“

Weiter geht es zum Leopoldskroner Weiher mit Blick auf das Schloss – dessen Garten und Terrasse zu den wichtigsten Filmkulissen zählen. Birgit Schulz erklärt, wie in den Hollywood-Studios vieles nachgebaut wurde, wie unter anderem der Ballsaal nach Vorbild des Venezianischen Zimmers im Schloss Leopoldskron und sogar der Friedhof von St. Peter. Gleichzeitig erzählt sie vom echten Leben der Familie von Trapp, die wahren Begebenheiten ihres Lebens in Salzburg, bevor sie in die USA auswanderte.

Die Fahrt führt schließlich hinaus ins Salzkammergut, vorbei an türkisblauen Seen und schroffen Bergpanoramen. Über die Lautsprecher erklingen „Edelweiss“ und „The Hills Are Alive“ – und spätestens jetzt singen die meisten Gäste lauthals mit. In Mondsee wartet die Basilika, in der sich die Film-Maria und der Baron das Jawort gaben, bevor die Tour schließlich im Mirabellgarten endet. Dort, wo gleich sechs Szenen des Films entstanden, tanzen Besucher aus aller Welt über die Stufen, summen Melodien, stellen die eine oder andere Szene nach und machen Salzburg für einen Moment wieder zur Filmkulisse, vor der die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwimmen.

Ganz eindeutig ist diese Tour weit mehr als Nostalgie. Sie ist eine musikalische Zeitreise, eine Hommage an ein Stück Filmgeschichte – und an eine Stadt, die durch The Sound of Music für immer untrennbar mit der Magie des Kinos verbunden bleibt.