Stil statt Vorschrift
Wenn in Salzburg die Festspiele beginnen, verändert sich die Stadt. Die Gassen füllen sich mit Operngästen, Premierenpublikum und Flaneuren, die zwischen Tradition und Gegenwart ihren Platz suchen. Doch während die Aufführungen auf den großen Bühnen nach wie vor höchsten Ansprüchen genügen, scheint eine Frage zunehmend offen: Wie kleidet man sich für einen solchen Anlass?
Text: Doris Thallinger, Fotos: Adobe Stock, Neumayr Siegrid cain.com


Die Antwort darauf ist heute komplizierter als noch vor zwanzig oder dreißig Jahren. „Den klassischen Dresscode gibt es eigentlich nicht mehr“, sagt Stil- und Imageberaterin Andrea Webhofer. „Das Problem ist nicht, dass der Dresscode lockerer geworden ist, sondern, dass viele Menschen glauben, locker bedeute beliebig.“
Freiheit als Herausforderung
Die Lockerung gesellschaftlicher Kleiderregeln gilt durchaus als Fortschritt. Tatsächlich hat sie vieles demokratisiert. Niemand wird mehr an der Eingangstür abgewiesen, weil die Krawatte fehlt. Doch Webhofer beobachtet eine Entwicklung, die sie kritisch sieht. „Viele Menschen hören heute nur noch das Wort locker“, sagt sie. „Sie vergessen dabei den zweiten Teil der Botschaft: Es soll trotzdem elegant bleiben.“
Dabei geht es nicht um Nostalgie oder starre Konventionen, vielmehr um eine Haltung. Kleidung ist Kommunikation. Sie sendet Botschaften – oft lange bevor das erste Wort gesprochen wird. Wer sich für einen besonderen Anlass bewusst kleidet, signalisiert Wertschätzung: gegenüber den Künstlern auf der Bühne, gegenüber den Mitbesuchern und nicht zuletzt gegenüber dem Ereignis selbst. „Es ist eine Form des Respekts“, so die Farb- und Typberaterin. Wenn jemand Monate der Vorbereitung in eine Aufführung investiert hat, wenn Besucher hunderte Euro für Karten ausgeben und sich auf einen außergewöhnlichen Abend freuen, dann dürfe man das auch äußerlich sichtbar machen. Dass dies nicht immer geschieht, erlebt sie regelmäßig. Besucher in Freizeitkleidung, Sneakers zum Abendanzug oder Pullover, die eher zum Wochenendausflug als zum Opernabend passen. Nicht alles, was erlaubt ist, ist automatisch angemessen.
Stil kann man nicht kaufen
Wer über Eleganz spricht, landet schnell bei Luxusmarken, Designerlabels und hohen Preisen. Für die Stil-Expertin ist das einer der größten Irrtümer. „Stil hat nichts mit Geld zu tun, Stil kann man nicht kaufen“. Natürlich erleichtert ein großes Budget vieles. Doch wahre Eleganz entsteht an einem ganz anderen Punkt – nämlich bei der Fähigkeit, sich selbst zu kennen.
Welche Farben bringen mein Gesicht zum Strahlen? Welche Schnitte passen zu meiner Figur? Welche Wirkung möchte ich erzielen? Welche Persönlichkeit möchte ich zeigen? Diese Fragen sind weitaus wichtiger als jede Trendprognose. Erst wenn diese Grundlagen geklärt sind, kommt die Mode ins Spiel: „Die Trends sind für mich immer das letzte Puzzleteil.“ Eine Erkenntnis, die in Zeiten sozialer Medien fast revolutionär wirkt. Denn nie zuvor wurden Menschen so intensiv mit Bildern konfrontiert, die suggerieren, wie man aussehen sollte. Instagram, TikTok und Pinterest liefern täglich neue Vorlagen.
Doch was bei einem Model funktioniert, muss nicht automatisch zum eigenen Körper, Alter oder Charakter passen. Genau hier beginnt Stil. Nicht beim Nachmachen, sondern beim Verstehen.
Die Sehnsucht nach Authentizität

Andrea Webhofer
„Wenn ich mich verkleidet fühle, stimmt etwas nicht.“ Für Andrea Webhofer ist Authentizität der Kern jeder gelungenen Erscheinung. Das gilt auch für Menschen, die sich bewusst außerhalb klassischer Konventionen bewegen. Künstlerische Typen, extravagante Persönlichkeiten, Frauen mit radikalen Kurzhaarschnitten oder auffälligen Stilwelten müssen sich keineswegs in eine gesellschaftliche Uniform pressen lassen. Im Gegenteil, die Kunst besteht darin, die eigene Persönlichkeit sichtbar zu machen – allerdings in einer Form, die Anlass und Umgebung respektiert.
in extravagantes Dirndl kann dabei ebenso funktionieren wie ein minimalistisches schwarzes Kleid oder ein ungewöhnliches Schmuckstück. „Jeder Mensch findet etwas, das zu ihm passt.“ Wahre Eleganz entsteht nicht durch Anpassung, sondern durch stimmige Selbstinszenierung.
Verloren geht Stil dann, wenn Kleidung ausschließlich dem Vergleich dient. Wenn Menschen beginnen, sich an Taschenpreisen, Schmuckmarken oder Designernamen zu messen. Wer ständig nach links und rechts schaut, verliert irgendwann den Blick für sich selbst.
Eleganz mit Leichtigkeit
Die großen Trends des Sommers setzen ebenfalls weniger auf starre Regeln als auf Vielseitigkeit. Weiße und cremefarbene Töne dominieren die Kollektionen. Monochrome Looks in Sand, Beige oder Himmelblau wirken ruhig und hochwertig. Leinen, Seide, Spitze und fließende Stoffe bringen Leichtigkeit in die Garderobe.
Der Boho-Stil erlebt eine neue, luxuriösere Interpretation. Pailletten, metallische Akzente und Glanzstoffe sorgen für Abendtauglichkeit. Das Entscheidende aber ist die Wandelbarkeit.
„Man kann heute mit wenigen Handgriffen vom Tages- zum Abendlook wechseln.“ Ein Sommerkleid wird mit Kitten Heels, einer Clutch und markanten Ohrringen festspieltauglich. Ein Business-Outfit erhält durch Schmuck oder besondere Accessoires plötzlich Eleganz. Die Zeit der starren Garderoben scheint vorbei. An ihre Stelle tritt die Kunst des Kombinierens.
Die neue Bequemlichkeit
Gleichzeitig diagnostiziert Andrea Webhofer einen gesellschaftlichen Trend, der weit über die Mode hinausweist. „Wir sind alle bequemer geworden.“ Jogginghosen, Hoodies und Sneakers sind längst Teil des Alltags geworden. Das Problem ist nicht die Bequemlichkeit selbst – solange man nicht vergisst, dass selbst lässige Mode Gestaltung braucht. Eine Jogginghose wird nicht automatisch stilvoll, nur weil sie gerade im Trend liegt. „Die Menschen, die uns solche Looks vorleben, sind trotzdem bis ins letzte Detail perfekt gestylt.“
Männliche Eleganz
Auch für Männer hat Andrea Webhofer klare Empfehlungen. Ein gutes Hemd bleibt die einfachste Eintrittskarte in die Welt der Eleganz. Weiß oder Off-White wirken auch an heißen Sommertagen gepflegt und hochwertig. Wer auf ein Sakko verzichten möchte, kann mit einem schwarzen Hemd dennoch Seriosität vermitteln. Differenzierter sieht sie die zunehmende Dominanz von Sneakern. Zum Anzug seien Sneakkers allenfalls bei jüngeren Männern stimmig. Mit zunehmendem Alter verliere der Stilbruch jedoch oft an Glaubwürdigkeit. „Jeder Mann braucht einen guten Schnürschuh.“ Der klassische Lederschuh ist nach wie vor eines der stärksten Werkzeuge männlicher Eleganz. Er wertet selbst eine einfache Kombination aus Hemd und Chinohose auf und verleiht einem Outfit sofort mehr Präsenz. Ähnlich verhält es sich mit der Krawatte. Nicht als Pflichtübung, sondern als bewusst gesetztes Zeichen. Eine korrekt getragene Krawatte signalisiert, dass jemand den Anlass ernst nimmt.
Wahrer Stil
Stil ist keine Frage von Trends. Keine Frage des Geldes. Nicht einmal eine Frage der Mode. Stil ist die Fähigkeit, sich selbst zu kennen und gleichzeitig die Situation zu verstehen, in der man sich bewegt.
Er entsteht aus Aufmerksamkeit, Selbstreflexion und Respekt. Wer diese drei Dinge besitzt, kann in einem schlichten Kleid oder einem einfachen weißen Hemd oft eleganter wirken als jemand in einer Designerrobe. In einer Zeit, in der scheinbar alles erlaubt ist, zeigt sich: Nicht die Freiheit macht den Unterschied. Sondern die Entscheidung, wie man sie nutzt.

