Gesellschaft & Kultur

Lesezeit: 6 Minuten

„Singen oder Sterben“

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Mit ihrer Naturstimme wurde Anne-Fleur Werner ein besonderes Talent in die Wiege gelegt. Seit der Spielzeit 2017/18 gehört die Münchnerin nun zum fixen Ensemble des Salzburger Landestheaters. Wie es dazu kam und warum sie nach Neuseeland musste, um wieder Freude an ihrer Berufung zu finden, erzählt sie im Interview.

Die Musik hat schon in jungen Jahren eine Rolle in Ihrem Leben gespielt. Wie wurde diese Liebe zur Musik und zur Oper im Speziellen entfacht?
Eigentlich mochte ich die Oper gar nicht so gern, bis ich elf wurde. Opernsängerinnen kannte ich aus den Cartoons im Fernsehen als dicke Frauen im Wagner-Outfit mit Speer in der Hand – das fand ich eher blöd. Als ich elf war, hat mein Vater meiner Mutter einen gemeinsamen Opernbesuch geschenkt, zur Zauberflöte in der Münchner Oper. Das war mein erstes Mal in der Oper! Außerdem hatte er ihr die Gesamtausgabe der Oper auf CD geschenkt – und von da an habe ich immer mitgelesen, in dem kleinen CD-Booklet. Die Königin der Nacht hat mir von Anfang an gefallen und irgendwann habe ich angefangen, mitzusingen. Meine Mutter hat das gehört und war ganz überrascht: Fleur, du kannst ja singen!
Über Bekannte kam ich schließlich zu meiner ersten Gesangslehrerin. Die wollte mich zwar erst nicht nehmen, weil ich so jung war, aber meine Mutter hat so lange insistiert, bis sie mich zumindest einmal angehört hat. Und von da an hat sie mit mir gearbeitet.

Hatten Sie in dem zarten Alter schon den Wunsch, Sängerin zu werden?
Am Ende meiner ersten Gesangsstunde meinte meine Lehrerin: Du bist noch so jung und weißt noch nicht viel von Opern – kauf dir eine CD von einer Sängerin, die ist schon tot und heißt Maria Callas. Ich hab den ersten Ton von dieser Frau gehört und war hin und weg. Das war eine Welt, die sich geöffnet hat – in die ich gehört habe.

Anzeige

Welche waren ab diesem Zeitpunkt die Meilensteine in Ihrer bisherigen Laufbahn?
Da gibt es so viele. Zum Beispiel war da der Moment, als ich mich nach dem Abi für die Musikhochschule München angemeldet hatte. Bis dahin hatte ich nur Unterricht, wurde aber nie an anderen gemessen. Und plötzlich habe ich all diese tollen Leute gehört, die ebenfalls vorgesungen haben. Das hat mich so nervös gemacht, dass ich so schlecht war und sie mich nicht nahmen. Das war für mich ein wichtiger Meilenstein, zum ersten Mal damit konfrontiert zu sein, wie es in diesem Metier abläuft. Ich hatte so eine richtige Naturstimme, über die ich nicht viel nachdenken musste. Und plötzlich diesem Druck ausgeliefert zu sein, das war anfangs ein großes Problem für mich.
Drei Monate später gab es in Salzburg am Mozarteum Aufnahmeprüfungen, dort wurde ich dann angenommen und anfangs lief es auch prima. Ich muss dazu sagen, ich bin nicht ganz regelkonform, so ein bisschen der „Lonesome Wolf“. Ich bin auch schwer einstufbar, weshalb das Mozarteum für mich kein so glücklicher Ort war. Mit 23 hatte ich dann eine richtige Krise: Ich habe mich gefragt, ob das überhaupt das Richtige für mich ist. Also, das Singen an sich: ja! Das Drumherum: nein! Und damit kam ich gar nicht klar.

Sie haben also das Singen als Beruf in Frage gestellt?
Komplett. Dabei war für mich immer so klar: Singen oder Sterben! Ich habe dann gesagt, mir reicht’s und bin für ein Jahr nach Neuseeland abgehauen, tatsächlich mit dem Gedanken, das Singen aufzugeben! Ich habe dort am Filmset von Hobbit gearbeitet und viele andere Jobs gemacht. Da habe ich gemerkt, okay, es geht auch ohne das Singen. Insofern war Neuseeland ein wichtiger Meilenstein, weil ich, als ich dann doch ans Mozarteum zurückgekehrt bin, einen ganz anderen Blickpunkt hatte.
Ganz wichtig für meine Laufbahn war auch ein Gesangswettbewerb am Bolschoi-Theater, an dem ich total blauäugig teilgenommen habe, ohne mir irgendwelche Chancen auszurechnen. Ich hatte sogar nach der ersten Runde schon meinen Rückflug gebucht – aber ich kam tatsächlich weiter, bis ins Finale! Ich habe zwar schlussendlich nicht gewonnen, aber es hat sich aus der Teilnahme sehr viel ergeben, unter anderem das Young Singers Project und diese Position hier am Salzburger Landestheater, wo ich mich sehr, sehr wohlfühle.

Sie stehen nun am Beginn Ihrer zweiten Spielzeit. Derzeit proben Sie für „Wiener Blut“. Worauf darf sich der Zuschauer freuen?
Auf viel Spaß, auf lustige Dialoge, auf totalen Klamauk. Das ist auch das, was Operette ausmacht. Einfach mal lachen. Die Dialoge machen Spaß. Ich spiele die Gräfin, in einer Gesellschaft von Leuten, die zu viel Geld und Zeit haben und nicht wissen, was damit anzufangen. Das Stück spielt an nur einem Tag, einem Abend, es geht von einem Ball zur nächsten Party. Es gibt jede Menge Verwechslungen – teilweise wissen wir bei den Proben fast selbst nicht mehr, wer wen mit wem verwechselt!