Wohnen & Design

Lesezeit: 8 Minuten

Mit Stil, Charme und Geschichte

Text: Doris Thallinger

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Ihnen liegt ein spezieller Zauber inne. Könnten sie sprechen, wüssten sie viele Geschichten zu erzählen. Dies und die unnachahmlich hochwertige Handwerksqualität machen Antiquitäten und antike Möbel zu begehrten Einrichtungsstücken.

Das einzigartige Aroma alten Holzes liegt in der Luft, hinterlässt automatisch das Gefühl von Behaglichkeit, von Wärme. Der originale, wieder freigelegte Holzboden aus den 1890er-Jahren knarzt leise und bildet eine stimmige Symbiose mit den wahren Schätzen des Raumes: Pompöse Schränke und ein Tabernakel aus der Barockzeit, Fledermaus-Stühle von Thonet, die das Gefühl des Jugendstils verkörpern, dazwischen setzen nüchtern anmutende Highboards, Tische und Regale aus dem (derzeit sehr beliebten) Mid-Century moderne Kontraste. Sich zwischen den bis zu einigen hundert Jahre alten Schätzen zu bewegen, erfüllt mit gewisser Ehrfurcht. Ehrfurcht und Respekt vor dem Zahn der Zeit und vor allem vor der Beständigkeit, von der wir Menschen nur träumen können.

Von Barock bis zur Moderne
„Die meisten Antiquitäten, die heute gehandelt werden, stammen aus der Zeitspanne von Barock bis zur Moderne“, erklärt Maximilian Rath, Restaurator und Antiquitätenhändler in Salzburg. „Stücke, die aus der Zeit vor dem Barock stammen, also aus der Renaissance und Gotik, sind mittlerweile extrem rar, aber dafür natürlich entsprechend hoch angesehen und wertvoll.“
Grundsätzlich kann er auf jeden Fall einen Trend zu antiken Möbeln erkennen: „Wichtig ist, dass die Stücke in einem guten, gebrauchsfähigen Zustand sind, restauriert, so dass man sie umgehend verwenden kann. Als Restaurator habe ich die Möglichkeit, Möbel aufzubereiten, wie der Kunde sie sich wünscht.“

Als Antiquitäten gelten diese weiterhin, da in die Originalsubstanz maximal geringfügig eingegriffen wird. Besonders bei hochwertigen Antiquitäten, deren Wertzustand möglichst stabil bleiben soll, dürfen lediglich behutsam Verbesserungen vorgenommen werden, und diese ausschließlich mit den Techniken und Materialien aus der Zeit des Möbelstücks! Wesentlich ist die gut erhaltene Substanz, denn: „Ist bei einer Antiquität beispielsweise kaum mehr Furnierstärke gegeben, zersetzen sich die Materialien oder löst sich der Leim und damit die Konstruktion, entstehen oft irreparable Schäden“, so Maximilian Rath. „Solche Schäden sind schwer zu restaurieren – zum einen muss man weite Teile ersetzen, was den Wert extrem mindert, zum anderen sind diese Eingriffe höchst aufwändig und kostenintensiv.“

Gut informieren – sicher kaufen
Das Um und Auf einer Antiquität liegt also in ihrer Qualität und ihrem Zustand – und damit ist der Originalzustand gemeint. Gerade diverse Angebote in Kleinanzeigen und Internet-Portalen locken manchmal mit vermeintlichen Schnäppchen, die sich in natura dann leider als für den Kunsthandel praktisch wertlos erweisen, wie Stücke, die aus unterschiedlichen antiken Einzelteilen nachkonstruiert oder gar aus neuen Materialien auf alt getrimmt wurden. Wer sich für den Erwerb einer Antiquität interessiert, ist gut beraten, sich schon im Vorfeld in die Thematik einzuarbeiten, Fachliteratur zu lesen und auch beim Antiquitätenhändler des Vertrauens viel nachzufragen: Wie wurden die Möbel in der jeweiligen Epoche grundsätzlich konstruiert, wie wurden Holzverbindungen hergestellt, wie Schubladenböden oder Rückwände montiert? Jede Epoche hat ihre eigenen Merkmale, aufgrund derer es auch für den Laien möglich ist, die Echtheit einer Antiquität zumindest auf Plausibilität zu prüfen. Und auch das Wissen eines Fachmanns ist hilfreich – ein solcher kann nämlich auf jeden Fall Auskunft geben über Konstruktionsarten, verwendete Holzarten, über Furnierstärken, Verzierungen und Malereien und viele weitere Merkmale einer Epoche.

Eyecatcher mit Stil
Weit verbreitet ist der Irrglaube, dass für den Kauf einer Antiquität zwangsläufig viel Geld fließen müsse. Die Bandbreite ist groß, wer sich auf die Suche nach einem Einzelstück macht, kann durchaus verhältnismäßig günstige Einzelmöbel ergattern. Vor allem in Relation zu modernen, in ähnlicher Qualität gefertigten Möbelstücken zeigt sich oftmals das eigentlich gute Preis-/Leistungsverhältnis.

„Zu mir in den Laden kommen ebenso junge Menschen, die auf der Suche nach einem Einzelstück als Eyecatcher für die erste Wohnung sind, wie auch Sammler auf der Suche nach Raritäten“, bestätigt Maximilian Rath. Auch lassen sich Antiquitäten aller Epochen sehr gut mit modernen Einrichtungen kombinieren. „Allerdings kommt es auf die Größe der Wohnung und der Räume an.
Barockmöbel wurden ursprünglich für große Räumlichkeiten, für Schlösser gemacht, mit ihren ausladenden Formen eignen sie sich weniger für eine kleine Stadtwohnung. Etwas „modernere“ Stücke, wie aus dem Biedermeier, machen sich hingegen sehr gut in kleineren Wohneinheiten. Antike Einzelstücke setzen als Eyecatcher oftmals den perfekten Kontrast zu moderner Bauweise und Einrichtung und lassen jeden Raum automatisch wohnlicher wirken“, empfiehlt Rath.

Interview mit Maximilian Rath

„Es ist ein gutes Gefühl, alte Dinge zu neuem Leben zu erwecken“

Die Passion für Antiquitäten wurde Maximilian Rath schon in die Wiege gelegt. Seit sechs Jahren betreibt der studierte Restaurator seinen eigenen Antiquitäten-Handel.

Welche Antiquitäten sind derzeit besonders begehrt?
Sehr gefragt sind momentan Möbelstücke aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, wie beispielsweise dänische Möbel und italienisches Design aus den 50ern. Aber ich erkenne generell einen Aufwärtstrend auch an wirklich antiken Möbeln, insbesondere an Biedermeier-Möbeln.

Worin liegt der Zauber einer Antiquität?
Für mich liegt der Zauber darin, dass die Möbelstücke mit einer derartigen Liebe und so viel Aufwand erzeugt wurden. Jedes Brett ist von Hand gehobelt, jede Furnierschicht von Hand gesägt. In einer Antiquität steckt extrem viel Energie und das strahlt sie auch aus. Meines Erachtens kann kein modernes Möbelstück eine solche Ausstrahlung und Kraft besitzen.

Was war das älteste Stück, das Sie je im Besitz hatten?
Das war eine Giebeltruhe, also ein mit Eisen beschlagener Lederkoffer aus der Gotik. Dieser dürfte um 1250 hergestellt worden sein.

Blutet das Herz, wenn man solche Raritäten wieder verkauft?
Prinzipiell hab ich alle meine Antiquitäten sehr gern, aber ich freue mich auch, wenn sich ein guter Abnehmer findet, der sie schätzt. Natürlich, an manche Stücke denkt man immer wieder, vor allem, wenn ich viele Stunden Arbeit und jede Menge Herzblut in die Restaurierung gesteckt habe.
Aber ich finde, es ist ein gutes Gefühl, alte Dinge zu neuem Leben zu erwecken. Diese Stücke sind für die Ewigkeit gebaut – man hat sehr lange große Freude damit. Und wenn man sie eines Tages nicht mehr braucht, gibt man sie an jemand anderen weiter. Ich glaube, diesen Gedanken sollte man viel mehr verinnerlichen, dann müsste die Menschheit weniger entsorgen.

Maximilian Rath

Barock

Geschwungene Formen, pompöse Rundungen und Schweifungen zeichnen Möbel aus dem Barock aus. Wichtiges Charakteristikum: die aufwändige Zierde durch Intarsien (Einlegearbeiten aus Zinn, Messing, Elfenbein, Schildpatt o.ä.) oder Marketerien (Darstellung einer Szenerie durch aneinandergefügte Furniere). Ab dem ausgehenden 18. Jahrhundert wurden die Formen immer schlichter, kantiger und geradliniger, als Zierde dienten außergewöhnliche Furnierbilder.


Dänische Möbel

Sehr gefragt derzeit sind Möbel aus der Mitte des 20. Jahrhunderts, wie z.B. dänische Teakholz-Möbel, schlicht in ihrer Form, meist mit gerundeten Füßen und (Tisch-)Kanten.

Dänisches Regal kombiniert mit Jugendstil-Spiegel.


Klassizismus

Im Klassizismus wurden Stilelemente aus der Zeit der Römer und
Griechen herausgepickt und an den Möbelstücken appliziert. So finden sich goldene Bronzen an Sekretären, Säulen und Kopfschub sind gern der Front eines Tempels nachempfunden. Als Verzierung dient oftmals der „Eierstab“ (oder auch Ochsenaugleiste), wie er bereits an griechischen Tempelanlagen zu sehen war.