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„Meine Bilder sind wie Kinder für mich.“

60 Jahre und kein bisschen leise – auch wenn sich die Künstlerin Andrea Maria Reiser erlaubt, endlich ein wenig ruhiger zu treten, ist sie weit davon entfernt, sich zur Ruhe zu setzen. Mit der SALZBURGERIN spricht sie über ihr Leben, das Älterwerden und den Kreislauf des Lebens.
Ein Artikel von Doris Thallinger
Foto: Amina Angelina Nührig

Foto: Amina Angelina Nührig

Schmale Silhouette, schlanke, in Jeans gewandete Beine, korallrote Ohrringe, die Schuhe im selben Farbton, das silberne Haar aus dem Gesicht frisiert und zu einem Pferdeschwanz gebunden – aus der Ferne meint man, ein junges Mädchen komme auf einen zu. Aber knapp daneben, Andrea Maria Reiser ist gerade 60 Jahre alt geworden. Ein Alter, in dem sich die Künstlerin, Designerin, Geschäftsfrau, Model, Mutter, etc. endlich auch selbst zugesteht, einmal durchzuatmen.
„Das ist das erste Mal seit über 30 Jahren, dass ich es mir erlaube, Luft zu holen“, beschreibt sie ihr aktuelles Lebensgefühl. „Ich bin auch sehr viel gelaufen, auch Halbmarathons, und wenn man immer schnell rennt, sieht man die Geschenke, die einem das Leben macht, oft nicht.“
Den Impuls dafür, einmal innezuhalten, bekommt Andrea Maria Reiser im Frühjahr dieses Jahres – der Mietvertrag ihrer Galerie im Nonntal läuft aus und sie liebäugelt mit einer neuen Location: einem schönen Atelier mit mehr als 100 Quadratmetern, Garten und allem, was das Künstlerherz begehrt. Nur das Bauchgefühl stimmt nicht. „Ich wollte den Jakobsweg zu Ende gehen, mein Hospiz-Praktikum abschließen, ich wollte auch einmal ein bisschen Ruhe haben – ohne Verantwortung für meine Angestellten, ohne den Druck von festen Öffnungszeiten. Die Geschäftsfrau hat die Künstlerin in den Schatten gestellt.“
Sie entscheidet sich gegen das Atelier und richtet sich stattdessen in den Räumen der ehemaligen Spielwarenfabrik Rocco ein. „Hier hat sich ein schöner Raum im dritten Stock ergeben, wo ich arbeite und der auch repräsentativ ist. Aber ich habe wahnsinnig viel hergegeben – Regale, Schaufensterpuppen, Stoffe… und mir so wieder Luft verschafft!“, freut sich die Künstlerin, die ein Wohnatelier in Wien eingerichtet hat und auch auf der Finca ihres Lebensgefährten auf Mallorca künstlerisch tätig ist.

Ausflug in die weite Welt
Keine Frage, dass die Kunst auch heute noch als ihr Lebenselixier gilt, bestimmt diese doch schon seit jungen Jahren auf die eine oder andere Art ihr Leben. Bevor sie sich nach der schulischen Ausbildung zur Textildesignerin ihrer künstlerischen Ader zuwendet, zieht es die 18-Jährige allerdings erst einmal in die große, weite Welt: Los Angeles ist das Traumziel. „Ich hab mir gedacht: Ich will berühmt werden – außerdem wollte ich damals auch Salzburg entfliehen. Und so bin ich, ganz mutig, mit der Pan Am nach Los Angeles geflogen.“ Wo sie sich kurz darauf mit dem „Model of the Year“ verlobt und bald selbst für namhafte Designer wie unter anderem Elizabeth Arden modelt. Die Model-Karriere findet jedoch ein jähes Ende, als ihre Mutter schwer erkrankt und sie zurück in die Heimat eilt.
„Wieder in Salzburg war mir schnell klar, dass ich am Mozarteum studieren will.“ Schließlich entscheidet sie sich für Bühnen- und Kostümbild sowie Theatermalerei. „Einen Studienplatz erhalten zu haben, war ein entscheidender Schritt für mich, da ich dort wirklich das Werkzeug für meine Kunst in die Hände bekommen habe.“
Das Gelernte setzt sie bald als freischaffende Künstlerin um, arbeitet unter anderem für die Salzburger und Bregenzer Festspiele und für den ORF. Ihr künstlerische Bandbreite geht weit über Bühnenbilder hinaus: Gemälde, Teppiche, faszinierende Mobiles, Lampen und Luster sowie Taschen bilden das vielfältige Spektrum, gemäß Reisers Lebensthema „Die Kunst der Vielfalt“.

Foto: www.kaindl-hoenig.com

Detail des Werkes „Himmelleiter“ ihrer aktuellen Ausstellung „Wendepunkte“ in der Alten Residenz. Besuch ist nach Terminvereinbarung möglich: contact@amr-art.com! Foto: www.kaindl-hoenig.com

Nicht nur künstlerisch begabt, sondern auch geschäftstüchtig, macht sie die Kunst zum Mittelpunkt ihres Schaffens. „Heutzutage ist es vielleicht ein bisschen schwieriger, weil wir in einer Bilderflut zuhause sind. Es gibt irre viele Bilder und Fotos.
Andererseits habe ich mir noch nie Sorgen gemacht – es haben schon so viele meiner Bilder ihr Zuhause gefunden. Meine Bilder sind ja auch eine Art Kinder für mich und ich möchte, dass jedes den richtigen Platz findet. Es gibt Menschen, denen würde ich sie nicht verkaufen – und andererseits habe ich schon Bilder verschenkt, wenn ich gemerkt habe, dass sie jemandem so sehr gefallen haben.“

Natur: mehr als Inspiration
„Ich möchte die Natur in die Häuser der Menschen bringen. Es ist die Kombination aus meinem künstlerischen Ausdruck und den Materialien aus der Natur, die ich verwende, wie Eisen oder Kreide, die man spürt.“ Aber nicht nur die Materialien holt sich Andrea Maria Reiser aus der Natur, sondern auch ihre Inspiration und Kraft, wenn sie bereits um 7 Uhr früh mit ihren Hunden die Stille im Bluntautal genießt. „Da merke ich, wie mir das Herz aufgeht, wenn ich in der Natur Federn, Blätter oder Misteln für meine Kunstwerke sammle.“

Kreislauf des Lebens
Die wohl schönsten Kunstwerke, die Andrea Maria Reiser geboren hat, sind ihre drei Kinder Nicola (32), Amina Angelina (28) und Noah (25). „Die Geburten meiner Kinder waren die größten aller Meilensteine, eines habe ich ambulant und zwei zuhause zur Welt gebracht. Dass alle drei gesund und gelungen sind, das ist ein Geschenk!“ Ebenfalls als Geschenk sieht Reiser es, beide Elternteile bis in den Tod begleitet haben zu dürfen, als sie diese – viel zu jung – mit 35 bzw. 40 Jahren verliert. „Dich mit der Geburt und dann mit dem Tod zu beschäftigen, ist etwas ganz Elementares.“
Auch in ihrer Tätigkeit als Präsidentin des Vereins der Freunde des Raphael Hospizes wird sie immer wieder mit Leben und Tod, Sterblichkeit und Alter konfrontiert: „Durch die Ausbildung im Hospiz habe ich einige Erfahrungen gemacht. Ich habe Menschen gesehen, die ringen und auch Menschen, die ganz friedlich sind. Menschen, die in diesen letzten Wochen unglaublich viel dazulernen, sodass sie wirklich dankbar dafür sind, was sie in ihrem Leben gehabt haben. Dir wird schon bewusst, dass es nicht unendlich ist. Kürzlich ist eine Freundin mit 52 Jahren verstorben – da denke ich mir, wow, ich hab schon acht Jahre plus. Darum erlaube ich mir jetzt, dass ich es mir gutgehen lassen darf und ein bisschen weniger abhängig sein muss von dem, was außen passiert.“

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Junges Glück: Andrea Maria Reiser mit ihrem damaligen Verlobten Tyrone Swan 1979
Foto: Roland Charles
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Andrea Maria Reiser als Model in jungen Jahren …
Foto: Roland Charles
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… und heute.
Foto: Inge Prader
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Andrea Maria Reiser vor den Werken ihrer aktuellen Ausstellung „Wendepunkte“ in der Alten Residenz.
Foto: www.kaindl-hoenig.com

In Schönheit altern
Mit dem Älterwerden hat Reiser keine Probleme, im Gegenteil: „Vielleicht ist es die Gelassenheit des Alters, aber ich merke, ich bin in Ordnung. Ich fühle mich jetzt besser als vielleicht vor 20 Jahren, als ich ziemlich makellos war.“ Seit einigen Jahren arbeitet Reiser auch wieder als Model, macht Shootings, Kampagnen und Werbefilme für große Unternehmen wie die Post, die ÖBB oder die Wiener Städtische. „Ich bin froh, in einer Zeit zu leben, in der das Alter eine immer weniger große Rolle spielt. „Es gibt halt nur zwei Möglichkeiten: früh sterben oder alt werden! Die Frage ist das WIE!“

Foto: www.kaindl-hoenig.com

Foto: www.kaindl-hoenig.com

Leben bis zum letzten Atemzug
Als Präsidentin des Vereins der Freunde des Raphael Hospizes hat es sich Andrea Maria Reiser zum Ziel gesetzt, das Thema verstärkt in die Öffentlichkeit zu bringen, den Menschen die Angst zu nehmen: „Das Leben geht bis zum letzten Atemzug. Die Hemmschwelle der Menschen ist aber relativ hoch, wenn es um das Thema Hospiz geht. Keiner will hören, dass er einmal stirbt – das will ich auch nicht sagen, auch nicht, dass ich sterben werde. Aber es kann in jeder Familie, in jedem Freundes- oder Arbeitskreis jemand sein, der plötzlich Hilfe braucht. Dann kommt die große Verzweiflung. Und da ist es gut, wenn man weiß, dass man sich an ein Hospiz wenden kann.“
www.freunde-raphaelhospiz-sbg.at

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