Lebenskunst, die bis heute berührt
Fotos: Dommuseum Salzburg/J. Kral, ROTFILTER GmbH, Wien, TAU-AV Produktion/Br. Fäh, Stans, Fotostudio Eheim, Brixen, Augustiner-Chorherrenstift St. Florian, Michael Himml, Wien, Heidemarie Weixler-Unterer, Dommuseum Salzburg/J. Kral

Sermones germanici (Predigthandschrift) Berthold von Regensburg (um 1210–1272) 1444 (Text), 1447 (Federzeichnung) Handschrift, Papier, Federzeichnung, koloriert, Einband: Rauhleder über Holz Manuscript Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Cod. 2829 © Österreichische Nationalbibliothek

Hl. Franziskus in Ekstase Johann Georg Sindler (um 1669–1732), Rom, 1721 Wachs, gefärbt, Holz, verglast, Rahmen: 19./20. Jh. (?) Wien, Kongregation der Schwestern vom Göttlichen Erlöser © Heidemarie Weixler-Unterer

Sammelband mit Schultheaterstücken Mosbach, Regensburg, Schillingsfürst, 1775–1779 Handschrift/Druck, Papier, Einband: Karton, Leder Paderborn, Archiv der deutschen Franziskanerprovinz, Sign. PAT Nr. 29 / I A 10a

Der Galgenpater Karl Joseph Keiser (1702–1765), um 1758 Öl auf Holz Sursee, Kapuzinermuseum, Inv.-Nr. 0221 © TAU-AV Produktion/Br. Fäh, Stans
Eine außergewöhnliche Ausstellung im DomQuartier Salzburg widmet sich dem Erbe des heiligen Franz von Assisi – und zeigt, warum seine Botschaft 800 Jahre nach seinem Tod aktueller ist denn je.
Wie gelingt ein gutes Leben? Was braucht der Mensch wirklich? Und wie können Frieden, Solidarität und ein achtsamer Umgang mit der Natur gelingen? Fragen, die aktueller kaum sein könnten – und die bereits vor rund 800 Jahren einen Mann bewegten, dessen Leben bis heute Menschen weit über kirchliche Grenzen hinaus inspiriert: Franz von Assisi.
Anlässlich seines 800. Todestages am 3. Oktober 2026 widmet das DomQuartier Salzburg dem Ordensgründer die große Sonderausstellung „LebensKunst“. Sie lädt dazu ein, Franziskus als außergewöhnliche Persönlichkeit kennenzulernen, deren Werte bis heute nichts an Strahlkraft verloren haben. Gerade in einer Zeit, in der Themen wie Nachhaltigkeit, Klimaschutz, soziale Gerechtigkeit und ein respektvolles Miteinander die Gesellschaft beschäftigen, wirkt seine Lebensphilosophie überraschend modern.
Mehr als ein Heiliger
Geboren als Sohn eines wohlhabenden Tuchhändlers im italienischen Assisi, hätte Franziskus ein Leben in Wohlstand führen können. Stattdessen entschied er sich für einen radikalen Neuanfang. Er verzichtete auf Besitz, lebte in Armut, kümmerte sich um Kranke und Ausgegrenzte, predigte Frieden und verstand alle Geschöpfe – Menschen, Tiere und die gesamte Natur – als Teil einer großen Gemeinschaft.
Sein berühmter Sonnengesang, in dem er von „Bruder Sonne“ und „Schwester Mond“ spricht, gilt bis heute als eines der bedeutendsten Zeugnisse einer spirituellen Naturverbundenheit. Seine Botschaft inspirierte nicht nur Generationen von Ordensgemeinschaften, sondern findet sich auch in aktuellen Diskussionen über Nachhaltigkeit und den verantwortungsvollen Umgang mit der Schöpfung wieder.

Bolivianische Bambusgeige (Violín de tacuara) Bolivien, 20. Jahrhundert Bambusrohr, Metall, Bogen fehlt München, Franziskaner Mission, Nachlass P. Walter Neuwirth OFM (1935–2020) © Moritz Hoffmann PHOTOGRAPHY, München

Historienbibel Wien/Wiener Neustadt, um 1467–1469 Handschrift, Papier, Federzeichnung, koloriert Wien, Bibliothek des Kapuzinerklosters © ROTFILTER GmbH, Wien

Calepodia des hl. Johannes Capistran (1386–1456) 1451 Holz, Leder Wien, Franziskanerkloster © ROTFILTER GmbH, Wien

Regula bullata 14. Jahrhundert Handschrift, Pergament, Einband nicht original Fribourg, Franziskanerkloster/Minoriten-Konventualen, Sammelband Ms 135 © Dommuseum Salzburg/J. Kral
Eine Ausstellung voller Geschichten
Genau diese Gedanken greift die Ausstellung „LebensKunst“ auf. Sie entstand auf Initiative der Fachstelle Franziskanische Forschung in Münster und wurde gemeinsam mit franziskanischen Gemeinschaften aus Österreich, Deutschland und der Schweiz entwickelt. Salzburg wurde dabei ganz bewusst als Ausstellungsort gewählt – nicht zuletzt durch die Vermittlung von Erzbischof Franz Lackner, selbst Franziskaner.
Die Besucherinnen und Besucher erwartet eine beeindruckende Reise durch acht Jahrhunderte franziskanischer Geschichte. Mehr als 100 Exponate aus rund 40 Klöstern, Museen und privaten Sammlungen erzählen von Menschen, die sich von Franziskus inspirieren ließen und seine Ideen in ganz unterschiedlichen Zeiten lebendig hielten. Zu sehen sind kostbare Gemälde, mittelalterliche Handschriften, liturgische Schätze, Skulpturen und historische Druckwerke ebenso wie schlichte Alltagsgegenstände aus Klöstern. Gerade dieses Nebeneinander von kunstvoller Pracht und bewusster Einfachheit macht den besonderen Reiz der Ausstellung aus.
Dabei führt die Ausstellung nicht chronologisch durch das Leben des Heiligen, sondern widmet sich den großen Themen seines Wirkens. Es geht um Frieden und Versöhnung, um die Verkündigung des Evangeliums, um Gemeinschaft und Solidarität, um den Umgang mit Krankheit und Tod, um die Beziehung zur Natur sowie um die Suche nach Gott und einem gelingenden Leben.
Zwischen Kunst und Alltag
Besonders spannend ist dabei der Blick auf den Alltag der franziskanischen Gemeinschaften. Wie lebten die Brüder und Schwestern? Welche Regeln bestimmten ihren Tagesablauf? Welche Rolle spielten Musik, Kunst und Wissenschaft? Und wie wurde aus einer kleinen Gemeinschaft in Italien ein weltweites Netzwerk mit Ordenshäusern auf allen Kontinenten?
Viele der ausgestellten Objekte erzählen genau diese Geschichten. Kunstvoll illuminierte Handschriften sind neben einfachen Bettelschalen zu sehen, historische Musikinstrumente neben Kochbüchern aus Klosterküchen oder kostbare Gemälde neben schlichten Werkzeugen des Alltags. Sie alle zeigen, dass franziskanisches Leben immer von einem spannenden Gleichgewicht geprägt war: zwischen Bescheidenheit und Schönheit, Kontemplation und aktivem Handeln, Spiritualität und gesellschaftlichem Engagement.
Begegnungen statt bloßen Betrachtens
Ein besonderes Merkmal der Ausstellung macht den Besuch zu einem außergewöhnlichen Erlebnis. Denn die Geschichte endet nicht bei den Exponaten. Unter dem Motto „Noch Fragen?“ begleiten an jedem Ausstellungstag Ordensfrauen und Ordensmänner aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Besucherinnen und Besucher. Insgesamt engagieren sich 81 Freiwillige aus unterschiedlichen franziskanischen Gemeinschaften. Sie erzählen von ihrem Leben, beantworten Fragen und machen deutlich, wie franziskanische Werte heute gelebt werden. Dadurch entsteht ein Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Museum und gelebter Spiritualität.

Der hl. Franziskus mit Vögeln Eva Mazzucco (1925–2013), um 1974/1975 Bronze Klosterneuburg, Stiftsmuseum Klosterneuburg, Inv.-Nr. PL 258, Sammlung Sammer © Michael Himml, Wien

Große Strahlenmonstranz Martin Mair (um 1651, Meister 1682, gest. 1735), 1682/1687 Silber, getrieben, ziseliert, vergoldet Beschauzeichen Augsburg 1679–1683 (?), Meisterzeichen MM Salzburg, Franziskanerkloster © Dommuseum Salzburg/J. Kral

Pastoralstab des Johannes Nasus (1534–1590) wohl Innsbruck, um 1580 Kupfer, versilbert, Krümme vergoldet Innsbruck, Hofkirche © Tiroler Landesmuseen, Innsbruck

Tragtafel zur Walldürn-Wallfahrt Anfang 18. Jh. Metall, gegossen, tlw. versilbert, Stoff, Schmucksteine, Holz Fulda, Franziskanerkloster Frauenberg, Inv.-Nr. FD 850 006 © Ralph Leutpolt, Fulda
Inspiration für unsere Zeit
Dass Franz von Assisi heute als Schutzpatron der Umwelt gilt, überrascht kaum. Seine Ehrfurcht vor der Natur, seine Bescheidenheit und sein Einsatz für Frieden und Menschlichkeit sprechen Themen an, die aktueller kaum sein könnten. Doch „LebensKunst“ reduziert ihn nicht auf diese Rolle. Die Ausstellung zeigt einen Menschen, der mutig neue Wege ging, bestehende Grenzen hinterfragte und den Glauben als Einladung verstand, die Welt aktiv mitzugestalten.
So wird die Ausstellung zu weit mehr als einer kunsthistorischen Präsentation. Sie ist eine Einladung, innezuhalten und sich selbst die Frage zu stellen: Was macht ein erfülltes Leben aus? Vielleicht liegt die Antwort – damals wie heute – tatsächlich in jener einfachen Lebenskunst, die Franz von Assisi vorgelebt hat: weniger besitzen, bewusster leben, Frieden stiften und den Menschen mit Offenheit begegnen.
Wer die Ausstellung besucht, entdeckt nicht nur eindrucksvolle Kunstwerke und seltene Zeugnisse aus acht Jahrhunderten, sondern begegnet einer Haltung, die bis heute bewegt – und vielleicht aktueller ist als je zuvor.