Jazz in Salzburg: Vielstimmig. Mutig. Lebendig.
Jazz – das ist mehr als nur Musik. Es ist ein Lebensgefühl, ein kreativer Dialog, ein ständiger Fluss zwischen Freiheit und Struktur. Seit seinen Anfängen im frühen 20. Jahrhundert hat sich der Jazz zu einer weltweit einflussreichen Kunstform entwickelt, die Generationen von Musikern, Musikliebhabern und Kulturschaffenden inspiriert hat.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Henry Schulz, Lisa Kutzelnig, Harald Gaukel, Matthias Heschl, Helbock/Michael Schagerl, GTG/Marktl Photography, Joe Jones, Viktoria Schaffer
Der Jazz entstand aus der afroamerikanischen Kultur im Süden der Vereinigten Staaten. Hier verschmolzen Spirituals, Blues, Ragtime und europäische Musiktraditionen zu etwas völlig Neuem. Diese Musik war Ausdruck von Schmerz und Hoffnung, von Widerstand und Lebensfreude – eine Stimme für jene, die lange keine hatten.
Improvisation – der Herzschlag des Jazz
Eines der zentralen Elemente des Jazz ist die Improvisation. Anders als in klassisch notierter Musik haben Jazzmusiker oft nur ein Gerüst – etwa eine Akkordfolge oder ein Thema –, das sie dann im Moment kreativ ausgestalten. Diese spontane Erfindung macht jeden Auftritt einzigartig, jedes Solo zu einem persönlichen Statement. Zuhören wird so zum Erlebnis: Man ist dabei, wenn etwas Einmaliges entsteht.
Jazz fordert heraus. Seine Harmonien, Rhythmen und Strukturen weichen oft vom Gewohnten ab. Doch gerade darin liegt seine Kraft: Jazz öffnet Ohren und Herzen für das Unerwartete. Er lädt ein, mitzudenken, mitzuschwingen, sich einzulassen auf Klangabenteuer jenseits des Mainstreams.
Jazz lebt von der Begegnung. Zwischen Musikern und Publikum, zwischen Kulturen und Generationen. In einer Zeit, in der vieles in festen Formen erstarrt, erinnert uns Jazz daran, wie lebendig der Austausch sein kann, wenn man ihn zulässt.
Jazz in Salzburg – zwischen Tradition und Aufbruch
Salzburg – weltberühmt als Stadt der klassischen Musik, Mozarts Wiege und alljährlicher Gastgeber renommierter Festspiele. Doch jenseits der barocken Fassaden und Orchesterklänge pulsiert hier auch eine lebendige, vielschichtige Jazzszene – wandelbar, kreativ und keineswegs verstaubt. Wer diesen Jazz-Spirit sucht, kommt am Salzburger Club „Jazzit“ nicht vorbei. Als Herzstück der lokalen Szene, Anlaufstelle für Musiker, Veranstalter und Publikum zugleich, spiegelt das Jazzit das Auf und Ab einer pulsierenden Community wider.
„Die Szene in Salzburg ist lebendig, aber sie verändert sich ständig“, beschreibt Jürgen Vonbank, künstlerischer Leiter von Jazzit, das Bild. Ein zentrales Thema bremst das Wachstum: Salzburg fehlt ein Jazz-Hauptstudium. Junge Musiker suchen deshalb oft andere Städte wie Wien, Graz oder Linz auf. „Das ist ambivalent,“ sagt Vonbank. „Viele, die hier angefangen haben, ziehen weiter.“
Diese Abwanderung trifft durchaus renommierte Namen. Pianist Elias Stemeseder, der letztes Jahr eine Artist Residency im Jazzit hatte, lebt inzwischen in New York. Auch Stephan Kondert oder Schlagzeuger Peter Kronreif haben Salzburg Richtung internationaler Jazzzentren verlassen.
Vonbank betont, wie breit das Jazzspektrum heute ist – vom Free Jazz über experimentelle Formate bis hin zu eingängigeren Sounds, die sich mit Soul, Hip-Hop oder elektronischer Musik vermischen. „Jazz ist nicht verstaubt,“ so Vonbank, „sondern sehr vielfältig und voller Potenzial, besonders um jüngere Leute anzusprechen.“ Die Diversität im Programm und Publikum sei ihm wichtig: „Wir wollen eine lebendige Mischung aus Generationen und Kulturen.“
Im „Jazzit“ wird dieser Anspruch spürbar. Neben den traditionellen Konzerten entstehen neue Formate wie die „Jazzit Club Nights“, bei denen Jazz auf DJ-Kultur, Dub oder Hip-Hop trifft – Tanzflächen statt Stuhlreihen. Das Publikum ist dabei bewusst jung gemischt, der Zugang niederschwellig. Die künstlerische Vielfalt zeigt sich im kommenden Herbstprogramm: Mit der Saxophonistin Yvonne Moriel, die eine dreimonatige Residency innehat, wird eine junge österreichische Preisträgerin besonders hervorgehoben. Ein Highlight ist das Konzert von Kenny Garrett, einer internationalen Jazz-Ikone, die mit Größen wie Miles Davis zusammenarbeitete.
Jazzfestival Saalfelden: Avantgarde am Berg
Jedes Jahr im Spätsommer verwandelt sich Saalfelden in ein Mekka der internationalen Jazzavantgarde. Das Jazzfestival Saalfelden zeichnet sich durch seine mutige und visionäre Programmgestaltung aus. Im Jahr 2025 wurde es mit dem renommierten EJN Award for Adventurous Programming ausgezeichnet, der besonders kreative und risikofreudige Festivals würdigt. Die Jury lobte die künstlerische Qualität des Festivals sowie die innovative Einbindung der lokalen Gemeinschaft und der alpinen Umgebung.
Das Festival bietet eine Vielzahl von Konzerten in verschiedenen Formaten, darunter Wanderungen mit improvisierter Musik, Flashmobs an geheimen Orten und spontane Sessions in ungewöhnlichen Spielstätten. Ein besonderes Highlight ist die Konzertwanderung zur Einsiedelei aus dem 17. Jahrhundert hoch über Schloss Lichtenberg, die bereits im Vorjahr begeistert hat und auch 2025 wieder fester Bestandteil des Programms ist.
Die 45. Ausgabe des Festivals verspricht zudem zahlreiche musikalische Höhepunkte. Den Auftakt macht der Wiener Musiker Leonhard Skorupa, der ein eigens entwickeltes Auftragswerk mit einer All-Star-Besetzung zur Uraufführung bringt. Weitere Highlights sind die Europapremiere eines außergewöhnlichen Quartetts mit Reid Anderson und Dave King (beide Gründungsmitglieder von The Bad Plus), die Präsentation des mit Spannung erwarteten Albums von Tomoki Sanders und Auftritte von Künstlern wie Patricia Brennan, Laura Jurd und Teis Semey.
Das Jazzfestival Saalfelden versteht sich nicht nur als Musikveranstaltung, sondern auch als Plattform für Vernetzung und neue Projekte. Viele Künstler treten in unterschiedlichen Formationen auf und nutzen die Tage, um mit neuen Partnern zu arbeiten. Das Festival fördert die Zusammenarbeit zwischen Künstlern, Publikum und der lokalen Gemeinschaft und trägt so zur kulturellen Vielfalt der Region bei.
25 Jahre Jazz im Sägewerk – Musik mit Haltung im Gasteinertal
Wenn man ihn fragt, warum ausgerechnet Jazz, kommt die Antwort schnell: „Weil ich mich da ein bisschen ausgekannt hab’ – und weil man im Jazzbereich auch als kleines Festival internationale Stars herbekommen kann.“ So einfach klingt das, wenn Sepp Grabmaier über die Anfänge von Jazz im Sägewerk spricht. Dahinter steckt aber ein über Jahrzehnte gewachsener persönlicher Kosmos: eine frühe Begeisterung für Klang, eine Leidenschaft fürs Entdecken – und ein unbeirrbarer Gestaltungswille.
Was 1999 als kleines Kulturprojekt in einem leerstehenden Sägewerk in Bad Hofgastein begann, hat sich zu einem Fixpunkt der österreichischen Jazzszene entwickelt. Die Idee: keine Massen, kein Mainstream, sondern Qualität, Nähe und Authentizität. „Jazz ist eine Gesinnung“, sagt Grabmaier, „nicht bloß ein Musikstil.“ Gemeint ist damit auch ein Sinn für Haltung, Widerstand, Relevanz – und für das, was Jazz heute noch alles sein kann.
Der Ort ist geblieben: Das alte Sägewerk, einst improvisiert mit Bierbänken und Baugerüstbühne, ist heute ein rauer, ehrlicher Kulturraum mit Atmosphäre – und zugleich die Keimzelle für ein musikalisches Netzwerk, das weit über das Gasteiner Tal hinausreicht.
In 25 Jahren hat Grabmaier an die 1.500 Konzerte organisiert – und sich dabei immer auf sein Gespür verlassen: für Qualität, Originalität, Brüche und überraschende Klangverbindungen. In seinen Erinnerungen und Anekdoten tauchen große Namen der Jazzgeschichte auf – aber auch die junger, vielversprechender Talente.
Jazzherbst im Sägewerk
Wenn sich vom 8. bis 12. Oktober 2025 die Tore des Sägewerks in Bad Hofgastein öffnen, steht der Jazzherbst ganz im Zeichen der musikalischen Verbindung über den Atlantik: Musiker mit engen Beziehungen zur Jazzmetropole New York City prägen das fünftägige Festivalprogramm. Ob in der Stadt geboren, dort lebend oder künstlerisch vernetzt – der „Big Apple“ klingt in allen Facetten mit.
Ein Tal, vier Jahreszeiten – und jede Menge Jazz
Das Gasteinertal ist heute eines der jazzreichsten Alpentäler überhaupt. Neben bzw. mit dem Jazz im Sägewerk hat sich über die Jahre eine kulturelle Landschaft herausgebildet, in der Jazz ganzjährig erlebbar ist, beginnend mit dem Snow Jazz Gastein im März, dicht gefolgt von Spring Time Jazz Gastein, summer.jazz.in.the.city mit entspannten Afterwork-Konzerten im Merangarten bis hin zum Jazzherbst Gastein.
Jazz&TheCity 2025: The city sounds together
Das alljährliche eintrittsfreie Festival Jazz&TheCity erfindet sich 2025 neu und entwickelt sich mehr denn je zu einem bunten, facettenreichen Musikfest für die Stadt Salzburg – mit internationalen Stars, heimischen Talenten und mutigen Crossover-Projekten. „Wir wollen mit diesem Festival ein Fenster zur Welt öffnen, ohne unsere österreichische Szene aus den Augen zu verlieren“, so Markus Deisenberger, der künstlerische Koordinator des Festivals.
Das Konzept: Vielseitigkeit in Klang und Spielstätten, mit dem Ziel, Jazz einer jüngeren und breiteren Zielgruppe näherzubringen. „Jazz ist nicht mehr nur der enge Begriff, der für viele schwer zugänglich ist“, erklärt er. Stattdessen steht eine breite musikalische Palette im Vordergrund: Von Global Groove über Techno-Jazz bis hin zu Jazz-Pop und Klassik-Crossover. „Wir versuchen, Jazz sehr offen und sehr zeitgemäß zu interpretieren.“
In diesem Jahr wird die Festivalbühne nicht nur von international renommierten Jazzstars wie Ben LaMar Gay und James Brandon Lewis bespielt, sondern auch – im Sinne von Global Groove – von Künstlern unterschiedlicher Genres aus Israel, Marokko, Kolumbien oder Sardinien. „Das sorgt für eine noch nie dagewesene Vielfalt. Es wird sehr bunt werden!“, so Deisenberger, „und sehr international!“ Gleichzeitig legt das Festival eben einen starken Fokus auf die österreichische Jazzszene: Junge Talente aus Salzburg stehen ebenso auf der Bühne wie etablierte heimische Größen wie Christoph Pepe Auer oder Raphael Wressnig. Auch die Frauen sind 2025 stark vertreten: Gleich mehrere weibliche Künstlerinnen und Bands stehen im Rampenlicht, darunter Singer-Songwriterin Maiija und Muriel Grossmann – letztere gilt als eine der besten Jazzmusikerinnen Österreichs und wird das Festival mit einem großartigen Closing im Marionettentheater krönen.
Eine besondere Neuerung ist das „Pre-Opening“, das in Cafés, Bars und Gasthäusern in der Altstadt Salzburg stattfindet – eine Einladung, Jazz in der alltäglichen Stadtatmosphäre zu erleben und genießen.
Jazz&TheCity soll eine lebendige Bühne für Vielfalt sein – ein offenes Festival, das mit seinem breiten Spektrum neue Publikumsschichten anspricht und Salzburg als kulturellen Hotspot weiter stärkt. Jazz wird entstaubt, junge Menschen begeistert und Grenzen zwischen Genres aufgehoben.
Wer also meint, Jazz sei nur etwas für Eingeweihte, der wird in Salzburg eines Besseren belehrt. Hier zeigt sich: Jazz ist alles andere als starr, sondern ein lebendiges, offenes und aufregendes Genre mit vielen Gesichtern – und Salzburg bringt sie alle auf die Bühne.
Jazzit
19.11.: Kenny Garrett and Sounds from the Ancestors
Artist Residency 2025 mit Yvonne Moriel:
03.10.: Eden: Moriel/Rochford/ Kranzelbinder
28.11.: Jazzit:Club:Nights mit Yvonne Moriel :: sweetlife
21.12.: Duo mit Sophie Abraham
Take The A-Train Festival
11.–14. September 2025
U. a. mit folgenden Acts im Jazzit: Kronos Quartett, Akua Naru, DJ Krush, Moses Yoffee Trio, Koeniglollipop, Coco Maria, Mel*E
Jazzfestival Saalfelden
21.–24. August 2025
Über 60 Konzerte, davon rund 40 frei zugänglich – insgesamt etwa 184 Künstler:innen aus 26 Ländern
summer.jazz.in.the.city
25. Juni – 27. August 2025
Jeden Mittwoch um 20.15 Uhr im Merangarten Bad Gastein (bei Schlechtwetter im Wiener Saal des Grand Hotel de l’Europe). Freier Eintritt!
Sägewerk Jazzherbst „New York City”
8.–12. Oktober 2025
Jazz im Sägewerk, Bad Hofgastein
www.jazz-im-saegewerk.org
Jazz&TheCity: „The City sounds together“
Ein Festival für Jazz, Global Groove und Electronic Music
16.–19. Oktober 2025
Pre-Opening: 15. Oktober in diversen Lokalen der Altstadt Salzburg. Eintritt frei!
Einfach hingehen und genießen!







