„Kinder sind von Natur aus Forscher und Forscherinnen“

Die Welt entdecken, Fragen stellen, ausprobieren und auch einmal scheitern: Christine und Caroline Neudecker wollen Kindern genau das ermöglichen. Mit der Spürnasenecke bringen sie Naturwissenschaft und Technik bereits in den Kindergarten, mit Spürnasen Primary geht das Konzept in die Volksschule. Im Projekt Co-CreART verbinden sie Wissenschaft mit Kunst, Kreativität und Nachhaltigkeit. Im Gespräch erzählen die Schwestern, warum Neugier eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen ist, was Erwachsene von Kindern lernen können und warum ein Stück Rinde manchmal mehr bewirken kann als ein fertiger Experimentierkasten.

Text: Doris Thallinger | Fotos: wildbild, www.kaindl-hoenig.com

Wie ist die Idee der Spürnasenecke entstanden?

Caroline: Die ersten Anfänge gehen auf unsere Kollegin Bernadette Federspieler zurück. Sie war damals Kindergartenpädagogin und wurde vom Zentrum für Kindergartenpädagogik angefragt, Fortbildungen zum Thema Natur und Technik anzubieten. Gerade war der neue Bildungsrahmenplan erschienen, in dem diese Themen auch im Kindergarten stärker verankert wurden.

Naturwissenschaft und Technik waren in der Ausbildung der Kindergartenpädagoginnen und -pädagogen damals noch wenig vertreten. Bernadette hatte deshalb die Idee, kleine Labore zu schaffen, in denen Kinder selbst forschen können. Mit Unterstützung von Sponsoren wurde daraus die Spürnasenecke.

Gemeinsam mit Wirtschaft und Politik konnten wir mittlerweile mehr als 100 Kindergärten in Salzburg ausstatten – inzwischen gibt es die Spürnasenecke auch in anderen Bundesländern.

Und irgendwann kam die Volksschule dazu.

Caroline: Genau. Die Frage war irgendwann: Was kommt nach dem Kindergarten? Gerade aus der Wirtschaft kam immer wieder der Wunsch, auch die Volksschule zu erreichen.

Ich bin außerdem in der LehrerInnenbildung tätig und habe dort ebenfalls immer wieder gehört: „Da wäre etwas Tolles für die Volksschule gefragt.“

Rund um die Covid-Zeit haben wir dann gesagt: Jetzt machen wir es. Wir haben Spürnasen Primary entwickelt – speziell angepasst an den Sachunterricht und an den schulischen Kontext. Das Grundprinzip bleibt: Kinder sollen selbst ausprobieren, beobachten, Fragen stellen und Lösungen finden. Aber die Didaktik ist auf die jeweilige Altersgruppe abgestimmt.

Caroline Neudecker

Christine Neudecker

Warum liegt euch dieses Thema persönlich so sehr am Herzen?

Christine: Wir waren von klein auf natur- und technikbegeistert. Später haben wir beide Biologie studiert, Caroline zusätzlich Lehramt und ich Biologie und Geoinformatik. Dabei haben wir erlebt, dass Frauen in naturwissenschaftlichen Fächern früher noch stärker unterrepräsentiert waren. Deshalb möchten wir auch Berührungsängste abbauen und zeigen, was alles möglich ist.

Gerade bei Kindern ist das noch gar kein Thema. Sie fragen einfach: Warum ist der Himmel blau? Wie kommen die Löcher in den Käse? Warum ist der Regenbogen bunt? Diese Begeisterung ist da. Unser Ziel ist, diese Neugier zu erhalten und Naturwissenschaft und Technik möglichst niederschwellig zugänglich zu machen.

Warum ist gerade das Kindergartenalter dafür so wichtig?

Caroline: Je früher, desto besser. In diesem Alter sind diese naturwissenschaftlichen Kanäle bei den Kindern einfach geöffnet. Sie stellen ständig Warum-, Was- und Wieso-Fragen. Das Entscheidende ist, wie wir darauf reagieren.

Es bringt einem Kind nichts, wenn man ihm aus einem Lexikon eine Seite vorliest. Man muss die Antwort kindgerecht zugänglich machen. Genau da kommt die Didaktik ins Spiel. Und das gilt auch für Pädagoginnen und Pädagogen: Nicht jeder ist von Haus aus naturwissenschaftlich oder technisch affin. Deshalb wollen wir ihnen das Handwerkszeug geben, mit dem sie solche Fragen aufgreifen können.

Wie sieht dieses Forschen konkret aus?

Christine: Es geht nicht darum, den Kindern einfach einen spektakulären Wow-Effekt hinzustellen. Viel wichtiger ist, dass aus einer Beobachtung eine Fragestellung entsteht. Das Kind entwickelt eine Hypothese und überlegt: Wie kann ich herausfinden, ob sie stimmt?

Ein ganz einfaches Beispiel ist: Ein Kind nimmt einen Stein und fragt sich, ob er durch eine bestimmte Öffnung passt. Das ist bereits Geometrie. Es probiert es aus und kommt durch diesen Versuch selbst zu einer Erkenntnis. Was man selbst herausfindet, verinnerlicht man.

Gibt es ein Experiment, das bei Kindern immer funktioniert?

Caroline: Ein Blick durchs Mikroskop ist immer wieder herzerwärmend. Wenn die Kinder die ersten Handgriffe gelernt haben und plötzlich diesen Mikrokosmos sehen, kommt dieses „Wow“. Danach suchen sie alles Mögliche, was sie untersuchen können – einen Insektenflügel, etwas vom Fensterbrett oder sogar den Schaum vom Seifenspender.

Auch die UV-Lampe ist bei den Kindern sehr beliebt. Mit ihr kann man zum Beispiel verborgene Elemente im österreichischen Reisepass sichtbar machen. Das hat etwas von Detektivarbeit.

Und auch Roboter kommen sehr gut an. Im Kindergarten arbeiten wir mit einem einfachen Roboter, der über Bausteine programmiert wird. In der Volksschule gibt es dann komplexere Möglichkeiten. Die Kinder erleben dabei, dass Programmieren gar nicht so abstrakt sein muss.

Wie wichtig ist dabei die Verbindung von analog und digital?

Caroline: Sehr wichtig. Im Kindergarten haben wir bewusst auf Tablets verzichtet. In der Volksschule setzen wir digitale Werkzeuge gezielt ein – auch im Vergleich mit analogen Möglichkeiten. Wir haben zum Beispiel eine Wetterstation mit einer Spürnasen-App. Die Kinder können Messungen durchführen und diese mit einem normalen Thermometer vergleichen. Dabei entdecken sie selbst die Vor- und Nachteile beider Möglichkeiten.

Christine: Wir haben ein Augmented-Reality-T-Shirt, mit dem man den menschlichen Körper erkunden kann. Gleichzeitig gibt es einen klassischen anatomischen Torso. Es kann durchaus spannender sein, einen Lungenflügel selbst herauszunehmen und anzuschauen, als nur auf einem Tablet herumzuklicken. Uns geht es deshalb nicht um digital gegen analog, sondern darum, beides sinnvoll einzusetzen.

Was können Eltern tun, damit die Neugier ihrer Kinder erhalten bleibt?

Christine: Fragen nicht unbeantwortet lassen – oder zumindest versuchen, gemeinsam eine Antwort zu finden. Man kann heute vieles nachschauen, genauso wichtig ist aber der Diskurs mit dem Kind. Einfach einmal sagen: „Schau, der Himmel schaut heute cool aus.“ Oder gemeinsam überlegen, warum etwas so ist.

Caroline: Man muss nicht immer gleich mit einem fertigen Forscherkit anfangen. Ich finde einfache Dinge oft viel spannender. Wenn ein Kind beim Waldspaziergang ein Stück Rinde aufhebt, würde ich nicht sagen: „Leg das weg, du wirst schmutzig.“ Ich würde es sammeln lassen und schauen, was daraus entsteht.

Christine: Kinder sind unglaublich gute Beobachterinnen und Beobachter. Man sollte ihnen Raum geben, Dinge selbst zu ordnen und zu entdecken.

Das heißt auch: Erwachsene müssen nicht immer sofort die richtige Antwort liefern?

Caroline: Genau. Sie müssen auch keine Angst haben, etwas nicht zu wissen. Man kann gemeinsam überlegen. Das ist eine schöne Form des Lernens.

Wie wichtig ist es, dass beim Experimentieren auch einmal etwas nicht funktioniert?

Caroline: Beides ist wichtig. Gerade am Anfang empfehlen wir Pädagogen und Pädagoginnen, mit Experimenten zu beginnen, die sie selbst vorher ausprobiert haben und die funktionieren. Kinder brauchen zunächst Erfolgserlebnisse und die Erfahrung: Ich kann das. Aber natürlich darf später eine Hypothese verworfen werden. Genau das ist Wissenschaft. Wenn wir mit älteren Kindern arbeiten, öffnen wir die Fragestellungen immer stärker. Wir können zum Beispiel sagen: „Beweise mir, dass Luft nicht nichts ist.“ Dann steht ein Tisch voller Materialien da und die Kinder müssen selbst herausfinden, wie sie das beweisen können. Oder wir bauen einen Flugsamen nach, wie er vom Ahornbaum herunterfliegt. Dann wird daraus ein richtiges Experiment: Wie muss ich den Flügel verändern, damit das Modell länger in der Luft bleibt? Wenn es schnell abstürzt, wird umgebaut und neu probiert.

Christine: Genau das ist der Forschungskreislauf: Hypothese, Versuch, Ergebnis, Schlussfolgerung – und daraus kann wieder eine neue Fragestellung entstehen.

Welche Fähigkeiten lernen Kinder dabei, die über MINT hinausgehen?

Caroline: Teamfähigkeit zum Beispiel, weil viele Versuche in Kleingruppen stattfinden. Problemlösungsdenken, Kreativität und Innovationsfähigkeit. Die Kinder müssen überlegen: Wie könnte ich ein Problem anders lösen? Deshalb ist MINT für uns auch nie nur MINT. Es geht in Sprache hinein, in Kreativität, in Kunst und in viele andere Bereiche.

Damit sind wir bei Co-CreART. Was steckt hinter diesem Projekt?

Caroline: Co-CreART ist ein co-kreatives Projekt der Universität Mozarteum und der interuniversitären Einrichtung Wissenschaft und Kunst, angesiedelt am Mozarteum und an der Paris-Lodron-Universität Salzburg. Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie wir mit der Komplexität unserer Welt umgehen können – speziell mit Themen wie Nachhaltigkeit und Klimawandel. Für manche dieser Herausforderungen reichen klassische Methoden vielleicht nicht aus. Wir brauchen auch Out-of-the-box-Denken und kreative Prozesse.

Christine: „Co-kreativ“ bedeutet dabei nicht nur Kreativität, sondern auch Kooperation. Im Projekt arbeiten Künstlerinnen und Künstler, Schülerinnen und Schüler, Studierende und Menschen mit der Lebenshilfe. Wir bringen unterschiedliche Zugänge und Denkweisen zusammen und schauen, ob daraus neue Herangehensweisen oder sogar Lösungen entstehen.

Was kann Kunst, was klassische Naturwissenschaft vielleicht nicht kann?

Caroline: Kunst kann einen anderen Zugang zu komplexen Fragestellungen schaffen. Gerade Menschen, die nicht sofort einen Zugang zu Technik oder Naturwissenschaft haben, können über Kreativität und persönlichen Bezug einen Einstieg finden.

Das gilt übrigens nicht nur für Mädchen. Wir sprechen oft darüber, wie man Mädchen für MINT begeistern kann. Aber eigentlich geht es darum, allen Menschen unterschiedliche Zugänge zu ermöglichen.

Stichwort Mädchen und MINT: Wo und wann entstehen die Unterschiede im Interesse von Buben und Mädchen?

Christine: Im frühen Kindesalter kann man beim naturwissenschaftlichen Interesse eigentlich keine Unterschiede zwischen Mädchen und Buben feststellen. Die Kinder sind einfach neugierig.

Später kommen gesellschaftliche Rollenbilder dazu. Pädagoginnen und Pädagogen sind heute glücklicherweise sehr sensibilisiert und achten darauf, Kinder nicht in stereotype Rollen zu drängen.

Ich glaube aber, dass die Gründe für die späteren Unterschiede viele Facetten haben. Bei Mädchen kann beispielsweise die soziale Komponente ein wichtiger Zugang sein: Wenn sie erkennen, dass eine technische oder naturwissenschaftliche Lösung anderen Menschen hilft, kann das die Motivation stärken.

Wenn ihr das österreichische Bildungssystem verändern könntet: Was würdet ihr tun?

Caroline: Ein großes Thema wäre für mich, stärker auf die Interessen und Stärken der Kinder aufzubauen und nicht immer nur auf ihre Schwächen. Warum muss ich mich am intensivsten mit einem Fach beschäftigen, in dem ich am schlechtesten bin?

Ich würde mir außerdem mehr fächerübergreifendes und altersübergreifendes Lernen, offenere Lernformen und kleinere Gruppen wünschen. Dafür braucht es auch mehr Ressourcen und zusätzliches Personal, damit Pädagoginnen und Pädagogen mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit mit den Kindern haben und weniger administrative Belastung.

Ihr arbeitet als Schwestern sehr eng zusammen. Wie funktioniert das?

Christine: Es ist ein kreativer Prozess, der sich im Gespräch entwickelt. Wir ergänzen uns sehr gut. Das würde wahrscheinlich auch funktionieren, wenn wir nicht verwandt wären.

Caroline: Ich stehe beispielsweise gerne vorne bei Fortbildungen und rede, während Christine sehr stark im Hintergrund arbeitet. Sie hat enorme Design- und Computerkenntnisse. Dadurch kommen wir uns nicht in die Quere, sondern können uns gegenseitig Dinge abnehmen, die die andere vielleicht weniger gerne macht.

Was wünscht ihr euch für die Zukunft?

Caroline: Bei der Spürnasenecke ist unser Wunsch sehr konkret: Wir würden gerne erreichen, dass Spürnasen Primary in Salzburg möglichst flächendeckend an Volksschulen kommt. Wir haben mittlerweile auch Standorte in Kärnten und Vorarlberg und freuen uns über jedes weitere Bundesland. Aber unser Herz liegt natürlich in Salzburg. Dafür brauchen wir weiterhin Unterstützung aus der Wirtschaft und gerne auch aus der Politik. Die Finanzierung funktioniert über Sponsoren und Förderungen, die einen konkreten Standort ausstatten.

Christine: Bei Co-CreART wäre unser Wunsch, dass das Labor und die dort entstandenen Ansätze auch nach dem Projekt weiterwachsen. Das Schöne daran ist ja gerade, dass wir nicht etwas fertig entwickeln und es Jugendlichen vorsetzen. Es entsteht gemeinsam mit Jugendlichen, Studierenden und Menschen mit unterschiedlichen Zugängen. Diese Verbindung über Altersgruppen und Denkweisen hinweg ist etwas, das wir unbedingt weiterführen möchten.

Caroline: Und vielleicht wäre es auch spannend, die Spürnasen irgendwann für größere Kinder weiterzuentwickeln. Die Inhalte wären dafür durchaus adaptierbar.

Was sollen Kinder niemals verlernen?

Caroline: Neugierig zu sein.

Christine: Und Fragen zu stellen.

Caroline: Genau. Denn wenn eine Frage beantwortet ist, kann daraus schon die nächste entstehen. Und das ist eigentlich das Schöne am Forschen – und am Leben.