„In der Wüste fallen alle Masken“

Wie aus einer Wüstenidee ein außergewöhnliches Expeditionsformat
wurde – und warum die Namib für viele Frauen zum Ort radikaler Klarheit wird.
Sonja Piontek im Interview
Text: Doris Thallinger   Fotos: Charlotte Kreft

Sonja Piontek

Wie entstand die Idee zur Namib Desert Expedition?

Namibia begleitet mich schon lange. Im Jahr 2020 habe ich im Rahmen meines National-Geographic-Buchs über Namibia viel Zeit in der Wüste verbracht. Dort entstand die Idee zu einem Experiment: Ist es möglich, die Namib-Wüste zu Fuß zu durchqueren?

2023 haben wir den ersten Versuch gewagt – gemeinsam mit 17 Frauen aus 14 Nationen. Zusammen mit meinem lokalen Partner hatte ich die Expedition so ausgearbeitet, dass wir eine realistische Chance auf Erfolg hatten.

Wir sind mit dem klaren Ziel gestartet, die Wüste zu durchqueren, allerdings ohne Garantie. Als wir nach fünf langen und herausfordernden Tagen tatsächlich angekommen sind, hatten wir etwas geschafft, das zuvor niemand versucht hatte. Ich habe damals lediglich ein oder zwei Beiträge auf Facebook veröffentlicht. Die Resonanz war überwältigend.

In diesem Moment wurde mir klar, dass es ein echtes Bedürfnis gibt. Viele Frauen sehnen sich danach, sich selbst eine solche außergewöhnliche Erfahrung zu ermöglichen. Ursprünglich war die Expedition als einmaliges Projekt gedacht. Das Feedback war jedoch so stark, dass ich beschlossen habe, daraus ein dauerhaftes Format weiterzuentwickeln.

Wer sind die Frauen, die an der Expedition teilnehmen?

Es sind Frauen, die ganz bewusst sagen: „Jetzt bin ich dran.“ Viele von ihnen haben bereits viel erreicht und führen von außen betrachtet erfolgreiche und erfüllte Leben. Gleichzeitig haben sie auf ihrem Weg häufig den Fokus stärker auf andere Menschen als auf sich selbst gelegt. Oft befinden sie sich an einem Wendepunkt ihres Lebens. Was sie verbindet, ist die bewusste Entscheidung, sich selbst wieder Raum zu geben und das nächste Kapitel ihres Lebens aktiv zu gestalten.

Wonach suchen diese Frauen in der Wüste?

Viele suchen nach Klarheit, nach Antworten oder nach innerer Stärke. Manche kommen mit einem sehr konkreten Anliegen. Sie möchten etwas loslassen, eine Entscheidung treffen oder neue Orientierung finden. Andere können den Sog gar nicht genau benennen. Sie spüren lediglich intuitiv, dass diese Reise genau das Richtige für sie ist. Interessanterweise berichten viele Teilnehmerinnen schon vor der Expedition, dass sie vom ersten Moment an wussten: Das ist die Reise meines Lebens.

Warum gelingt diese Begegnung mit sich selbst gerade in der Wüste?

Die Wüste schenkt etwas, das wir in unserem Alltag kaum noch finden: unendliche Weite und echte Stille. Gleichzeitig fordert sie uns heraus. Sie lässt wenig Raum für Ablenkung und verlangt Ehrlichkeit – vor allem sich selbst gegenüber. In dieser Umgebung fallen die Masken, die wir im Alltag tragen. Hinzu kommt die besondere Dynamik der Gruppe. Die Sisterhood schafft einen sicheren Raum, in dem jede Frau einfach sie selbst sein darf.

Was war dein prägendstes Erlebnis der bisherigen Expeditionen?

Für mich ist es kein einzelner Moment. Es sind die vielen Augenblicke, in denen Frauen den Glauben an sich selbst zurückgewinnen. Wenn sie plötzlich eine Stärke in sich entdecken, die ihnen noch nie bewusst war. Wenn Durchbrüche entstehen, die ihr Leben nachhaltig verändern. Diese Entwicklungen begleiten zu dürfen, erfüllt mich mit großer Dankbarkeit.

Und was war dein persönlich schönster Moment in der Namib?

Die Wüste schenkt immer wieder Momente, die sich kaum beschreiben lassen. In diesem Jahr hatten wir einen außergewöhnlichen Lichtbogen am Himmel. Dazu kommen die Nächte unter dem Sternenhimmel. Millionen funkelnder Sterne, die Milchstraße in einer Klarheit, wie man sie nur an wenigen Orten der Welt erleben kann. Am Ende sind es die vielen besonderen Begegnungen mit der Natur, die bleiben. Diese tiefe Verbundenheit – mit der Erde und dem ganzen Universum.