Im Spiegel der Mythen:
Vivaldi trifft Ovid in Hotel Metamorphosis
Hotel Metamorphosis ist ein vielschichtiges Kunstwerk, das Musik, Theater, Video und Performance zu einem atmosphärischen Gesamterlebnis verbindet. Ein faszinierendes Pasticcio, das die antiken Mythen Ovids mit der barocken Musiksprache Antonio Vivaldis vereint.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus
Hotel Metamorphosis ist ein szenisches Pasticcio – ein Werk, das aus bereits existierenden musikalischen und literarischen Elementen neu komponiert und arrangiert wurde. In diesem Fall sind es die Verwandlungsgeschichten aus Ovids Metamorphosen, die mit der barocken Musik Antonio Vivaldis zu einem neuen, eigenständigen Stück verwoben werden.
Regisseur Barrie Kosky und sein Team haben diese Form gewählt, um die Vielfalt und Fragmentierung der antiken Mythen zu spiegeln. Anstelle einer durchgängigen, linearen Handlung entsteht ein kaleidoskopisches Panorama verschiedenster Figuren und Situationen, die das Thema der Metamorphose – des Wandels und der Identitätssuche – aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten.
Unter Koskys Regie und der musikalischen Leitung von Gianluca Capuano präsentiert sich Hotel Metamorphosis so als brillantes Gesamtkunstwerk, das Antike und Barockmusik in einer modernen, fast schon surrealen Erzählwelt zusammenführt.
Die Grundidee, die Verwandlungsgeschichten Ovids in das Setting eines zeitlosen Hotels zu verlegen, erweist sich dabei als genialer Kunstgriff. Barrie Kosky entwirft gemeinsam mit Bühnenbildner Michael Levine eine Welt, die zwischen Realität und Traum schwebt. Die Räume wirken zugleich elegant und entrückt, beinahe klinisch in ihrem Purismus. Ein riesiger Flatscreen und Videoprojektionen fügen eine zusätzliche Ebene von Virtualität und Illusion hinzu.
Diese Kombination spiegelt das zentrale Thema der Metamorphose – das Sich-Verwandeln und Sich-Verlieren in anderen Identitäten – auf eindrückliche Weise wider. Figuren wie Arachne, die sich in eine Spinne verwandelt, Echo, die in eine Stimme zersplittert, oder Narcissus, der sich in sein eigenes Spiegelbild verliebt und schließlich in eine Blume verwandelt wird, erhalten hier eine neue Dimension. Das Hotel wird zum Symbol eines Gefängnisses – und zugleich zur Bühne der Selbstinszenierung.
Barocke Virtuosität
Antonio Vivaldi bildet mit seinen Arien und Instrumentalstücken das musikalische Zentrum des Abends. Seine Musik ist das emotionale und dramaturgische Rückgrat der Inszenierung. Sie macht die antiken Verwandlungsmythen unmittelbar fühlbar, indem sie in jeder Phrase die Zerbrechlichkeit und Kraft der menschlichen Psyche hörbar werden lässt.
Facettenreiche Charaktere
Cecilia Bartoli zeigt sich sowohl als Arachne als auch als Eurydice in stimmlicher Hochform und beeindruckt mit starker Bühnenpräsenz. Ihre Stimme ist wandlungsfähig, von schimmernd zart bis dramatisch aufgeladen – ganz wie ihre Figuren.
Lea Desandre glänzt in gleich drei Rollen (Echo, Statua, Myrrha) und beweist dabei eindrucksvoll ihre stimmliche Vielseitigkeit und Ausdruckskraft. Mit ihrem unverwechselbaren Timbre verleiht sie der Zerbrechlichkeit und Sehnsucht ihrer Figuren besondere Tiefe. Auch Nadezhda Karyazina bringt als Minerva, Juno und Nutrice Würde und Präsenz auf die Bühne, während Philippe Jaroussky in der Doppelrolle Narcissus/Pygmalion mit klarer Countertenorstimme gleichermaßen Verletzlichkeit wie Selbstbezogenheit verkörpert.
Schauspielerin Angela Winkler verleiht dem Abend als Orpheus eine poetisch-philosophische Ebene und führt das Publikum durch die vielfach verwobenen Geschichten Ovids.
Visionäre Inszenierung
Kosky gelingt es, mit Witz, Tiefgang und visueller Poesie einen Abend zu gestalten, der gleichermaßen intellektuell anregt wie emotional berührt. Die Verschmelzung von Ovids Mythenwelt mit der Kraft barocker Musik macht Hotel Metamorphosis zu einem einzigartigen Erlebnis – und zu einem, das lange nachklingt.
„Alles ist in Verwandlung – wir, die Musik, der Raum.“
Mit Hotel Metamorphosis präsentieren die Salzburger Festspiele diesen Sommer ein fulminantes Vivaldi-Pasticcio in zeitgenössischem Gewand. Mitten im Geschehen: die französisch-italienische Mezzosopranistin Lea Desandre. Im Gespräch erzählt sie von ihrer tiefen Verbindung zu Salzburg, der Faszination für Vivaldi – und der Kraft einer Kunst, die Körper, Stimme und Seele fordert.
Text: Doris Thallinger
Fotos: James Bort, Salzburger Festspiele/Monika Rittershaus
Sie sind diesen Sommer bei den Salzburger Festspielen in Hotel Metamorphosis zu erleben – was hat Sie an diesem außergewöhnlichen Projekt gereizt?
Einfach alles! Und, dass ich zum achten Mal hintereinander wieder in Salzburg sein kann. Hier inspirieren mich die Natur und die Musik. Beides ist sehr wichtig für mich. Und natürlich das Ensemble und das Team mit vielen Weggefährtinnen und -gefährten. Cecilia Bartoli ist für mich wie eine große Schwester. Mit ihr habe ich schon mehrmals Konzerte gegeben und Studioaufnahmen gemacht. Aber bisher noch keine gemeinsame Bühnenproduktion. Der Regisseur Barrie Kosky, mit dem ich 2019 die Zusammenarbeit für Orphée aux Enfers von Jacques Offenbach so genossen habe, und der mit mir heuer um einiges komplexere Charaktere einstudiert hat. Philippe Jaroussky – mit dem ich schon als Studentin vor über 20 Jahren gemeinsam gesungen habe. Und nicht zu vergessen: Antonio Vivaldi, er hat meine Studienzeit in Venedig geprägt.
Wie unterscheidet sich diese Arbeit an diesem Projekt von klassischeren Opernproduktionen?
Anders als bei klassischen Produktionen, waren wir alle fast von Beginn an in die gesamte Entwicklung eingebunden. Das war nur möglich, weil wir bei diesem Pasticcio gänzlich neu denken konnten, es neu erfunden haben. Eine ganz neue Zusammenstellung von Arien und Musikstücken.
Wie haben Sie sich persönlich und stimmlich auf Ihre Rolle in Hotel Metamorphosis vorbereitet?
Diese Produktion erfordert viel Körpereinsatz und eine gute Kondition. Dass ich in einige Tanzszenen eingebunden sein werde, wusste ich bereits vorab. Von den Arien hatte ich etwa die Hälfte schon in meinem Repertoire. Trotzdem habe ich sie neu einstudiert, weil sich meine Stimme laufend weiterentwickelt.
Welche Rolle spielte das Bühnenbild bzw. das Konzept „Hotelzimmer“ für Ihre Interpretation?
Das Bühnenbild und das Hotelzimmer selbst verändern sich stetig, sie sind – wie unsere Figuren – auch in Verwandlung, in Metamorphose. Wir haben uns mit dem Bühnenbild, dem Raum schnell vertraut gemacht, fühlen uns darin wohl und können ihn jetzt in den verschiedenen Rollen zur Gänze nutzen.
Gibt es einen Moment in Hotel Metamorphosis, der Sie emotional besonders berührt?
Ein besonders bewegender Moment ist mein allererster Auftritt. Ich komme lautlos auf die Bühne, während der Chor das „Gemiti e lagrime” aus Dorilla in Tempe zu singen beginnt. Die Scheinwerfer sind voll aufgedreht, blenden uns wie ein Lichtstrahl vom Himmel. Die Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich zum klagenden Rhythmus der Musik. Und ich schaue auf diese Menschen, diese Künstlerinnen und Künstler, die sich in den Dienst der Kunst, der Schönheit und der Gefühle stellen; sie kommen aus unterschiedlichen Lebenswelten und haben sich zusammengefunden, um etwas Gemeinsames zu erschaffen. Etwas, das sich auf einer höheren Ebene, als sie selbst bewegt. Und dann sage ich zu mir: Was hab ich für ein Glück, dass ich diese Passion ausleben darf.
Welche der Figuren, die Sie verkörpern, hat Sie besonders angesprochen? Gibt es eine Arie oder Rolle in Hotel Metamorphosis, die Ihnen besonders nahegeht? Warum?
Ich liebe alle meine drei Rollen. Sie sind so unterschiedlich, und das entspricht genau dem, was Barrie Kosky mit seiner Inszenierung geschaffen hat. Mit einer heiteren Tanzeinlage beginne ich in der Figur der Statua. Myrrha, die zweite, ist von ihren Gefühlen überwältigt und innerlich zerrissen. Diese Rolle ist die größte Herausforderung, weil sie körperlich und stimmlich sehr anspruchsvoll ist. Und schließlich die Figur der Echo, die ist frech und unberechenbar, so, als ob kleine Kobolde in ihrem Kopf herumspuken würden!
Was fasziniert Sie persönlich an der Musik von Antonio Vivaldi?
Seine Musik ist kontrastreich, sehr sanglich und voller Dramatik. Es ist eine Musik für die Sinne, die Naturgewalten und Gefühle auszudrücken weiß. Ich habe mich während meiner Studienzeit in Venedig bei Sara Mingardo näher mit dieser Musik beschäftigt. In dieser Stadt begegnet einem Antonio Vivaldi buchstäblich an jeder Ecke.
Was möchten Sie dem Publikum mitgeben – aus Vivaldis Musik, aber auch aus dieser besonderen Produktion? Gibt es eine zentrale Botschaft oder Stimmung, die Sie transportieren wollen?
Oper ist für mich ein Ort der Gemeinschaft, an dem wir uns sicher und frei fühlen, wo wir unseren Gefühlen freien Lauf lassen können. Die Oper bietet auch einen Raum, in dem wir gesellschaftliche Normen kurz ablegen dürfen: Es ist erlaubt zu weinen, zu lachen und für ein paar Stunden mit Menschen, die wir nicht kennen, ein Gefühl der Verbundenheit zu spüren.






