Gesellschaft & Kultur

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Ich vermisse das Spotlight!

Text: Doris Thallinger

Fotos: Fotos: Andre te images, www.kaindl-hoenig.com

Im Salzburger Irish Pub Shamrock hatte Sharron Levy vor 10 Jahren ihre ersten Auftritte in Salzburg. Wir haben die Sängerin mit israelischen Wurzeln im Kult-Lokal getroffen und sprachen mit ihr über ihre Teilnahme bei „The Voice of Germany“, ihren Umzug von London nach Salzburg und ihre Herzensprojekte.

Haifa, Tel Aviv, London, Salzburg – du bist schon weit herumgekommen. Wie hat es dich schlussendlich nach Salzburg verschlagen?
Ich bekomme diese Frage oft gestellt – von Tel Aviv nach Salzburg, das ist nicht der ganz normale Weg. Für meine Schulausbildung bin ich schon früh nach Großbritannien gezogen, aber ich war nie verliebt in dieses Land. Ich habe immer gewusst, irgendwann möchte ich woanders leben. Dann habe ich – vor vielen Jahren – ein Konzert in Leogang gespielt. Ich kann mich so gut erinnern, es war im April, es hatte über 20 Grad, auf den Bergen lag noch Schnee. Ich hatte davor noch nie Berge gesehen – außer im Film „Heidi“. Ich habe mich sofort verliebt, auch in den Lifestyle der Menschen hier. Die Leute sind draußen, egal wie das Wetter ist: „There is no bad weather, there is just bad clothes“. Das gefällt mir sehr – es ist ähnlich wie in Israel.

Aber du hast nun hier in Salzburg, in Bad Hofgastein deinen Lebensmittelpunkt gefunden?
Absolut. Meine Familie lebt in Israel, das macht mich natürlich schon traurig, denn hier in Salzburg liebe ich es, dass der Fokus so stark auf der Familie liegt. Auf Familie und Essen! (lacht) Es erinnert mich an meine Kindheit in Israel, wenn sich alle an einem Tisch zum Kaffeetrinken treffen und alle gleichzeitig reden; das ist wie ein Flashback in die 1980er.

Wie lebt es sich im Salzburger Land, wenn man zuvor in den großen Metropolen gelebt hat?
Ich lebe in Hofgastein, das ist ein kleines Dorf. Auch Salzburg ist für mich ein großes Dorf, keine „Big City“! Es ist ein ganz anderes Leben. In London war ich sehr einsam. Du hast zwar immer viele Leute rund um dich, du bist einfach nie allein. Und gleichzeitig ist es sehr einsam, weil alle ihr eigenes Leben, eigene Probleme, eigene Gedanken haben. Natürlich grüßt sich auch niemand, da gibt es kein: „Grias di! Pfiat di! Servus!“ Ja, der Unterschied ist groß, aber in dem Alter, in dem ich jetzt bin, passt das Leben hier perfekt für mich. Mit 20 will man wahrscheinlich nicht jeden Samstag auf dem Balkon sitzen und Cappuccino trinken.

„Und dann ist ‚The Voice of Germany‘ passiert.“

Sharron Levy

Was waren bislang, deine Musik-Karriere betreffend, die wichtigen Stationen in deinem Leben?
Ich denke zurück an das Jahr 2010, als ich nach Salzburg gekommen und in eine WG in Aigen gezogen bin. Nachdem ich drei Wochen hier war, habe ich das Shamrock angeschrieben: „Ich bin eine Musikerin aus London.“ Ich wollte unbedingt spielen. Gleichzeitig habe ich mich bei Ikea beworben und gesagt: „Ich kann auf Deutsch putzen“. Tatsächlich konnte ich damals gar kein Deutsch sprechen. Jedenfalls habe ich angefangen, bei Ikea zu arbeiten und mir tatsächlich gedacht, meine Musik-Karriere liegt jetzt endgültig hinter mir. Ich war 32 Jahre alt, neu in der Mozartstadt – was soll ich hier mit Rock’n’Roll? Und dann ist „The Voice of Germany“ passiert.

Was heißt „passiert“?
Eine Freundin hat mir von dieser Casting-Show erzählt. Wir haben aber sehr wenig darüber gewusst, weil es diese Formate damals erst in den USA und den Niederlanden gab. Die Idee der Blind Audition, dass du in Flip Flops und Pyjama singen und trotzdem weiterkommen kannst, hat mir gut gefallen. Darum habe ich einfach mitgemacht! Ich hab mir gedacht, das wird ohnehin ein Flop! Aber dann ist es wirklich losgegangen. Es hat natürlich geholfen, dass es die erste Staffel war und Nena hat mir sehr geholfen, die mich jede Woche eine Runde weiter mitgenommen hat. Was hat es schließlich für mich bedeutet? Meine Karriere hat dadurch nicht angefangen: Ich habe eigentlich das gleiche wie immer gemacht – nur ich wurde plötzlich dafür bezahlt. Schon in Großbritannien war ich immer Musikerin, war immer mit meiner Band unterwegs, aber, um Geld zu verdienen, habe ich in einem Nine-to-five Job gearbeitet. Danach rein in den Mini-Bus, irgendwo ein Konzert spielen – für drei Euro, wenn wir Glück hatten. Insofern war „The Voice of Germany“ eine sehr wichtige Station!

Nena hat dich immer sehr unterstützt und auch nach „The Voice“ warst du mit ihr auf Tour…
Ja, 50 Konzerte waren es. 50 Mal bin ich auf der Nena Bühne gestanden, 50 Mal hab ich 99 Luftballons gehört und die Reaktion der Leute schon bei den ersten Tönen genossen. Das war immer Gänsehaut pur. Was viele nicht wissen: Ich war 2018 auch mit Bonnie Tyler auf Tournee, das war der Hammer. Wir haben 22 Konzerte in ganz Deutschland in einem Monat gespielt. Bonnie Tyler ist unglaublich, sie spricht tatsächlich, wie sie singt! Sie ist genau so, wie man sie sich vorstellt. Die Tournee mit Bonnie Tyler war ganz anders als mit Nena. Nena hat ein großes Team, viele Monitors, alles läuft sehr genau geplant ab. Und Bonnie Tyler ist der 1970er: keine In-Ears, eine kleine Band, der Backstage-Bereich ist sehr einfach gehalten: Aber es stand immer Jack Daniel‘s am Tisch!

„START MUSIC ist durch meine kleine Tochter inspiriert.“

Sharron Levy

Auch abseits der Konzertbühnen beschäftigst du dich mit Musik: Mit Musik und Kindern…
Dieses Projekt START MUSIC ist durch meine kleine Tochter inspiriert, so wie alle meine Songs immer von meinem Leben inspiriert werden. Und jetzt habe ich halt ein Baby – also eigentlich ist sie schon eineinhalb Jahre alt. Angefangen hat es damit, dass ich oft nach Liedern für sie gesucht habe. Und wenn ich nichts Passendes gefunden habe, habe ich eben selbst eines geschrieben, wie zum Beispiel „Pop the Bubble“. Das Lied ist schon „viral in the village“. Ich glaube, in Hofgastein kennt es jeder! Mittlerweile bin ich bei neun Kinderliedern, die ich selbst geschrieben habe. Daraus ist das Projekt START MUSIC Babys entstanden, für Null- bis Zweijährige, die so erste Erfahrungen mit Musik machen. Sie können zwar noch nicht mitmachen, aber sie bekommen viel mit – das merke ich, sobald ich singe. Darauf folgt START MUSIC Kids für Zwei- bis Vierjährige, bei dem die Kleinen schon fleißig mitmachen können.

Worauf konzentrierst du dich im Moment? Was sind deine weiteren Pläne?
Im Moment ist es schwierig zu planen, im Bereich der Konzerte ist es situationsbedingt sehr ruhig. Musik ist und bleibt mein Leben, ich gebe auch Einzelunterricht für Kinder ab 6 Jahren, was gerade jetzt, in dieser Zeit sehr gefragt ist. Aber natürlich hoffe ich, dass ich bald wieder auf der Bühne stehe! Ich vermisse das Spotlight.

ZUR PERSON Sharron Levy:

Am 17. November 1977 in Haifa geboren, wächst Sharron Levy in Tel Aviv und London auf. 2010 findet sie ihren Lebensmittelpunkt in Salzburg und lebt heute in Bad Hofgastein. Schon früh zeigt sich ihre Leidenschaft für Musik, bereits in London gründet sie mehrere Bands, mit denen sie auf der Bühne steht und ihre eigenen Songs spielt. 2011 nimmt sie an „The Voice of Germany“ teil, kann insbesondere Nena von sich begeistern und ist im Anschluss als Vorband mit ihr auf Tournee. 2013 erscheint ihr erstes Album „Rough_Ready“, 2018 das Album „I AM ME“.