Gesellschaft & Kultur

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„Ich muss nicht Super-Woman sein“

Text: Doris Thallinger

Fotos: Milupa, www.kaindl-hoenig.com

Im September 2019 trat die US-Amerikanerin Nichole Duttine die Geschäftsführung von Milupa Österreich an und zog mit ihrem Mann und den beiden Töchtern nach Salzburg. In diesen knapp zwei Jahren hat sie das Traditionsunternehmen in Puch bei Salzburg sicher durch die Corona-Zeit gebracht und viel für sich und das Unternehmen gelernt.

Sie haben nun seit fast zwei Jahren Ihre Wirkungsstätte in Puch bei Salzburg. Wo haben Sie und Ihre Familie sich häuslich niedergelassen?
Wir wohnen direkt in der Stadt Salzburg, in der Nähe vom Leopoldskroner Weiher, und ich muss sagen: Salzburg ist der landschaftlich schönste Ort, an dem wir je gelebt haben. Meine Familie und ich sind schon sehr oft umgezogen, haben an vielen Orten gelebt, zuletzt in der Nähe von Frankfurt und davor in der Nähe von Genf. Ich selbst stamme ursprünglich aus Michigan, USA. Aber hier in Salzburg zu leben, lieben wir sehr!

Wie hat es Sie nach Europa, sprich erst in die Schweiz und nach Deutschland, verschlagen?
Um ehrlich zu sein, es waren ganz viele Zufälle im Leben, die mich nach Europa gebracht haben. Natürlich hatte ich immer schon eine große Portion an Offenheit und immer den Wunsch, etwas Neues auszuprobieren. Ich hatte die Gelegenheit, sowohl für einen Schüler- als auch für einen Studentenaustausch nach Deutschland zu kommen. Hier habe ich so tolle Menschen kennengelernt, eine tolle Gastfamilie gehabt. In dieser Zeit habe ich schließlich auch meinen Mann kennengelernt, auf meinem weiteren Karriereweg hier in Europa auch mit vielen großartige Kolleginnen und Kollegen zusammengearbeitet. Ich habe gelernt, dass ich mich wirklich überall wohl und zuhause fühlen kann. Letzten Endes machen es die Menschen aus.

Wie unterscheidet sich aus Ihrer Sicht das Leben in Europa vom Leben in den USA?
Oberflächlich betrachtet ist es nicht so anders, aber wenn man etwas in die Tiefe geht, erkennt man schon die Unterschiede. Für meine Töchter bin ich zum Beispiel immer noch die strenge amerikanische Mum, die alles verbietet, was andere Eltern längst dulden. In der Kindererziehung gibt es sehr große Unterschiede. Arbeitstechnisch finde ich es in Österreich wesentlich besser: Man hat zum Beispiel viel mehr Urlaub, man kann sich besser erholen und hat nicht das Risiko, von einem Tag auf den nächsten ohne Job, Krankenversicherung oder andere Absicherung dazustehen. Das spürt man auch in der Bevölkerung: Gefühlt ist die Gesellschaft hier wesentlich entspannter, glücklicher – und es gibt ein ausgeprägteres Sicherheitsgefühl.
Aber ich glaube, diese Unterschiede sieht man erst, wenn man bereits woanders gelebt hat und andere Gegebenheiten kennt. Natürlich hat das Leben in den USA auch Vorteile: Man kann sich viel einfacher ein Haus leisten und muss nicht über/unter/neben anderen Leuten wohnen. Man hat mehr Luft zum Atmen. In den USA ist es auch vollkommen selbstverständlich, dass Frauen Kinder haben und gleichzeitig arbeiten. Das Wort „Rabenmutter“ existiert bei uns beispielsweise gar nicht. Deswegen glaube ich, dass die Chancen für Frauen ein wenig besser sind.

Sie fungieren für Nutricia Milupa Österreich als Geschäftsführerin, anfangs waren Sie parallel dazu noch Vertriebsdirektorin für Milupa Deutschland. Wie bringen bzw. brachten Sie alles unter einen Hut?
Zum Glück durfte ich die Rolle als Vertriebsdirektorin Deutschland schnell übergeben und darf mich jetzt völlig auf Nutricia Milupa Österreich konzen-trieren. Es gibt hier auch auf jeden Fall genügend zu tun. Am Anfang – als Vertriebsdirektorin – war ich natürlich wahnsinnig viel unterwegs. Es war nicht immer einfach, die Familie und den Job zu koordinieren, vor allem wenn man neu in einer Stadt ist. Aber seit Corona bin ich fast nur hier in Salzburg.

Ungewohnt für Sie, oder?
Ja, ungewohnt, aber auch schön! So schlimm Corona war und ist, hat es uns gezeigt, dass vieles auch anders gehen kann. Es hat mir die Möglichkeit gegeben, viel Zeit mit der Familie zu verbringen, dabei trotzdem gut im Job anzukommen und meine Balance, auch mit der Familie, zu finden.

Wie halten Sie diese Balance?
Im Endeffekt geht es darum, Prioritäten zu setzen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und einfach zu schauen, dass das, was für mich wichtig ist, gut funktioniert. Und das tut es. Nutricia Milupa ist ein Arbeitgeber, bei dem man vieles ansprechen kann, in dem man sich individuell und flexibel organisieren kann. Nach den Geburten meiner Töchter bin ich nach vier bzw. sechs Monaten wieder arbeiten gegangen. Die Amis, meine amerikanische Familie, haben mich dafür beneidet. Und die Deutschen und Österreicher haben mich für verrückt gehalten, vielleicht auch ein bisschen verurteilt. Aber für mich war es genau richtig. Am Ende ist es eine Frage der Organisation. Und natürlich braucht man auch einen Partner, der ähnliche Visionen hat und der unterstützt und weltoffen ist. Ich habe dafür keine „Me-Zeit“, sondern meine Familie ist meine „Me-Zeit“. Dafür habe ich ganz tolle Beziehungen zu meinen Töchtern. Es ist immer eine Frage der Balance. Ich bin nicht Super-Woman, ich glaub auch nicht, dass ich Super-Woman sein muss! Das ist mein Motto.

Welche Werte möchten Sie Ihren Kindern auf deren Weg mitgeben? Was ist die wichtigste Botschaft?
Meine Töchter hören fast täglich von mir: Alle Berufe und alle Menschen sind in der Gesellschaft wichtig. Dafür müssen wir dankbar sein und Respekt haben. Ihr definiert, wer ihr sein wollt – nicht die Schule, nicht die anderen. Seid mutig, seid stark! Glaubt an euch! Und: Seid froh, dass ihr als Mädchen in Ländern groß werdet, in denen ihr alle Chancen habt, in denen euch die Welt offen steht. Nützt diese Chancen, denn das ist leider nicht überall zu finden! Aber sie kriegen auch oft zu hören, dass man sich trotzdem anpassen muss. Eine Gesellschaft funktioniert nur durch Geben und Nehmen.

Wie alt sind Ihre Kinder?
16 und 13 Jahre. Totale Teenager. Es ist eine spannende Zeit und wir beobachten, wie sie unabhängiger werden, ihren eigenen Blick auf die Welt werfen. Das ist spannend, und natürlich werden auch Grenzen ausgetestet.

Ihr Mann ist Tiroler – wie und wo haben Sie sich kennengelernt?
Es stimmt, mein Mann ist Tiroler, allerdings ist er in Deutschland groß geworden. Wir haben uns an der Uni kennengelernt (als ich Austauschstudentin war). Allerdings hat es nicht lange gedauert, bis er mich zum ersten Mal nach Wörgl mitgebracht hat und ich die ganze Familie kennenlernen durfte – sehr liebe, nette Menschen. Aber ich muss zugeben, die ersten paar Jahre habe ich dort echt nicht alles verstanden. Tirolerisch ist doch ein bisschen anders als das Deutsch, das ich gelernt habe. Aber jetzt freuen wir uns, dass wir hier sind und die Familien sich öfter sehen können. Von hier aus ist es ein Katzensprung, zumindest für amerikanische Standards.

Was bereitet Ihnen die größten Sorgen, wenn Sie an die Zukunft denken? Vor allem, was die folgenden Generationen betrifft?
Sorgen bereitet mir, dass viele Menschen immer wieder Gründe finden, andere nicht zu mögen oder gar zu hassen und dass die Art und Weise, das auszudrücken, immer heftiger wird. Das geht schon los bei den Kindern mit den sozialen Medien bis hin zu manchen Erwachsenen, die einfach nicht erkennen, dass Diversität uns weiterbringt. Die Art und Weise und was das alles für eine Auswirkung haben kann, ist beängstigend. Das macht mir Sorgen und das müssen wir echt besser hinkriegen, damit es allen in den nächsten Generationen besser gehen kann.

Würden Sie sich als Optimistin bezeichnen?
Ja, sicherlich, ich bin sehr optimistisch und ich glaube auch daran, dass die meisten Herzen von Grunde auf gut sind. Aber ich bin auch realistisch und weiß, dass das Gute allein oft nicht reicht. Wir müssen aktiv sein, um das Leben so zu gestalten, wie wir das gerne hätten. Ich versuche, meinen Beitrag zu leisten, indem ich Diversität fordere, indem wir Frauen in Spitzenpositionen bringen, indem wir Jobsharing und flexible Arbeitszeiten anbieten.

Sie waren noch nicht lange in Salzburg bzw. Puch, als alles anders wurde. Wie haben Sie persönlich die Corona-Zeit erlebt?
Optional: Ich habe oft gesagt, es gibt wesentlich schlimmere Orte für einen Lockdown als Salzburg. Wir haben die Zeit genutzt, um die Natur in und rund um Salzburg kennenzulernen, um somit den Stress von der Arbeit und die Corona Situation besser bewältigen zu können. Einfach gesagt: es lässt sich wirklich gut leben hier!

Wie gestaltet sich Ihr Familienleben in „normalen“ Zeiten?
Ich glaube, wie bei den meisten anderen Familien auch. Wir stehen früh auf, ich schaue, dass die Mädels gesund frühstücken. Die Ernährung ist mir schon immer besonders wichtig gewesen und wahrscheinlich durch meinen Job noch wichtiger und bewusster geworden. Danach schauen wir, dass sie in die Schule kommen und ich ins Büro oder eben aktuell an meinen Arbeitsplatz im Homeoffice. Mir ist es auch sehr wichtig, dass wir es schaffen, abends zusammen zu essen. Am Wochenende machen wir viele Ausflüge, das bietet sich in Salzburg besonders an.

Schon kurz vor dem ersten Lockdown 2020 sind Ihre Mitarbeiter vom Standort Puch ins Home-Office übersiedelt. Wie waren die Erfahrungen?
Die oberste Prämisse war hier ein entschlossenes Handeln, trotz der vielen unbekannten Variablen. Das Wichtigste damals war: entscheiden und machen! Daraus lernen und den Mitarbeitern vertrauen. Wir haben alle eine Mission, die uns vorantreibt und motiviert. Es geht darum, die Lebensqualität der Menschen durch bestmögliche Ernährung zu erhöhen – in den ersten 1.000 Lebenstagen, in denen die Weichen für die Entwicklung gestellt werden, ebenso wie in kritischen Abschnitten des Lebens mit besonderen medizinischen Anforderungen. Diese Mission hält uns alle auf dem Boden der Tatsachen. Mit unseren Produkten und Dienstleistungen machen wir wirklich einen Unterschied im Leben von Babys, Eltern, Patientinnen und Patienten. Das muss natürlich, auch unabhängig von Corona, unsere Leitlinie sein. Alle tun dabei was nötig ist, um zu dieser ultimativen Mission beizutragen.

Was haben Sie für das Unternehmen und dessen Zukunft daraus gelernt?
Gelernt haben wir: Alles geht! Aus heutiger Sicht klingt es direkt ein bisschen komisch, dass wir vor Corona nur drei Tage im Monat Home-Office angeboten haben! Für uns als Unternehmen ist es weiterhin wichtig, dass wir unseren Job so gut wie möglich machen, die Qualität so hoch wie möglich halten, denn es geht wirklich um Leben. Und natürlich, dass wir so offen wie nur möglich miteinander kommunizieren, dass wir Dinge ansprechen und offen für Veränderungen sind.

Was ist Ihre Vision für das Unternehmen?
Wir sind eine Tochtergesellschaft von Danone, einem Weltkonzern und das gibt uns wahnsinnig viele Möglichkeiten. Zeitgleich sind wir ein mittelgroßes Unternehmen mit mehr als 70 Mitarbeitenden hier in Puch, das seit über 60 Jahren besteht und lokal sehr stark verwurzelt ist.

Meine Vision ist nicht nur, dass wir die beste Ernährung für die kritischen Momente im Leben anbieten und dabei einen großen Unterschied in der Gesundheit der Menschen machen. Ich nehme mir darüber hinaus vor, ein Vorbild als Arbeitgeber zu sein. Nutricia Milupa soll ein moderner Arbeitgeber sein, der zeigt, dass Diversität, die Förderung von Frauen oder vielmehr die Balance Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehr erfolgreich funktionieren kann, wenn man die Themen richtig angeht.

Was vermissen Sie in Salzburg?
Um ganz ehrlich zu sein, einen Flughafen mit ein paar mehr direkten Anbindungen. Vom Leben in Frankfurt waren wir diesbezüglich extrem verwöhnt. Aber letzten Endes hat Corona uns gezeigt, dass diese ganze Fliegerei auch nicht unbedingt sein muss. Es lässt sich gut leben in Salzburg – auch ohne direkte Flug-Anbindungen!

Was betrachten Sie heute als Ihre Heimat?
Ganz einfach, Heimat ist, wo meine Familie ist. Von daher ist im Moment Salzburg meine Heimat. Natürlich fühle ich mich auch sehr heimisch, wenn ich in den USA bin, allerdings gelte ich dort – nach mehr als 20 Jahren in Europa – nicht mehr als „normale“ Amerikanerin. Man verändert sich, passt sich an, nimmt überall ein bisschen was mit. Die Kulturen sind unterschiedlich, aber es gibt kein Richtig und kein Falsch.

Welche persönlichen Kompromisse gehen Sie ein zugunsten des Unternehmens, der Karriere?
Es gibt immer wieder Phasen, in denen mein Job mehr Zeit von mir verlangt, als meiner Familie recht ist. In diesen Zeiten muss ich mich halt noch mehr auf das Wesentliche fokussieren. Und auch klar sagen: So weit geht es und nicht weiter. Zum Glück fördert Nutricia Milupa und das Mutterunternehmen Danone eine Unternehmenskultur, die es uns erlaubt, Probleme klar anzusprechen und bietet Raum für Veränderungen. Wenn man den Mut hat, diese Themen anzusprechen und auch Lösungen parat hat, halten sich die Kompromisse auch in Grenzen.