Hinter Mauern: Alltag in der Justizanstalt Puch
Die Tür fällt ins Schloss. Ein metallisches Klicken, dann Stille. Wer hier drinnen ist, verliert das Kostbarste überhaupt: die Freiheit. Wie lebt es sich in einer Justizanstalt, die zugleich Arbeitsstätte, Schule, Klinik und Schicksalsgemeinschaft ist? Ein Besuch in der Justizanstalt Salzburg in Puch.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Uwe Brandl
Helle Flure, moderne Technik, großzügige Fenster. Wer durch die Gänge der Justizanstalt Puch geht, spürt schnell: Dies hat mit den düsteren Gefängnisklischees aus Filmen wenig zu tun.
Vor über zehn Jahren übersiedelte die Salzburger Justiz aus dem beengten, historisch gewachsenen Gefängnis in der Stadt in das moderne Gebäude im Gewerbegebiet Puch-Urstein. Die neue Justizanstalt gilt als Musterbau: hell, funktional, technisch auf der Höhe der Zeit. Die Distanz zum Gericht in Salzburg erfordert neue Lösungen: Früher konnte man Insassen einfach durch eine Schleuse ins Gerichtsgebäude führen, heute müssen sie für Hauptverhandlungen nach Salzburg transportiert werden. Vieles wird inzwischen per Videokonferenz erledigt – Haftprüfungen, selbst Anhörungen zur bedingten Entlassung nach zwei Dritteln der Strafzeit.
Überbelegung als Dauerzustand
Doch moderne Architektur allein löst nicht alle Probleme: Heute sind 273 Menschen inhaftiert, obwohl das Haus für 240 Plätze gebaut wurde. Ein Befund, der nicht nur Puch betrifft, sondern den gesamten österreichischen Strafvollzug. Gründe sind die wachsende Bevölkerung, mehr Straffällige – und die Umwidmung ehemaliger Haftanstalten in forensisch-therapeutische Zentren.
Die Insassen kommen aus allen Lebenswelten. Rund 50 Prozent sind Österreicher, 50 Prozent Nicht-Österreicher. Altersspanne: von 14 bis über 80 Jahre. „Wir haben Jugendliche, die gerade strafmündig geworden sind, wie auch Senioren, die schon über 70 sind“, beschreibt Chefinspektor Johannes Ebner die demografische Situation.
Auch die Delikte reichen von A bis Z. In der Untersuchungshaft: Tötungsdelikte, Suchtmitteldelikte, Körperverletzungen, Eigentumsdelikte. Im Strafvollzug dominieren Eigentumsdelikte und Gewalt. Frauen sind mit rund zehn Prozent eine Minderheit – aber nicht zwangsläufig „braver“. „Wir hatten Zeiten, da waren bei den Frauen mehr Mörderinnen als bei den Männern“, erinnert sich Oberst Dietmar Knebel, Leiter der Justizanstalt Puch.
Mikrokosmos – wie ein kleines Dorf hinter Mauern
Wie ein Dorf gliedert sich die Anstalt in verschiedene Bereiche: Frauenabteilung, Jugendabteilung, Untersuchungshaft, Strafhaft, eine Krankenstation. Dazu Werkstätten, Betriebe, Verwaltung, Sport- und Freizeitbereiche.
„Wir sind ein Mikrokosmos“, erklärt Dietmar Knebel. „Als Leiter bin ich so etwas wie der Bürgermeister, es gibt den Arzt, die Seelsorge, eine Art Kramerladen. Alles da – nur eben hinter Mauern.“
Knapp 110 Mitarbeiter halten den Betrieb am Laufen. Die Mehrheit sind uniformierte Beamte, dazu kommen Psychologen, Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Ärzte, Handwerker und Verwaltungspersonal.
Ein Tag hinter Gittern
Der Tag beginnt früh mit der „Standeskontrolle“, um sicherzustellen, ob alle Insassen gesund (und vor Ort!) sind. Das Frühstück nehmen die Insassen in ihren Hafträumen ein, bevor für einen Teil der Insassen um 7.30 Uhr die Türen geöffnet werden und es heißt: Auf zur Arbeit!
Im österreichischen Strafvollzug besteht Arbeitspflicht – solange man gesundheitlich dazu in der Lage ist. „Selbst mit 70 gibt es keine Pension, höchstens leichtere Tätigkeiten wie das Kehren von Gängen“, erklärt Dietmar Knebel.
Die Beschäftigungsmöglichkeiten sind vielfältig. Die Anstalt verfügt über zahlreiche „Selbsterhaltungsbetriebe“: Küche, Wäscherei, Reinigung. Daneben befinden sich innerhalb der Mauern einige handwerkliche Betriebe wie eine Tischlerei, Schlosserei und KFZ-Werkstatt. Hier werden zudem auch Aufträge aus Kooperationen mit Unternehmen der Region abgewickelt – etwa mit Unternehmen, deren Produkte hier verpackt werden. „Dafür braucht man keine spezielle Ausbildung, nur Konzentration. Das ist für viele Insassen ideal“, erklärt Dietmar Knebel.
Etwa 70 bis 80 Prozent der Häftlinge können so beschäftigt werden. Sie verdienen im Schnitt sieben bis acht Euro pro Stunde. Zwei Drittel des Lohns fließen als Vollzugskostenanteil an das System zurück. Der restliche Lohn kommt zur Hälfte auf ein Rücklagenkonto als kleines finanzielles Polster nach der Entlassung. Die andere Hälfte dient als sogenanntes „Hausgeld“ für Einkäufe im Gefängniskiosk oder Telefonate.
Lernen für das Leben in Freiheit
Neben der Arbeit spielt Bildung eine zentrale Rolle. Jugendliche sind bis zu einem bestimmten Alter schulpflichtig, Erwachsene können nachholen, was ihnen fehlt. Pflichtschulabschlüsse, Deutschkurse für Nicht-Muttersprachler, Computerkurse oder Staplerführerscheine. „Wir versuchen, in Zusammenarbeit mit ausgebildeten Sozialpädagoginnen Defizite aufzuarbeiten“, erklärt Johannes Ebner. „Aber die Motivation muss von den Insassen selbst kommen.“
Zwischen Mauern und Freiraum
Nachmittags steht eine Stunde Aufenthalt im Freien am Programm. Drei Bewegungshöfe mit Fußballplatz, Tischtennistischen, Sitzgelegenheiten, Hochbeeten und Pflanzen stehen zur Verfügung. „Sport ist wichtig – er beruhigt, er schafft Ausgleich, gerade nach belastenden Momenten wie beispielsweise Verhandlungen“, weiß Knebel. Dazu gibt es betreute Freizeitangebote: Sport in der Halle, Konditionstraining, Badminton und zur Vorbereitung auf das Leben nach der Haft gelegentlich auch Museumsbesuche oder Radausflüge. Angst, dass einer der Häftlinge diese zur Flucht nutzt, ist unbegründet, da auch die Insassen und Insassinnen die Chance auf Wiedereingliederung nutzen wollen. Wer als ungefährlich gilt, kann zudem bis 20 Uhr die Gemeinschaftsräume nutzen. Andere verbringen den Tag im Haftraum.
Besuch mit Nähe und Distanz
Besuche „hinter Gittern“ sind natürlich erlaubt, aber streng geregelt. Drei Formen des Besuchs sind möglich: hinter Glas mit Sprechanlage, wie man es aus Filmen kennt, am Tisch oder im sogenannten Langzeitbesuchszimmer – eine Art kleine Garçonnière mit Sofa, Kinderbett und Küchenzeile –, in dem Familien oder Paare drei Stunden lang unüberwacht Zeit zusammen verbringen können. Immerhin trifft die Strafe nicht nur die Inhaftierten, sondern auch die Angehörigen. „Wir haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht“, berichtet Johannes Ebner. „Missbrauch kommt praktisch nicht vor.“ Zudem werden die Besucher und die Insassen entsprechend überprüft und kontrolliert.
Herausforderungen
Doch der Alltag in der Justizanstalt ist nicht frei von Gefahren. Insbesondere Drogen sind ein Dauerproblem: Tennisbälle über die Mauer, Flüssigdrogen auf Papier, versteckte Substanzen in Kleidung oder Körperöffnungen. Besonders gefährlich sind synthetische Drogen, die kaum erkennbar sind. Dazu kommen Gewalt, Sprachbarrieren, psychische Probleme. Manchmal endet es tragisch. Suizide gehören zu den schwersten Erfahrungen. „Eine junge Frau hat sich wenige Tage vor ihrer Entlassung das Leben genommen – aus Angst vor der Zeit draußen“, erinnert sich Dietmar Knebel. „Solche Schicksale begleiten uns.“ Und Ebner ergänzt: „Es ist kein Tag wie der andere. Jederzeit kann ein Alarm losgehen.“
Und doch gibt es immer wieder Momente, die Mut machen: Weihnachtskarten ehemaliger Häftlinge. Dankesworte von Angehörigen. Oder ein Vater, der stolz erzählt, wie seine Tochter nach der Haft ihr Leben neu geordnet hat. „Unser Auftrag ist nicht, zusätzlich zu bestrafen“, so Knebel. „Wir müssen Sicherheit gewährleisten – und gleichzeitig auf eine Reintegration vorbereiten. Nur so hat Strafe Sinn.“
Dennoch kehren viele Insassen zurück. „Auch wir haben so etwas wie Stammgäste“, meint Ebner mit einem Hauch Ironie. Manche finden nach der Haft zurück in ein geregeltes Leben, andere fühlen sich innerhalb der Struktur wohler als draußen. „Wir hatten einen Jugendlichen, der gesagt hat: So gut wie im Gefängnis ist es mir im Leben noch nie gegangen.“ Ein Satz, der gleichermaßen berührt und erschreckt.
Freiheit als größter Luxus
Besuchergruppen reagieren tatsächlich oft erstaunt: helle Räume, Fernseher im Haftraum, Sportplätze. „Die haben’s ja eh schön da drinnen“, heißt es dann. Die Antwort der Beamten ist stets dieselbe: „Probieren Sie es aus, bleiben Sie zwei Stunden eingesperrt – dann wissen Sie: Was hier fehlt, ist die Freiheit.“ Wer einen Tag oder gar nur eine Stunde im Haftraum verbringt, versteht schnell, was das bedeutet. Denn Mauern, egal wie hell sie gestrichen sind, trennen vor allem eines: drinnen von draußen.












