„Hier habe ich mein Paradies gefunden“
Hoch über St. Koloman hat Robert Scheck gefunden, wonach er vielleicht sein Leben lang gesucht hat: eine Alm, auf der jede Jahreszeit ihr eigenes Farbspiel aufführt, Wagyu Rinder und Ziegen die Weiden bevölkern und im Gewächshaus Kakteen aus den südlichsten Breitengraden gedeihen. Der frühere SportScheck-Geschäftsführer lebt hier seine Liebe zu Tieren und Pflanzen – in seinem ganz persönlichen Paradies.
Text: Doris Thallinger
Fotos: kaindl-hoenig.com
Wenn die asphaltierte Straße sich zu einer schmalen Forststraße verengt, der Weg durch bunte Wälder und eine Schlucht führt und sich auch einmal ein Reh auf die Fahrbahn verirrt, dann ist es nicht mehr weit zu Robert Schecks Alm oberhalb von St. Koloman, die er seit über 20 Jahren bewirtschaftet, wo er die Natur genießt und seine Liebe zu Tieren und Pflanzen lebt.
Ein tiefes, fast heiseres Bellen erklingt, sobald man angekommen ist, und Asina, die freundliche Kangalhündin des Hofs, begrüßt schwanzwedelnd die Besucher, stets auf der Suche nach Streicheleinheiten. Herzlich empfängt auch Robert Scheck seine Gäste und lädt sogleich ein auf eine erste Entdeckungstour durch die Gärten. „Alles, was lebt, lebt auf Geologie“, zitiert er sich selbst und beschreibt umgehend die Gesteinsschichten der Umgebung sowie den Lauf der teils verkarsten Bäche und Rinnsale. „Seitdem ich auf der Alm bin, spüre ich das Wasser“, erklärt er, „ich habe schon einige Quellen entdeckt.“
Zu sehen gibt es jede Menge rund um das „Gut zu Ährnreidt“, das 1716 erstmalig urkundlich als „Albm Ernreidt“ erwähnt wurde: Beete, in denen noch die letzten Radicchio Häupel des Jahres auf ihre Ernte warten, Tomaten- und Paprikastauden, abgeerntete Erdäpfelacker, Mädesüß- und Walnussbäume, wilder Fenchel – alles Schätze der Natur, die – wertvoll in ihrer natürlichen Qualität – in den Speiseplan der Familie Scheck miteinbezogen werden.
Schließlich – ungewöhnlich für die Lage und unsere Breitengrade – kommen die Gewächshäuser in Sicht: Die Heimat eines ganz besonderen Steckenpferds. „Seit meinem 6. Lebensjahr sammle ich Kakteen. Als ich elf Jahre alt war, hat mir mein Vater – ich hatte damals einen Einser auf die Latein-Schularbeit bekommen, den ersten und letzten, – ein kleines Glashaus gebaut.“ Dabei sammelt Robert Scheck nicht irgendwelche Kakteen – nur die in den südlichsten Gebieten vorkommenden Pflanzen schaffen es in seine Sammlung.
Frühe Liebe
Die Liebe zu Flora und Fauna begleitet Robert Scheck, seit er denken kann. „Erst seit sieben Jahren weiß ich, dass dies genetisch verankert ist. E.O. Wilson, ein amerikanischer Biologe und Forscher hat festgestellt, dass Biophilie, die Liebe zur Natur, vererbt wird. Und ich habe sie offensichtlich von meinem Onkel geerbt.“
Eine Liebe, die der Vater, Otto Scheck, Gründer des Sportartikelhändlers SportScheck in München, von Beginn an unterstützt, nicht nur mit dem Bau eigener Gewächshäuser und dem Anlegen von Beeten. Auch Tiere spielen im Leben des Robert Scheck seit jeher eine große Rolle. Schon als Jugendlicher nennt er einen kleinen Tiergarten sein Eigen: Nach den eigenen Pferden bekommt er mit 15 Jahren seine erste Ziege, mit 20 seine erste eigene Kuh. Und natürlich die Flamingos, die wohl jeder Salzburger von Spaziergängen in Leopoldskron kennt. „Diese waren damals nicht teuer und ich habe meinen Vater so lange getriezt, bis er mir drei Flamingos aus einer Lieferung aus Chile gekauft hat. Das war 1965 – der letzte dieser drei Flamingos ist erst vor zwei Jahren gestorben.“ Immer wieder, sobald der junge Robert genug Geld gespart hat, erwirbt er weitere: „Wenn eine Schiffsladung angekommen ist, habe ich diejenigen, die von der Reise erkrankt waren, heraus gekauft und aufgepäppelt.“
Vom Mercedes zum Rolls-Royce
Mit 25 Jahren ist er der erste in Österreich, der Angus-Rinder hält und züchtet. „Das Angus-Rind ist der Mercedes unter den Rindern. 2015 habe ich dann zum Rolls-Royce gewechselt: Seither halte ich Wagyu Rinder, auch als Kobe-Rinder bekannt, so hat sich alles langsam entwickelt.“ Sein Wissen über Landwirtschaft eignet Robert Scheck sich selbst an: „Ich habe viele Bauern besucht und alles Wissen aufgesaugt wie ein trockener Schwamm. Das mache ich übrigens auch heute noch – egal, wo ich hinkomme, schaue ich zum Bauern und lerne dazu. Und: Ich habe mir immer erlaubt, auch Fehler zu machen.“
Gelernt hat Robert Scheck auch vom großen Konrad Lorenz, bei dem er während seiner Schulzeit ein Praktikum absolviert. Mit dem weiteren Ziel, einmal Biologie zu studieren. Gekommen ist es anders: „Mein Vater hat gemeint: ‚Statistisch gesehen ist es eher unwahrscheinlich, dass du einmal ein Max-Planck-Institut leiten wirst. Komm lieber zu mir ins Unternehmen – da verdienst du viel Geld und hast trotzdem viel Freizeit, damit du machen kannst, was du willst.‘ Es war damals einfach eine sehr gute Zeit, das Geschäft ist fast von allein gelaufen – man konnte kaum Fehler machen.“ Also steigt der erst 19-Jährige als Geschäftsführer ins Familienunternehmen SportScheck ein.
Die unternehmerischen Wurzeln
Als jüngster von drei Brüdern sieht Otto Scheck, gebürtiger Halleiner, seine Zukunft nicht in Salzburg, sondern wandert noch vor Beginn des Zweiten Weltkriegs nach München aus und eröffnet ein Geschäft für Herrenoberbekleidung. Der Krieg durchkreuzt bald seine Pläne des Neubeginns. Nach Kriegsende wird er als Verwalter in einem Sportgeschäft eingesetzt und lernt das Sportfach von Grund auf kennen. Aus den Ruinen seines früheren Geschäfts errichtet er den ersten Standort seines Sportartikelhandels SportScheck und legt damit den Grundstein für eine erfolgreiche Unternehmensgeschichte.
Ab 1969 führen Robert und sein um zehn Jahre älterer Halbbruder Klaus Scheck gemeinsam das Familienunternehmen. „Leider lebt Klaus nicht mehr. Das Wort ‚Lebensmensch‘ hat heute ein ‚Geschmäckle‘, aber er ist tatsächlich mein Lebensmensch gewesen.“ 19 Jahre lang teilen die beiden ein Büro, verbringen viel Zeit zusammen, haben sogar ihre eigene Art Geheimsprache. „Ich habe wahnsinnig viel von ihm gelernt.“
Kaufmännisch steht das Unternehmen vor einer entscheidenden Wende, als sich eines Tages ein emeritierter Oberabteilungsleiter des Versandhauses Otto ankündigt. Man wollte sich „ein bisschen austauschen“ – aus dem bisschen wurde eine wichtige Kooperation. Drei Jahre später – nachdem Versuche mit eigenen Standorten nicht das erhoffte Ergebnis gebracht hatten – will Dr. Michael Otto eine noch engere Zusammenarbeit mit SportScheck: Die Familie verkauft 49 Prozent der Unternehmensanteile an ihn, Klaus bleibt Geschäftsführer, Robert übernimmt den Vorsitz des Aufsichtsrats. Nach weiteren drei Jahren entscheiden sie sich zum Ausstieg, unter anderem, weil Otto zunehmend auf Filialisierung setzt, und geben ihre Anteile ab.
„Es waren sehr gute Zeiten, wir hatten 620 Mitarbeiter – und waren dennoch eine eingeschworene Truppe. Bei uns war der kleine Dienstweg der normale. Wir mussten kaum negative Entscheidungen treffen – ich glaube, ich habe in meiner ganzen Laufbahn nur zwei Kündigungen aussprechen müssen“, erinnert sich Robert Scheck, der schon damals regelmäßig zwischen seinem Leben als Unternehmer in München und als (Wochenend-)Bauer in Salzburg hin und her pendelt. „Die Autobahn war meine dritte Heimat.“
2003 liebäugelt Robert Scheck mit seiner Alm – erst raten ihm Freunde und Familie ab. Auch Sohn Lorenz erinnert sich: „Meine erste Reaktion war: ‚Was willst du an einem so abgelegenen Ort?‘ Aber dann habe ich mich schnell selbst in die Alm verliebt.“ Heute schaut er, wie viele Freunde und Bekannte, gern auf einen Kurzbesuch oder zum Abendessen vorbei und genießt hier die Ruhe und die Auszeit vom Alltag.
Almidylle
Mittlerweile bringt Robert Scheck so schnell nichts mehr weg von seiner Alm: „Ich habe hier meinen Hauptwohnsitz!“ Diesen teilt er mit zwölf Wagyu Rindern, 30 Buren-Ziegen, 15 Hühnern, 40 Tauben in allen Farben, zwei Katzen, einem Hund und einigen österreichischen Landgänsen, die vom Aussterben bedroht sind. Ehefrau Gabriele Scheck pendelt derweil zwischen Salzburg und St. Koloman und hält zusätzlich Haus und Landwirtschaft in der Stadt am Laufen. So sehr die diplomierte Waldpädagogin das Leben auf der Alm schätzt, so zieht es sie doch auch immer wieder ins Stadtleben.
Marke Eigenbau
Heute bittet sie auf der Alm zu Tisch, der sich – liebevoll geschmückt – unter den Köstlichkeiten biegt: „Salat, Tomaten, Gurken, Chili – wir bauen an, was frisch einfach am besten schmeckt.“ Neben Tomatensauce, Paprika, Püree aus Pastinaken und Sellerie und Kartoffelgratin wird natürlich auch das hauchzart geschnittene Fleisch der eigenen Rinder aufgetischt und Robert Scheck erklärt: „Die Kobe-Rinder haben eine genetische Anomalie gegenüber allen anderen Rindern. Wenn man irgendein Rind mästet, legt es das Fett außen an – das nennt sich Rindertalg. Die Wagyu lagern das Fett intramuskulär. Daher stammt die Marmorierung, das Fleisch ist schmackhafter und reich an Omega-3 Fettsäuren.“
Dazu gereicht wird ein Glas Prosecco: „Das gehört bei uns einfach dazu“, sind sich Gabriele und Robert Scheck einig. Seit rund 50 Jahren bereisen die beiden das Prosecco-Gebiet rund um Valdobbiadene. „Wir kennen dort jeden Hügel – und auch die kleinen, guten Weinbauern!“
Trotzdem, der schönste Platz der Welt ist für die Schecks ihre Alm. „Jede Jahreszeit hat einen anderen Aspekt, andere Blüten, andere Farben. Dass ich das jeden Tag sehen kann, ist mir wichtiger als die Wirtschaftlichkeit der Weiden. Das ist mein Paradies.“





