„Guter Journalismus lässt keine Ausreden zu.“
Vom Volontariat in der Sportredaktion bis an die Spitze: Seit Juli 2025 ist Karin Zauner Chefredakteurin der „Salzburger Nachrichten“. Im Interview spricht sie über ihre Anfänge im Journalismus, prägende Vorbilder und die größten Herausforderungen auf ihrem Weg und erklärt, was guter Journalismus heute leisten muss, warum Teamgeist und Mut für sie unverzichtbar sind – und welche Vision sie für die Zukunft der Salzburger Nachrichten hat.
Text: Doris Thallinger
Fotos: kaindl-hoenig.com
Frau Zauner, beginnen wir mit einem Blick in die Vergangenheit. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Tag bei den Salzburger Nachrichten?
Ja, natürlich. Es war spannend und völlig ungewohnt. Ich habe damals Sportwissenschaften und Kommunikationswissenschaften studiert. Es war schon als Kind mein Wunsch, Journalistin zu werden. Zum ersten Mal das Innenleben einer Redaktion zu sehen, war sehr aufregend.
Haben Sie sich damals schon vorstellen können, dass Sie eines Tages an der Spitze der Redaktion stehen?
Nein, natürlich nicht. Ich komme zwar aus dem Leistungssport, da hat man hochtrabende Ziele und muss sich Ziele stecken, um zu performen. Aber nein, niemals. Ich habe damals ein Volontariat in der Sportredaktion gemacht und danach war das für mich gar nicht klar, dass ich diesen Weg einschlagen werde. Als der damalige Ressortchef mich nach diesem Monat gefragt hat, ob ich als freie Mitarbeiterin bleiben möchte, habe ich in einer ersten spontanen Reaktion sogar ‚nein‘ gesagt. Ich habe aber nochmals drüber geschlafen und mich dann richtig entschieden. Ich habe in dieser Zeit sehr viel gelernt: für das weitere Berufsleben, und auch, wie man im Team arbeitet, wie man miteinander umgeht.
Sie haben vorhin gesagt, schon in sehr jungen Jahren wollten Sie Journalistin werden. Was hat diesen Wunsch in Ihnen erweckt?
Es war in der Tat eine Reportage im Fernsehen über eine der ersten amerikanischen Journalistinnen, die über American Football berichtet hat. Das hat mich unheimlich beeindruckt. Wenn man mit sieben Jahren jedem sagt, ‚Ich werde mal Journalistin in New York‘ kommt das irgendwie gut an. Es war dann ein bisschen Selffulfilling Prophecy. Der Wunsch zu schreiben, alles kritisch zu hinterfragen, war aber tatsächlich schon sehr früh da.
Wer waren Ihre Vorbilder oder Mentoren in Ihrer Laufbahn?
Da gab es tatsächlich sehr viele. Wesentliches Vorbild war für mich die frühere Chefin des Wirtschaftsressorts bei den SN, Veronika Canaval, die mich – vor allem, was das Thema Führung anbelangt – sehr geprägt hat, und auch, wie sie den Beruf gelebt und geliebt hat.
Wenn Sie auf Ihre bisherigen journalistischen Jahre zurückblicken, welche Geschichten haben Sie besonders berührt?
Besonders berührt haben mich immer jene Geschichten, bei denen es um Schicksale, um Menschen ging, die etwas bewältigt und dann weitergemacht haben. Um Menschen, die etwas Besonderes geleistet haben, auch ohne, dass sie damit Millionen verdient haben.
Was waren die größten Herausforderungen auf dem Weg?
Die größte Herausforderung für mich war wahrscheinlich ich selbst, indem ich die Ansprüche an mich selbst zu hoch geschraubt habe. Ich habe immer versucht, das Beste zu geben. Manchmal hätte das ‚B plus‘ auch gereicht, und es hätte nicht das ‚A plus‘ sein müssen. Damit verbunden war die Schwierigkeit, alles in einen Tag, in eine Woche, in einen Monat zu packen für mich persönlich lange eine große Herausforderung.
Was war die wichtigste Lektion für Sie?
Die wichtigste Lektion für mich ist, sich Zeit zu nehmen, Dinge gründlich zu überdenken. Und auch, sich einmal rausnehmen zu können. Die Welt dreht sich auch ohne einen weiter. Außerdem, dass man Mut braucht, dass man sich trauen darf, neue Wege zu beschreiten. Das bringt nicht nur einen selbst, sondern auch das Team und die Redaktion weiter. Wichtig ist auch, verbindlich zu sein – sowie eine Strategie und einen Plan zu haben, und diesen mit dem Team durchzuziehen.
Ich glaube, wir alle brauchen eine gute Strategie und eine Führung, die weiß, wohin sie will. Das ist sehr hilfreich und motivierend. Wichtig ist mir außerdem, im Team eine gute Stimmung zu generieren. Es muss auch möglich sein, dass wir gemeinsam lachen und blödeln – trotz aller Ernsthaftigkeit, wenn wir sowohl das lokale, das regionale und das Weltgeschehen anschauen. Es gibt sehr viele schwere Themen. Aber eine gewisse Leichtigkeit im Team ist notwendig, um adäquat arbeiten zu können.
Natürlich ist auch unsere Branche unter Druck und in den letzten Jahren wurde sehr viel gejammert. Ich glaube, das hat uns nicht besonders gut getan. Jetzt geht es darum, Lösungen zu sehen und diese zu verfolgen.
Das Konzept der Salzburger Nachrichten lautet nun „Story First“. Läuten Sie damit inhaltlich einen Paradigmenwechsel ein?
Gar nicht so sehr inhaltlich, da bleibt unser Fokus ganz klar auf Qualität, aber jedenfalls in der Arbeitsorganisation, in der Arbeitsstruktur. Ich erkläre das immer folgendermaßen: Wenn es eine Treppe und einen Lift gibt, werden die meisten – obwohl sie wissen, dass die Treppe gesünder, ökologischer, einfach besser ist – immer wieder den Lift nehmen. Wenn der Lift gesperrt ist, nehmen sie die Treppe. Und was wir ab Ende Oktober machen werden: Wir werden den Lift sperren. Das heißt, wir werden in der Arbeitsproduktion alle unsere Inhalte, unsere Geschichten – und darum Story First – digital schreiben und produzieren, sei es als Video, als Podcast, … aber natürlich auch die geschriebenen Stücke.
Ein elfköpfiges Team wird zusammen mit den einzelnen Ressorts aus all diesen Geschichten die Zeitung planen, konzipieren und produzieren. Mit Story First wollen wir noch stärker die User-Needs befriedigen, also die alltäglichen Bedürfnisse unserer Leserinnen und Leser: Informationen, Hintergründe, Meinungen, die ihr Leben bereichern, einfacher machen. Das Ziel ist: mehr Qualität, mehr Geschichten.
Was bedeutet guter Journalismus, insbesondere in Zeiten von Fake News, Misstrauen gegenüber den Medien und zunehmend polarisierenden Haltungen in der Bevölkerung?
Guter Journalismus bedeutet ernsthaftes Arbeiten. Das heißt gute Recherche, Check, Double Check, nochmals checken.
Guter Journalismus bedeutet, sich mit diversen Themen in allen Facetten auseinanderzusetzen.
Wenn etwas passiert oder zum Thema wird, versuchen wir, dies tatsächlich von allen Seiten, in alle Richtungen zu beleuchten und auch kontroversielle Meinungen zu einem Thema zu bringen. Wir gehen raus, reden mit den Leuten, lassen unterschiedliche Interviewpartner zu Wort kommen. Guter Journalismus schaut die Dinge genau an, lässt keine Ausreden zu und deckt auch auf. Das Investigative ist ein wichtiges Thema: kritisch hinzuschauen und die Leute nicht mit Lügen oder Verallgemeinerungen durchkommen zu lassen. Guter Journalismus bedeutet auch, Journalismus für die Menschen und mit den Menschen zu machen.
Wie sieht Ihrer Meinung nach die Zukunft des Journalismus aus? Was sind die Formate der Zukunft?
Dazu bräuchte man die berühmte Glaskugel. Der Journalismus der Zukunft ist jedenfalls digital. Wobei ich überzeugt bin, dass Print weiterhin eine sehr starke Rolle spielen wird, auch mittel- und langfristig.
Ich denke, dass wir in Zukunft noch viel stärker mit unserer Leserschaft in Kontakt treten werden. Wir haben seit knapp zwei Jahren eine mobile Redaktion. Das ist ein umgebauter Airstream samt Audio- und Videoproduktion. Mit diesem fahren wir durchs Land und berichten zu bestimmten Themen. Das ist bereits jetzt eine Erfolgsgeschichte: Wir merken, dass das Bedürfnis da ist, mit Journalistinnen und Journalisten zu reden. Die Zukunft wird viel stärker vom Austausch von Journalistinnen und Journalisten mit ihrer Leserschaft geprägt sein.
Inwieweit fließt in Ihre Arbeit bereits Künstliche Intelligenz ein?
Die KI spielt zum Beispiel im Community Management eine Rolle. Dort, wo wir über Social Media viele Lesermeinungen bekommen, haben wir die KI sehr strikt eingestellt, um zum Beispiel Hasstiraden, Hasswörter schon vorab herauszufiltern.
Wir setzen KI auch bei der Transkription von Interviews ein sowie in der Kontrolle. Wir haben natürlich nach wie vor Korrektorinnen und Korrektoren. Aber uns ist es wichtiger, dass diese auf inhaltliche, grammatikalische und auf andere Feinheiten achten; die reine Rechtschreibüberprüfung erfolgt mit KI, und zwar mit einer mitlernenden KI, die uns zu verstehen lernt.
Wir setzen sie auch ein als Ideengeber, als Unterstützung, für Vorschläge. Wir haben eigene KI-Richtlinien – der Mensch ist immer die letzte Instanz. Sollten wir Artikel bringen, in denen KI eine große Rolle spielt, würden wir dies kennzeichnen – wie wir das etwa bei Bildern tun. Beim Verfassen von Geschichten hat KI derzeit keine große Relevanz, es geht eher um Erleichterungen bei Routinearbeiten und wenig kreativen Prozessen.
Was ist Ihnen in Ihrer Führungsrolle wichtig, wie Sie Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anleiten, motivieren?
Das Wichtigste ist für mich, dass sich die Kolleginnen und Kollegen entwickeln können, dass sie die Sicherheit haben, genug gefördert und gefordert zu werden, dass sie das Beste aus sich herausholen können. Für mich ist es wichtig, dass die Teams funktionieren. Ohne Teamarbeit geht es heute nicht mehr.
Und damit Teamfähigkeit funktioniert, braucht es Führungsarbeit.
Was würden Sie der jungen Frau, die Sie damals mit 20 Jahren waren, heute raten?
Ich würde sagen: Lasst euch nicht beirren! Journalismus ist der beste und coolste Job. Es ist kein Tag wie der andere. Es ist ein tägliches Lernen, und es macht gewaltig viel Freude.
Ein gewisses Talent zum Schreiben, zum Formulieren ist hilfreich, aber das Wesentlichste ist Fleiß, es ist harte Arbeit und ich glaube, in unserem Beruf ist es wesentlich, dass man Menschen mag und sich mit ihnen auseinandersetzen will. Und man sollte daran arbeiten, nicht alles persönlich zu nehmen. Dort und da braucht man schon einen kleinen Panzer.
Was ist Ihre Vision für die Zukunft der Salzburger Nachrichten?
Meine Vision ist, dass in Salzburg, in den angrenzenden Regionen, und ich fasse das sehr weit, vielleicht auch im Rest von Österreich, die Menschen sagen: Hast du das in den Salzburger Nachrichten gelesen? Oder: Was, du weißt das nicht, lies mal die Salzburger Nachrichten!
Ich habe die Vision, dass wir künftig für viele Menschen relevanter sind, eine Bereicherung und Hilfe fürs Leben. Dabei geht es um Wissen, um Hilfe im Alltag, auch um Unterhaltung, um Relevanz, um Austausch, um Gemeinschaften, darum, welche Rolle der Einzelne in der Gesellschaft spielt. Meine Vision ist, dass wir hier eine noch viel bedeutendere Rolle in Zukunft spielen werden.
