Gemeinsam statt einsam –
Wohnkonzepte, die das Leben bereichern
Wohnen ist längst mehr als eine Frage der Architektur. Wo Menschen füreinander da sind, Erfahrungen teilen und sich gegenseitig unterstützen, entsteht Lebensqualität, die weit über den Wohnraum hinausreicht und auf gesellschaftliche Herausforderungen wie Einsamkeit, demografischen Wandel und den Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben im Alter eingeht.
Text: Susanne Rosenberger
Fotos: Adobe Stock / KI, Portrait : Christine Daller, Quartier Riedenburg: Diakoniewerk, Freiraum Gneis: Matthias Freynschlag

Die nordischen Länder gelten als Vorreiter für Wohnformen mit Weitsicht, die nicht nur praktisch sind, sondern auch einen enormen sozialen Mehrwert mit sich bringen: das Mehrgenerationenwohnen, bekannt als „Kollektivhus“ oder Co-Housing. Ursprünglich in den 1930er Jahren entstanden, erlangen diese Konzepte heutzutage weltweite Aufmerksamkeit. Ihr zentrales Ziel ist es, die Einsamkeit im Alter zu bekämpfen, den sozialen Zusammenhalt zu stärken und den Alltag durch gegenseitige Unterstützung zu erleichtern.
In Ländern wie Schweden und Dänemark ist das generationenübergreifende Wohnen fest in der Gesellschaft und der Wohnungspolitik verankert. Die Wohnungen sind oft kleiner, jedoch wird großer Wert auf Gemeinschaftsräume gelegt – von gemütlichen Bibliotheken über Saunen und Fitnessräumen bis hin zu Großküchen, in denen sich die Nachbarn versammeln können. Viele Kollektivhäuser leben von der Idee gemeinsamer Mahlzeiten, bei denen sich die Bewohner abwechseln, um für die Gemeinschaft zu kochen.
In Österreich sind die nordischen Konzepte längst nicht mehr unbekannt, auch wenn sich das Modell des Kollektivhuses hierzulande nicht durchgesetzt hat. Jedoch gibt es eine Vielzahl alternativer Wohnmodelle, die sich klar von klassischen Einfamilienhäusern oder Eigentumswohnungen abgrenzen. Diese Konzepte legen den Fokus auf Gemeinschaft, Selbstbestimmung und Flexibilität, sei es durch Modelle wie Betreutes Wohnen, Mehrgenerationenwohnen, gemeinschaftliches Wohnen im Quartier oder in (Alters-)WGs.
Selbstbestimmt bis ins hohe Alter
In Österreich werden auch 2026 die meisten älteren und pflegebedürftigen Menschen zuhause versorgt. Von den rund 500.000 Pflegegeldbeziehern leben etwa 80 Prozent in den eigenen vier Wänden und werden dort überwiegend von Angehörigen, mobilen Pflegediensten oder durch 24-Stunden-Betreuung unterstützt. Die restlichen Pflegegeldbezieher werden in stationären Pflegeheimen betreut. Die häusliche Betreuung ist damit die mit Abstand wichtigste Form der Versorgung älterer Menschen in Österreich. Für „Betreutes Wohnen“ gibt es keine österreichweit einheitliche Statistik, weil die Angebote als „alternative Wohnformen“ organisiert sind.
Betreutes bzw. betreubares Wohnen hat sich in Österreich – bedingt durch den demografischen Wandel und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten, sicheren Leben im Alter ohne Pflegeheim – in den letzten zwei Jahrzehnten erfolgreich durchgesetzt. Dabei handelt es sich um ein Modell, das sich aus barrierefreiem Wohnen, sozialer Einbindung und verlässlicher Alltagsunterstützung zusammensetzt. Der frühzeitige Umzug in eine solche Wohnung kann dazu beitragen, die Selbstständigkeit länger zu erhalten, das Risiko von Unfällen zu verringern und den Bedarf an Unterstützung durch Familienmitglieder hinauszuzögern. „Betreutes Wohnen passt ideal zur Strategie des Landes Salzburg zur Betreuung von Menschen mit viel Lebenserfahrung. Wir möchten Seniorinnen und Senioren so lange wie möglich ein selbstbestimmtes, sicheres und gut integriertes Leben ermöglichen. Es stellt eine wichtige Vorstufe zum Seniorenwohnheim dar und entlastet die stationäre Pflege, weil die Unterstützung früher, wohnortnah und bedarfsgerecht ansetzt“, betonte Landesrat Wolfgang Fürweger im Juni anlässlich der 15-Jahr-Feier von Betreutem Wohnen der Caritas in Thalgau.
Wohnen im Quartier
Da viele ältere Menschen möglichst lange eigenständig leben möchten, rückt das Wohnquartier als Lebensraum mit kurzen Wegen, einer guten Infrastruktur, Begegnungsmöglichkeiten und unterstützenden Angeboten zunehmend in den Fokus – oft auch mit integrierten Angeboten wie Betreutem Wohnen. Das Diakoniewerk begleitet bereits mehrere solcher prestigeträchtiger Quartiere in Salzburg: Quartier Riedenburg, Freiraum Gneis, Lebenswelt Aigen, Rosa Zukunft. Eva ist eine jener glücklichen Bewohnerinnen und Bewohner, die im Quartier Riedenburg vor einigen Jahren ein neues Zuhause gefunden haben: „Nach langjährigen teuren Mieterfahrungen mit befristeten Verträgen am freien Wohnungsmarkt bin ich sehr dankbar für das Angebot Betreutes Wohnen im Quartier Riedenburg“, sagt Eva.
Aktuelle gesellschaftliche Entwicklungen spiegeln sich auch in den Wohnquartieren wider, wie uns Antje Kindler-Koch, Leitung Stadtteil- und Quartiersarbeit im Diakoniewerk erzählt: „Viele Menschen wünschen sich ein gutes nachbarschaftliches Umfeld, gleichzeitig fällt es ihnen oft schwer, den direkten Kontakt zu Nachbarinnen und Nachbarn zu suchen.“ Die Wohnkoordinatoren übernehmen häufig eine vermittelnde Rolle, denn wo Menschen zusammenleben, entstehen auch unterschiedliche Interessen und Bedürfnisse. Sie unterstützen dabei, Konflikte frühzeitig aufzugreifen, Anliegen zu klären, Missverständnisse abzubauen und direkte Gespräche anzubahnen. „In unseren Wohnquartieren treffen Menschen verschiedener Generationen, Kulturen und Lebenssituationen aufeinander“, so Kindler-Koch vom Diakoniewerk, „das schafft Vielfalt, führt aber auch zu Reibungen.“ Ziel ist es daher, den persönlichen Austausch zu fördern und tragfähige Beziehungen im Quartier zu stärken.
Begegnung und Austausch
Gemeinschaftsräume, Gärten und Grünflächen bieten vielfältige Möglichkeiten für Begegnungen und fördern den sozialen Austausch, ohne dabei auf individuelle Rückzugsmöglichkeiten zu verzichten. „Die Gemeinschaftsräume ‚unserer‘ Quartiere werden intensiv genutzt, sind an manchen Tagen von früh bis spät reserviert und bespielt“, so Kindler-Koch – dabei reicht das Angebot von Lesungen, Spielenachmittagen, Bewegungsangeboten bis hin zu Vorträgen und Festen.
Die Angebote und Aktivitäten im Quartier orientieren sich eng an den Bedürfnissen und Wünschen der Bewohnerinnen und Bewohner, gleichzeitig werden die vielfältigen Ressourcen und Talente im Quartier aufgegriffen. Beispiele dafür sind „Tanzen ab der Lebensmitte“, kleinere Urban-Gardening-Projekte im Quartier Riedenburg und in der Lebenswelt Aigen, Quartiersflohmärkte oder Sommerfeste. „Im Quartier Riedenburg begleiteten wir Bewohner, die sich für eine Tempo-30-Zone rund um das Quartier eingesetzt haben“, erzählt Kindler-Koch von der Arbeit der Wohnkoordinatoren. „Im Freiraum Gneis haben wir die Initiative „Freiraum Gneis mobil“ in der Aufbauphase organisatorisch und koordinativ begleitet. Auch die Bewohner-Initiative „Blackout“-Konzept wird von uns unterstützt.“
Zukunftsfähige Wohnformen
Anders als das Betreute Wohnen, das auf die Unterstützung im Alter fokussiert ist, verfolgt das Mehrgenerationenwohnen das Ziel, Menschen unterschiedlicher Altersgruppen – etwa Familien, Singles und Seniorinnen und Senioren – in einer Wohnanlage oder Nachbarschaft zusammenzubringen. Dabei muss es sich nicht zwingend um eine klassische Großfamilie handeln – entscheidend ist die Idee, Menschen verschiedener Altersgruppen zu vereinen und die Stärken jeder Generation miteinander zu verbinden. So kümmern sich die Älteren oft um die Kinder, geben ihre Erfahrungen weiter oder unterstützen im Haushalt, während die mittlere Generation körperlich anspruchsvolle Aufgaben übernimmt und Verantwortung für Organisation und Instandhaltung trägt. Doch dieses Zusammenleben funktioniert nur dann dauerhaft, wenn gegenseitige Toleranz, Rücksichtnahme und Verständnis vorhanden sind. Unterschiedliche Gewohnheiten, Bedürfnisse und Lebensrhythmen treffen hier unmittelbar aufeinander. Werden diese Unterschiede respektiert und als Bereicherung verstanden, entsteht eine lebendige Gemeinschaft, in der alle Generationen voneinander lernen, sich gegenseitig unterstützen und gemeinsam von den Vorteilen des Miteinanders profitieren können.
Antwort auf soziale Isolation im Alter
Alle genannten Projekte schaffen barrierefreie Wohnräume, die Menschen mit zunehmend eingeschränkter Mobilität ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen. Häufig können auch professionelle Pflege- und Betreuungsangebote direkt in das Wohnkonzept integriert werden. Dadurch lässt sich ein Umzug in ein Pflegeheim oftmals hinauszögern oder sogar ganz vermeiden. Diese neuen Wohnformen eröffnen die Chance, Gemeinschaft neu zu denken und Generationen miteinander zu verbinden. „Gemeinsam statt einsam“ ist daher mehr als ein Schlagwort – es beschreibt eine Entwicklung, die zeigt, wie ein solidarisches Zusammenleben den Alltag aller Beteiligten bereichern kann.




