Reportage & Wissen

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Franz Ferdinand und die weiße Gams

Text: Christian Heugl

Fotos: Portrait: Wikipedia; Rahmen: Kanea - stock.adobe.com; Gams: Simmerstatter; Ortschronik Golling; Rahmen: asignarts - stock.adobe.com; Christian Heugl

Das Bluntautal spielte im Leben des jagdbegeisterten Thronfolgers Franz Ferdinand (1863 bis 1914) eine entscheidende Rolle.

Im Laufe seines Lebens erlegte der treffsichere Jäger Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este 274.889 Tiere. Seine akribisch geführten Jagd-bücher geben über jeden einzelnen Abschuss genau Auskunft. Dieser eine weiße Gamsbock, den der pathologische Jäger und Sammler im Alpwinkl unter dem südlichen Göllmassiv am 27. August 1913 erlegte, war dann aber das eine Wild zu viel. Diese Meinung vertraten sogleich viele Zeitgenossen, für die der Abschuss einer geheiligten weißen Gams dem Todesurteil des Schützen gleichkam.
Für Franz Ferdinand selbst spielte der Mythos um die weiße Gams keine besondere Rolle. „Ja wenn man sterben muss, stirbt man sowieso“ soll der Habsburger seiner Gattin erwidert haben, als ihn diese auf den Frevel und die möglichen Folgen aufmerksam machte. Kein Jahr später, am 28. Juni 1914 wurden die beiden bekanntlich in Sarajevo ermordet. Die beiden nachfolgenden Weltkriege kosteten mindestens 59 Millionen Menschen das Leben.

Franz Ferdinand (3.v.li). am Torrener Joch

Das Jagdrevier Blühnbach
Das einsame Hagengebirge war schon seit dem 10. Jahrhundert ein bevorzugtes Jagdgebiet der Salzburger Kirchenfürsten. Erzbischof Wolf Dietrich von Raitenau (1559–1617) ließ sich für diese Zwecke ein prachtvolles Jagdschloss im Blühnbachtal errichten. Als nun im Jahr 1816 das säkularisierte Erzbistum endgültig zum Habsburgerreich kam, wurden auch die Rechte in den einstigen erzbischöflichen Jagdgebieten neu geordnet. Die riesige, rund 14.000 Hektar große Blühnbachjagd, einschließlich der Reviere bis zum Südabfall des Hoch-königs und im Norden bis zum Hohen Göll, wurde zunächst an eine hochadelige Jagdgesellschaft, bestehend aus 14 österreichischen, böhmischen und bayerischen Aristokraten, vergeben. Auch Kaiser Franz Joseph, Kronprinz Rudolf und Erzherzog Franz Ferdinand gehörten zu den illustren Jagdgästen. Am stärksten beeindruckt von der ausgezeichneten Gamswildjagd zeigte sich Franz Ferdinand, der daraufhin das Revier gegen den Widerstand der bisherigen Jagdgesellschaft unter seine Kontrolle brachte. Damit der lungenkranke Franz Ferdinand über einen bequemeren Aufstieg in sein neues Gamsrevier verfügen konnte, wurde kurzerhand eine abenteuerlich-kurvige, sieben Kilometer lange Heeres-Straße auf das Torrener Joch angelegt. Auch Jagdunterstände am Joch und ein großes Jagdhaus am Eingang in das Bluntautal wurden errichtet, während die letzten Almbauern enteignet und den Gebirgswanderern der Zugang zunehmend verwehrt wurde. Konflikte waren vorprogrammiert, andererseits war die kaiserliche Familie auch ein gefragter Arbeitgeber. Das im Renaissance-Stil erbaute Schloss Blühnbach wurde von heimischen Arbeitskräften aufwändig umgestaltet, die Antiquitätenhändler durften das Schloss mit exquisiter Ware ausstatten und für die vielen Treibjagden waren bis zu 100 Helfer im Einsatz.

Die weiße Gams im Haus der Natur
Bei der Jagd am 27. August im Alpwinkl erlegte der Thronfolger zwei Gamsgeißen und 22 Gamsböcke, darunter jene schicksalsträchtige weiße Gams. Dieses besondere Tier wurde natürlich bestmöglich präpariert und gelangte nach dem Untergang des Habsburgerreiches in den Besitz des neuen Jagdherren von Schloss Blühnbach, Gustav Krupp von Bohlen und Halbach. Der Industrielle aus Deutschland machte das Tier aber umgehend dem Salzburger Haus der Natur zum Geschenk, nachdem ihn seine Jäger eindrücklich vor der unheilvollen Geschichte der weißen Gams gewarnt hatten. So kam die berühmte weiße Gams also in das Haus der Natur in der Stadt Salzburg und kann dort in der Schau „Mensch und Tier in Fabel und Mythos“ bestaunt werden.

Franz Ferdinand in Salzburg
Es wäre aber unfair, den öffentlichkeitsscheuen, nicht sonderlich beliebten Thronfolger Franz Ferdinand bloß auf seine gigantomanische Jagdleidenschaft zu reduzieren. Speziell für das Salzburger Stadtbild war seine reaktionäre, dem Traditionalismus verpflichtete Gesinnung sogar sehr gewinnbringend. Der Verwalter des Schönen und der alten Kulturschätze verhinderte durch seinen Einsatz unter anderem das fertige Projekt eines Mönchsbergtunnels, der dann quer über den Petersfriedhof in die Festungsgasse verlaufen wäre.
Auch an eine Erweiterung der engen Altstadtgassen auf 10 bis 12 Meter wurde in der fortschrittsgläubigen Zeit am Beginn des 20. Jahrhunderts allen Ernstes gedacht. Der Salzburger Altstadtschutz hat in Franz Ferdinand einen ersten großen Vorreiter.

Die Obere Jochalm mit Blick Richtung Alpwinkl