Zwischen Selfie und Selbstzweifel

Auf TikTok, Instagram und Co. begegnen Jugendlichen täglich Tausende perfekt inszenierte Körper. Schlankheitsideale, Diättrends und Fitness-Challenges verbreiten sich heute schneller denn je. Fachleute warnen: Für junge Menschen mit einem ohnehin fragilen Selbstwert können soziale Medien zum Verstärker von Körperunzufriedenheit und Essstörungen werden.

Text: Susanne Rosenberger | Fotos: Adobe Fotostock / KI

Als im Salzburger Filmkulturzentrum DAS KINO Anfang Juli der dokumentarische Kurzfilm Ashamed vorgestellt wurde, war es im Saal ungewöhnlich still. Keine Hochglanzbilder, keine perfekten Körper – stattdessen berichten im Film Betroffene offen von schweren Themen wie Essstörungen, Süchten, Isolation und queerer Identität. Und einem Gefühl, das viele Betroffene verbindet: Scham. Die Botschaft: Scham isoliert – Offenheit kann der erste Schritt zur Veränderung sein. Die 20-jährige Filmemacherin und Musikerin Lea Andexlinger alias TULATU macht in ihrem Song und begleitendem Kurzfilm sichtbar, worüber oft geschwiegen wird. Ein Thema, das gerade im Zeitalter von TikTok und Instagram aktueller ist denn je.

Ihr ehrlicher Umgang mit ihrer eigenen Binge-Eating-Erkrankung macht deutlich, wie wichtig es ist, Essstörungen aus der Tabuzone zu holen und insbesondere junge Menschen dazu zu ermutigen, offen über Selbstzweifel, Scham und psychische Belastungen zu sprechen.

Mit ihrer Aussage, sie habe „keine Lust mehr darauf, Teil von diesem Fake Social Media zu sein“, setzt die Musikerin ein bewusstes Zeichen für mehr Authentizität und einen offenen Umgang mit psychischen Herausforderungen.

Der Kurzfilm Ashamed von TULATU zeigt auf bewegende Weise, warum Offenheit der erste Schritt sein kann, Scham und Essstörungen zu überwinden. Zu sehen auf YouTube.

Perfekt um jeden Preis?

Bei vielen Jugendlichen beginnt der Tag morgens mit einem kurzen Blick aufs Handy. Noch vor dem Frühstück erscheinen Videos von Fitnessroutinen, „What I eat in a day“-Clips oder makellos bearbeitete Körper. Was für viele Unterhaltung ist, kann bei anderen unbemerkt Zweifel säen.

Soziale Medien sind aus dem Alltag junger Menschen kaum mehr wegzudenken – und ihr Einfluss wächst stetig. Laut dem Jugend-Internet-Monitor 2025 nutzen 87 Prozent der österreichischen 11- bis 17-Jährigen regelmäßig WhatsApp, gefolgt von YouTube (80 Prozent), Snapchat (74 Prozent), Instagram (73 Prozent) und TikTok (72 Prozent). Gleichzeitig weist das aktuelle HBSC-Factsheet des österreichischen Sozialministeriums darauf hin, dass eine problematische Social-Media-Nutzung bei Jugendlichen zunehmend zu einem relevanten Gesundheitsthema wird. Exzessive Nutzung kann suchtähnliche Verhaltensweisen fördern und sich negativ auf das psychische Wohlbefinden auswirken. Auch Essstörungen stellen in Österreich ein ernstzunehmendes Gesundheitsproblem dar: Schätzungen zufolge leben rund 200.000 Menschen mit einer Essstörung, etwa 90 Prozent der Betroffenen sind weiblich.

Erste Symptome treten häufig zwischen dem 12. und 25. Lebensjahr auf – also genau in jener Lebensphase, in der soziale Medien eine besonders große Rolle spielen.

Dass Social Media allein eine Essstörung wie Anorexie, Bulimie oder Binge-Eating auslöst, lässt sich wissenschaftlich nicht belegen. Vielmehr sind Essstörungen eine komplexe Erkrankung, die im Zusammenspiel von vielen Faktoren entsteht. Fachleute sind sich jedoch einig, dass Plattformen wie Instagram oder TikTok bestehende Unsicherheiten verstärken können, wenn sie makellose Schönheit zum Ideal machen oder problematisches Ess- und Sportverhalten verharmlosen.

Der ständige Vergleich mit scheinbar makellosen Körpern, stark bearbeitete Bilder, Filter und Influencer-Marketing vermitteln oft unrealistische Schönheitsideale. Hinzu kommen Trends wie „What I eat in a day“-Videos, exzessives Kalorienzählen oder problematische Inhalte unter Schlagworten wie „SkinnyTok“, die insbesondere jungen Menschen ein verzerrtes Bild von Ernährung und Körpergewicht vermitteln können.

Verstärkt wird dieser Effekt durch die Algorithmen der Plattformen: Sie zeigen Nutzerinnen und Nutzern nicht zufällig Inhalte, sondern immer mehr von dem, womit sie sich bereits beschäftigt haben.

Wer sich einmal für Diäten oder Gewichtsabnahme interessiert, gerät dadurch leicht in eine digitale Filterblase, in der ähnliche Inhalte immer häufiger ausgespielt werden – und der Druck, einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen zu müssen, weiter zunimmt.

SkinnyTok & Thinspiration

Der Berufsverband Österreichischer Psychologinnen und Psychologen (BÖP) warnte im Juni vor dem Social-Media-Trend „SkinnyTok“, der insbesondere auf TikTok ein unrealistisches und gesundheitsschädliches Schönheitsideal verbreitet. Unter entsprechenden Hashtags werden extrem schlanke Körper glorifiziert und problematische Essgewohnheiten als erstrebenswert dargestellt. Solche Inhalte können insbesondere bei Jugendlichen den Druck erhöhen, einem bestimmten Körperbild zu entsprechen.

„SkinnyTok ist kein harmloser Trend, sondern stellt ein großes Risiko für die mentale und körperliche Gesundheit von Jugendlichen dar“, unterstreicht a.o. Univ.-Prof.in2 Dr.in Beate Wimmer-Puchinger, Präsidentin des Berufsverbands Österreichischer Psychologinnen und Psychologen.

„Besonders junge Menschen sind gefährdet, da sich ihr Selbstbild noch entwickelt. Wir setzen uns dafür ein, dass umgehend Präventionsmaßnahmen geschaffen werden, um der hohen Prävalenz von Essstörungen entgegenzuwirken.“

Studien zeigen, dass sogenannte „Thinspiration“-Beiträge negative Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl haben, soziale Vergleiche fördern und das Risiko für Essstörungen wie Magersucht (Anorexia nervosa) erhöhen können. Hinzu kommt der Einfluss von Influencerinnen und Influencern, zu denen viele Jugendliche eine emotionale Bindung aufbauen und deren Verhalten deshalb besonders stark nachahmen.

Was Jugendliche stark macht

Die gute Nachricht: Es gibt viele Möglichkeiten, junge Menschen vor den negativen Auswirkungen unrealistischer Schönheitsideale zu schützen. Ein wichtiger Ansatz ist das Konzept der Body Neutrality, bei dem der Fokus nicht auf dem Aussehen, sondern auf den Fähigkeiten und der Gesundheit des eigenen Körpers liegt. Ebenso entscheidend ist die Förderung von Medienkompetenz – etwa indem Jugendliche lernen, bearbeitete Bilder und algorithmisch gesteuerte Inhalte kritisch zu hinterfragen.

Die Internet-Plattform Saferinternet.at gibt Jugendlichen, aber auch ihren Eltern und Schulen Infos und Tipps zum Umgang mit digitalen Medien. Einer Studie von Saferinternet.at aus dem Jahr 2024 zufolge, geben rund 30 % der Jugendlichen an, sich nach der Nutzung von sozialen Netzwerken schlecht zu fühlen. Einer der Gründe ist die Vermittlung unrealistischer Schönheitsideale in diesen Medien, welche durch Bildbearbeitung, die Nutzung von Filtern und perfekten Posen verzerrt werden.

Vielen Jugendlichen ist nämlich gar nicht bewusst, dass Content Creatoren nur Ausschnitte ihrer Lebensrealität zeigen. Niemand erlebt rund um die Uhr Highlights! Influencer wollen mit ihren Inhalten Geld verdienen und optimieren dazu ihr eigenes Aussehen. Gespräche über Bildbearbeitung, Filter und inszenierte Online-Realitäten helfen dabei, Schönheitsideale realistisch einzuordnen. Auch ein bewusster Umgang mit sozialen Medien kann entlasten: Accounts, die Druck auslösen oder ein verzerrtes Körperbild vermitteln, dürfen konsequent entfolgt werden, während regelmäßige digitale Auszeiten Raum für echte Begegnungen und neue Perspektiven schaffen.

Tipps für selbstbewussten Umgang mit Schönheitsidealen im Internet:

  • Suche bewusst nach Inhalten, die dir guttun und beeinflusse so den Algorithmus positiv.
  • Achte darauf, dass die Inhalte deine Interessen widerspiegeln und eine positive Wirkung auf deine Stimmung haben.
  • Verwende Stichwörter, die deinen Feed vielfältiger und ausgewogener machen.
  • Begrenze deine Zeit auf Social Media.
  • Bleibe in Kontakt mit deinen realen Freunden, bestärkt euch gegenseitig in eurer Individualität.
  • Verfolge deine eigenen Ziele und feiere deine persönlichen Erfolge.

Diese Tipps stammen aus der Broschüre „Schönheitsideale im Internet“ http://Saferinternet.at