Es war einmal – und ist noch immer
Die zeitlose Kraft der Märchen

Sie beginnen mit „Es war einmal“ – und führen mitten hinein in die großen Fragen des Lebens. Märchen sind keine harmlosen Kindergeschichten, sondern verdichtete Lebensweisheit: alte Erzählungen, die Orientierung geben, Sehnsüchte und Ängste spiegeln und Generationen wie auch Kulturen verbinden. Wer ihnen zuhört, entdeckt nicht nur eine Geschichte, sondern ein Stück von sich selbst.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Adobe Stock, Helga Graef, Iris Unterhofer, Karin Pfisterer

Helga Graef, Unterach am Attersee; www.brot-und-leben.at

Märchen üben seit Jahrhunderten eine ungebrochene Faszination aus – und das nicht nur auf Kinder. „Der Zauber liegt darin, dass Märchen Lebensgeschichten enthalten, in denen wir uns alle wiederfinden“, erklärt die Märchenerzählerin Helga Graef. „Sie erzählen von Problemen, die wir alle kennen – von Beziehungen, vom Erwachsenwerden, von Herausforderungen des Alltags – und sie bieten Lösungen.“

Lebensweisheiten in Geschichten verpackt

In traditionellen Märchen ziehen Söhne und Töchter oft aus, um ihr Glück zu finden. Manchmal freiwillig, manchmal getrieben durch Not, Tod oder Verlust. „Das ist ein universeller Schritt, den jeder von uns einmal macht: hinaus in die große, weite Welt, selbstständig werden, Erfahrungen sammeln – Höhen und Tiefen inklusive.“ Märchen spiegeln diese Erfahrungen wider, und das Unterbewusstsein nimmt die Geschichten auf, oft viel eindringlicher, als wir bewusst wahrnehmen. Gefahren und Herausforderungen erscheinen im Märchen drastisch – der Wolf verschlingt die Großmutter – doch am Ende siegt das Gute, und das vermittelt Sicherheit und Orientierung. „Das ist das Kennzeichen des Märchens: das Gute gewinnt immer.“

Die Kunst des Märchenerzählens liegt nicht nur im Inhalt, sondern auch in der Darbietung. „Wenn ich frei erzähle, sind die Zuhörer mitten in der Geschichte, es ist wie Kino im Kopf. Man erlebt die Bilder, fiebert mit, denkt mit – eine kleine Flucht aus dem Alltag.“ Helga Graef arbeitet dabei mit alten Volksmärchen, manchmal in Hochdeutsch, manchmal in Mundart, und passt sprachliche Details an, ohne den Kern der Geschichten zu verändern. „Der Handlungsstrang ist heilig. Wenn man ihn verändert, verliert das Märchen seine Ausstrahlung.“

Universelle Form der Wissensvermittlung

Märchen wirken auf mehreren Ebenen: Sie lehren Mut, Durchhaltevermögen und Mitgefühl und bereiten auf reale Lebenssituationen vor. „Im Märchen stirbt der Held manchmal. Aber das bedeutet immer auch Neuanfang. Solche symbolischen ‚Tode‘ erfahren wir im Leben – Trennung, Verlust, Wendepunkte – und das Märchen zeigt, dass es weitergeht.“ Die Geschichten helfen, diese Prozesse zu verstehen und geben Orientierung. Sie setzen „Samen“ in unser Unterbewusstsein, die wachsen und Mut für eigene Schritte im Leben geben.

Helga Graef hat selbst den Weg zum Märchenerzählen über Umwege gefunden. Ursprünglich in der Wirtschaft tätig, entdeckte sie durch ihre Lehrtätigkeit für Lebens- und Sozialberater die psychologische Dimension der Märchen. 2017 startete sie ihren ersten Märchenabend, heute veranstaltet sie regelmäßig Erzähl-Events, bei denen die Märchen in Kombination mit Menüs oder Musik dargeboten werden.

Märchen sind nicht nur Unterhaltung, sondern eine universelle Form der Wissensvermittlung. „Früher konnten die Menschen nicht lesen und schreiben. Geschichten wurden erzählt, von Generation zu Generation weitergegeben, angepasst an Kultur und Alltag“, erklärt sie. Diese Tradition gibt es weltweit, von den arabischen Karawanen bis zu europäischen Volksmärchen. „Die Geschichten sind ähnlich, egal ob in Japan, Spanien oder bei den amerikanischen Ureinwohnern – es geht um Außenseiter, Helden, um Mut, um das Überwinden von Widrigkeiten.“

Auch schwierige oder problematische Inhalte wie Tod oder Bösewichte werden in Märchen bewusst thematisiert. „Kinder brauchen die Erfahrung von Gut und Böse. Sie lernen, dass das Böse besiegt wird und das Gute gewinnt. Das bereitet sie auf die Welt vor, ohne sie zu verschrecken.“ Märchen sind somit nicht nur Unterhaltungs- oder Schlafmittel für Kinder, sondern auch psychologisch wertvoll – für Erwachsene ebenso wie für Kinder. „Kindern erzählt man Märchen, damit sie einschlafen. Erwachsenen, damit sie aufwachen.“

Iris Unterhofer, Fusch an der Großglocknerstraße; www.schermtax.at

Märchen als Spiegel der Seele

Spannend wird es, wenn Märchen das eigene Leben reflektieren und psychologische Aspekte aufgezeigt werden: Wer bin ich in dieser Geschichte? „Je nachdem, mit welcher man sich identifiziert, zeigen sich unbewusst eigene Glaubenssätze oder innere Konflikte.“ Die Märchenarbeit kann so eine subtile, aber tiefgreifende Selbstreflexion sein. Diese Methode ist eine Mischung aus Erzählkunst und psychologischer Beratung – sie eröffnet Wege, eigene Muster zu erkennen und zu hinterfragen, ohne übergriffig zu werden.

Die universelle Botschaft: Mut, Reife, Glück

Märchen sind eine Art Lebensschule. Sie lehren, dass Glück und Erfolg nicht einfach geschenkt werden, sondern durch eigene Handlungen, Mut und Ausdauer erreicht werden. Der dunkle Wald, durch den Figuren wandern, steht symbolisch für unser Unterbewusstsein: Dort treffen wir auf Hindernisse, Räuber, Drachen – Prüfungen, die uns reifen lassen. Am Ende steht oft eine Belohnung, eine Heimkehr, eine Vereinigung mit dem Lebensglück, das auch die Integration von männlichen und weiblichen Anteilen symbolisiert. „Die Krone erhält man erst mit der Erfahrung, mit dem Mut und der Weisheit des Lebens.“

Im Zauber der Worte

Märchen sind aber auch Schatzkammern kultureller Weisheit, Brücken zwischen Menschen und Zeiten. Iris Unterhofer hat sich als Märchen- und Sagenerzählerin diesem Erbe verschrieben – und zeigt, wie lebendig und relevant das Erzählen heute noch sein kann.

Wenn sie erzählt, passiert etwas Seltsames: Kinder legen das Smartphone weg, Erwachsene lehnen sich zurück, für ein paar Minuten scheint die Gegenwart stillzustehen. Ihre Stimme, ihre Bilder, ihre Gesten – alles zieht hinein in eine Welt, in der Tiere sprechen, der Kleinste der Held ist und selbst der Wolf am Ende nur Teil einer größeren Wahrheit wird.

„Märchen haben mich schon als Kind begleitet“, sagt sie, „die meine Oma mir vorgelesen hat. Später habe ich das völlig aus den Augen verloren – bis ich in Tansania in einem Straßenkinderprojekt gearbeitet habe.“ Dort begegnete sie wieder dem Märchenerzählen – in einer Sprache, die sie zunächst kaum verstand, aber deren Bilder ihr vertraut waren. Besonders faszinierte sie, wie Märchen Kulturen überdauern und sich anpassen: „Ich habe die Frau Holle in Tansania getroffen. Sie war anders – ohne Schnee, ohne Spindel – aber ich wusste sofort, um wen es geht. Märchen reisen, sie passen sich an, bleiben aber erkennbar. Die Motive sind universell. Auch wenn in afrikanischen Märchen zum Beispiel oft Tiere die Hauptrollen spielen, steckt in ihnen dieselbe Weisheit wie in europäischen Märchen.“

Vom Zuhören zum Erzählen

Zurück in Österreich absolvierte sie einen Lehrgang für Märchenerzähler – zunächst ohne berufliche Absicht. Doch ein Auftritt vor Flüchtlingen wurde zum Wendepunkt: „Danach war Stille im Raum. Eine Frau erzählte mir, dass sie zuletzt im Luftschutzkeller während eines Bombenangriffs ein Märchen gehört hatte. Da wusste ich: Das ist es.“

Seither erzählt sie in Kindergärten, auf Geburtstagen, in Schulen, auf ihrer Bucheckalm in Fusch an der Großglocknerstraße oder am Lagerfeuer. Das Publikum ist bunt – vom Vierjährigen bis zum 85-jährigen Bergbauern. „Ich interpretiere Geschichten nie vorab. Jeder hört etwas anderes – abhängig von den eigenen Lebenserfahrungen.“

Mehr als Unterhaltung

Für Iris sind Märchen keine bloße Folklore, sondern ein kulturelles Erbe und gleichzeitig ein pädagogisches Werkzeug. Ihre Märchen hält sie bewusst volksnah: „Volksmärchen sind im Volk gewachsen. Die Botschaften schwingen leicht mit, aus der Lebenserfahrung. Ich erzähle nie mit Zeigefinger oder moralisch belehrend. So kann jeder das für sich mitnehmen, was ihm wichtig ist. Sie fördern Zuhören und Vorstellungskraft. Anders als beim Fernsehen entstehen eigene Bilder im Kopf.“

Unheil in Geschichten bringt sie mit viel Feingefühl ein und achtet besonders im Umgang mit Kindern auf einen sicheren Rahmen – selbst bei gruseligen Inhalten. Konflikte und Herausforderungen gehören zum Leben; entscheidend ist, wie sie erzählt werden, sodass sich am Ende das Gute durchsetzt und ein angenehmes Gefühl bleibt. Beim Erzählen soll immer auch Raum für Humor und Lachen sein.

In ihrer Arbeit verknüpft sie das Erzählen oft mit praktischen Elementen: Butter machen, Spinnen, Feuer entzünden. Als ausgebildete Wildnispädagogin inszeniert sie Geschichten in passender Atmosphäre – etwa bei nächtlichen Fackelwanderungen. „So spüren die Leute, wie es früher war – bevor alles hell, laut und hektisch wurde.“

Schätze der Heimat und Brücken zur Welt

Besonders am Herzen liegen ihr lokale Sagen aus dem Pinzgau. Viele davon recherchiert sie im Gespräch mit älteren Menschen, um deren Wissen zu bewahren. „Oft steckt ein realer Kern in den Sagen – eine ungewöhnliche Felsformation, ein historisches Ereignis, das sich im Laufe der Zeit zur Sage verwandelt hat. Sagen verändern den Blick auf die Landschaft. Das ist Zauber, Heimatkunde und Kulturgeschichte zugleich.“

Gleichzeitig reist sie mit den „Sieben-Meilen-Stiefeln“ durch die Märchen anderer Kulturen – gerade bei Kindern mit Migrationshintergrund. Dann erzählt sie Märchen aus deren Herkunftsländern, lässt Wörter in der Muttersprache einfließen und zählt spielerisch bis zehn auf Georgisch, Arabisch oder Suaheli. „Das schafft einen wertschätzenden Zugang zu Sprache und Kultur. Märchen öffnen Türen in andere Welten.“