Editorial

Die Automenschen werden für dumm verkauft und die Industrie gesteinigt

Fakt ist: Rechnet man beim Elektrofahrzeug den gesamten Lebenszyklus – von der Rohstoffgewinnung inklusive seltener Metalle über die unterschiedliche Stromherkunft bis hin zur Verwertung am Ende seiner Lebenszeit –, ergibt sich eine CO2-Einsparung von 30 bis 70 Prozent gegenüber modernen Verbrennern.

Um jedoch die jährlichen Emissionen von Containerschiffen auszugleichen, müssten 125 bis 300 Millionen E-Autos anstelle von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor unterwegs sein (bei einer Einsparung von 1–2 Tonnen pro Fahrzeug und Jahr). Für die gesamte Schifffahrt bräuchte es bis zu 1 Milliarde Fahrzeuge. Dabei gäbe es bereits einige Hersteller von Partikelfiltern für die Schifffahrt, die vergleichsweise einfach verbaut werden könnten.

Die komplette Luftfahrt verbucht über ihren Lebenszyklus hinweg jährlich 1 bis 1,2 Gigatonnen CO2 (also 1 bis 1,2 Milliarden Tonnen!). Die zusätzlichen Klimaeffekte der Luftfahrt durch Nicht-CO2-Faktoren (z. B. Kondensstreifen, NOx) sind erheblich und erhöhen den kurzfristigen Klimaeinfluss der Luftfahrt auf etwa das Zwei- bis Dreifache der reinen CO2-Wirkung.

Wie realistisch ist also das Szenario E-Auto bis 2035 anhand erreichbarer Infrastruktur, wenn man bereits hinter vorgehaltener Hand hört, dass nach und nach endlich zusätzliche Alternativen freigegeben werden sollen? Für jeden klar Denkenden und technisch Interessierten ist absehbar, dass die gesteckten Ziele in rund zehn Jahren mit Elektroantrieb allein niemals erreichbar sind. Daher sollte das Aufsplitten auf mehrere Technologien nicht länger im Verborgenen erfolgen. Stark rückläufige Förderungen und steigende Ladekosten entziehen diesem Szenario zusätzlich den Boden unter den Füßen.

Abgesehen von E-Fuels wie e-Kerosin, e-Methanol oder e-Ammoniak für die Luftfahrt gäbe es für die Fahrzeugindustrie sehr förderwürdige Alternativen mit hohem Einsparpotenzial, wie Brennstoffzellen (FCEV) mit grünem H2, fortgeschrittene Biokraftstoffe (HVO/BtL) im Diesel, Biomethan (CNG aus Reststoffen), E Fuels (e Diesel/e Benzin) aus Ökostrom + DAC/biogenem CO2 oder H2 Verbrenner (grüner H2).

Warum kann die Politik nicht aus Fehlern lernen? Warum hat kaum jemand den Mut, an einen langfristigen Erfolg anstatt des schnellen Stimmenfangs ohne Gewissen zu glauben?

Würde man hier mehr Ehrlichkeit an den Tag bringen, könnte man jetzt viel Zeit gewinnen. Zulieferer und Arbeitsplätze wären nicht so sehr vom Aussterben bedroht und auch jene mit dem klaren Wunsch nach „Sound und Verbrennung“ könnten bedient werden. Millionen Automenschen den Spaß ohne schlechtes Gewissen zu vergönnen, würde sicher eine gute Schlagzeile machen.

Andernfalls wird man erst irgendwann schmerzlich und wieder viel zu spät reagieren, statt zu agieren.

Ihr Stephan Kaindl-Hönig
Herausgeber