
Editorial
Staunen lernen
Vielleicht liegt eine der Eigenheiten des Menschen darin, dass er sich an das Schönste gewöhnt. An Berge vor dem Fenster, an blühende Wiesen, an klare Luft, sauberes Wasser und an jene Ruhe, die eine intakte Landschaft ausstrahlt. Was täglich da ist, verliert seine Besonderheit. Und genau darin liegt die stille Gefahr des Gewöhnens: Das Außergewöhnliche wird Alltag, das Kostbare Hintergrundrauschen. Was uns umgibt, wirkt irgendwann selbstverständlich.
Was es dann dringend braucht, ist ein Perspektivenwechsel!
Am besten gelingt dieser, wenn man sich einer Reisegruppe anschließt. Idealerweise einer amerikanischen. Irgendwo in Salzburg. Still zuhören und beobachten: Die staunenden Blicke. Die Begeisterung über jede Gasse, jeden Kirchturm, jedes Bergpanorama. Dieses Ergriffensein von Menschen, die tausende Kilometer gereist sind, um genau das zu sehen, was für uns Alltag ist. Diese Begeisterung macht etwas Seltsames: Durch die Augen der Touristen sehen auch wir unsere Welt wieder neu. Sie lassen auch uns wieder staunen.
Heimat erkennt man oft erst dann wirklich, wenn man versucht, sie mit fremden Augen zu sehen. Und manchmal brauchen wir die Augen der Fremden, um uns selbst wieder erkennen zu können.
Der Philosoph Søren Kierkegaard sagte, das Leben werde vorwärts gelebt, aber rückwärts verstanden. Vielleicht gilt Ähnliches für Heimat bzw. viele Dinge, die wir als selbstverständlich erachten: Man erkennt ihren Wert erst aus der Distanz – oder im Blick der anderen.
Was Stadt und Land Salzburg zu bieten haben, geht jedenfalls weit über Postkartenidylle hinaus. Es ist nicht nur die Schönheit der Landschaft. Es ist dieses Zusammenspiel aus Natur, Kultur und gewachsener Identität. Die Berge. Das viele Grün. Die gepflegten Orte. Die gelebten Traditionen. Die Musik, die Geschichte. Gerade jetzt, in den Frühsommermonaten, zeigt sich diese Schönheit mit besonderer Kraft. Alles blüht, alles lebt.
Und dann darf man ruhig einmal innehalten. Und dankbar sein. Beim Blick aus dem Fenster, bei einem Spaziergang, beim Gedanken daran, dass andere um die halbe Welt reisen, um das zu erleben, was für uns selbstverständlich ist. Dafür, an einem Ort zu leben, der für so viele Menschen ein Sehnsuchtsort ist.
In diesem Sinne: Genießen Sie diese wundervolle Zeit, gehen Sie raus! Setzen Sie die Touristen-Brille auf und staunen Sie!
Ihre Doris Thallinger
Chefredakteurin