Edinburgh, eine Stadt wie eine Bühne

Elegant, mystisch, majestätisch. Doch Edinburgh kann auch anders. Gerade im Sommer, während des Fringe Festivals wird die schottische Hauptstadt laut, bunt und schrill.
Text: Heidrun Henke
Fotos: Heidrun Henke

Infos & Tipps:

Fringe-Erlebnisse:

  1. Straßenkünstler auf der Royal Mile – kostenlos und vielseitig
  2. Late-Night Comedy in Kellern oder Hinterzimmern, oft improvisiert
  3. Free Fringe Shows – „Pay what you want“ bringt Überraschungen und echte Geheimtipps.
  4. Es gibt viele ungewöhnliche und sehr atmosphärische Spielstätten: Kellergewölbe, Untergrundräume und sogenannte „Cave“-Venues, die einen besonderen Eindruck hinterlassen (z. B. Banshee Labyrinth).
  5. Festival Fireworks am Castle – der krönende Abschluss über der Stadt.

Aussichtspunkte:

  • Arthur’s Seat: Rund 45 Minuten Aufstieg, dafür ein Rundumblick über Stadt, Meer und Highlands.
  • Calton Hill: Zentral gelegen, perfekt für Sonnenuntergänge und Fotos.
  • Castle Esplanade: Von hier aus überblickt man die Altstadtgassen – besonders stimmungsvoll bei Dämmerung.

Essen, Schlafen, Trinken:

  • Clarinda‘s Tea Room: entlang der Royal Mile, Canongate: klein, aber fein, mit süßem Innenhof, Garten und romantischem Interieur: instagram.com/clarindas.tearoom
  • Brewdog Hotel: mitten im Zentrum, originell, stylish, unfassbare Bierauswahl (original schottisches Craftbier) und tolles Frühstück: brewdog.com/uk/doghouse-edinburgh-hotel
  • The Devil’s Advocate: Whiskybar in einer historischen Gasse, beliebt bei Einheimischen.
  • Mary’s Milk Bar: Kultige Eisdiele in Grassmarket – perfekt zwischen Shows.

Eine Reise nach Edinburgh ist wie ein Lustwandeln durch ein Bilderbuch, voller Geschichten und mystischer Schauplätze. Dort ein Schlösschen, da ein Erker, hier ein Harry Potter Turm und dazwischen immer wieder ein geheimnisvoller Durchgang oder ein versteckter Innenhof. Und hoch in den Lüften kreist ein schwarzer Rabe über King Arthur‘s Seat (der Stadtberg). Nicht umsonst haben die Harry Potter Romane hier ihren Ursprung. Denn hier befindet sich auch das weltberühmte Café, in dem J. K. Rowling ihre Romane schrieb (The Elephant House). Man kann sich gut vorstellen, wie hier der Zauberlehrling mit seinem langen Umhang durch die Nebelschwaden huscht und in einem Keller verschwindet. Die Fantasie erwacht an diesem Ort sofort zum Leben.

Wir besuchen Edinburgh (sprich: Edinbra) im August, wenn das weltberühmte Fringe Festival stattfindet. Die Stadt zeigt sich dann von einer ganz anderen Seite: laut, bunt und frech. Wochenlang herrscht hier eine ausgelassene Festivalstimmung und Edinburgh verwandelt sich in vibrierendes und fröhliches Chaos, gespickt mit kulturellen Highlights und künstlerischen Darbietungen. Die altehrwürdigen Gemäuer der Stadt werden zur Bühne für Künstler aus der ganzen Welt und geben großzügig den Platz frei für Musiker, Zauberer, Schauspieler, Stand-up Comedians, Tänzer, Akrobaten, Jongleure, … die alle nach Edinburgh strömen und die Stimmung der Stadt prägen. Mehr als 3000 Shows in über hundert Spielorten liefern Entertainment für jeden Geschmack: von Hochkultur bis Kellergewölbe. Von modernen Konzertsälen bin hin zu Improtheater auf der Straße.

Straßenleben zwischen Dudelsack und Stand-up

Das Wetter mag zwar manchmal grau, windig und regnerisch sein, aber das tut der fröhlichen Atmosphäre keinen Abbruch. Die Feste werden trotzdem gefeiert. Es regnet ja Gott sei Dank nie lange im August, denn wie heißt es so schön in Schottland: „If you don´t like the weather, just wait five minutes!“. In diesem Sinne lassen wir uns von den täglichen Regengüssen nicht abhalten, sondern rüsten uns authentisch schottisch aus (Regenschirm mit Schottenkaro) und spazieren über das Kopfsteinpflaster der berühmten Royal Mile, die sich von Castlehill bis hinunter nach Holyrood erstreckt. Am oberen Ende befindet sich das Wahrzeichen der Stadt, das Edinburgh Castle und am unteren Ende das Scottish Parliament mit modernster Architektur. Dazwischen einige beeindruckende gotische Kirchen und historische Bauten (Parliament House & Signet Library, St. Giles Cathedral, Canongate Kirk).

Auf der touristischen Royal Mile, die mit Pubs und Souvenirläden gesäumt ist, scheint das Herz des Festivals zu schlagen. Ein Straßenkünstler löst den nächsten ab. Und dazwischen immer wieder ein Bagpiper (Dudelsackspieler), der uns mit seiner eindringlichen Musik wieder auf den schottischen Boden zurückholt, wenn wir gedanklich gerade mit einem Luftakrobaten abheben und vor lauter Staunen alles um uns vergessen.

Die Auswahl des Programms ist überwältigend, und genau darin liegt der Reiz. Die sonst grauen Straßen sind gepflastert mit bunten Plakaten, die marktschreierisch und mit witzigen Botschaften Werbung für ihre Show machen. Manche Produktionen reisen mit großen Ensembles an, andere bestehen aus einer Studentin, die mit Gitarre oder Dudelsack auf einem Dachboden auftritt. Am besten man macht es wie wir, wir lassen uns vom Flow des Fringe treiben und sind am Ende des Tages überrascht, wo wir gelandet sind. (Tickets gibt es oft auch spontan direkt vor Ort bei den Venues.)

Ruhe vom Trubel der Stadt

Der terrassenförmig angelegte Park vor der Scottish National Gallery (Princes Street Gardens) scheint genau der richtige Ort, wo wir unser müdes Haupt hinlegen wollen, das voll von Eindrücken ist. Der Park liegt zwischen Old Town und New Town und war im 19. Jahrhundert ein aufgestauter See. Heute ist er einer der beliebtesten Erholungsorte der Stadt mit großer Rasenfläche. Wir genießen die Ruhe des Parks und unsere mitgebrachten Shortbread Fingers (die typischen schottischen Kekse mit viel Butter). Um uns herum befinden sich imposante Denkmäler (Sir Walter Scott Memorial) und ein herrlicher Blick auf das Edinburgh Castle, das hoch über uns thront.

Teatime und Pubkultur!

Im nächsten Teahouse, das romantisch und nostalgisch eingerichtet ist, beleben wir unseren Geist mit einem Edinburgh House Tea und einem selbstgebackenen Scone, der mit Butter und Marmelade serviert wird. Die Cream, die auch dazu angeboten wird, lehne ich dankend ab. Doch nicht nur süß, sondern generell intensiv und fett scheinen die Schotten ihr Essen zu lieben. In den Pubs kann man deftige Hausmannskost, allen voran Burger, Chips, Steak Pies und die vielbesagten Haggis bestellen. Wer Fleisch und alle Teile davon mag, sollte sie auf alle Fälle verkosten, es ist ein intensives Geschmackserlebnis, so wie es die Schotten lieben, und wird mit viel Bier hinuntergeschluckt – oder einem rauchigen Whisky. (Ohne e bitte. Darauf bestehen die Schotten, denn daran erkennt man den echten schottischen Whisky.)

Das Beste am Pub ist die Live-Musik, die hier oft zu hören ist. Gerade während des Fringe Festivals probieren sich hier junge Künstler aus und bekommen ihre 15 Minutes of Fame. Die ausgelassene Geselligkeit und Feierlaune der Schotten trägt ihr Übriges zur lockeren Stimmung bei. Nach ein, zwei Ales wanken wir hinaus an die frische Luft, die vom Regen jetzt klar und sauber ist. Ein Atemzug hier in Edinburgh wirkt direkt auf die Seele und lässt uns stark und gesund fühlen. Wir sind bereit für das nächste Abenteuer und den Fortsetzungsband dieses schottischen Märchens.

Die Wolken geben wieder den Himmel frei und die letzten Sonnenstrahlen des Tages blinzeln auf die Dächer der Stadt. Jetzt glänzt und glitzert die Stadt im silbernen Licht. Genau das ist die Magie, die uns Touristen verzaubert.