„Diese Rolle war schon immer mein Traum“
Die US-amerikanische Mezzosopranistin Kate Lindsey übernimmt bei den Salzburger Festspielen die Partie des Komponisten in Ariadne auf Naxos. Im Gespräch erläutert sie ihre künstlerische Annäherung an die anspruchsvolle Strauss-Rolle, reflektiert über den Druck und die Verantwortung des Komponierens im Musiktheater und gibt Einblicke in ihre Arbeit zwischen Oper, Lied und der Förderung junger Sängerinnen und Sänger.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Yulia Oliver-Taylor

Sie stehen dieses Jahr als „Der Komponist“ in „Ariadne auf Naxos“ auf der Bühne der Salzburger Festspiele – was hat Sie an dieser Figur gereizt?
Diese Rolle war schon immer ein Traum von mir, seit ich Oper studiert habe. Bereits mit 19 Jahren bekam ich die Gelegenheit, eine szenische Fassung von Le nozze di Figaro unter der Regie von Michael Temme zu singen. Er war Professor an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien und der erste, der mir von den Rollen „Der Komponist“ und „Octavian“ (Anm. „Der Rosenkavalier“/beides Hosenrollen) erzählt hat. Das war der Beginn meiner Auseinandersetzung mit diesen Partien und meiner Vorfreude darauf, sie zu interpretieren.
Der Komponist in „Ariadne auf Naxos“ ist jung, kompromisslos und verletzlich. Gibt es persönliche Erfahrungen als Sängerin, die Sie die innere Anspannung dieser künstlerischen Figur besonders gut nachvollziehen lassen?
Da ich in meiner Karriere einige Uraufführungen gesungen habe, konnte ich mit vielen Komponistinnen und Komponisten zusammenarbeiten und sie beobachten. Ich habe großen Respekt für ihren Arbeitsprozess und den enormen Druck, unter dem sie stehen. Es muss ein unglaublich intensiver Prozess sein – sein Herz und seine Seele manchmal über Jahre in ein Werk zu investieren. Und dann muss man es letztlich denjenigen überlassen, die es inszenieren und aufführen. Ich fühle sehr mit Komponistinnen und Komponisten, und das hat sicher die Leidenschaft und Überzeugung geprägt, mit der ich die Rolle des Komponisten angehe.
Wie gehen Sie persönlich mit dem ständigen Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und der alltäglichen Realität des Opernlebens um?
Schritt für Schritt. Ich kann mich sehr gefordert fühlen, wenn ich zu weit in die Zukunft denke, deshalb konzentriere ich mich lieber auf den Moment. Außerdem verlasse ich mich sehr auf die Kunst der Zusammenarbeit. Projekte sind einfacher, wenn man sich als Team auf das Ergebnis konzentriert. Ich versuche, mein Ego oder persönliche Unsicherheiten beiseitezulegen und mich auf das übergeordnete Ziel zu konzentrieren … und ich schreibe viele To-do-Listen, um meine verschiedenen anstehenden Projekte im Blick zu behalten!
Musikalisch gilt der Komponist als eine der anspruchsvollsten Strauss-Partien. Wo liegt für Sie die größte sängerische Herausforderung dieser Partie?
Wenn ich die Rolle mit einer Leichtathletik-Disziplin vergleiche, würde ich sie einen Mittelstrecken-Sprint nennen. Es gibt viele sehr schöne gesangliche Momente, auch wenn die Rolle relativ kurz ist. Alles passiert sehr schnell, mit abrupten dramatischen Wechseln zwischen empathischen Ausbrüchen und lyrisch schwebenden Linien. Die Herausforderung besteht darin, den Wechsel zwischen gesprochenen theatralen und musikalisch expressiven Momenten nahtlos zu gestalten.
Die Festspiele 2026 zeigen Sie nicht nur als Opernsängerin, sondern auch als Liedinterpretin und Mentorin im Young Singers Project. Was verbindet für Sie den Komponisten in „Ariadne auf Naxos“, Sesto in „La clemenza di Tito“ und Ihren Liederabend „Thousands of Miles“, wo Sie u.a. Werke von Kurt Weill singen? Wo liegen für Sie Gemeinsamkeiten, wo die Unterschiede?
Sie sind alle sehr unterschiedlich, und genau das liebe ich an der Arbeit mit unterschiedlichem Repertoire. Ich mag es, verschiedene Stile zu erkunden und mir zu überlegen, wie ich sie jeweils technisch solide und stilistisch authentisch umsetze. Und dabei merke ich, dass jede dieser Erfahrungen wiederum die anderen beeinflusst. Nach dem Komponisten freue ich mich auf die Lyrik und Schönheit des Sesto. Der Komponist vermittelt mir die harmonischen Grundlagen für die musikalischen Entwicklungen, die Anfang des 20. Jahrhunderts stattfanden, als Kurt Weill zu komponieren begann. Ich gehe an alle drei Projekte unterschiedlich heran, aber sie beeinflussen sich jeweils gegenseitig.
Wenn Sie junge Sängerinnen und Sänger im Young Singers Project coachen, wie erleben Sie dort künstlerischen Idealismus? Spüren Sie dort auch den Geist des „Komponisten“?
Beim Arbeiten mit jungen Sängerinnen und Sängern möchte ich sie ermutigen, ihr eigenes Instrument und ihren eigenen Klang anzunehmen. Oft werden wir Sängerinnen und Sänger von der Erwartungshaltung belastet, wie wir klingen „sollten“, doch ich möchte mich stattdessen auf die natürlichen Begabungen konzentrieren, die sie einbringen. Ich gehe sehr bewusst damit um, wie wir den Körper als Unterstützung für den Klang einsetzen – meiner Meinung nach einer der Schlüssel für stimmliche Langlebigkeit und ein Fokus von mir. Ich freue mich sehr darauf, die nächste Generation spannender Talente sowohl zu coachen als auch von ihr zu lernen.