Leben

Lesezeit: 6 Minuten

Die Kraft der Natur

Text: Doris Thallinger

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Reißende Wasserfälle, tosende Flussschnellen, tiefe Naturbecken – beim Canyoning zeigt das Element Wasser, was es kann.

Die Aufregung ist groß – und noch sind sich nicht alle sicher, ob sie es für eine gute Idee halten, sich in 10 Grad kaltes Wasser zu stürzen. Fünf Mädels – von 17 bis 42 Jahren – wagen nämlich heute den Sprung, besser gesagt viele Sprünge: Es geht zum Canyoning. Bevor alle – mehr oder weniger elegant – in ihre Neoprenanzüge schlüpfen, gibt es noch einen Kaffee im chilligen Garten des Base Camp in Lofer. Strahlender Sonnenschein, wunderschöne Bergkulisse, gemütliche Liegestühle – eigentlich wäre das Ambiente schon einen Ausflug wert. Aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher!

Schon geht es im Tourenbus ab ins Heutal, Base-Camp-Canyoning-Guide Regina Wintersteller beantwortet erste Fragen zum Canyoning und beruhigt: „Wenn ihr euch an meine Anweisungen haltet, kann gar nichts passieren!“ Bis es dann endlich losgeht, geraten die ersten unter dem Neopren schon ins Schwitzen – die Lust auf eiskaltes Wasser steigt enorm! Aber noch ist es nicht so weit. Erst lauschen alle bedächtig den Erklärungen und Anweisungen der erfahrenen Tourenführerin.

Regina Wintersteller,
Raftguide & Canyoningführerin,
Base Camp, Lofer

Erstkontakt
Auf geht’s – rein in den Fischbach! Und schnell zeigt sich, dass kaltes Wasser trotz Neopren den Kreislauf kurz ordentlich auf Touren bringt. Spoiler: So laut gekreischt wurde im Laufe der ganzen Canyoning-Tour nicht mehr! Also, das Schlimmste haben wir hinter uns – nun geht’s ans Eingemachte. Denn schon der Einstieg in die Tour fordert allen Mut. 16 Meter geht es senkrecht hinab – am Seil durch einen Wasserfall. Nun ist Vertrauen gefragt, sich am Seil gesichert in die Waagrechte nach hinten fallen zu lassen. Unter sich nur Leere und tosendes Wasser. Über sich die prasselnde Kraft des Wasserfalls, vor sich der Fels. Und auch, wenn unten angekommen, einer jeden die Knie zittern: Die Augen strahlen, der Adrenalinspiegel ist in ungeahnten Höhen und die Sicherheit groß – schwieriger kann es nicht werden!

Aber, keine Zeit darüber nachzudenken – es geht gleich weiter, über Stock und Stein, das Flussbett entlang. Kleinere Wasserfälle scheinen wie gemacht, sich einfach hineinzulegen, und am glatten Stein hinunterzurutschen und in die tiefen, natürlichen Becken des Bachs einzutauchen.

Eins, zwei, Sprung!
„Wer will springen?“, fordert Regina unsere Mädels-Truppe heraus. Und hier trennt sich kurz die Spreu vom Weizen – die einen können es nicht erwarten, die anderen schauen sich das lieber mal aus sicherer Entfernung an. Von oben betrachtet sieht die Welt dann doch ein wenig anders aus: Sechs Meter geht es hinunter, rein in das (hoffentlich) tiefe Gewässer am Fuße des Felsens. Zeit bleibt aber ohnehin keine zum Überlegen. „Eins, zwei, drei!“, zählt Regina an und nur kurz darauf tauchen wir ein ins eisige Wasser. Welch Hochgefühl! Beim nächsten Sprung – gefühlt mindestens so spektakulär und hoch wie der erste – gibt es nun kein Pardon: Eine jede macht den Schritt auf den Abgrund zu und landet sicher im Becken darunter.

Fünf Arten der Fortbewegung
Dass die Tour niemals langweilig wird, dafür sorgt zum einen der abwechslungsreiche Flussverlauf: Kantige Felsen wechseln sich ab mit kleinen und großen Wasserfällen, tosende Passagen mit ruhigen, tiefen „Naturpools“. Und auch Regina sorgt dafür, dass wir stets vor neuen Herausforderungen stehen: Jeder Sprung variiert in der Art, wie er in Angriff genommen wird, jedes Abseilen hat seine eigenen Tücken und selbst die natürlichen, vom Wasser geformten Rutschen könnten nicht unterschiedlicher sein. Mit einem kurzen „Flying Fox“-Manöver geht es weiter quer über den Fischbach, die nächste Rutsche passieren wir ebenfalls am Seil und nach einigen Metern, die wir tapfer am Flussufer entlang klettern, kommen wir auch schon zur letzten „Station“, der Schneckenrutsche, die mit ihrer 180 Grad-Biegung noch einen letzten Adrenalinschub auslöst.

Drei Stunden, rund 100 Höhenmeter und unendlich viel Spaß später, wandern wir zurück zum Ausgangspunkt – zu hundert Prozent sicher, dass dies nicht das letzte Abenteuer dieser Art gewesen ist!