Reise

Lesezeit: 15 Minuten

Das Tor nach Süden

Text: Doris Thallinger

Fotos: Doris Thallinger; Tourismusverein Sterzing; www.sterzing.com; Klaus Peterlin; Arnold Ritter; Damian Pertoll

Kennen Sie Sterzing? Wahrscheinlich – zumindest dem Namen nach: die Mautstation Sterzing aus dem Verkehrsfunk, das Autobahnschild vom Vorbeifahren auf dem Weg ins südliche Italien. Doch: Wer immer nur daran vorbeifährt, dem entgeht etwas: der Charme und die unglaubliche Vielfalt eines alten Fuggerstädtchens, der nördlichsten Stadt Italiens!

Ja, es stimmt, Sterzing – oder Vipiteno, wie die 7.000 Einwohner-Stadt im Italienischen heißt – erinnert in vielem an heimatliche Gefilde. Und dennoch: Schon wenige Kilometer nach der Staatsgrenze kann man es zu spüren: das gewisse Flair. Hier wähnt man sich doch schon in südlicherer Atmosphäre, hier geht einem das Herz auf ob der typischen Herzlichkeit der Südtiroler, hier spürt man aber auch schon den Schick des italienischen Einflusses und hier erlebt man bis heute hautnah, wie die Geschichte dieser Region, dieses Landes ihre Spuren hinterlassen hat.
Damit sind aber nur einige Argumente aufgezählt, die dafür sprechen, dem Alpenstädtchen einen Besuch abzustatten. Mit – je nach Verkehrs- und Baustellensituation – rund 2,5 Stunden Fahrtzeit ab Salzburg ist Sterzing jedenfalls eine lohnenswerte Destination – und sei es zumindest für ein (langes) Wochenende. Denn zu sehen, zu erleben und zu genießen gibt es hier einiges.

Über den Dächern
Hoch ragt er über die Dächer Sterzings – nämlich genau 46 Meter – der Zwölferturm, das Wahrzeichen der Stadt, und teilt die Fußgängerzone der Altstadt und die der Neustadt, die Richtung Süden bis zum Untertorplatz geht. Errichtet wurde der Zwölferturm im Jahr 1468 als Beobachtungsstation, in erster Linie, um Brände möglichst rasch zu erspähen und eindämmen zu können. 1443 war die Neustadt nämlich bei einem dieser Brände fast zur Gänze abgebrannt. Eine Zeit des Wiederaufbaus folgte und noch heute sind die Häuser der Neustadt aus dieser Zeit erhalten. Aber auch der Zwölferturm selbst war vor dem Feuer nicht gefeit. 1867 schlug der Blitz ein und das ursprüngliche spitze Holzdach fiel den Flammen zum Opfer und wurde durch den stufenförmigen Aufbau mit Steinquadern ersetzt, der heute noch zu bewundern ist.

Zu bewundern gilt es auch den Ausblick, den man vom Zwölferturm aus genießt: auf den Rosskopf, den Hausberg der Sterzinger und auf das Getümmel am Marktplatz und in den Fußgängerzonen. Zu diesem Zwecke empfiehlt sich der Besuch in der Adventzeit – dann nämlich ist der Turm zugänglich und man kann die zahlreichen Stein- und Holzstufen bis zum Glockenstuhl erklimmen. Belohnt wird man – neben der Aussicht – mit der traditionellen Krippenausstellung, die im Turm-Kämmerlein gezeigt wird.
Von „oben“ wie von „unten“ ist das Bild Sterzings in der Weihnachtszeit übrigens ein ganz besonderes: Jedes Haus (und auch der Zwölferturm) ist entlang des Dachfirsts mit Lichtern geschmückt – mehr Weihnachtsromantik geht fast nicht.

Doch nicht nur zur Weihnachtszeit herrscht am Marktplatz fröhliches Getümmel. Wo in den Dezemberwochen der traditionelle Weihnachtsmarkt besucht wird, reiht sich auch von Frühjahr bis Herbst Stand an Stand: am freitäglichen Bauernmarkt. Käse, Speck, Kräuter, Wein, Hochprozentiges – hier gibt man sich flanierend und die Sonne genießend den
Köstlichkeiten der Südtiroler Bauern hin. Unbedingt probieren: die Sterzinger Tirtlan, gefüllt mit Kraut oder Spinat und – egal, wie satt man schon ist – abschließend einen Original Sterzinger Krapfen!

Gewusst?

  • Am Rosskopf befindet sich mit knapp 10 Kilometern Italiens längste Rodelbahn. Demnächst soll sie auf 13 bis 14 Kilometer erweitert und damit zu Europas längster Rodelstrecke werden.
  • Das Skigebiet Rosskopf bietet eine neue Talabfahrt: direkt ins Zentrum von Sterzing!
  • Die erste alltagstaugliche Schneekanone wurde übrigens in Südtirol entwickelt.
  • Auch in Sachen Liftanlagen sind die Südtiroler Marktführer.
  • Südtirols höchstgelegene Schutzhütte gehört zu Sterzing.
  • Das Bergwerk am Schneeberg (Ratschings) war auf 2.355 Metern das höchstgelegene Bergwerk Europas – und bis 1967 in Betrieb!
    Tipp: das Bergbaumuseum am Schneeberg und an drei weiteren Standorten!
  • Sieben Jahre durfte ein Gewürztraminer der Kellerei Tramin in einem Bergwerkstollen am Schneeberg reifen – der Epokale 2009 wurde mit 100 von 100 Punkten von Robert Parker Wine Advocate ausgezeichnet – als einziger Weißwein Italiens, der jemals die Höchstpunktezahl erreicht hat.
  • Gefragte Milchprodukte: Der Milchhof Sterzing liefert täglich 1,4 Millionen Becher Joghurt nach Rest-Italien.
  • Nährboden für Kreativität: Sterzing ist die Heimat des Künstlers und Bodypainting-Weltmeisters Johannes Stötter.
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Genusshochburg
„Unsere Küche vereint das Beste aus der österreichischen, der Tiroler Küche mit dem Besten aus der Italiens“, ist Fini Schafer, Inhaberin des Parkhotels Zum Engel in Sterzing, überzeugt. Und wer schon einmal in ihrem Hotel-Restaurant zu Gast war, wird ihr recht geben. Denn nicht nur der Genuss wird großgeschrieben in Südtirol, sondern auch Regionalität ist hier schon lange mehr als ein Schlagwort.
Bestes Beispiel dafür ist unter anderem die Ungererhofschenke in Schluppes im Jaufental. Hier grasen die Kühe und Schafe auf der Weide, die Schweine suhlen sich im Misthaufen, der Hund mischt sich unter die Gäste und die Katzen sind über den ganzen Hof verteilt. Kurz – hier ist ein jedes Tier genau da, wo es hin gehört. In der Hofschenke werden die Erzeugnisse aus der Landwirtschaft verarbeitet: der selbst geräucherte Speck, der Käse aus der hofeigenen Käserei, die Ernte aus dem Obst- und Gemüsegarten. Kleiner Tipp am Rande: Die Ungererhofschenke eignet sich auch ideal als Ausgangs- und Endpunkt für wunderschöne Wandertouren im Jaufental.

Wo die Welt noch in Ordnung ist
Stille. Wohltuende, angenehme Stille, nur unterbrochen vom leisen Bimmeln der Kuhglocken. Ab und an Kinderlachen, ein lautes Muhen. Ansonsten ist nur der Wind zu hören, der in die Baumkronen fährt und das Aroma der umliegendes Kräuterfelder und Gärten heranträgt. So viele Düfte liegen in der Luft, würzig duftend erkennt die feine Nase die einen oder anderen Kräuter, die hier kultiviert werden: Rosmarin, Thymian, Melisse, Minze, Salbei und so viele mehr. Hier, das ist Wiesen – unweit von Sterzing –, die Heimat der Kräutergärten Wipptal. Heil- und Würzkräuter werden hier nach biologischen Richtlinien angebaut, gepflegt und schließlich von Hand zum „balsamischen“ Zeitpunkt gepflückt und weiterverarbeitet. Die Ergebnisse dieser Mühen sind am Steirerhof in Wiesen im Hofladen zu sehen und zu erstehen: Liköre, Teemischungen, Sirupe, Gewürzmischungen bis hin zur Bio-Kosmetik. Kräuterwanderungen, Hof- und Gartenbesichtigungen samt Verkostung sind bei Voranmeldung möglich.

Bergvergnügen zu jeder Jahreszeit
Die Region Sterzing-Ratschings kristallisiert sich zunehmend als Ganzjahresdestination heraus. Ganz klar ist es der Rosskopf, der Hausberg der Sterzinger, der Frühjahr wie Herbst, Sommer wie Winter gediegenes Sportvergnügen für die ganze Familie bietet – noch abseits der großen Touristenmassen, wie etwa in den kleinen, aber feinen Skigebieten Ratschins-Jaufen und Ladurns. Wer die Natur (wieder) für sich entdecken und dabei viel über die Geschichte Südtirols, seine Fauna und Flora erfahren will, ist gut beraten, sich an einen professionellen Guide wie Martin Martinelli zu halten. Er ist zertifizierter Natur-Coach und bringt seinen Begleitern nicht nur die Natur und Achtsamkeit nahe, sondern auch das ganz altmodische Lesen einer Wanderkarte!

Von Sterzing aus Südtirol erkunden

Der Weg nach Süden führt über Sterzing. Gerade deshalb bietet sich Sterzing auch ideal als Urlaubsort an, von dem aus die schönsten Orte Südtirols in einem Kurztrip zu erreichen sind: Bozen in knapp einer, Meran in einer guten Stunde.

Wer es beschaulich liebt, aber dennoch die anziehende Mixtur aus alpenländischem Panorama und tatsächlich schon mediterranem Flair genießen will, dem sei das idyllische Städtchen Marling, oberhalb von Meran ans Herz gelegt. Wanderungen durch Weinreben und Apfelgärten, idyllische Buschenschänken und atemberaubendes Panorama bieten hier z.B. der Marlinger Höhenweg und der Marlinger Waalweg. Wer dem Aktivurlaub noch ein Sahnehäubchen aufsetzen will, kombiniert ihn mit erholsamen Wellnesstagen, sehr empfehlenswert im La Maiena Resort, das mit luxuriösen Suiten, einem gediegenen Wellness- und Spa-Angebot und einem überwältigenden Blick über Meran besticht.

Hilfreiche Links
www.sterzing.com
www.bergbaumuseum.it
www.zum-engel.it
www.mair-mair.com
www.stauder-violins.com
www.biowipptal.it
www.ungerer.bz.it
www.alp-tours.com
www.marling.info
www.lamaiena.it