Leben

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Das Sein ist das Ziel

Text: Doris Thallinger

Fotos: KTVB Hofgastein; Marktl Photography, Michael-Groessinger - SalzburgerLand, ÖW Lisa Eiersebner

Waldbaden – eintauchen in die Fülle der Natur, die Schönheit mit allen Sinnen wahrnehmen und genießen, frei werden im facettenreichen Grün, Energie tanken und die Akkus aufladen an der natürlichsten Steckdose der Welt. Dass der bewusste Aufenthalt im Wald das Immunsystem anregt, vielerlei Krankheiten vorbeugt und Zellen wie auch Herz-Kreislaufsystem stärkt, ist längst wissenschaftlich fundiertes Wissen.

Leise plätschert das Wasser des Bächleins durch den Wald, Hummeln und Insekten summen, die Vögel zwitschern, der Wind spielt in den hohen Wipfeln der alten Fichten – darüber hinaus: nichts als Ruhe. Eine Stille, die trotz der natürlichen Geräuschkulisse so angenehm klingt wie Musik. Zeit, die Augen zu schließen und bewusst hinzuhören.

Mit dem Fokus auf das Hier und Jetzt werden auch die Düfte und Aromen intensiver. Der erdige Geruch des Waldbodens, das harzige Odeur der Baumnadeln, süß duften die Blumen, würzig-frisch das Harz der Bäume. Eine Klarheit liegt in der Luft, die man riechen kann. Wie von selbst wird die Atmung langsamer, aber tiefer. Nach zwei, drei Atemzügen spürt man, wie sich der Brustkorb öffnet. Öffnet für die Fülle an positiven Aspekten, mit der uns der Wald beschenkt. Denn offen und achtsam zu sein, das lernt man beim Waldbaden hier in Gastein sehr rasch: Selbst wer viel Zeit am Berg und im Wald verbringt, wird überrascht sein, wie viele Grüntöne nur ein einziger Moosfleck zeigen kann; wie tief das Gefühl von Verbundenheit sein kann; wie fest man plötzlich mit beiden Beinen auf der Erde steht; wie viele unglaubliche, detailreiche Kunstwerke die Natur zu bieten hat; wie entspannend der „Lärm“ des Waldes für unsere Ohren und unsere Seele ist; und vor allem, wie leicht und frei man sich fühlt. Dies ist der eine Aspekt, der unserer Gesundheit schon einmal sehr zuträglich ist. Vor allem, wer sich die Zeit nimmt, den Wald mit allen Sinnen zu erfahren, diese Sinneseindrücke mit entsprechenden Übungen zu festigen, kehrt mit hundertprozentiger Sicherheit um einiges glücklicher, entspannter und gleichzeitig energiegeladen zurück.

„Oft werde ich gefragt: Wozu Waldbaden? Ich bin ohnehin oft in der Natur, zum Wandern, Walken, Laufen oder Mountainbiken“, so Heidi Huber, Wald- und Kräuterpädagogin und Expertin für Waldbaden im Gasteinertal. „Beim Waldbaden geht es aber wirklich darum, bewusst den Wald mit allen Sinnen zu entdecken, sich die Zeit zu nehmen, ohne Hast einfach einzutauchen.“ Sie muss es wissen – gemeinsam mit dem Biologen Stefan Wildling lädt sie im Sommer wöchentlich Interessierte zum Spaziergang in eines der drei speziellen Waldbadeareale im Gasteinertal. Spaziergänge, die gespickt sind mit altem Wissen über den Wald, über die Heilkraft der unterschiedlichen Pflanzen und vor allem mit Übungen, die das Eintauchen erleichtern, entspannen und die den Geist im Hier und Jetzt bündeln. „Das Sein ist das Ziel des Waldbadens“, wie Heidi Huber betont.

Heidi Huber

Japanisches Wissen
Seinen Ursprung hat der Trend in Japan, „Shirin Yoku“ bedeutet so viel wie „Eintauchen in die Atmosphäre des Waldes“, das bewusste Verweilen im Wald mit dem Zweck, sich zu erholen und die Gesundheit zu stärken. Denn: Wissenschaftliche Studien belegen die Heilkraft des Waldes! Neben der nachgewiesenen Stärkung der Psyche durch Entspannung und Wohlbefinden lassen sich sehr wohl physische Wirkungen nachweisen: Entspannung der Muskeln, Senkung des Blutdrucks sowie des Kortisol-Spiegels, Befeuchtung der Atemwege und Stärkung des Immunsystems.

Kommunikation der Pflanzen
Auch Pflanzen kommunizieren – und genau davon profitiert unsere Gesundheit. Um Schädlinge abzuwehren, Günstlinge anzulocken, um einander zu warnen, produzieren Pflanzen Terpene – Botenstoffe, die sie über Blätter und Nadeln in die Luft abgeben. Die Waldluft ist voll von Terpenen, die das Immunsystem stärken, indem sie die Produktion der körpereigenen Killerzellen aktivieren. Als Untergruppe der weißen Blutkörperchen sind diese Killerzellen Teil des Immunsystems, können mit Viren behaftete Zellen erkennen und abtöten, wirken auf unser Hormonsystem, indem sie die Ausschüttung von Stresshormonen mindern. Davon wiederum profitiert das Herz-Kreislaufsystem. In seinem Buch „Der Biophilia-Effekt“ beschreibt der Grazer Biologe und Pflanzenwissenschaftler Clemens G. Arvay diese Botenstoffe gar als Anti-Krebs-Terpene und fasst zusammen: Durch die Kommunikation unseres Immunsystems mit der Welt der Pflanzen steigt die Anzahl der natürlichen Killerzellen und macht sie aktiver. Diese Aktivität hält über mehrere Tage lang an. Außerdem steigt das Niveau der Anti-Krebs-Proteine, mit denen das Immunsystem versucht, Krebs vorzubeugen und Tumore zu bekämpfen.

Tiefenwirkung
Ist jeder bewusste Aufenthalt im Wald der Gesundheit zuträglich, so verstärkt sich die Wirkung des Grüns auf unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden durch spezielle Achtsamkeitsübungen, die Heidi Huber und Stefan Wildling uns beim Waldbaden nahebringen. So tanken wir zusätzliche Energie aus dem Boden und der Luft, lassen uns vom Rauschen des Wassers auf unserem gedanklichen Lebensweg begleiten und suchen uns am Ende unseren Fels in der Brandung, der uns auch in Stresssituationen als Anker dienen und uns auch weiterhin blitzschnell in die Entspannung des Waldes bringen wird.

Stefan Wildling

Buch-Tipps:

Ulli Felber:
Kartenset: Waldbaden, Inspirationskarten für den Wald – 40 Karten mit Anleitung

Waldbaden – Das kleine Übungshandbuch für den Wald

Clemens G. Arvay: Der Biophilia-Effekt

Gastein Tourismus: Waldbaden – Broschüre mit Übungen