„Begeisterung ist ein irrer Motor“
Helmfried von Lüttichau bringt Menschen seit Jahrzehnten zum Lachen – ob als chaotischer Staller in „Hubert und Staller“ oder in seinem eigenen Soloprogramm. Schon als Schüler entdeckte er seine Liebe zur Schauspielerei – und hat sie bis heute behalten, genauso wie seine Neugier und Begeisterungsfähigkeit. Ein Gespräch über Leidenschaft, Rollen, Freundschaft, Musik – und alles, was einfach „raus muss“.
Text: Doris Thallinger
Fotos: kaindl-hoenig.com
Was hat Ihr Interesse an der Schauspielerei geweckt? Wie sind Sie zu diesem Beruf gekommen?
Das fing schon in der Schule an. Ich habe schnell gemerkt, dass Theaterspielen mir am leichtesten fiel, leichter als die meisten Schulfächer. (lacht). Dann habe ich im Schultheater mitgespielt, was mir großen Spaß gemacht hat, und damit hatte ich auch den größten Erfolg bei Lehrern – mehr als mit meinen anderen schulischen Leistungen. Und ich habe entdeckt, dass es mir Spaß macht, Menschen zum Lachen zu bringen – das alles hat letztlich mein Interesse geweckt.
Wie ist der Entschluss, Schauspieler zu werden, in der Familie angekommen?
Gut eigentlich. Ich hatte drei Broschüren vom Arbeitsamt zu Hause: Für Design, für Kunst und bei der dritten Broschüre ging es darum, wie man Schauspieler wird, wo man sich bewirbt und so weiter. Für meinen Vater war das ein Beruf wie jeder andere: Man war am Theater fest engagiert und bekam damals sogar 13 Monatsgehälter als städtischer Angestellter. Meine Eltern gingen auch selbst gerne ins Theater, waren Abonnenten der Kammerspiele in München. So habe ich mich an der Otto-Falckenberg-Schule beworben – und für mich war es eigentlich auch völlig klar, dass ich dort angenommen werde… Irgendwie war das ein ganz normaler Beruf und mein Plan fast schon spießig: Ich lerne den Schauspielerberuf und gehe fest ans Theater.
Sie haben auch viele Jahre am Theater verbracht, bevor Sie im Alter von 40 Jahren entschieden haben, als freier Schauspieler tätig zu sein.
Ich habe sehr viele unglückliche Menschen an den Theatern gesehen, die schon ewig engagiert waren und nicht die Rollen spielen konnten, die sie wollten. Menschen, die eher traurig oder resigniert gewirkt und sich in der Theaterkantine mit Alkohol und Schachspielen die Zeit vertrieben haben. Zu dem Zeitpunkt habe ich gedacht: Nein, so möchte ich nie werden. Ich war selten glücklich am Theater und fühlte mich, was meine Rollen betraf, oft nicht richtig gesehen und eingesetzt.
Dann habe ich mich schließlich neu orientiert. Film hat mich schon immer interessiert – aber natürlich hat die Branche nicht gerade auf mich gewartet. Ich habe mit großem Ehrgeiz und Elan Demobänder gebastelt und mich überall beworben. Und so kam ich tatsächlich zu Film und Fernsehen.
Mein erster Kinofilm war „Pünktchen und Anton“ von Caroline Link, die damals gerade den Oscar bekommen hatte für „Jenseits der Stille“. Das war für mich eine neue Welt, und ich fand es großartig. Die Menschen waren ganz anders, motiviert, kreativ und leidenschaftlich. Das hatte mir an den meisten Stadttheatern gefehlt. Ich wollte etwas anderes und habe es gefunden.
Danach ging es relativ rasch, dass ich in diversen Krimiserien mit einer Episodenrolle besetzt wurde. Es ging im Grunde besser los, als ich gedacht hatte. Natürlich waren darunter auch ganz winzige Rollen, bei denen ich nur ins Bild kam und gleich niedergeschlagen wurde. Es war ein Auf und Ab, es kamen auch Zeiten, in denen es nicht so gut lief, aber ich habe den Schritt nie bereut. Einen anderen Aspekt möchte ich noch erwähnen: Beim Film ist die Hierarchie viel flacher als am Theater, es arbeiten viele unterschiedliche Menschen zusammen und das Team als Gesamtes zählt mehr.
Einem großen Publikum wurden Sie durch Serien wie „Der letzte Bulle“ und vor allem durch „Hubert und Staller“ bekannt. Wie hat diese Rolle Ihr Leben verändert?
Genau, mit der Serie „Der letzte Bulle“ ging’s los. Für mich war es damals der Wahnsinn, eine durchgehende Rolle in einer Serie zu haben. Durch meinen Freund Christian Tramitz habe ich dann Oliver Mielke, den Produzenten der Sketch-Comedyreihe „Tramitz and Friends”, kennengelernt, der sofort sah, dass wir beide beim Spielen sehr gut miteinander harmonierten.
Einige dieser Sketche haben es gewissermaßen zu Kultstatus gebracht, wie zum Beispiel „Der Wilderer“.
Dadurch kam es schließlich zum Format „Hubert und Staller“. Die Rollen in dieser Serie wurden für uns beide entwickelt. So etwas passiert einem wohl nur einmal im Leben, und es war ein irrsinniges Glück und eine große Ehre.
Mit Christian Tramitz sind Sie ja bereits seit Kindertagen befreundet.
Ja, seit unserem 14. Lebensjahr – also schon sehr, sehr lange. Wir hatten uns zwar in der Zwischenzeit aus den Augen verloren, aber dann für „Tramitz and Friends“ wieder gefunden.
Ihre Figur „Staller“ gilt als liebenswert-chaotisch – diese Eigenschaft steckt also auch in Ihnen?
Ganz sicher habe ich diese Rolle durch meine Art geprägt. Ich durfte sie ja mitentwickeln, somit stark beeinflussen. So eine Rolle kann man auf Dauer gar nicht glaubwürdig durchhalten, wenn nicht tatsächlich viel von einem selbst darin steckt.
Gerade, dass es eben nicht nur eine „Rolle“ war, die von anderen erdacht und geschrieben war, hat mir großen Spaß gemacht. Ich konnte mich selbst einbringen und ausdrücken – in der Gestalt eines Polizisten. Also abgesehen vom Beruf und dem bayerischen Dialekt, den ich mir als gebürtiger Hannoveraner erst aneignen musste, hat Staller viele Anteile von mir, insbesondere die Begeisterungsfähigkeit und dass ich versuche, nie aufzugeben, immer dranzubleiben und nicht zu resignieren.
Das ist unter anderem auch der Witz der Figur Staller: Er ist nicht abgestumpft und resigniert, obwohl er schon so lange seine Arbeit macht und seine fast kindliche Art – ich denke, deshalb mögen Kinder den Staller auch so gerne (lacht).
Wer hat am Set von „Hubert und Staller“ mehr Chaos verbreitet – Johannes Staller oder Helmfried von Lüttichau?
Ich bin vielleicht doch etwas strukturierter, aber wie gesagt, es sind schon meine Eigenschaften, nur noch etwas zugespitzt. Auch die Ungeschicklichkeit, vor allem, wenn ich unter Druck gerate, ist bei mir ebenfalls sehr stark ausgeprägt. Wenn der Christian gesagt hat: „Gebt dem Helmfried bloß keine Requisiten, dann geht’s schief“, ist mir natürlich prompt die Tasse aus der Hand gefallen (lacht).
2018 haben Sie die Serie verlassen. Wäre es umgekehrt gewesen – hätten Sie ohne Hubert weitergemacht?
Ich glaube nicht. Nach sieben Jahren hatte ich damals das Gefühl: Die Arbeit ist getan. Es waren keine weiteren Entwicklungsmöglichkeiten mehr gegeben, und mein Gedanke war: Ich will damit nicht in Rente gehen. Ich wollte noch einmal etwas Neues ausprobieren und Zeit für andere Dinge haben. Auch wenn ich beim Ausstieg noch nicht wusste, was das genau sein würde.
Nun stehen Sie bereits seit einigen Jahren wieder auf der Bühne – mit dem mittlerweile zweiten Soloprogramm. Was hat Sie daran gereizt?
Mir war nach „Hubert und Staller“ bewusst, dass nicht sofort alle Produzenten und Regisseure Schlange stehen würden und darauf gewartet haben, dass „der Staller“ jetzt frei ist, sondern dass es nun durchaus wieder Lücken geben könnte, die ich aber nicht einfach aussitzen wollte, indem ich warte, dass etwas passiert.
Darum habe ich einige Lesungsprojekte initiiert, einen Karl-Valentin-Abend zum Beispiel oder eine Robert-Gernhardt-Lesung im Literaturhaus München und einiges mehr. Für diese Projekte habe ich den ehemaligen Tourmanager von Hannes Ringlstetter um Unterstützung gebeten. Worauf dieser gemeint hat: „Warum machst du nichts Eigenes?“ Und ich habe mir gedacht: Stimmt! Ab da ging es in meinem Kopf rund, ich hatte sofort jede Menge Ideen – und dann kam Corona. Was in dem Fall bedeutete: Ich hatte Zeit zum Schreiben. Zeitgleich habe ich begonnen, Gitarre zu spielen, was dann auch ins Programm mit eingeflossen ist. Eigentlich alles, was mir auf dem Weg bis zu diesem Zeitpunkt passiert ist, ist ins Programm mit eingeflossen. Dadurch war das ganze erste Programm nicht konstruiert, sondern ist aus meinem Leben entstanden.
Nun ist im Februar bereits das zweite Programm sehr erfolgreich angelaufen. Worum geht es in „Weil’s raus muss“ inhaltlich – was „muss“ denn unbedingt raus?
Was raus muss, ist natürlich alles, was mich umtreibt und mich bewegt. Themen, Gedanken, aber auch Musik – das Programm hat sehr viel mit Musik zu tun. Der Rahmen des Stücks ist mein Traum von der ersten Platte. Im ersten Programm ging es darum, warum ich kein Rockstar geworden bin, und jetzt träume ich davon, meine erste eigene Platte aufzunehmen und spiele die Songs, die unbedingt drauf müssen, weil sie einfach raus müssen.
Im ersten Programm ging es mehr um mein Leben, meine Autobiografie, die Geschichte, jetzt geht es darum: Wie finde ich mich heute in einer Welt zurecht, in der doch vieles aus den Fugen zu geraten scheint? Wie komme ich mit meinem Alter, oder mit dem Tod zurecht – es gibt also auch durchaus ernstere Themen. Und da versuche ich, die Balance zu halten zwischen Humor und Tiefe, so wie ich es auch im Leben versuche: den Humor bewahren, auch wenn es mal kritisch wird…
Wenn ich es schaffe, gemeinsam mit dem Publikum durch diese Themen zu tanzen – mit Musik, mit Lachen, mit Ernsthaftigkeit, mit Poesie – dann habe ich das Gefühl, dass ich erreicht habe, wovon ich träume – nicht nur immer eine Seite zu zeigen, sondern gemeinsam mit dem Publikum das große Ganze aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.
Natürlich spielt auch der Staller eine Rolle im Programm, ihm habe ich das Ganze ja zu verdanken – wer würde schon zu einem Ü60-Newcomer gehen? (lacht)
Musik spielt in Ihrem Programm eine wichtige Rolle, Sie spielen dabei auch E-Gitarre. Gibt es vielleicht doch noch Pläne, mit 70 eine Rockband zu gründen?
Ja, es gibt Ansätze. Ich habe früher Gedichte geschrieben und vor 14 Jahren einen Gedichtband herausgegeben. Nun habe ich angefangen, eigene Lieder zu schreiben, die auch im Programm vorkommen. Damit möchte ich auch noch einmal eine andere Seite von mir zeigen.
Ich bin kein sehr guter Gitarrist, aber ich kann mich ganz gut selbst begleiten. Die Musik war immer mein Traum, den ich mir damit erfülle. Wenn das Publikum dann plötzlich mitsingt oder im Rhythmus mitklatscht, ist das ein sehr schönes Gefühl.
Also ist es wahrscheinlicher, dass Sie demnächst ein Album veröffentlichen als einen neuen Gedichtband?
Vielleicht, ja. Ob dieser Traum wahr wird oder welche Art von Musik es dann tatsächlich ist – ich weiß noch nicht, wohin mich der Weg führt, und versuche, möglichst offen zu bleiben. Im neuen Stück kommt zum Beispiel auch ein Rap-Song vor, der sich aus einem spontanen Kontakt mit Menschen, die halb so alt sind wie ich, ergeben hat. Der Song heißt „Zusammen“, weil er in Teamwork entstanden ist. Das Rappen war etwas ganz Neues und Tolles für mich.
Welche Projekte stehen darüber hinaus derzeit bei Ihnen an oder sind in Planung?
Nächstes Jahr wird einer der Krimis von Jörg Maurer um Kommissar Jennerwein in die Kinos kommen. Ich habe bereits vor 13 oder 14 Jahren in einer Jennerwein-Verfilmung mitgespielt, damals als Bösewicht, nun gehöre ich zum Ermittler-Team. Dabei sind die Drehtage begrenzt, sodass ich nebenbei andere Projekte verfolgen kann – zum Beispiel meine Hörbuchreihen, in denen ich in verschiedenen Dialekten unterschiedliche Rollen gleichzeitig spreche. Das macht mir wahnsinnig viel Spaß.
Dialekte und unterschiedliche Sprachfärbungen sind eine Ihrer Spezialitäten. Sprechen Sie auch Salzburgerisch?
Ich glaube nicht. Aber es kommt tatsächlich ein Wiener vor im Programm, wie auch schon im ersten Stück. Als ich das erste Mal in Wien gespielt habe, war ich sehr aufgeregt, ob das funktionieren würde. Ich habe aus „Die letzten Tage der Menschheit“ die Rolle des Viktualienhändlers Vinzenz Chramosta eingebaut und das Lied „Wenn der Herrgott net will“ gesungen. In Wien sang dabei das halbe Publikum mit – das hat mich sehr berührt! Im aktuellen Stück kommt ebenfalls ein Lied eines Wiener Künstlers vor: „Sei Köpferl im Sand“, ein „beinhartes“ Protestlied von Arik Brauer.
Gibt es schon Ideen für ein drittes Programm?
Nein, ich bin jetzt erst einmal froh, dass ich es geschafft habe, das zweite Programm auf die Bühne zu bringen. Es war gar nicht so einfach, diese Form zu finden, um Ernsthaftes und Lustiges nebeneinander existieren zu lassen, ohne dass das eine das andere kaputtschlägt. Die Herausforderung, immer wieder vom Ernst ins Lachen, in den Humor zu kommen und wieder zurück, hat mich manchmal an meine Grenzen gebracht.
Oft hatte ich das Gefühl, mir zu viel vorgenommen zu haben: Ich spiele Theater, ich singe, ich erzähle, ich positioniere mich, möchte Haltung zeigen – meine Haltung zum Leben und zur heutigen Zeit. Mittlerweile habe ich aber das Gefühl, dass ich auf einem guten Weg bin. Das zeigt mir zumindest die Reaktion des Publikums.
Was machen Sie nach einem anstrengenden Drehtag oder auf der Bühne, um wieder Kraft zu schöpfen und sich zu erholen?
Mit dem Hund spazieren gehen, wandern, die Natur genießen, ein wenig Sport machen, wellnessen – das sind alles tolle Sachen, die mich sehr, sehr gut entspannen.
Auch einkaufen zu gehen ist für mich Entspannung. Es erdet mich, mit dem Einkaufszettel ganz normal im Supermarkt unterwegs zu sein, zu überlegen, was man braucht, und zu beobachten, was die anderen so einkaufen. Und ich koche sehr gerne.
Ihr Job ist es, Menschen zum Lachen zu bringen – worüber können Sie herzhaft lachen?
Wenn ich an Kabarettisten denke, dann fällt mir als Erstes Josef Hader ein. Der ist für mich eine Art Vorbild aufgrund seiner Vielfältigkeit. Till Reiners finde ich ebenfalls unglaublich witzig, mit seinen Gedankensprüngen und Assoziationen, weil er in seiner jungen und unverschämten Brillanz Dinge so ‚abwatscht‘, ohne verletzend zu sein.
Sie feiern heuer zwei Jubiläen: 70 Jahre Helmfried von Lüttichau und 30 Jahre freier Schauspieler.
Stimmt. Was ich lustig finde, denn gefühlt habe ich diesen „Jubilarenzustand” noch gar nicht erreicht. Ich bin immer noch so sehr im Aufbruch und fühle mich als Lernender. Wenn ich Mick Jagger sehe, der mit über 80 gemeinsam mit Lady Gaga auf der Bühne tanzt, gibt mir das große Hoffnung. Man kann sich offensichtlich immer weiter fit halten – wenn man Glück hat und nicht ernsthaft krank wird und im Besitz seiner Kräfte bleibt.
Ich glaube, wenn man neugierig und lernbegierig ist, bleibt auch der Kopf jung, bis ins hohe Alter. Insofern macht mir das Alter keine Angst, auch wenn ich weiß, dass die Zeit heute begrenzter ist als mit 50 Jahren. Mit 70 macht man sich darüber mehr Gedanken, was ja auch gut ist. Ich möchte mich schon mit dem Tod auseinandersetzen, das mache ich auch in meinem aktuellen Programm. Das ist gut und wichtig. Jedes Jahr fahren Tausende von Menschen nach Salzburg, um den Jedermann auf der Bühne sterben zu sehen. Offensichtlich haben viele Menschen das Bedürfnis, sich damit zu beschäftigen – es betrifft uns ja auch alle. Insofern blende ich den Tod nicht aus, aber ich versuche, mutig zu bleiben und mich voller Neugier ins Leben zu stürzen.
Was ist Ihr persönlicher Jungbrunnen?
Ich glaube, es ist die Begeisterungsfähigkeit. Natürlich spielen auch Ernährung und körperliche Aktivität eine Rolle. Ich war nie ein besonders guter Sportler, aber ich versuche, dem Muskelabbau im Alter entgegenzuwirken und merke, dass Training mich stabilisiert.
Aber Begeisterung und Neugier halte ich für den größten Jungbrunnen – wenn es so etwas gibt. Wer sich über Veränderungen freut, sie als Herausforderungen annimmt und nicht denkt „früher war alles besser“, bleibt automatisch wach und jung. Begeisterung ist ein irrer Motor, Dinge weiterzuverfolgen, beharrlich zu sein. Wenn man von etwas begeistert ist, kann einen so schnell nichts stoppen. Ich glaube, das macht mich aus, und ich hoffe, dass mir das noch lange erhalten bleibt.