Authentisch gewinnt immer
Am 13. Juni brachte das österreichische Bandkollektiv AUT of ORDA das Zentrum für Visionen zum Beben. Davor fanden Paul Pizzera und Daniel Fellner die Zeit für ein persönliches Interview und gaben humorvolle Einblicke in ihr Tour- und Musiker-Leben.
Text: Doris Thallinger
Fotos: kaindl-hoenig.com, Christina Frey
Ihr steht kurz vor eurem Auftritt im Zentrum für Visionen. Wie verbringt ihr normalerweise die Zeit, bevor ihr auf die Bühne geht? Habt ihr Rituale?
Daniel: Wir wärmen uns in letzter Zeit immer auf, stimmlich und mental. Heute ist ein bisschen weniger Zeit als sonst, denn wir spielen sonst immer später. Früher zu spielen hat aber auch was – nämlich, dass wir früher im Bett sind und unseren Schönheitsschlaf genießen können.
Paul: So ist es, wir sind langweilig geworden. Wir haben den Rockstar-Lifestyle gegen früh schlafen gehen und am nächsten Tag fit sein eingetauscht. Zumindest, wenn wir am nächsten Tag spielen. Wenn nicht, geht es schon. Aber man merkt eben: Die Haare werden grauer, das maximale Schluckvermögen reduziert sich und man brennt wirklich drauf, dass man den Abend auf der Bühne halbwegs gut überlebt.
Okay, aber heute seid ihr fit für Vollgas?
Paul: Na hallo, sicher!
Daniel: Top motiviert.
Aber habt ihr nun Rituale? Seid ihr abergläubisch – immerhin haben wir heute Freitag, den 13.
Paul: Wirklich? Freitag, der 13. ist heute?
Hätte ich das nicht sagen sollen?
Paul: Doch, sicher! Aberglaube – ich glaube nicht einmal, also wäre Aberglaube schon unlogisch, oder? Nein, ich bin aber-ungläubisch. Das Konzert wird super heute, es ist das zweite Mal, dass wir in Salzburg spielen dürfen und wir sind gespannt auf die neue Location.
Kommen wir zu eurer Musik. AUT of ORDA ist spätestens seit „fix net normal“ jedem ein Begriff. Damit habt ihr eine weitere Österreich-Hymne erschaffen.
Wie geht es euch damit, an diesen Erfolg anzuschließen?
Daniel: Das ist eine Kategorie, in der wir gar nicht denken, denn das Prinzip der Band war von vornherein, dass wir machen, worauf wir gerade Lust haben. Ich finde es auch künstlerisch schwierig, zu versuchen an etwas anzuknüpfen, das so spontan entstanden ist. Das killt die Kreativität.
Paul: Genau, es ist gescheiter, wenn du es eine Zeit lang nicht anknüpfen kannst und dann durch Zufall vielleicht wieder. Aber wir weben sowieso jede Pechsträhne zu einem Hoffnungsstrang!
Wie entsteht eure Musik? Ihr seid doch recht unterschiedliche Charaktere – braucht ihr die Reibung?
Daniel: Unterschiedliche Charaktere vielleicht, aber ein gut eingespieltes Team. Der Entstehungsprozess ist mittlerweile so automatisiert, dass ich ihn gar nicht aufschlüsseln könnte. Wir setzen uns einfach ins Studio…
Paul: Meistens fängt es mit einer Idee an. Der Dani – und das meine ich jetzt voll des Lobes für ihn und gegen mich – geht gern den komplizierteren Weg.
Daniel: Ja, so seh ich mich auch.
Paul: Soll das jetzt heißen, dass ich ein trivialer Trottel bin? Die Wertschätzung ist nach wie vor uferlos. Aber ich glaube, es ist wirklich ein schönes „Befruchten“, eine coole Pendelbewegung.
Jetzt wissen wir, was der Paul an dir schätzt. Was schätzt du besonders an Paul?
Daniel: Ich schätze seine Arbeitsmoral und seine schier endlose Kreativität, wenn es um die Ideenfindung geht.
Vom musikalischen Stil wie auch von den Themen: Gibt es für euch Grenzen oder Tabus?
Daniel: Was die Genres angeht, überhaupt nicht.
Paul: Und was die Themen betrifft, liegt die Grenze wahrscheinlich dort, wo der eigene Komfort aufhört.
Daniel: Also bei Themen, die uns selbst nicht interessieren.
Paul: Authentisch gewinnt immer. Wenn das Publikum merkt, dass wir dahinter stehen. Das Schöne ist, der Dani beherrscht schier jedes Genre – man kann mit dem hirnverbranntesten Vorschlag kommen und er macht aus diesem ungustiösen, kalten, leblosen Ton dann trotzdem noch eine formschöne Ming-Vase.
Inwieweit seht ihr euch selbst auch als gesellschaftspolitische Künstler? Was ist eure Botschaft?
Paul: Ja, ich glaube schon, dass wir auch gesellschaftspolitisch sind. Wir haben ja erst ein Album und sind gerade dabei, an unserem zweiten zu arbeiten. Es ist immer so lustig, wenn die Leute fragen: ‚Warum spielt ihr nicht drei Stunden?‘ Naja, wir haben nur ein Album. Das ist wie: Wieso fährst du keine Rennen? Weil ich einen Smart habe!
Aber ja, „Nebel“ zum Beispiel spricht Menschen mit Suchtproblemen, psychischen Problemen an oder „Life’s a Party“ die Unverhältnismäßigkeit, mit der sich die Reichtumsgesellschaft auch noch lustig macht über arme Leute. Ich finde, dass alles drin sein darf, nichts drin sein muss und damit fahren wir ganz gut.
Wenn ihr eine Sache in Österreich ändern könntet – was wäre das?
Paul: Das erste wäre, dass Frauen gleich viel verdienen.
Dani: Da kann ich mich nur vollinhaltlich anschließen, denn mit allem anderen verliere ich jetzt.
Paul: Aber ich habe natürlich für uns beide gesprochen.
Ihr arbeitet am zweiten Album. Könnt ihr dazu schon etwas sagen?
Daniel: Wir sind gerade am Sammeln und am Schreiben. Das passiert bei uns terminlich ein bisschen „Fleckerlteppich-mäßig“, weil wir ja auch viele andere Sachen machen. Aber wenn was weitergeht, dann ordentlich! An Ideen mangelt es nicht.
Paul: Ich freu mich schon darauf – ab November ist es ein wenig ruhiger für uns beide und dann sperren wir uns im Studio ein. Kreativsein ist einfach das Schönste. Es ist aber auch schön, live zu spielen. Wenn ich nur mehr das eine machen dürfte, wäre ich auch unglücklich: Wenn ich nichts mehr schaffen dürfte und nur mehr das spielen, was es schon gibt, wäre ich genauso traurig, wie wenn ich nicht mehr auf die Bühne dürfte und nur noch schaffen dürfte. Weil ich mir denke, das ist so gut, das müssen die Leute hören!
Es ist ein wunderschöner Spagat aus Arroganz und Unsicherheit, wenn man auf die Bühne geht und sich denkt: ‚Ich bin gut genug für die Leute‘ und trotzdem: ‚Hoffentlich schaffe ich es‘.
Gibt es schon einen Termin für die Veröffentlichung des neuen Albums?
Auf jeden Fall 2026, wir wissen noch nicht wann genau, und dann kommen wir wieder nach Salzburg!
Wie gut kennt ihr denn Salzburg?
Daniel: Da ist noch Luft nach oben. Leider ist es so: Man kommt wohin, spielt und fährt wieder.
Paul: Auch heute fahren wir gleich nach dem Konzert mit dem Nightliner weiter. Da drüben steht unsere Tourmanagerin, die peitscht uns ohne Rücksicht auf Verluste in den Bus rein. Dann gibt‘s noch ein Gute-Nacht-Busserl und schon wird’s zum Schlafen.

