Wo der Wein nach seiner Heimat schmeckt
Zwischen alten Vernatsch-Reben, neuen Sorten und den Hängen des Vigiljochs zeigt die Region Lana, wie facettenreich Südtiroler Wein sein kann. Eine genussvolle Reise zu Winzern, die Tradition bewahren und zugleich neue Wege gehen.
Fotos: Patrick Schwienbacher vigilius mountain resort, Maike Wittreck, Emi Massmer Emotions, Tiberio Sorvillo
Es gibt Landschaften, die man nicht nur sieht, sondern schmeckt. Rund um Lana ist es die besondere Verbindung aus Sonne und Bergluft, mediterraner Leichtigkeit und alpiner Landschaft, die den Wein prägt. Die Reben wachsen an den Hängen des Vigiljochs, auf Moränenkegeln und steinigen Böden, in Lagen, die von Wärme ebenso profitieren wie von den kühlen Luftströmungen aus den Bergen.
Und mittendrin wächst eine Rebsorte, die wie kaum eine andere mit Südtirol verbunden ist: Vernatsch. Einst allgegenwärtig und als klassischer Schankwein fester Bestandteil der regionalen Esskultur, ist der leichte Rotwein heute wieder gefragt. Nicht, weil er sich verändert hätte, sondern weil sich der Blick auf ihn verändert hat.



Die neue Lust auf Vernatsch
Wer den Vernatsch verstehen möchte, sollte ihn dort trinken, wo er seit Generationen zu Hause ist. Etwa am Haidenhof oberhalb von Tscherms. Für Hannes Erb ist die Rebsorte untrennbar mit der Geschichte des Hofes verbunden. Einst waren rund 80 Prozent der Rebflächen mit Vernatsch bepflanzt. Heute ist der Anteil kleiner – doch die Begeisterung ist geblieben.
Lange galt Vernatsch als einfacher Alltagswein. Einer, der beim Törggelen ausgeschenkt wurde, zu Speck und Kastanien auf den Tisch kam und vor allem eines sein sollte: unkompliziert. Heute erlebt die Rebsorte eine stille Renaissance. Einheimische halten ihr ohnehin die Treue, gleichzeitig entdecken immer mehr jüngere Weintrinker ihre Vorzüge. Leicht gekühlt, frisch und angenehm zugänglich, passt Vernatsch zu einer Marende ebenso wie zu feinen Vorspeisen. Er braucht kein großes Zeremoniell. Vielleicht ist genau das seine Stärke: Er lädt dazu ein, ein Glas einzuschenken, Platz zu nehmen und den Moment zu genießen.
Am Haidenhof kommt noch etwas hinzu: die Lage. Morgens fällt früh Sonne auf die Reben, am Nachmittag bringt der Vigiljoch Schatten. Von den Bergen strömt kühle Luft herab. Dieses Zusammenspiel schafft ein besonderes Mikroklima – und damit Bedingungen, die den Charakter der Weine mitbestimmen. Heute wachsen am Haidenhof neben Vernatsch auch Weißburgunder, Sauvignon, Kerner, Blauburgunder, Lagrein und Merlot. Die Vielfalt des Sortiments erzählt dabei auch von der Entwicklung der Region: Der Weinbau rund um Lana hat seine Wurzeln tief in der Tradition, richtet den Blick aber längst auf die unterschiedlichen Möglichkeiten, die Klima und Böden bieten.




Ein Wein für die Begegnung
Noch unmittelbarer wird die Verbindung von Wein, Landschaft und Lebensart am Kränzelhof in Tscherms. Das historische Anwesen von Graf Franz von Pfeil ist kein klassisches Weingut im herkömmlichen Sinn. Hier treffen biologischer Weinbau, Gartenkunst, Skulpturen, Kulinarik und Gastlichkeit aufeinander. Seit 20 Jahren ist der Kunst- und Skulpturengarten Teil dieses besonderen Ortes. Zwischen alten Mauern, Reben und Kunstwerken wird deutlich, dass Wein hier als Teil einer gesamten Kulturlandschaft verstanden wird.
Auch der reinsortige Vernatsch „Baslan“ folgt dieser Philosophie. Im Mittelpunkt steht die reife, gesunde und geschmackvolle Traube. Der Wein soll begleitet und nicht gemacht werden. Seine Qualität liegt in seiner Frische, Vielseitigkeit und Trinkfreude. Die Weinberge des Kränzelhofs liegen verstreut auf unterschiedlichen Moränenkegeln und Höhenlagen. Lockere, steinige Böden, teilweise mit Granitanteilen, geben den Weinen Struktur und Reifepotenzial. Gleichzeitig sorgt die Vielfalt der Lagen für unterschiedliche Ausdrucksformen.
Der Vernatsch bleibt dabei ein Wein der Geselligkeit. Er passt zur Marende, zu einfachen Gerichten ebenso wie zu einer anspruchsvolleren Küche. Vor allem aber bringt er Leichtigkeit mit – und genau diese ist in Südtirol seit jeher ein Teil der Weinkultur. Wer den Kränzelhof besucht, bekommt deshalb mehr als eine Weinverkostung. Führungen führen durch den Garten, Verkostungen machen die Weine erlebbar, kulinarische Angebote ergänzen das Erlebnis. Der neue Event-Pavillon schafft zusätzlichen Raum für Feste und Begegnungen. Wein wird hier nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines Ortes, seiner Geschichte und seiner Menschen.
Wenn Tradition auf Zukunft trifft
Ein anderes Kapitel der Weinregion erzählt Irmgard Windegger am Zollweghof. Hier geht es um die Zukunft des biologischen Weinbaus – und um die Frage, welche Rebsorten zu einem bestimmten Ort passen.
Besonders spannend ist der Souvignier Gris. Die pilzwiderstandsfähige Rebsorte bietet gute Voraussetzungen für den biologischen Anbau und eröffnet zugleich eine bemerkenswerte stilistische Bandbreite. Je nach Lesezeitpunkt entstehen daraus frische, fruchtige Weine oder kraftvollere, komplexe Tropfen. Der „PrissLa“ steht für die frühe, frische Variante. Beim „Goldraut“ geht es um mehr Tiefe: Der Wein wird zusätzlich in Amphoren und Akazienholz ausgebaut.
Für Irmgard Windegger ist dabei vor allem die Herkunft entscheidend. Die Weinberge am Fuß des Vigiljochs verfügen ihrer Ansicht nach über ein großes Potenzial für eigenständige Weine. Mineralische, saftige Weißweine könnten ebenso typisch für die Gegend werden wie leichte, fruchtige Rotweine.
Dafür braucht es einen genauen Blick auf den Boden, die Geologie, das Klima und die Geschichte der Weinberge. Terroir ist hier kein Schlagwort, sondern eine Einladung, den eigenen Standort immer besser kennenzulernen.
Der Mut zur Leichtigkeit
Interessanterweise führt dieser Blick in die Zukunft wieder zurück zum Vernatsch. Auch Irmgard Windegger plädiert dafür, seine Eigenart zu bewahren. Der Wein müsse nicht künstlich schwerer oder komplexer gemacht werden, um als hochwertig zu gelten.
Seine Stärke liege gerade darin, jung, frisch und unkompliziert getrunken zu werden. Beim Essen, beim Törggelen, beim Zusammensitzen mit Freunden. Dies ist wohl die schönste Form von Weintradition: nicht an ihr festzuhalten, sondern sie weiterleben zu lassen.
Rund um Lana gelingt genau das. Der Vernatsch erzählt von früher, während neue Rebsorten zeigen, wohin die Reise gehen kann. Dazwischen liegen Winzer, die ihre Weinberge genau beobachten, mit Böden und Lagen arbeiten und ihren Weinen Raum geben.




Ein Fest für Weinfreunde
Wie vielfältig die Weinwelt rund um den Vigiljoch geworden ist, lässt sich beim Vigiljocher Weinfest erleben. Am 20. November 2026 laden lokale Winzer und kleinere Weinbaubetriebe bereits zum vierten Mal ins vigilius mountain resort auf 1.500 Metern Höhe ein.
Im Mittelpunkt stehen die Weine der Region und der persönliche Austausch mit den Menschen, die sie erzeugen. Dazu serviert Chef Daniel Sanin ein Flying Dinner mit regionalen Zutaten. So verbindet der Abend Wein, Kulinarik und Berglandschaft zu einem besonderen Genusserlebnis.