Zwischen Sternen und Jahrtausenden
Saale-Unstrut verbindet spektakuläre Archäologie, uralte Himmelsbeobachtungen und einige der schönsten Sternennächte Deutschlands.
Text: Doris Thallinger | Fotos: Saale-Unstrut Tourismus GmbH | Falko Matte, Juraj Liták, www.mp15.de, Zeiss Planetarium Jena, Robert Sawallisch, JenaKultur, C. Häcker, Arche Nebra/Christoph Kremtz, Thür. Tourismusverband Saale-Holzland, Tony Matysik
Wenn die Sonne hinter den sanften Weinbergen von Saale-Unstrut versinkt und die ersten Sterne am Himmel erscheinen, beginnt eine Reise, die Tausende Jahre zurückführt. In kaum einer anderen Region Europas sind Astronomie, Archäologie und Natur so eng miteinander verwoben wie hier. Die weltberühmte Himmelsscheibe von Nebra, eines der ältesten Sonnenobservatorien der Welt, historische Planetarien und außergewöhnlich dunkle Nachthimmel machen Saale-Unstrut zu einem Reiseziel, das den Blick nicht nur nach oben, sondern auch tief in die Geschichte der Menschheit lenkt.

ZEISS Planetarium Jena
Der Schatz, der die Welt überraschte
Die Geschichte beginnt mit einem Kriminalfall. Im Sommer 1999 stoßen Raubgräber auf dem Mittelberg bei Nebra auf eine bronzene Scheibe mit goldenen Einlagen. Was sie damals nicht ahnen: Sie haben eines der bedeutendsten archäologischen Artefakte Europas entdeckt. Erst drei Jahre später gelingt es dem Archäologen Professor Harald Meller gemeinsam mit verdeckten Ermittlern, die Himmelsscheibe bei einer spektakulären Übergabe in einem Basler Hotel sicherzustellen.
Heute gilt die rund 3.600 Jahre alte Himmelsscheibe von Nebra als die älteste konkrete Darstellung astronomischer Phänomene weltweit. Sonne, Mond, Sterne und die berühmten Plejaden erzählen von einem erstaunlich präzisen Wissen über den Himmel – lange bevor die ersten schriftlichen Aufzeichnungen entstanden.
Nicht umsonst wurde die Himmelsscheibe in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen.
Ein Fenster in die Bronzezeit
Auch wenn das Original heute sicher im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle aufbewahrt wird, entfaltet sich ihre eigentliche Geschichte dort, wo sie einst verborgen lag: auf dem Mittelberg bei Nebra.
Mitten in der Landschaft erhebt sich die Arche Nebra, deren markante goldene Architektur an die auf der Himmelsscheibe dargestellte Sonnenbarke erinnert. Das moderne Besucherzentrum macht die Welt der Bronzezeit auf beeindruckende Weise erlebbar.
Multimediale Installationen, originale Fundgeschichten und interaktive Exponate zeigen, wie eng das Leben der Menschen schon damals mit dem Lauf der Gestirne verbunden war.
Besonders eindrucksvoll ist die begehbare Himmelsscheibeninstallation, bei der Besucher in das berühmte Artefakt eintauchen können. Im hochmodernen Planetarium wird anschließend sichtbar, welche astronomischen Erkenntnisse in der Bronzescheibe verborgen sind und wie ihre Kalenderfunktion funktionierte.
Seit der umfassenden Modernisierung präsentiert sich die Arche Nebra zudem vollständig barrierefrei. Mit dem außergewöhnlichen Lern- und Erlebnisort „Outer Space“ entstand außerdem ein futuristischer Erlebnisbereich, der besonders Familien begeistert. In einem begehbaren UFO warten interaktive Spielstationen, spannende Rätsel und eine fantasievoll erzählte Geschichte rund um eine geheimnisvolle Bruchlandung auf der Erde.




Zwischen Kunst, Landschaft und Kosmos
Von der Arche Nebra führt ein rund drei Kilometer langer Kunstweg zum eigentlichen Fundort der Himmelsscheibe. Der Weg trägt den poetischen Namen „Zwischen Welt und Kosmos“. Land-Art-Installationen greifen philosophische Fragen nach dem Platz des Menschen im Universum auf und am Ziel wartet das sogenannte Himmelsauge, ein riesiger Spiegel, der Himmel und Erde miteinander verschmelzen lässt und genau jene Stelle markiert, an der die Himmelsscheibe über dreieinhalb Jahrtausende verborgen lag.
Nicht weit entfernt erhebt sich ein 30 Meter hoher Aussichtsturm, dessen markante Neigung an den Zeiger einer gigantischen Sonnenuhr erinnert. Sein präzise ausgerichteter Einschnitt zeigt exakt auf den Brocken im Harz – jenen Punkt, an dem zur Sommersonnenwende die Sonne untergeht. Dieses Wissen ermöglichte bereits den Menschen der Bronzezeit die exakte Ausrichtung ihres Sonnenkalenders.
7.000 Jahre Blick zum Himmel
Wer glaubt, die Himmelsscheibe markiere den Beginn astronomischer Beobachtungen, irrt. Nur etwa 30 Kilometer entfernt befindet sich das Sonnenobservatorium Goseck. Die rekonstruierte Kreisgrabenanlage entstand bereits vor rund 7.000 Jahren und zählt zu den ältesten bekannten Sonnenobservatorien Europas. Schon damals beobachteten Menschen hier den Lauf der Sonne und richteten ihre Bauwerke nach den Sonnenwenden aus.
Mit einem Durchmesser von 75 Metern vermittelt die originalgetreu rekonstruierte Anlage eindrucksvoll, wie hoch entwickelt das astronomische Wissen bereits in der Jungsteinzeit war.
Gemeinsam mit weiteren archäologischen Stätten bildet Goseck die touristische Route „Himmelswege“, die Besucher auf eine faszinierende Reise durch die Frühgeschichte Mitteldeutschlands führt. Dazu gehören neben der Arche Nebra unter anderem das Ringheiligtum Pömmelte – häufig als deutsches Stonehenge bezeichnet – sowie das jungsteinzeitliche Grab der Dolmengöttin von Langeneichstädt.

Das Unstruttal im Morgennebel

Das Besucherzentrum Arche Nebra im Sonnenuntergang

Kunstwerk entlang des Kunstweges zum Mittelberg, dem Fundort der Himmelsscheibe

Sonnenobservatorium Goseck
Vom ersten Planetarium bis zur Hightech-Projektion
Nicht nur unter freiem Himmel richtet sich der Blick in Saale-Unstrut zu den Sternen. In Jena steht das dienstälteste Großplanetarium der Welt. Bereits 1926 öffnete das Zeiss-Planetarium seine Tore und revolutionierte mit der ersten Projektion eines künstlichen Sternenhimmels die Wissenschaftsvermittlung.
Zum 100-jährigen Jubiläum präsentiert sich das traditionsreiche Haus umfassend modernisiert.
Eine neue Projektionskuppel, modernste ZEISS-Projektionstechnik sowie ein hochentwickeltes Soundsystem schaffen ein immersives Erlebnis, das die Besucher mitten ins Universum versetzt.
Auch kleinere Planetarien wie jene in Merseburg oder Halle (Saale) laden zu spannenden Reisen durch das Sonnensystem ein.
Während in Merseburg engagierte Ehrenamtliche regelmäßig Sternenshows und gemeinsame Himmelsbeobachtungen organisieren, beeindruckt das Planetarium Halle mit seiner außergewöhnlichen Lage in einem ehemaligen Gasometer inklusive Sternwarte und Aussichtsterrasse.
Die Magie dunkler Nächte
Das eigentliche Highlight beginnt erst nach Sonnenuntergang. Dank der vergleichsweise geringen Lichtverschmutzung zählt Saale-Unstrut zu den besten Regionen Deutschlands für Sternenbeobachtungen. In klaren Sommernächten spannt sich die Milchstraße eindrucksvoll über den Himmel, Sternbilder lassen sich mit bloßem Auge erkennen und während der Perseiden im August ziehen unzählige Sternschnuppen über das Firmament.
Zu den schönsten Beobachtungsorten gehören der Mittelberg bei Nebra, die Umgebung des Sonnenobservatoriums Goseck, die Zscheiplitzer Höhe bei Freyburg sowie der Windknollen oberhalb von Jena.
Hier zeigt sich der Himmel in einer Klarheit, die vielerorts längst verloren gegangen ist.

Space Tour im Zeiss Planetarium Jena