Schönheit, die von innen kommt

Was macht einen Menschen schön? Makellose Haut? Glänzendes Haar? Ein jugendliches Gesicht? Unsere Beautywelt kennt darauf viele Antworten – meist in Form von Produkten, Wirkstoffen und Versprechen. Ayurveda setzt an einem anderen Punkt an: bei der Frage, was einen Menschen von innen heraus gesund, ausgeglichen und lebendig macht…

Text: Doris Thallinger  |  Fotos: Adobe Stock, KI, Raffael Mittendorfer Fotografie.

Bernadette Fuschlberger-Pühringer, Ayurveda Salzburg

Schönheit ist in der jahrtausendealten Lehre des Ayurveda kein isoliertes Ziel. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Körper, Geist, Seele und Lebensweise. Wer seine individuelle Konstitution kennt und danach lebt, kann den eigenen Körper gezielter unterstützen – und damit auch das äußere Erscheinungsbild.

Genau darin liegt für die Salzburger Ayurveda-Expertin Bernadette Fuschlberger-Pühringer der Schlüssel. „Wer Dosha-gerecht und nach seiner Fasson lebt, strahlt das auch aus“, sagt sie. Schönheit beginnt damit nicht erst im Badezimmer, sondern bei Ernährung, Verdauung und Lebensrhythmus. Der Körper soll nicht an ein Schönheitsideal angepasst werden; vielmehr geht es darum, seine individuelle Konstitution zu verstehen.

Jeder Mensch ist anders

Im Zentrum des Ayurveda stehen die drei Doshas Vata, Pitta und Kapha. Sie beschreiben körperliche und energetische Qualitäten, die aus den fünf Elementen Raum, Luft, Feuer, Wasser und Erde hervorgehen. Jeder Mensch trägt alle drei in einer individuellen Zusammensetzung in sich. Diese ursprüngliche Konstitution heißt Prakruti. Im Laufe des Lebens kann sich dieses Gleichgewicht verändern; Ayurveda spricht dann von Vikruti, der momentanen Konstitution.

Für die Schönheit ist das entscheidend. Trockene Haut braucht etwas anderes als eine Haut, die zu Rötungen und Entzündungen neigt. „Was für meine Freundin oder Schwester gut ist, muss noch lange nicht gut für mich sein“, erklärt Bernadette Fuschlberger-Pühringer. Ay urveda ersetzt allgemeine Beauty-Tipps deshalb durch eine individuellere Frage: Was tut mir gut?

Drei Doshas, drei Wege zur Schönheit

Welche Ernährung, Pflege und Lebensweise dem eigenen Körper guttun, hängt im Ayurveda wesentlich von der individuellen Dosha-Konstitution ab. Um entsprechend leben zu können, muss man zunächst wissen, welche Doshas die eigene Konstitution prägen und ob aktuell ein Ungleichgewicht besteht. Ayurveda-Practitioner bestimmen dies anhand einer ausführlichen Anamnese sowie verschiedener Beobachtungen und Untersuchungen. Manche Eigenschaften lassen sich zwar selbst wiedererkennen – etwa eine ausgeprägte Trockenheit, Hitzeempfindlichkeit oder eine Tendenz zu Schwere und Trägheit –, für eine fundierte Bestimmung reicht ein einzelnes Merkmal jedoch nicht aus. Erst das Zusammenspiel verschiedener körperlicher und persönlicher Eigenschaften ergibt ein aussagekräftiges Bild.

Vata wird aus Raum und Luft gebildet und steht für Bewegung, Leichtigkeit, Kreativität und Veränderung. Vata-dominierte Menschen sind häufig feingliedrig, beweglich und sensibel; ihre Haut neigt eher zu Trockenheit. Vata braucht deshalb Wärme, Ruhe, Regelmäßigkeit und Nährung. Warme, frisch gekochte Speisen, gute Fette und ein regelmäßiger Tagesrhythmus wirken ausgleichend. Auch äußerlich braucht Vata Nahrung: Bei der Abhyanga, der ayurvedischen Ganzkörperölung, wird der Körper mit Öl versorgt.

Pitta verbindet Feuer und Wasser und steht für Wärme, Energie, Stoffwechsel und Transformation. Pitta-dominierte Menschen werden als präsent, fokussiert und kraftvoll beschrieben. Ihre Haut reagiert empfindlicher und neigt zu Rötungen, Hitzegefühl oder Entzündungen. Gerät Pitta aus dem Gleichgewicht, geht es um Kühlung und Beruhigung. Scharfe und sehr saure Lebensmittel reizen zusätzlich; kühlende Qualitäten wie Rosenwasser oder Kokosöl werden traditionell eingesetzt. „Es macht keinen Sinn, wenn ich mir Chili einverleibe und äußerlich Kokoswasser verwende“, sagt Bernadette Fuschlberger-Pühringer. Nicht das einzelne Produkt, sondern die Balance zählt.

Kapha besteht aus Erde und Wasser und steht für Stabilität, Ruhe, Kraft und das Nährende. Kapha-Menschen werden als ruhig, geduldig und beständig beschrieben; ihre Haut ist eher kräftig, gut durchfeuchtet und widerstandsfähig. Ein Übermaß begünstigt Schwere, Trägheit, Stauungen oder Wassereinlagerungen. Dann sind Leichtigkeit, Wärme und Bewegung gefragt. Aktivierende Anwendungen wie Pulver- oder Seidenhandschuhmassagen unterstützen. „Kapha ist reine Liebe“, zitiert Bernadette Fuschlberger-Pühringer einen ihrer Lehrer. Wird daraus ein Zuviel, braucht es wieder Bewegung.

Die ayurvedische Schönheitspflege kennt damit kein Einheitsrezept. Nicht das beste Produkt steht im Mittelpunkt, sondern der passende Ausgleich.

Schönheit als Ritual

Ayurveda zeigt sich auch in der Gestaltung des Alltags. Dinacharya, die ayurvedische Morgenroutine, umfasst etwa warmes Wasser, Zungenschaben und Ölziehen. Auch die Selbst-Abhyanga lässt sich integrieren: Der Körper wird eingeölt, das Öl darf einwirken, erst anschließend wird geduscht. Öl ist dabei mehr als ein kosmetischer Wirkstoff. Es verbindet Pflege mit Berührung, Ruhe und Zeit.

Eine gute Verdauung gehört ebenso zu den Grundlagen für Gesundheit und damit auch für Schönheit. Bernadette Fuschlberger-Pühringer empfiehlt frisch gekochte, möglichst regionale Lebensmittel und einen Tagesrhythmus, der die Verdauung berücksichtigt.

Die Hauptmahlzeit sollte idealerweise zwischen 10 und 14 Uhr liegen, wenn Agni besonders stark ist. Gleichzeitig versteht sie Ayurveda nicht als starres Regelwerk. Die 80/20-Idee lässt Raum für Genuss. Essen bleibt schließlich auch Sinnlichkeit, Freude und soziale Erfahrung.

Gesund älter werden

Auch beim Anti-Aging setzt Ayurveda einen anderen Fokus: Nicht die Verhinderung des Alters steht im Mittelpunkt, sondern ein gesundes Durchleben der Lebensphasen. Kindheit und Jugend werden stärker mit Kapha verbunden, die mittlere Lebensphase mit Pitta, das Alter mit Vata. Öle, Selbstmassagen, ausgewogene Ernährung und Regeneration können den Körper dabei unterstützen. Auch Panchakarma gehört zu den traditionellen Reinigungskuren des Ayurveda. Das Ziel ist nicht, wieder wie 30 auszusehen, sondern gesund zu altern und sich im eigenen Körper wohlzufühlen.

Schönheit braucht Authentizität

Ayurveda betrachtet Schönheit auch als Ausdruck der eigenen Persönlichkeit. Für Bernadette Fuschlberger-Pühringer gehört deshalb die Frage dazu, ob ein Mensch seine eigene Natur leben kann. Gerade Pitta-dominierte Frauen erleben beispielsweise häufig, dass ihre Kraft früh gebremst wird: sie seien zu laut, zu temperamentvoll oder zu stark. Also lernen sie, sich zurückzunehmen. Die daraus entstehende Spannung zeigt sich oft auch körperlich – etwa im Kiefer, im Gesicht oder rund um die Augen.

Authentizität wird damit zu einem Schönheitsfaktor, der weit über Äußerlichkeiten hinausgeht. Nicht kleiner werden, um anderen zu gefallen. Nicht leiser werden, obwohl man etwas zu sagen hat. Nicht permanent einer Vorstellung davon entsprechen, wie man sein sollte. Für Bernadette Fuschlberger-Pühringer gehört es zu Gesundheit und Schönheit, die eigene Konstitution und Persönlichkeit anzunehmen und „nach seiner Fasson“ zu leben.

Der Glow von innen

Der Glow, von dem in der Beautywelt so häufig die Rede ist, lässt sich im ayurvedischen Verständnis nicht einfach auftragen. Er entsteht, wenn der Körper gut genährt und versorgt ist, das Leben zur eigenen Konstitution passt und der Mensch nicht permanent gegen sich selbst arbeitet.

Im Ayurveda gibt es dafür den Begriff Ojas. Ojas steht für die essenzielle Lebensenergie und wird mit jener Ausstrahlung verbunden, die von innen nach außen sichtbar wird. „Ojas ist die essenzielle Lebensenergie, die diesen Glow mit sich bringt“, sagt Bernadette Fuschlberger-Pühringer.

Schönheit entsteht nicht dadurch, dass wir uns immer weiter verändern. Sie entsteht dort, wo wir uns selbst immer besser verstehen. „Ayurveda macht alles weich“, sagt Bernadette Fuschlberger-Pühringer. Das gilt nicht nur für den Körper, sondern auch für den Blick auf sich selbst. Schönheit beginnt dann nicht mit dem Spiegelbild. Sie beginnt mit dem Einverständnis mit sich selbst.

„Ayurveda HAUTnah“ von Volker Mehl und Anke Pachauer.

Die Ayurveda-Experten verbinden Ernährung, äußere Pflege und Lebensstil zu einem vierwöchigen Glow-up-Programm, das die Haut ganzheitlich in den Blick nimmt. Mit natürlichen Rezepten und individuell abgestimmten Pflege-Rezepturen zeigt das Buch, wie Schönheit von innen und außen unterstützt werden kann – auch begleitend bei Hautproblemen wie Erwachsenenakne, Rosazea, Schuppenflechte oder Neurodermitis. Erschienen im Humboldt Verlag.