Die Kunst des Scheiterns

Wir feiern Erfolge, erzählen von Karrieren und bewundern Menschen, die niemals aufgeben. Darüber, was dazwischen liegt, sprechen wir seltener: über Fehlentscheidungen, Rückschläge, Niederlagen und Misserfolge. Dabei beginnt Entwicklung – und manchmal etwas Neues – oft genau dort, wo nicht alles nach Plan läuft.

Text: Doris Thallinger  | Fotos: Adobe Stock / KI

Jedes kleine Kind macht es uns vor. Es zieht sich an einem Sessel hoch, steht wackelig auf, versucht einen Schritt, fällt hin – und probiert es wieder. Niemand würde ihm nach dem dritten Sturz sagen: „Du kannst das nicht.“ Es weiß schlicht noch nicht, wie es geht. Also versucht es weiter. Genau diese natürliche Experimentierfreude beschäftigt Aleksandra Nagele seit Jahren.

Vor fast zehn Jahren brachte sie die Fuckup Nights nach Salzburg, heute entwickelt sie das Thema mit dem neu gegründeten Verein Fail Forward Europe weiter. Ihre Kinder waren klein, und Aleksandra Nagele begann sich zu fragen, was von dieser ursprünglichen Neugier übrigbleibt, wenn nur Leistung, Noten und richtige Antworten zählen.

„Das Experimentieren dürfen, das Scheitern und Fehler machen dürfen, ist nicht im Schulsystem vorgesehen“, sagt sie. Fehler zu machen, wird uns im Laufe der Entwicklung zunehmend als etwas Negatives vermittelt, das es gilt zu vermeiden.

Aleksandra Nagele

Vom Fehler zum Selbstzweifel

Und irgendwann betrachten wir einen Fehler nicht mehr als Ereignis, sondern als Aussage über uns selbst. Aus „Ich habe etwas falsch gemacht“ wird „Ich bin schlecht“. Aus „Das ist nicht gelungen“ wird „Ich bin gescheitert“. Aleksandra Nagele formuliert es prägnant: „Du hast einen Fehler gemacht, aber du bist deswegen kein Fehler.“ Mit einem Misserfolg gehen meist Scham und Selbstzweifel einher: Was denken die anderen? Was denke ich selbst über mich? Wer sich in dieser Spirale verliert, zieht sich zurück, sucht Schuldige oder versucht, den Misserfolg zu überdecken. Damit geht die Möglichkeit verloren, ehrlich hinzusehen, was eigentlich passiert ist.

Scheitern tut weh

„Scheitern ist Scheiße“, sagt Aleksandra Nagele bewusst. Sie will das Scheitern nicht romantisieren. Mit Fail fast, fail often kann sie wenig anfangen. Man müsse nicht möglichst viele Fehler produzieren. Diese passieren ohnehin: Schätzungen zufolge macht der Mensch rund 50 Fehler pro Tag – und damit in etwa 1,5 Millionen Fehler in seinem Leben. Entscheidend dabei: Was machen wir aus dem, was passiert ist?

Genau daraus entstand Aleksandra Nagele zufolge die Idee, von einer reinen Fehlerkultur einen Schritt weiterzugehen – hin zu einer Lernkultur. Fail Forward Europe verbindet persönliche Irrtumskompetenz, Fehlermanagement in Organisationen und Fehlerkultur. Irrtumskompetenz bedeutet, den eigenen „Fehlermuskel“ zu trainieren: nicht sofort in Selbstbeschimpfung zu verfallen, sondern den Perspektivwechsel zu schaffen, innere Ressourcen auch in der Krise zu aktivieren.

Fehler als Helfer

Auch Bernhard Stöllinger, Gründer des „1day4life“ Mentaltrainings für Lehrlinge, das unter anderem den Fuckup Day für Lehrlinge beinhaltet, beobachtet in seiner Arbeit mit Jugendlichen und Lehrlingen, dass Fehler häufig stärker wahrgenommen werden als das, was funktioniert. Ein Test mit 20 Fragen und 15 richtigen Antworten wird über die fünf Fehler definiert. Für Bernhard Stöllinger lautet deshalb die Frage: Wie kann aus einem Fehler ein Helfer werden?

Bernhard Stöllinger

„Ist mir passiert, tut mir leid, mache ich nicht mehr“ reicht dafür nicht. Erst die Frage nach dem ‚Warum‘ führt weiter. War man unkonzentriert? Überfordert? Fehlte Wissen oder ein zusätzlicher Kontrollschritt? Aus dem Fehler wird so eine Information für die Zukunft. Scheitern ist noch kein Lernen. Aber die Reflexion darüber bringt den Lerneffekt.

Genau darin kann der positive Wert des Scheiterns liegen: Ein Fehler zeigt, was nicht funktioniert, dass eine Annahme falsch war oder ein anderer Weg nötig ist. Er macht Grenzen sichtbar und liefert Informationen, die man ohne den Versuch nicht gehabt hätte. Wer nie ausprobiert, erfährt zwar selten, dass etwas nicht funktioniert – aber eben auch nicht, was funktionieren könnte.

Genau dieses Hinschauen ist auch für Aleksandra Nagele entscheidend. Bei der Vorbereitung ihrer Speaker für eine Fuckup Night wird aufgearbeitet: Was ist passiert? Welche Entscheidungen wurden getroffen? Was war der eigene Anteil? Das ist keine Schuldfrage, sondern eine Frage nach dem Handlungsspielraum: Was lag in meiner Verantwortung? Was lag außerhalb meiner Kontrolle? Und was kann ich beim nächsten Mal anders machen?

Innovation braucht Fehlerkultur

Dieser Gedanke ist auch für Innovation entscheidend. Neues kann nur entstehen, wenn Menschen bereit sind, etwas auszuprobieren, dessen Ausgang sie noch nicht kennen. Eine Idee bleibt eine Idee, solange sie nicht getestet wird. Und jeder Test birgt die Möglichkeit, dass er nicht funktioniert. Innovation entsteht selten auf dem direkten Weg. Ein Versuch führt zum nächsten, eine falsche Annahme wird korrigiert, eine Idee verändert sich. Der gescheiterte Versuch ist kein verlorener Versuch, sondern ein Stück zusätzliches Wissen.

Dafür braucht es eine offene Fehlerkultur. Wenn ein misslungener Versuch automatisch Schuld, Rechtfertigung oder Gesichtsverlust bedeutet, werden Menschen vorsichtig. Sie bringen Ideen nicht mehr ein, stellen keine kritischen Fragen und probieren nichts aus, bei dem sie scheitern könnten. Eine Organisation kann dadurch zwar weniger sichtbare Fehler haben – aber auch weniger Experimente, weniger Lernen und weniger Innovation.

Eine offene Fehlerkultur bedeutet nicht, Fehler gutzuheißen, sondern einen Raum zu schaffen, in dem Menschen den Mut haben, Neues zu versuchen. Ein sorgfältig vorbereiteter Versuch, der nicht funktioniert, liefert eine andere Information als ein Fehler aus Nachlässigkeit. Entscheidend ist, ob daraus gelernt wird. Innovation braucht deshalb nicht nur die Erlaubnis, Fehler zu machen. Sie braucht die Sicherheit, dass ein sinnvoller Versuch nicht automatisch zum persönlichen Scheitern wird.

Hinter dem Erfolg

Schwieriger wird das in einer Zeit, in der wir permanent mit den Erfolgen anderer konfrontiert sind. Social Media zeigt die schönsten Momente und scheinbar mühelosen Erfolge. Den eigenen Alltag kennt man dagegen mit all seinen Unsicherheiten und Rückschlägen. Der Vergleich ist deshalb fast zwangsläufig unfair.

Aleksandra Nagele erlebt bei den Fuckup Nights immer wieder, wie befreiend es sein kann, wenn Menschen ihre Geschichten öffentlich erzählen. Drei unterschiedliche Personen, drei unterschiedliche Misserfolge – und irgendwo findet sich fast jeder selbst wieder. Sie nennt diesen Moment die „Fuckup-Magie“. Plötzlich merkt man: Ich bin nicht allein.

Auch Bernhard Stöllinger interessiert sich weniger für die fertige Erfolgsgeschichte als für den Weg dorthin. Hinter fast jedem Erfolg liegen Umwege, Hoppalas und Niederlagen. Gern zitiert er in diesem Zusammenhang den – höchst erfolgreichen – britischen Singer-Songwriter Ed Sheeran: „Aus Erfolg lernt man nichts. Gar nichts. Man lernt alles aus den Fehlern… Erfolg entsteht, indem man hunderte Male scheitert“. Allerdings: Man muss nicht jeden Fehler selbst machen. Manchmal kann man auch aus den Fehlern anderer lernen.

Fail better

Samuel Beckett hat den Umgang mit Scheitern in wenigen Worten radikal verdichtet: „Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.“ (Aus dem Text Worstward Ho, 1983).

Darin steckt keine Verheißung, dass am Ende alles gut wird. Beckett sagt nicht: Scheitere, bis du erfolgreich bist. „Fail better“ bedeutet vielmehr, sich mit jedem Versuch ein Stück genauer mit dem auseinanderzusetzen, was nicht funktioniert hat. Nicht das Scheitern muss schöner werden – unser Umgang damit. Wir können verstehen, was passiert ist, Verantwortung übernehmen, daraus lernen und entscheiden, wie es weitergeht. Genau darin liegt auch der Kern von Aleksandra Nageles Irrtumskompetenz: Ein Fehler ist ein Ereignis, aber kein Urteil über den Menschen, der ihn gemacht hat. Scheitern darf wehtun. Es darf Konsequenzen haben. Aber es muss nicht das letzte Wort sein.

Aus dem Scheitern heraus wachsen

Trotzdem warnt Aleksandra Nagele davor, aus jedem Scheitern zwanghaft eine Erfolgsgeschichte machen zu wollen. Nicht jedes Scheitern wird automatisch zum Erfolg. Manchmal bleibt eine Enttäuschung eine Enttäuschung. Manchmal besteht das Lernen darin, etwas loszulassen.

Aber wenn der erste Schmerz vergangen ist, Abstand entstanden ist und man sich traut, ehrlich hinzusehen, kann aus einem Rückschlag etwas entstehen. Aleksandra Nagele hat dafür ein drastisches Bild: Scheitern ist Scheiße. Man kann sie zudecken, parfümieren und so tun, als wäre nichts gewesen. Oder man entscheidet sich, sie als Dünger zu verwenden, um daraus etwas wachsen zu lassen.

Mit Würde scheitern

„Mit Würde scheitern“ bedeutet nicht, einen Rückschlag elegant aussehen zu lassen. Es bedeutet auch nicht, ihn sofort als wertvolle Erfahrung zu verkaufen. Und schon gar nicht bedeutet es, die Schuld bei anderen zu suchen. Es bedeutet, sagen zu können: Das ist passiert. Das hat wehgetan. Das war mein Anteil. Ich weiß vielleicht noch nicht, was ich daraus mache. Aber ich bin nicht dieser Fehler.

Darin liegt der Schritt von der Fehlerkultur zur Lernkultur. Wir müssen nicht lernen, nicht zu scheitern. Das werden wir ohnehin nicht schaffen. Wir können aber lernen, besser mit dem Scheitern umzugehen.

Umfallen bedeutet nicht automatisch, dass der Weg falsch war. Manchmal braucht es einen neuen Versuch. Manchmal einen neuen Weg. Und manchmal ein neues Ziel.

Scheitern ist nicht das Ende einer Geschichte. Es ist der Moment, in dem wir entscheiden, wie sie weitergeht.

Scheitern ist erlaubt. Entwicklung ist das Ziel.