Wirtschaft braucht Vertrauen
Steigende Preise, schwache Konjunktur, verunsicherte Haushalte: Österreichs Wirtschaft kämpft mit gedrückter Stimmung. Obwohl die Inflation zuletzt zurückging, bleibt bei vielen Menschen das Gefühl bestehen, dass sich kaum etwas verbessert hat. Warum das so ist, erklärt Prof. Simone Häckl-Schermer, Assistenzprofessorin für Volkswirtschaftslehre an der Universität Salzburg, im Gespräch anhand aktueller Erkenntnisse aus Verhaltensökonomie und Arbeitsmarktforschung. Ihre Analyse zeigt: Wirtschaft ist nicht nur eine Frage von Zahlen – sondern auch von Psychologie, Vertrauen und gesellschaftlichen Strukturen.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Marie von Krogh/UiS, Adobe Stock
Wirtschaftliche Unsicherheit verändert das Verhalten der Menschen spürbar. Wer nicht weiß, wie sich Einkommen, Preise oder Jobperspektiven entwickeln, verschiebt größere Anschaffungen. Besonders langlebige und teure Güter – etwa Möbel, Autos oder Haushaltsgeräte – werden in solchen Phasen seltener gekauft.
Die Forschung zeige, so die Expertin, dass bereits die Erwartung steigender Inflation das Konsumverhalten beeinflusst, allerdings nicht einheitlich. Bei größeren Investitionen werden Menschen eher vorsichtiger, wollen sich weniger langfristig binden und vermeiden finanzielle Risiken. Bei kleineren Alltagskäufen ist das Bild differenzierter: Manche greifen noch rasch zu, bevor Preise weiter steigen, andere reduzieren Ausgaben grundsätzlich. In Summe führt Unsicherheit jedoch meist zu Zurückhaltung – mit Folgen für die gesamte Volkswirtschaft.
Die Gefahr der Negativspirale
Wenn viele Haushalte gleichzeitig sparen, leidet die Nachfrage. Unternehmen investieren weniger, Wachstum bleibt aus, die Stimmung sinkt weiter. Genau darin sieht Häckl-Schermer eine klassische Negativspirale: Weil Menschen eine schlechtere Zukunft erwarten, verhalten sie sich vorsichtiger – und verschlechtern dadurch tatsächlich die wirtschaftliche Entwicklung.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt: Menschen nehmen Verluste stärker wahr als Gewinne. Sinkt ein Preis leicht, wird das kaum registriert. Wird ein Produkt hingegen teurer, bleibt das lange im Gedächtnis. Diese sogenannte Verlustaversion prägt das wirtschaftliche Empfinden vieler Haushalte stärker als statistische Verbesserungen. Das erklärt auch, warum sinkende Inflationsraten nicht automatisch zu besserer Stimmung führen. Preise steigen vielleicht langsamer – sie sind aber bereits auf höherem Niveau angekommen. Und die Erinnerung an frühere Teuerungen wirkt nach.
Vertrauen als Wirtschaftsfaktor
Entscheidend sei daher Vertrauen – in die wirtschaftliche Zukunft ebenso wie in politische Rahmenbedingungen. Für Prof. Häckl-Schermer ist deshalb Kommunikation zentral. Wenn sich wirtschaftliche Kennzahlen verbessern, müsse das verständlich und glaubwürdig vermittelt werden – nicht nur durch Institutionen wie Nationalbanken, sondern auch durch Medien. Wer ausschließlich negative Entwicklungen betone, verstärke Pessimismus und Zurückhaltung zusätzlich.
Vielfalt als Wachstumsfaktor
Während die Konjunktur lahmt, offenbart der Arbeitsmarkt ein weiteres strukturelles Thema: Österreich schöpft sein eigenes Potenzial nicht vollständig aus.
Für Wachstum und Innovationskraft spielt Vielfalt eine wichtige Rolle. Unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen und Lebenswege können die Chance auf neue Ideen fördern. Dass Frauen in vielen MINT-Bereichen weiterhin unterrepräsentiert sind, ist daher nicht nur ein Gleichstellungsproblem, sondern ein Verlust an Innovationskraft. Diversität ist kein modisches Schlagwort, sondern ein ökonomischer Vorteil – vorausgesetzt, Unternehmen schaffen Strukturen, in denen unterschiedliche Perspektiven tatsächlich eingebracht und genutzt werden.
Gute Arbeitgeber gewinnen in schlechten Zeiten
Unternehmen, die Fachkräfte halten wollen, brauchen mehr: flexible Arbeitsmodelle, Entwicklungschancen, Eigenverantwortung und eine funktionierende Unternehmenskultur. Gerade für Frauen sind nicht-monetäre Anreize wie flexible Arbeitszeiten oder Vereinbarkeit oft wichtiger als reine Gehaltssteigerungen, aber auch für jüngere Generationen und hochqualifizierte Beschäftigte. Wer Arbeit nur als Einkommensquelle behandelt, verliert im Wettbewerb um Talente. Menschen wollen autonom handeln, Kompetenzerleben erfahren und sich sozial eingebunden fühlen. Werden diese Bedürfnisse – im Sinne der Selbstbestimmungstheorie – erfüllt, steigen Motivation, Produktivität und Innovationsbereitschaft, insbesondere in Zukunftsbranchen wie Digitalisierung, Technik oder Forschung. Unternehmen, die hier investieren, stärken nicht nur ihre Attraktivität, sondern auch ihre Wettbewerbsfähigkeit.
Kulturwandel für mehr Gleichstellung
Einen zentralen Hebel für mehr Gleichstellung von Frauen und Männern sieht die Expertin in der besseren Vereinbarkeit von Karriere und Familie. Österreich tue sich damit nach wie vor schwer. Das betreffe nicht nur fehlende Kinderbetreuung, sondern auch gesellschaftliche Erwartungen.
Als Gegenbeispiel nennt sie Norwegen. Dort sei Vollzeitbeschäftigung von Frauen selbstverständlich und Kinderbetreuung breit verfügbar. Aus ihrer eigenen Zeit dort hat sie zudem den Eindruck gewonnen, dass sich diese Prioritäten auch im Arbeitsalltag widerspiegeln: Meetings am späten Nachmittag sind nicht üblich, und es wird stärker darauf geachtet, dass Arbeit mit Familienleben vereinbar bleibt. Das sende ein klares Signal: Beruflicher Erfolg und Familie schließen einander nicht aus.
In Österreich sei dieses Bild weniger verankert. Viele Frauen stünden noch immer vor dem impliziten Entscheidungskonflikt zwischen Karriere und Familie. Einzelmaßnahmen allein reichten deshalb oft nicht aus – nötig sei ein breiter Kulturwandel.
Warum Frauen in MINT-Berufen fehlen
Die Ursachen für die geringe Zahl von Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen beginnen früh. Bereits im Volksschulalter unterscheiden sich oft Selbstvertrauen und Interesse von Mädchen und Buben in Mathematik und Technik. Rollenbilder, Spielzeugwelten, unterschiedliche Ansprache im Unterricht und fehlende Vorbilder verstärken diese Muster. Häckl-Schermer plädiert daher für frühe Förderung, realistische Einblicke in Berufsbilder und mehr positive Beispiele. MINT-Berufe müssten greifbarer und attraktiver werden – nicht als Ausnahmefeld für wenige, sondern als offener Zukunftsbereich für alle.

Österreichs Wirtschaft 2026: Erholung unter Vorbehalt
Nach mehreren schwachen Jahren deutet sich für Österreich 2026 zwar eine leichte wirtschaftliche Erholung an, doch sie bleibt fragil. Aktuelle Einschätzungen von WIFO, OeNB und internationalen Institutionen zeigen: Die Rezession dürfte überwunden sein, ein kräftiger Aufschwung ist jedoch nicht in Sicht. Erwartet wird lediglich ein moderates Wachstum von rund einem Prozent – damit bleibt Österreich unter dem EU-Durchschnitt.
Belastend wirken vor allem strukturelle Schwächen. Die Industrie leidet unter hohen Energiekosten, steigenden Lohnstückkosten und schwacher Nachfrage aus wichtigen Exportmärkten wie Deutschland. Auch die Bauwirtschaft bleibt angeschlagen, da hohe Finanzierungskosten und Zurückhaltung bei Investitionen nachwirken. Österreichs traditionell starke Exportorientierung wird damit derzeit eher zur Verwundbarkeit als zum Vorteil.
Hinzu kommt die neue geopolitische Unsicherheit. Laut WIFO gefährdet insbesondere der Iran-Krieg die beginnende Konjunkturerholung. Steigende Öl- und Gaspreise könnten die Inflation wieder anheizen und Unternehmen zusätzlich belasten. Für Österreich ist das besonders relevant, weil das Land stark von Energieimporten abhängig ist. Höhere Energiepreise treffen sowohl Haushalte als auch Industrie unmittelbar.
Gleichzeitig wird Unsicherheit selbst zum wirtschaftlichen Faktor. Wenn Unternehmen Preise, Nachfrage oder politische Entwicklungen schwer einschätzen können, werden Investitionen verschoben. Das dämpft Wachstum, noch bevor reale Schäden eintreten.
Positiv ist, dass sich die Inflation grundsätzlich zurückbildet und die Kaufkraft langsam steigt. Das stützt den privaten Konsum und sorgt für etwas Stabilität. Dennoch bleibt das Gesamtbild verhalten: Österreich befindet sich weniger in einem klassischen Aufschwung als in einer Phase langsamer Normalisierung.
Für die kommenden Jahre sind drei Szenarien denkbar: Im besten Fall beruhigt sich die geopolitische Lage, Energiepreise sinken und das Wachstum zieht an. Wahrscheinlicher ist derzeit ein moderater Kurs mit rund einem Prozent Wachstum. Im Negativszenario könnten neue Krisen zu Stagnation führen.
Entscheidend wird daher nicht nur die Konjunktur, sondern die Reformfähigkeit des Standorts sein. Mehr Energieunabhängigkeit, höhere Produktivität, Investitionsanreize und stärkere Wettbewerbsfähigkeit werden darüber entscheiden, ob Österreich wieder dynamischer wächst.