„Die Schafe sind unsere wichtigsten Mitarbeiterinnen“

Seit über 500 Jahren wird das Seegut Eisl am Wolfgangsee von einer Familie bewirtschaftet – heute von zwei Generationen, die Tradition und Weiterentwicklung gleichermaßen prägen. Sepp und Christine haben den Betrieb über Jahrzehnte aufgebaut und neue Wege eingeschlagen, Josef und Karoline führen ihn nun in die Zukunft. Im Interview erzählen die Eisls vom Leben und Arbeiten auf einem Mehrgenerationenhof, vom gelungenen Generationswechsel und davon, wie aus Schafmilch eine beeindruckende Produktvielfalt entstanden ist.
Ein Gespräch über Verantwortung, Zusammenhalt – und die Kunst, einen Familienbetrieb über Jahrhunderte lebendig zu halten.
Text: Doris Thallinger
Fotos: kaindl-hoenig.com

Der Hof der Familie Eisl, das Seegut am Wolfgangsee, existiert seit über 500 Jahren – was bedeutet es für euch, Teil einer so langen Tradition zu sein?

Sepp Eisl: In erster Linie, dass wir sehr dankbar sind. Es zeigt, dass die Generationen vor uns verantwortungsvoll gewirtschaftet haben und Entscheidungen getroffen haben, die den Hof über so lange Zeit tragfähig gemacht haben.

Gleichzeitig ist das auch für uns ein klarer Auftrag. Wir sehen es als unsere Verantwortung, den Betrieb so zu führen, dass auch die nächsten Generationen eine gute Basis haben. Es geht nicht darum, kurzfristig das Maximum herauszuholen, sondern nachhaltig zu wirtschaften – im Sinne der Familie, des Bodens und der Tiere.

Auch heute leben noch einige Familienmitglieder am Hof zusammen, wie viele Haushalte sind hier unter einem Dach?

Sepp Eisl: Aktuell sind es rund vier Haushalte, also vier Familien, die am Hof leben oder eng damit verbunden sind. Insgesamt haben wir sieben Kinder, und die haben natürlich alle unterschiedliche Lebenswege eingeschlagen.

Christine Eisl: Eine Tochter ist Lehrerin in der Steiermark, eine andere lebt nur wenige Kilometer entfernt, die dritte hat nach Oberösterreich geheiratet. Zwei unserer Söhne sind in Teilzeit am Hof tätig. Josef, unser ältester Sohn, arbeitet bereits seit 13 Jahren fest am Hof und ist dadurch früh in alle Aufgabenbereiche hineingewachsen. Die Wege innerhalb einer Familie verändern sich immer wieder, und das ist uns auch wichtig. Unterm Strich ist es ein sehr lebendiger Hof mit vielen Menschen, die auf unterschiedliche Weise dazugehören.

Wie funktioniert das Zusammenleben in so einer großen Familie am Hof?

Josef Eisl: Das funktioniert sehr gut – auch wenn man sich das von außen vielleicht kompliziert vorstellt. Ein entscheidender Punkt ist, dass wir uns alle sehr gut kennen. Wir wissen, wer welche Stärken hat, wo jemand vielleicht Unterstützung braucht, und versuchen, genau dort anzusetzen.

Jeder hat seine eigenen Aufgabenbereiche, für die er Verantwortung übernimmt. Gleichzeitig hilft man sich gegenseitig, wenn es notwendig ist. Natürlich gibt es auch Diskussionen oder Meinungsverschiedenheiten – das gehört in jeder Familie dazu. Wichtig ist, wie man damit umgeht. Unser Grundsatz ist: nicht nach Fehlern suchen, sondern Lösungen finden. Und vor allem: die Stärken jedes Einzelnen nutzen. Wenn jemand das macht, was er gut kann, dann funktioniert vieles von selbst.

Gibt es im Alltag auch gemeinsame Rituale?

Josef: Ja, die gibt es durchaus. Wir versuchen, zumindest das Frühstück und das Mittagessen möglichst oft gemeinsam einzunehmen. Dabei bespricht man den Tag, klärt, was ansteht, und stimmt sich ab.

Karoline: Durch die gemeinsame Arbeit sieht man sich ohnehin sehr oft – das ist einer der Vorteile eines Familienbetriebs. Hier lebt niemand seinen Alltag komplett getrennt, sondern vieles passiert gemeinsam.

Wie organisiert ihr die Arbeit am Hof konkret?

Christine: Die Organisation ist sehr flexibel, weil die Landwirtschaft es auch erfordert. Kein Tag ist wie der andere. Man kann vieles planen, aber oft kommt etwas dazwischen – Wetter, Tiere, saisonale Arbeiten usw.

Sepp: Wir teilen uns die Aufgaben grundsätzlich nach Zuständigkeiten auf. Jeder hat seine Bereiche, aber in intensiven Zeiten – etwa bei Arbeitsspitzen – arbeiten wir bewusst gemeinsam, oft zu dritt oder viert. Ein wichtiger Punkt ist auch, dass wir nicht alles selbst machen müssen. Dinge wie die Buchhaltung lagern wir aus, weil wir wissen, dass unsere Zeit an anderer Stelle besser eingesetzt ist.

Sepp, du hast mit 17 Jahren die ersten Schafe erworben, mit 26 den Hof übernommen. Vor etwa 40 Jahren hast du gemeinsam mit Christine die Umstellung auf Bio-Schafmilch und Hofkäserei begonnen – wie kam es damals zu dieser Entscheidung?

Sepp: Mein Ziel war immer, von der Landwirtschaft leben zu können und eine Familie damit zu ernähren. Unser Betrieb ist nicht besonders groß, und in der damaligen Form war das wirtschaftlich nicht möglich. Damals gab es die Milchkontingentierung, das heißt, man konnte nicht einfach erweitern oder mehr produzieren. Die Möglichkeiten waren stark eingeschränkt.

Ich habe deshalb nach Alternativen gesucht – es gab viele Ideen, von Pilzzucht bis zu anderen Betriebszweigen. Am Ende bin ich bei den Schafen gelandet, weil sie gut zu unserem Grünland und zur Region passen. Außerdem sind sie im Umgang angenehme Tiere und passen gut in unseren Familienbetrieb.

Welche Bedeutung haben die Tiere für euch? Wie gut kennt man die einzelnen Tiere?

Sepp: Die Schafe sind für uns ganz zentral – man kann wirklich sagen, sie sind unsere wichtigsten „Mitarbeiterinnen“. Ohne sie würde der Betrieb nicht funktionieren.

Josef: Wir achten sehr darauf, dass es ihnen gut geht und dass ihre Bedürfnisse erfüllt sind. Gleichzeitig muss man realistisch bleiben: Es ist keine Beziehung wie zu einem Haustier. Man darf Tiere nicht nur aus menschlicher Sicht betrachten, sondern muss ihre eigenen Bedürfnisse verstehen.

Karoline: Auch wenn wir bei über 100 Tieren nicht jedes einzelne benennen können, ist es uns wichtig, auf die Bedürfnisse des einzelnen Schafes einzugehen. Aber natürlich gibt es Schafe, die auffallen – die zutraulicher sind oder einen besonderen Charakter haben.

Wie habt ihr die „kulinarische“ Kompetenz erworben? Die Kompetenz, so viele unterschiedliche Produkte zu entwickeln, über den „Rohstoff Schafmilch“ hinaus?

Christine: Das war ein langer Prozess. Am Anfang steht immer die Idee – aber die Umsetzung erfordert viel Arbeit, Ausbildung und Lernbereitschaft. Wir haben uns bewusst weitergebildet, etwa in der Käseherstellung. Gleichzeitig haben wir viel von unseren Kunden gelernt – besonders von Gastronomiebetrieben und Spitzenköchen. Mit ihnen gemeinsam haben wir Produkte entwickelt, ausprobiert und verbessert.

Christine, du hast neben dem gemeinsamen Betrieb 7 Kinder großgezogen, den Haushalt geführt. Wie hast das alles geschafft?

Christine: Mit viel Freude an dem, was wir tun. Es war oft herausfordernd, aber wir hatten immer eine positive Einstellung und große Leidenschaft für unseren Betrieb. Wir haben klein angefangen und uns Schritt für Schritt entwickelt. Wir haben uns einfach nie entmutigen lassen.

Welche Werte habt ihr euren Kindern mitgegeben?

Sepp: Vor allem Zusammenhalt, Verantwortung und die Bereitschaft, mit anzupacken. Die Kinder sind von klein auf in die Arbeit eingebunden gewesen – sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Verarbeitung.

Christine: Heute sind alle sieben sehr unterschiedlich, mit eigenen Interessen und Stärken. Aber sie verstehen sich nach wie vor sehr gut – und das ist für uns einer der größten Erfolge.

Josef und Karoline, ihr habt den Hof Anfang Jänner 2026 nun auch offiziell übernommen – Josef, war für dich immer klar, dass du den Hof übernehmen wirst?

Josef: Es hat sich früh abgezeichnet. Ich bin in die Arbeit hineingewachsen und habe viele Entscheidungen von klein auf miterlebt. Ich habe eine landwirtschaftliche Ausbildung absolviert und mich immer für die Vielfalt im Betrieb interessiert – von der Tierhaltung bis zur Produktentwicklung. Für mich war das nie langweilig, sondern immer spannend.

Wie habt ihr den Generationenwechsel erlebt – was hat sich emotional für euch verändert, welche Gedanken und Gefühle verbindet ihr mit dieser Übergabe?

Sepp: Die Übergabe war ein längerer Prozess, über etwa eineinhalb Jahre. Wir haben uns bewusst externe Unterstützung geholt, um diesen Schritt gut zu gestalten. Das hat uns geholfen, offen zu sprechen und auch schwierige Themen anzuschneiden. Wichtig war, dass sich alle – auch die Geschwister – fair behandelt fühlen. Am Ende ist eine Lösung entstanden, mit der alle gut leben können.

Wie schwer war das Loslassen für euch?

Christine: Es war, wie gesagt, kein Moment, sondern ein Prozess. Es brauchte Zeit, um sich daran zu gewöhnen und innerlich darauf einzustellen. Man spricht Dinge an, denkt darüber nach, bespricht sie erneut – und so entwickelt sich Schritt für Schritt eine Lösung, die für alle passt und niemandem schwer gefallen ist.
Karoline, wie war dein Weg auf den Hof?

Karoline: Ich bin seit 2021 hier am Seegut. Ursprünglich war ich Kindergartenpädagogin – Kinder waren immer meine Leidenschaft. Aber ich wollte bewusst herausfinden, ob das Leben am Hof zu mir passt, wie es mir gefällt. Und aus diesem Grund habe ich mich entschieden, von Anfang an ganz einzusteigen. Und ich kann sagen: Es war die richtige Entscheidung. Es ist etwas Besonderes, gemeinsam zu arbeiten und zu leben. Natürlich ist es auch herausfordernd, aber ich genieße es sehr.

Wie erlebt ihr das Familienleben mit eurer Tochter Pauline hier am Hof?

Karoline: Unsere Tochter wächst hier am Hof auf und erlebt dadurch täglich die Nähe zu Tier und Natur. Pauline sieht die Arbeit im Stall, schaut neugierig zu, wenn die Schafe gemolken werden und beobachtet die Herstellung unserer Bio-Produkte. Sie ist seit ihrer Geburt im gesamten Hofleben mit dabei und lernt so von Beginn an unsere Werte gegenüber den Menschen und der Natur. Es ist für Josef und mich ein wunderschönes Gefühl, dass wir durch das Leben am Hof, Arbeit und Familie miteinander verbinden können. Das ist ein großes Privileg, für das wir sehr dankbar sind.

Was macht ihr, wenn es einmal nichts zu tun gibt? Bleibt noch Zeit für Freizeit?

Sepp: Freizeit im klassischen Sinn ist bei uns nicht stark ausgeprägt. Aber wir genießen kleine Auszeiten – ein gutes Essen, ein Glas Wein, Bewegung in der Natur oder Zeit mit Freunden, gemütliche Abende am See. Wir genießen die Momente.

Wie ist die Vision für die Zukunft des Seeguts Eisl?

Josef: Es gibt ständig neue Ideen – der Betrieb entwickelt sich laufend weiter. Ein aktuelles Projekt ist unser Hofladen „Wolke 7“, den wir weiter ausbauen möchten. Grundsätzlich wollen wir unsere verschiedenen Standbeine erhalten – Landwirtschaft, Produktion und Tourismus. Gleichzeitig probieren wir immer wieder neue Dinge aus. Wie der Hof in zehn Jahren aussehen wird, lässt sich heute schwer sagen. Jede Generation bringt ihre eigenen Ideen ein – und das ist auch gut so.