„Liebe ist das Schönste, was es gibt auf der Welt.“
Vom viralen ersten Post bis zum selbstbestimmten Neustart: Vanessa Borck blickt im Interview auf ihren Weg in der Öffentlichkeit zurück. Sie spricht über das Leben nach „Coupleontour“, ihre persönliche Entwicklung nach der Trennung und darüber, warum sie heute stärker denn je für sich selbst einsteht. Offen erzählt sie von Liebe, Dating, ADHS, dem Umgang mit Kritik und der Verantwortung als Vorbild in der LGBTQ+-Community. Gleichzeitig verrät sie, warum ihre Tochter klare Priorität hat und welche Grenzen sie auf Social Media zieht. Ein persönliches Gespräch über Veränderung, Sichtbarkeit und das Glück, seinen eigenen Weg zu gehen.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Agnes Zumzum, Vanessa Borck
Kannst du dich noch an deinen ersten Post erinnern – was ging dir damals durch den Kopf?
Tatsächlich kann ich mich an meinen ersten Post nur noch so halb erinnern. Wir waren damals in Friedrichshain und haben einfach ein Brustfoto hochgeladen. Der Hintergrund war eigentlich nur, dass wir uns damit outen wollten. Ich hab das sogar komplett ohne Absprache gemacht – ich hab’s einfach hochgeladen und meiner damaligen Freundin erst danach davon erzählt. Und irgendwie ist genau dieses Bild dann so ein bisschen viral gegangen.
Viele kennen dich noch aus der Zeit von Coupleontour – heute bist du Nessiontour. Wie würdest du dich aktuell selbst beschreiben?
Ich glaube, ich bin nochmal über mich selbst hinausgewachsen. Und ich würde nicht sagen, dass ich mich in der Beziehung verloren habe – aber wenn man so jung zusammenkommt und so lange zusammen ist, entwickelt man sich halt immer gemeinsam weiter. Man weiß ja nie, wer man ohne diese Beziehung geworden wäre. Und genau das habe ich nach der Trennung gemerkt: Dass ich mich nochmal auf eine andere Art weiterentwickelt habe. Ich bin irgendwie größer geworden, stehe mehr für mich ein und habe mich nochmal neu kennengelernt. Und auch wenn eine Trennung natürlich nie schön ist, muss ich rückblickend sagen, dass sie für meine persönliche Entwicklung sehr gut war.
Du hast ja einen sehr großen Teil deines Lebens öffentlich geteilt – Beziehung, Ehe, Familie. Wie schwierig war es, dann auch die Trennung öffentlich zu machen?
Ich muss sagen, dass ich die Kommunikation rund um die Trennung im Nachhinein teilweise bereue. Viele haben das als „Ausschlachten“ wahrgenommen – und ich glaube, heute würde ich einiges anders machen. Aber zu dem Zeitpunkt haben wir uns mit diesem Weg einfach am wohlsten gefühlt. Es war ja auch unsere erste Trennung, und man weiß in so einer Situation gar nicht, was richtig oder falsch ist. Ich würde trotzdem sagen, dass die Trennung das Schwierigste war. Die Beziehung öffentlich zu machen, die Ehe – das war alles total schön. Aber sobald es unbequem wird und sich Dinge ins Negative verändern, macht diese Öffentlichkeit einfach viel weniger Spaß.
Du sprichst offen über Dating und Liebe – hat sich dein Verständnis von Liebe nach deiner letzten Beziehung verändert?
Dating und Liebe sind auf jeden Fall ein großer Bestandteil meines Accounts, weil ich einfach immer an die Liebe glaube. Ich glaube daran, dass es da draußen diesen einen Menschen gibt, der perfekt zu einem passt. Ich bin auf jeden Fall ein bisschen vorsichtiger geworden. Ich schaue heute genauer hin, wer da an meiner Seite ist, und renne nicht mehr von heute auf morgen irgendwo rein. Was mir auch viel wichtiger geworden ist als früher: Dass die Person auch mit meiner Tochter klarkommt. Das ist einfach ein ganz entscheidender Punkt für mich. Trotzdem glaube ich nach wie vor an die Liebe und bin mir sicher, dass es sie gibt.
Du sprichst offen über Identität und persönliche Themen – warum ist dir das wichtig?
Mir ist es super wichtig, mein Leben zu zeigen und auch über Themen wie sexuelle Orientierung zu sprechen, weil das einfach ein Teil von mir ist. Ich weiß, dass es in vielen Ländern noch lange nicht normal ist und dass man oft schief angeschaut wird. Mir persönlich ist das egal – ich stehe da drüber und bin sehr selbstbewusst, sowohl in meiner Sexualität als auch in meinen persönlichen Themen. Aber ich weiß auch, dass viele Menschen da draußen dieses Selbstbewusstsein nicht haben. Und genau deshalb ist es mir so wichtig, darüber zu sprechen – um diesen Menschen eine Stimme zu geben.
Für viele bist du auch ein Vorbild, gerade in der LGBTQ+-Community – spürst du diese Verantwortung?
Natürlich spüre ich manchmal eine gewisse Verantwortung und auch Druck. Ich glaube, Menschen sind sehr schnell darin, mit dem Finger auf einen zu zeigen, wenn man mal etwas nicht richtig macht. Dabei macht jeder Fehler – und jeder gewichtet Dinge auch anders. Ich bin zum Beispiel kein Mensch, der regelmäßig auf Demonstrationen geht. Ich nehme an CSDs teil, aber ich bin nicht die Person, die aktiv auf die Straße geht und laut für ihre Rechte kämpft. Ich gehe einfach einen anderen Weg: über Social Media. Ich zeige dort, dass man als lesbische Frau ein ganz normales Leben führen kann – man kann heiraten, Kinder bekommen, lieben. Und ich finde, genau das ist auch eine Form von Sichtbarkeit und Repräsentation.
Welche Verantwortung tragen Influencer deiner Meinung nach?
Ich finde, Influencer tragen auf jeden Fall eine Verantwortung in ihrer Vorbildfunktion – und man muss sich dieser Rolle auch bewusst sein. Ich habe das selbst über die Jahre gelernt, dass es Dinge gibt, die man einfach nicht posten sollte und bei manchen Themen vorsichtiger sein muss. Mir passieren auch heute noch Sachen, bei denen ich im Nachhinein denke: Das hätte ich vielleicht anders machen sollen. Einfach, weil ich weiß, wie groß meine Reichweite ist. Es gibt auch Themen oder Produkte, für die man keine Werbung machen sollte. Und man muss sich wirklich mit Marken auseinandersetzen – was gar nicht immer so einfach ist, weil man manchmal erst im Nachhinein versteht, was ein Post eigentlich ausgelöst hat.
Wie gehst du mit Kritik oder Hate-Kommentaren um?
Kritik und Hate-Kommentare fallen mir ehrlich gesagt oft noch schwer, weil ich ein sehr sensibler Mensch bin und mir solche Dinge schnell nahegehen. Ich habe zwar gelernt, etwas besser damit umzugehen, aber gerade zum Beispiel in der Zeit von „Let’s Dance“ habe ich gemerkt, dass ich manche Kommentare gar nicht lesen konnte, weil sie mich so verletzt haben. Deshalb würde ich sagen, dass mein Umgang damit noch nicht perfekt ist.
Wie viel Planung steckt hinter deinen Beiträgen – und wie viel passiert spontan?
In meinem Content steckt tatsächlich gar nicht so viel Planung, wie viele vielleicht denken. Natürlich ist es ein Vollzeitjob wie jeder andere auch, mit gewissen Freiheiten. Aber bei mir entsteht vieles spontan und ich entscheide oft aus dem Moment heraus, was ich teile.
Wo ziehst du heute deine Grenze zwischen dem, was du teilst, und dem, was privat bleibt?
Meine größte Grenze ist ganz klar meine Tochter. Ich zeige zum Beispiel weder ihr Gesicht noch ihr Kinderzimmer. Ich spreche auch nicht im Detail darüber, was sie mag oder liebt, damit sich Menschen kein genaues Bild von ihr machen können. Auch Themen wie der Spender bleiben komplett privat. Alles, was sie betrifft, soll sie später selbst entscheiden können.
Hast du manchmal das Gefühl, du schuldest deiner Community Einblicke?
Ich habe nicht das Gefühl, dass ich meiner Community etwas schulde. Aber manchmal habe ich schon den Gedanken, dass ich vielleicht zu wenig geteilt habe und dass Menschen enttäuscht sein könnten, wenn sie weniger Einblicke bekommen.
Du bist nicht nur Creatorin, sondern auch Mama – wie verändert das deinen Blick auf Social Media?
Mein Blick auf Social Media hat sich vor allem durch meine Tochter verändert. Ich achte viel mehr auf ihre Privatsphäre, weil ich weiß, wie schnell man in der Öffentlichkeit auseinandergenommen wird. Mein eigenes Aussehen wird ständig kommentiert – und genau das möchte ich meiner Tochter ersparen. Ich will nicht, dass sie so früh erkannt oder auf der Straße angesprochen wird.
Wie entscheidest du, was deine Tochter sehen darf – und was nicht?
Ich entscheide das tatsächlich ganz intuitiv – aus dem Bauch heraus und mit meinem Herzen.
Du hast öffentlich über deine ADHS-Diagnose gesprochen – hat das rückblickend Dinge in deinem Leben erklärt?
Meine ADHS-Diagnose hat rückblickend sehr vieles für mich erklärt. Ich habe mich selbst viel besser verstanden und Mechanismen gefunden, wie ich besser damit umgehen kann. Ich kann mir heute vieles erklären – warum mir manche Dinge im Leben schwerfallen und andere total leicht. Auch in zwischenmenschlichen Beziehungen verstehe ich mich dadurch besser.
Du hast bei „Princess Charming“ eine Entscheidung getroffen, die man im Reality-TV selten sieht – nämlich auszusteigen. Was war der Punkt, an dem du gemerkt hast: Das passt für mich nicht mehr?
Bei „Princess Charming“ war ich zu jeder Zeit ehrlich. Ich habe für mich gemerkt: Wenn ich mich einmal verliebt habe, kann ich mich nicht direkt wieder neu verlieben. Ich bin kein Mensch für polyamore Beziehungen, sondern wünsche mir eine monogame Beziehung. Deshalb konnte ich auch keine Gefühle für zwei Personen gleichzeitig aufbauen. Für mich hätte das bedeutet, mich erst von der einen Person zu entlieben – und das dauert bei mir Monate. Deshalb war es für mich die richtige Entscheidung auszusteigen, weil ich mir selbst und meinen Gefühlen treu geblieben bin.
Würdest du noch mal an so einem Format teilnehmen?
Ich habe ja aktuell mein eigenes Format auf YouTube, „Nessi in Love“, in dem ich mein Datingleben begleite. Deshalb würde ich wahrscheinlich nicht noch mal an einem klassischen Datingformat teilnehmen. Ich finde es aber schön, meine eigene Geschichte auf meine Art zu erzählen und könnte mir auch vorstellen, noch mal andere Formate im Fernsehen zu machen – aber da gibt es noch keine konkreten Pläne.
Glaubst du, du wärst ohne Social Media die gleiche Person geworden?
Ich glaube, ich wäre auch ohne Social Media die gleiche Person geworden. Ich hätte wahrscheinlich einfach andere finanzielle Möglichkeiten und weniger Flexibilität gehabt, aber das bedeutet ja nicht, dass ich unglücklicher gewesen wäre. Man weiß ja gar nicht, wie das Leben dann verlaufen wäre.
Was würdest du an der Influencer-Welt ändern, wenn du könntest?
Ich würde mir wünschen, dass es in der Influencer-Welt mehr Ehrlichkeit gibt. Dass Dinge nicht nur für Reichweite gemacht werden und dass man sich kein Leben oder Geschichten ausdenkt. Gerade auch bei sensiblen Themen wie Kindern finde ich es wichtig, dass nichts für Aufmerksamkeit inszeniert wird, sondern dass man einfach das echte Leben zeigt, so wie es ist.
Wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?
Ein typischer Tag bei mir beginnt damit, dass ich meine Tochter um neun Uhr in die Kita bringe. Danach habe ich bis etwa 15 Uhr Zeit zu arbeiten – das bedeutet meistens Content erstellen, Dinge organisieren, Calls und Termine koordinieren. Danach hole ich sie wieder ab und wir verbringen gemeinsam den Nachmittag. Und abends, wenn sie im Bett ist, habe ich dann Zeit für mich.
Wie schaffst du es, Arbeit und Privatleben zu trennen und alles unter einen Hut zu bekommen?
Es fällt mir tatsächlich schwer, Arbeit und Privatleben zu trennen, weil mein Job und mein Privatleben irgendwie miteinander verschmelzen. Ich teile ja mein Leben – und dadurch ist es automatisch beides gleichzeitig. Dazu kommt, dass mein bester Freund auch mein Manager ist. Das macht es manchmal nicht einfacher, aber wir bekommen das zum Glück gut hin. Trotzdem ist es bei mir einfach so: Mein Privatleben ist ein großer Teil meiner Arbeit.
Was machst du, um abzuschalten/Energie zu tanken, in deiner Freizeit, wenn keine Kameras weit und breit sind?
Ich versuche bewusst, mir Zeit für mich selbst zu nehmen – wirklich nur für mich als Frau, auch mal ganz alleine ohne Kind. Dann mache ich Dinge, die mir guttun, wie zum Beispiel ins Nagelstudio gehen oder mir einen Matcha holen. Es geht mir einfach darum, mir diese Zeit ganz bewusst einzuplanen.
Was macht dich als Mensch wirklich glücklich?
Mich macht vor allem Liebe glücklich – egal in welcher Form. Ob von mir selbst, von Freunden oder meiner Tochter. Ich finde, Liebe ist das Schönste, was es gibt auf der Welt. Und vor allem echte Liebe kann man sich nicht kaufen. Das ist das, was mich im Leben am meisten erfüllt.
Zur Person:
Vanessa Borck zählt zu den bekanntesten deutschen Social-Media-Persönlichkeiten der LGBTQ+-Community. Große Bekanntheit erlangte sie durch den gemeinsamen Account „Coupleontour“, auf dem sie gemeinsam mit ihrer damaligen Ehefrau Einblicke in Beziehung, Familienleben und die Geburt ihrer Tochter gab. Nach der öffentlichen Trennung startete sie unter dem Namen „Nessiontour“ neu und begleitet ihre Community heute mit Content rund um Dating, Reisen, Alltag und persönliche Weiterentwicklung. Zudem war sie in TV-Formaten wie Princess Charming und Let’s Dance zu sehen. Offen spricht sie über Themen wie mentale Gesundheit, ADHS, Liebe und Sichtbarkeit – und setzt sich so für mehr Akzeptanz und Repräsentation ein.