Blutwerte entschlüsseln: Was dein Laborbericht über deine Gesundheit verrät
Von Cholesterin und Blutzucker bis zu Hormon- und Entzündungswerten – wer wünscht sich nicht mehr Durchblick bei seinen Laborergebnissen? Was bedeuten die Zahlen im Laborbericht? Was sagt dein Blutbild wirklich über deine Gesundheit aus? Und warum ist Labordiagnostik so wichtig?
Text: Susanne Rosenberger
Fotos: Adobe Stock, DK Verlag

Literaturtipp: „Laborwerte einfach verstehen – Was der Laborbericht über unsere Gesundheit verrät und wie wir langfristig fit bleiben.“, Christina Winzig, DK Verlag, ISBN 978-3-8310-5191-5
Es ist ein interessanter Vergleich, den die Molekularmedizinerin Christina Winzig in ihrem aktuellen Buch „Laborwerte einfach verstehen“ gleich zu Beginn anstellt: Unsere Gesundheit ist wie ein Girokonto, das mit der Geburt eröffnet wird. Auf diesem Konto wartet bereits ein ansehnlicher Betrag – das Erbe unserer Gene, eingezahlt von den Eltern. Dieses Kapital steht uns zur Verfügung, um all unsere Lebensziele zu erreichen: in Form von Energie, Vitalität und allgemeinem Wohlbefinden.
Gesundheit als Girokonto
Doch wie bei einem Girokonto ist es ideal, wenn dieses Guthaben bis ins hohe Alter ausreicht, denn wie in der Finanzwelt gibt es auch hier Abzüge – bedingt durch Stress, ungesunde Ernährung, Schlafmangel, Umweltgifte und Bewegungsmangel. Diese Faktoren ziehen unbemerkt Geld von unserem Gesundheitskonto ab und führen, kaum wahrgenommen, schnell zu einem gefährlich niedrigen Kontostand. Besonders besorgniserregend wird es dann, wenn ein „Saldo-Defizit“ entsteht.
Mithilfe von Laborwerten können wir die Kontrolle über unser gesundheitliches „Bankkonto“ übernehmen und Rückschlüsse ziehen, wo wir etwas verändern sollten. „Laborwerte sind mehr als nur Zahlen auf einem Blatt Papier. Sie sind auch ein Instrument, mit dem du Einblicke in deinen persönlichen Kontostand erhältst“, analysiert Dr. Christina Winzig in ihrem Medizinratgeber, „außerdem geben sie dir Auskunft darüber, ob du gerade von deinen Reserven lebst oder noch ein solides Polster hast.“
Worauf sollte man bei der Blutentnahme achten, um verlässliche Werte zu erhalten?
– Nüchtern erscheinen (keine Mahlzeiten 12 Stunden vor der Blutentnahme)
– Der optimale Zeitpunkt liegt zwischen 7.00 und 9.30 Uhr morgens.
– Kein Nikotin, kein Kaffee am Tag der Blutentnahme!
– Keine Nahrungsergänzungsmittel und Medikamente am Tag der Blutentnahme.
– Frauen sollten bei hormonellen Untersuchungen den Zyklustag beachten.
Mehr Durchblick bei den Laborergebnissen
Laborwerte können als Schlüssel zur Prävention, zur persönlichen Gesundheitssteuerung und zur Entwicklung innovativer Therapien gesehen werden. „Wenn wir regelmäßig – am besten einmal im Jahr – unsere Laborwerte bestimmen lassen und diese über einen längeren Zeitraum hinweg dokumentieren, entsteht ein aussagekräftiger Datensatz“, erklärt die Molekularmedizinerin. Dies sei wichtig, um Abweichungen frühzeitig zu erkennen und möglichen Risiken auf chronische Erkrankungen gezielt gegenzusteuern.
Laborwerte sind messbare biologische Kennzahlen, die durch Untersuchungen von Körperflüssigkeiten, Gewebe oder Ausscheidungen bestimmt werden. Die gängigste Analyse in der Labordiagnostik ist das Blutbild im Rahmen von Vorsorgeuntersuchungen, bei Verdacht auf Erkrankungen und vor Operationen. Hier wird zwischen kleinem und großem Blutbild unterschieden. Diese Begriffe sind allerdings etwas verwirrend, da es sich beim großen Blutbild nicht um eine Analyse zusätzlicher Parameter handelt, sondern es werden lediglich die weißen Blutzellen differenzierter betrachtet.
Zu labordiagnostischen Zwecken wird venöses Blut als Vollblut, Plasma oder Serum genutzt. Kapillarblut wird hingegen häufig für Schnelltests, Blutzuckermessungen oder Hämoglobinbestimmungen verwendet. Neben der Blutentnahme gibt es aber noch zahlreiche weitere Körpermedien, die labormedizinisch untersucht werden können: Urin zur Beurteilung der Nierenfunktion, Stuhl für die Analyse der Darmgesundheit und den Nachweis von Parasiten oder Bakterien, Speichel zur Bestimmung von Hormonen, Haare für Langzeitanalysen von Spurenelementen oder toxischen Belastungen, Liquor zur Diagnose neurologischer Erkrankungen oder Gewebeproben zur Identifikation von Tumoren.
Die Interpretation unserer Laborwerte erfordert medizinisches Fachwissen im Rahmen einer gründlichen Anamnese und muss stets im Zusammenhang mit der Krankengeschichte, den exakten Beschwerden und dem Lebensstil erfolgen – einzelne Werte sollten daher niemals isoliert betrachtet werden. Denn richtig interpretiert liefern Laborwerte wichtige Informationen über den Zustand des Körpers. Sie zeigen zum Beispiel, wie gut das Immunsystem arbeitet, ob der Säure-Basen-Haushalt im Gleichgewicht ist und ob Organe ordnungsgemäß funktionieren. Zudem geben sie Hinweise auf die Nährstoffversorgung, das hormonelle Gleichgewicht und die Belastung durch Stress. So tragen Laborwerte dazu bei, ein umfassendes Bild der körperlichen Gesundheit zu erhalten.
Dr. Winzig weist darauf hin, dass sich ein Großteil der Parameter erheblich nach Geschlecht und Alter unterscheiden: „Männer und Frauen zeigen beispielsweise große Unterschiede in Muskelmasse, Hormonstatus und Körperzusammensetzung, was häufig zu unterschiedlichen Referenzwerten führt. Darüber hinaus verändern sich viele Werte mit steigendem Alter. Zum Beispiel steigt der Cholesterinspiegel, während die Aktivität bestimmter Enzyme wie die der Alkalischen Phosphatase abnimmt.“
Fehlerquellen vermeiden
„Besonders bei sehr auffälligen niedrigen Ausreißern lohnt sich eine erneute Messung der betreffenden Werte“, rät die Molekularmedizinerin. „Es besteht nämlich die Möglichkeit von prä-, intra- oder postanalytischen Fehlern, also Fehlern, die vor, während oder nach der Analyse passieren.“ So kann es etwa durch zu viel Druck, die falsche Stechtechnik oder eine zu lange oder falsche Lagerung der Blutprobe zu einem Zerfall der roten Blutkörperchen kommen, was wiederum die Messwerte erheblich verfälscht. Besonders bei Heimtests muss daher genau auf die Anweisungen geachtet werden.
Was sind Referenzwerte?
Referenzwerte können als allgemeine Richtwerte (Normbereich) verstanden werden und sind statistische Mittelwerte aus zahlreichen Laboruntersuchungen, in dessen Bereich etwa 95 % einer definierten Gruppe gesunder, repräsentativer Personen liegen. Da sich Referenzwerte aber aufgrund von neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen, gesellschaftlichen Entwicklungen und Änderungen im Lebensstil im Lauf der Zeit ändern können, sind auch sie nicht in Stein gemeißelt. Idealerweise liegen unsere Blutwerte innerhalb dieses Referenzbereichs, um vom diagnostizierenden Arzt als „unauffällig“ oder „normal“ eingestuft zu werden – wobei ein Ausbruch aus dem Referenzbereich nicht automatisch „krankhaft“ oder „abnormal“ bedeutet.
Gerade bei anhaltenden Problemen wird einiges an Detektivarbeit nötig sein, um die Zusammenhänge einzelner Werte im Kontext der Beschwerden besser interpretieren zu können, denn „jeder Laborwert, jede kleine Abweichung, jede fein abgestimmte Regulation erzählt eine Geschichte über den Zustand deines Körpers – lange bevor sich Symptome bemerkbar machen“, ist Winzig überzeugt.
Es würde den Rahmen dieses Artikels sprengen, die einzelnen Zahlen, Werte und Abkürzungen eines Laborberichts im Detail zu erläutern, denn die Interpretation von Laborwerten ist komplex und erfordert eine differenzierte Betrachtung unter Berücksichtigung aktueller Referenzbereiche sowie individueller Faktoren. Spezialisierte Fachliteratur oder medizinische Leitfäden können hierbei eine vertiefende Orientierung bieten. Dort wird unter anderem erklärt, welche Parameter Hinweise auf akute oder chronische Entzündungen geben, wie sich bakterielle von viralen Infektionen unterscheiden lassen und welche Werte Rückschlüsse auf das Risiko für Stoffwechsel- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen ermöglichen. Auch hormonelle Dysbalancen und mögliche Mangelzustände werden in solchen Werken ausführlich behandelt.
Folgende Laborwerte sollten regelmäßig geprüft werden:
– Großes Blutbild
– Eisenstoffwechsel: Ferritin, Transferrin-Sättigung
– Elektrolyte: Natrium, Kalium, Kalzium, Magnesium
– Leberwerte: GOT, GPT, GGT, AP, GLDH, Bilirubin
– Nierenwerte: Kreatinin, Glomeruläre, Filtrationsrate (GFR), Cystatin C, Harnsäure, Harnstoff
– Verdauungsenzyme: Amylase, Lipase
– Blutzuckerwerte: Nüchternblutzucker, Langzeitblutzucker
– Blutfettwerte: Cholesterin, LDL, HDL, Triglyzeride, ggf. nur ApoB
– Entzündungswerte: C-reaktives Protein (CRP)
– Schilddrüsenhormone: Thyreotropin (TSH), freies T3 (fT3), freies T4 (fT4)
– Sexualhormone (Progesteron, Östradiol, Testosteron, DHEA) und Sexualhormonbindendes Globulin (SHBG)
– Vitamine: Vitamin D, ggf. Vitamin B9 und B12
– Spurenelemente: Selen, Zink, Kupfer
– Gesamteiweiß
– Aminosäuren: Homocystein
