Gesellschaft & Kultur

Lesezeit: 15 Minuten

„Wir müssen den Charme erhalten“

Text: Doris Thallinger

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Nach 21 Jahren übergibt die Grande Dame des Marionettentheaters, Barbara Heuberger, die Leitung an die Kultur-Eventmanagerin Susanne Tiefenbacher. Umgeben von den zauberhaften Puppen geben die beiden einen persönlichen Einblick in die Welt der Marionetten und plaudern über Herausforderungen, Erfolge und Visionen für die Zukunft.

Frau Heuberger, Sie geben nach 21 Jahren Marionettentheater das Zepter weiter. Wie geht es Ihnen dabei?
Barbara Heuberger: (lacht) Es geht mir sehr gut mit meiner Nachfolgerin. Ich freue mich sehr, weil Susanne Tiefenbacher jemand ist, die – glaub ich – schon angesteckt und begeistert ist. Das war ein sehr wichtiges Kriterium für mich. Es haben sich viele beworben, die schon mit Puppenspiel zu tun hatten, aber mir war es wichtig, dass jemand die Flamme für Neues in sich hat. Unsere Marionetten hier sind etwas ganz Besonderes – natürlich mit allen Marionettentheatern vergleichbar, aber dennoch anders. Bei uns gehen die Marionetten am Boden – dadurch entsteht eine Realität, die bei den anderen nicht immer existiert. Das ist unsere Stärke.

Wann und wie sind Sie zum ersten Mal mit dem Marionettentheater in Berührung gekommen?
Heuberger: Ich habe am 1. September 1999 begonnen – also genau vor 21 Jahren. Damals wurde ich gefragt, ob ich übernehmen möchte. Zu dem Zeitpunkt war ich in einer Konzertagentur, als Salzburgerin habe ich das Marionettentheater natürlich gekannt, aber ich habe es mir, ganz ehrlich gesagt, zuerst nicht vorstellen können. Dann aber bin ich hinter die Bühne gekommen und es war um mich geschehen. Dann habe ich richtig darum gekämpft – Frau Aicher hat bei Neueinstellungen ja immer sehr lang gezögert. Und heute muss ich sagen: Ich habe großes Glück gehabt, dass ich hier gelandet bin!

Frau Tiefenbacher, auf Sie wartet jetzt dieser Moment. Was macht für Sie die Faszination am Marionettentheater aus?
Susanne Tiefenbacher: Die Faszination hat sich durch Barbara Heuberger auf mich übertragen – und auch über die Puppen. Ich muss ganz ehrlich sagen, ich hatte die Puppen und das Marionettentheater früher nicht so am Schirm, obwohl ich jahrzehntelang in Salzburg Kulturveranstaltungen betreut und entstehen lassen habe. Ich bin jetzt unendlich dankbar dafür, dass ich – so wie die Barbara vor vielen Jahren – jetzt gefragt wurde und dass ich nun die Gelegenheit habe, das Theater weiterzuführen und gemeinsam mit Philippe Brunner und dem Ensemble neue Ideen zu entwickeln. Einiges konkretisiert sich bereits, wir sind aber sehr stark von der aktuellen Gesamtsituation und den Covid-Rahmenbedingungen abhängig.


Von Artisten und Zirkusluft zu Puppen und Marionettentheater – worin liegt für Sie persönlich nun die größte Herausforderung?
Tiefenbacher: Ich glaube, die große Herausforderung ist grundsätzlich, dass das Marionettentheater ein Jahresbetrieb ist. Das unterscheidet sich ganz stark vom Festival, wo man das ganze Jahr auf ein paar Wochen hingearbeitet hat. Hier haben wir während des ganzen Jahres etwas zu bewegen. Mit einem anderen Auftrag, anderer Tradition und anderer Infrastruktur – und noch dazu in dieser spannenden Zeit.

Stichwort Herausforderung: Welche waren in den vergangenen 21 Jahren die größten Herausforderungen, Frau Heuberger?
Heuberger: Das Marionettentheater zu erhalten! Das war mein ganz, ganz großer Kampf. Ich hab mir damit auch nicht nur Freunde gemacht, aber auch viele neue Freunde dazugewonnen. Für mich war es wichtig, dass es selbstständig bleibt, dass es autark bleibt, dass diese Kunst erhalten bleibt und vor allem dieses Theater fortgeführt werden kann. Das war mein ewiger Kampf.
Außerdem lag der Schwerpunkt seit 1952 auf Opern. Da habe ich mich sehr bemüht, zurück zu rudern und nicht nur Opern aufzuführen. Selbstverständlich ist gerade für Touristen die Zauberflöte wichtig. Jeder, der nach Salzburg kommt, möchte irgendwas mit Mozart hören. Das ist ein Klassiker und die Inszenierung ist immer noch gültig. Aber Oper ist nicht jedermanns Sache. Ich habe in den vergangenen 21 Jahren versucht, das Programm ein wenig umzustellen – was nicht einfach war. Frau Aicher hat sich immer recht dagegen gewehrt, etwas zu ändern. Das war schon eine Herausforderung. Und natürlich die finanzielle Situation!
2019 sind wir wirklich sehr gut ausgestiegen, doch Corona war für mich der Schlag des Himmels! Wir haben 70 Prozent eigenständig verdient. Und ein Theater mit 70 Prozent Kostendeckung ist eine Ausnahme und steht wirklich sehr gut da. Aber die Politik davon zu überzeugen, ist eine andere Sache.

Was empfinden Sie als Ihre größten Erfolge?
Heuberger: Für mich waren es viele kleine Erfolge, zum Beispiel, dass ich die Opern habe kürzen lassen, von zweieinhalb auf zwei Stunden. Das war schon ein großer Schritt. Neue Stücke zu inszenieren, neue Regisseure zu holen, die einen anderen Blickwinkel hineinbringen. Ich hab Sound of Music gemacht, was ein Riesenschritt war, plötzlich auch ein Musical auf die Bühne zu bringen. Oder beispielsweise mit Thomas Reichert einen Regisseur zu holen, der sehr auf die Psychologie der Puppenführung eingegangen ist. Unter den Puppenspielern gab es eine strenge Hierarchie, wer was und wie spielt. Und dann kommt plötzlich jemand, der dir sagt, du musst Psychologie in das Spiel bringen. Das hat sehr, sehr viel gebracht. Das würde ich sogar als meinen größten Erfolg sehen. Die Aufnahme in die Liste des UNESCO Immateriellen Kulturerbes 2016 war auch ein ganz, ganz wichtiger Erfolg. Das war sehr entscheidend, sonst, glaube ich, hätten wir viele Chancen nicht gehabt.

Welche Bedeutung hat es für das Marionettentheater, zum UNESCO Weltkulturerbe zu zählen? Was hat es konkret gebracht?
Heuberger: Wir haben damals eine Riesenaufmerksamkeit bekommen. Und auch großes Erstaunen geerntet, es gibt nur acht bzw. neun Puppenspieltheater weltweit, die damit bedacht wurden – darunter Sizilien, Tschechien, China, Japan, Kambodscha, Türkei, Indonesien, wir und Ägypten.

Beherrschen Sie das Spiel mit den Puppen auch selbst?
Heuberger: Ich habe begonnen, es zu lernen, aber inzwischen habe ich mir vor zehn Jahren einen Finger abgezwickt – und, ich habe auch zu wenig Zeit dafür gehabt. Ich hätte es für mein Leben gern gelernt. Frau Aicher – sie war sehr streng mit mir – hat mir einiges beigebracht. Leider aber nicht bis zur letzten Konsequenz.

Unter all den Stücken im Programm – haben Sie ein Lieblingsstück?
Heuberger: Es ist fast nicht möglich, eines heraus zu picken. Aber was mir sehr nahe ging: Mein Abschluss hier war Pùnktitititi, eine Produktion, die wir heuer für die Mozartwoche mitproduzieren durften. Von der Inszenierung her, wie hier Modernes mit Tradition verbunden wurde, war es für mich eine sehr zukunftsweisende, wichtige Produktion. Und ich bin sehr glücklich, dass gerade diese meine letzte war.

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Frau Tiefenbacher, haben Sie auch schon ein Lieblingsstück?
Tiefenbacher: Ich bin ja in der nicht ganz so glücklichen Situation, schon so viele Produktionen zu kennen, da ich wirklich erst diesen Sommer mit dem Sommerspielplan eingestiegen bin. Aber sehr angetan war ich vom Rumpelstilzchen, insbesondere von der Figur des Kasperls. Worauf ich mich wahnsinnig freue, ist die Wiederaufnahme des Fidelio. Darauf, diesen nächstes Jahr hier zu zeigen, mit einer komplett anderen Form von Puppen. Nicht mit den traditionellen, klassischen Puppen, sondern mit Puppen mit stilisierten Köpfen.
Heuberger: Es ist erstaunlich, wie viele Gefühle diese Puppen dennoch ausdrücken – allein durch das Spiel mit Licht und Schatten. 2006 haben wir Bastien und Bastienne/Der Schauspieldirektor für die Festspiele produziert – damals wurden diese Köpfe von Thomas Reichert entworfen. Das war erst einmal ein Aufschrei, weil es eine so ungewohnte Veränderung war.
Tiefenbacher: Ich kenn sie bislang nur von Fotos und Videos, habe sie auch noch nie live gesehen, aber ich denke, das wird im Frühjahr ein gutes Zeichen werden.

Ein Zeichen eines Neustarts mit Ihnen?
Tiefenbacher: Ich würde es nicht als Neustart bezeichnen, das Stück ist ja schon gelaufen. Die Produktion Fidelio wurde bereits in Deutschland gezeigt, aber noch nicht in Österreich. Wir starten einfach nächstes Jahr mit dem Fidelio ins Jahr „251 Jahre Beethoven“, voraussichtlich im Mai.

Frau Tiefenbacher, was ist Ihre Vision für das Marionettentheater?
Tiefenbacher: Meine Vision: Auf der einen Seite ist es mir ganz wichtig, den Charme des Marionettentheaters zu erhalten und trotzdem Zugänge zu anderen Sparten zu finden - zur Literatur, klassischen Musik, Jazz, Film und ganz anderen, jungen Performern. Neue Kooperationen anzuwenden, durch die wir uns nicht nur im Salzburger Kulturgeschehen vernetzen. Ganz wichtig wird es in den nächsten Jahren sein, zusätzliche Marionettenspieler auszubilden und ins Ensemble aufzunehmen. Visionen hatte Barbara Heuberger auch schon viele, aber es ist oft nicht so einfach, alles zu realisieren. Schön wäre, die Salzburger generationenübergreifend wieder verstärkt ins Marionettentheater zu holen und das gesamte Genre ein bisschen zu pushen und sichtbarer zu machen.
Heuberger: Interessant ist auch, dass man die Technik zeigt, die Kunst zeigt, die Herstellung zeigt. Das interessiert die Menschen schon, wie viele Handwerke wir hier vereinen, ob es jetzt die Schuhe sind, die aus Leder gefertigt werden, wie die Kostüme genäht werden, wie die Haare gemacht, wie die Puppen bemalt werden. Das ist ein großer handwerklicher Aufwand.
Tiefenbacher: Darum sind wir dieses Jahr auch beim Hand.Kopf.Werk. der Altstadt Salzburg dabei, es wird eine kleine Präsentation zum Handwerk bei uns geben.

Frau Tiefenbacher, Sie sind seit 30 Jahren in Sachen Kultur und Veranstaltungen im Einsatz. Wie sind Sie in dieser Branche gelandet? Haben Sie selbst einen künstlerischen Hintergrund?
Tiefenbacher: Nein, aber immer ein enormes Interesse. Eigentlich hat es angefangen mit der bildenden Kunst, mit Ausstellungen. Dann über die Musik zur Literatur, die Performances der Sommer-Szene waren für mich immer eine Inspiration – und dann kam vor einigen Jahren überraschend die Zirkuswelt in mein Leben. Jeder Bereich für sich ein Universum, in das einzutauchen faszinierend und bereichernd war.
Meine persönliche Stärke ist eher das Vermitteln, das Organisieren, das Auf-die-Beine-Stellen, Dinge-Herunterbrechen: Was ist realistisch, was bleibt die Utopie? Was können wir aus der Utopie heraus filtern, damit wir es umsetzen können?

Aber Sie haben auch immer die Herausforderung gesucht? Kann das sein?
Tiefenbacher: Ja, es waren nicht immer die leichtesten Projekte, die wir übernommen haben. Aber ich bin ein grundpositiver und zuversichtlicher Mensch mit Tendenz zum Workaholic (lacht) … und denke mir halt: Das muss doch zu schaffen sein.

Inwieweit ist die Finanzierung derzeit gesichert?
Tiefenbacher: Sie ist zum Teil durch die öffentliche Hand gesichert, durch die Subventionierung, die wir seit zwei Jahren bekommen und die uns gerade mal so abdeckt. Natürlich befinden wir uns in einer unglaublich schwierigen Situation, da wir hohe Einbußen beim Ticket-Verkauf haben. Die Spielzeit des Sommers ist, mit Weihnachten, die wichtigste Einnahmenzeit und da brechen uns massiv Einnahmen weg. Wir brauchen neue Partnerschaften!

Frau Heuberger, wie werden Sie nun die gewonnene Zeit nutzen? Worauf freuen Sie sich nun am meisten im neuen Lebensabschnitt?
Heuberger: Ich wohne sehr schön und freu mich, dieses Haus endlich einmal richtig genießen zu können! Mein Holzhaus am Lande, in Oberösterreich. Hier hatte ich früher auch Schafe. Die Schafe gibt es nicht mehr, aber das ganze Drumherum. Heute früh habe ich zum Beispiel noch Kartoffeln ausgegraben. Das ist schon ein bisschen meine Leidenschaft. Mein Traum wäre es gewesen, ein halbes Jahr nach Japan zu gehen. Aber das ist ja jetzt nicht möglich, das muss ich verschieben.

Warum Japan?
Heuberger: Weil mich diese Kultur so fasziniert. Und dazu kommt etwas, das ich immer schon gemacht habe, aber nun schon ewig nicht mehr: Töpfern. Und eben gerade die japanische Keramik interessiert mich sehr. Was ich jetzt noch anfangen möchte, ist Klettern. Wenn ich nach Japan komme, möchte ich die Wände hochklettern!

Frau Tiefenbacher, was ist für Sie der beste Ausgleich?
Tiefenbacher: Vor allem das Schwimmen, das Untertauchen, durchziehen und wieder auftauchen, regelmäßig Atmen holen - fast wie eine Meditation.

www.marionetten.at