Gesellschaft & Kultur

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„Man muss das Glück herausfordern“

Text: Doris Thallinger

Fotos: www.kaindl-hoenig.com

Drei Jahre hat es gedauert, dass Thorsteinn Einarsson seinem Debutalbum ein zweites folgen ließ. Im Mai dieses Jahres war es nun endlich so weit. Bei einem seiner Salzburgbesuche traf der 23-jährige Singer-Songwriter die Salzburgerin im Gwandhaus und plauderte ganz offen über Musik, Familie, Liebe, Leben und Tod.

Seit deinem 18. Lebensjahr führst du ein außergewöhnliches Leben, ein Leben, in dem sich ständig etwas tut. Wenn du ein Ranking machen müsstest: Was käme für dich im Leben an erster, zweiter und an dritten Stelle?
An erster Stelle definitiv meine Familie und meine Freunde. Auf Platz zwei mein Beruf, dass ich den so ausleben kann, dass ich mich auf meine Musik konzentrieren und mir die Zeit dafür nehmen kann. Punkt drei ist dann mein persönliches Wohlergehen, einfach, dass es mir gut geht, dass ich glücklich bin, so wie ich bin.

Was war in diesen vergangenen fünf Jahren für dich die wichtigste Lektion?
Dass ich mir selbst treu bleibe und mir nicht von anderen sagen lasse, was ich tun soll. Dass ich für mich selbst wissen muss, was ich mache und dass ich das dann durchziehe. Anfangs war das sehr schwierig, mit 18. Da waren plötzlich so viele Menschen rund um mich, die schon länger dabei waren und von denen ich mir dreinreden habe lassen.
Aber man muss auch wissen, dass man aus einem bestimmten Grund genau da ist, dass man darauf stolz sein kann und nicht immer klein beigeben muss.

„Selbstreflexion macht einen älter.“

Wer hat versucht, dir dreinzureden? Auch deine Familie?
Nein, Menschen von außerhalb der Familie. Meine Familie und ich, wir sind einfach füreinander da. Wir reden kaum über meinen Job, aber viel über andere Sachen, über Fußball zum Beispiel. Es ist mir auch wichtig, das nicht zu mischen, das tut nie gut.

Dabei stammst du ja aus einer sehr musikalischen Familie?
Genau, wir hören viel Musik und machen Musik zum Spaß, aber wir reden nicht über Karrierethemen und -planung.

Inwieweit haben deine Eltern dich und deine Musikkarriere gefördert und unterstützt?
Indem wir gemeinsam Musik gemacht haben und ich sehr musikalisch aufgezogen wurde. Aber nie mit dem Druck, Musikunterricht zu nehmen oder Noten zu lernen. Einfach nur durch gemeinsames Musizieren. Und sie haben mir einen guten Musikgeschmack mitgegeben!

Hast du in der Zwischenzeit gelernt, Noten zu lesen?
Immer noch nicht, nein. Ich höre und spiele, ich mache es mit Gefühl. Ein schönes Stück wurde nicht erst auf Papier geschrieben, es wurde zuerst im Kopf gemacht.

Was siehst du heute als größten Erfolg bisher, als dein Highlight?
Ich glaube, das schwankt: Entweder die beiden Male, die ich am Donauinselfest vor 40.000 Leuten gespielt habe oder dass ich den Amadeus für den besten Songwriter gewonnen hab. Das sind meine zwei Highlights.

Und was als deinen größten Tiefschlag?
Das war die Phase zwischen dem ersten und dem zweiten Album, da war ich nicht sehr glücklich. Darum ist mir bei der Auflistung der wichtigsten Dinge – in der ersten Frage – mein Wohlbefinden eingefallen. Ohne das kann man seinen Job nicht gut machen und man kann auch Familie und Freunde nicht pflegen, wenn man selbst nicht gut drauf ist.
Ich war einfach sehr unglücklich und habe nicht gewusst, warum: Ich machte den Job, den ich immer machen wollte, ich hatte eine gute Familie und trotzdem ist irgendetwas einfach nicht richtig gewesen. Ich hatte Panikattacken, ohne zu wissen, was das war. Und dann habe ich mir selbst gesagt: Okay, ich will als erstes rausfinden, was mit mir los ist, bevor ich versuche, auf meine Karriere oder auf Freunde und Familie zu schauen. Erstmal muss ich auf mich selbst schauen. Ich glaube, das war für mich ein Tiefpunkt, an dem ich nicht mehr wusste, was mit mir los war.

Und konntest du es für dich herausfinden?
Ja, absolut, jetzt bin ich wieder ganz der Alte, ganz normal. Ich glaube, jeder hat einmal schlechte Zeiten und das Wichtigste ist, dass man sich selbst treu bleibt und auch einmal zugibt: Mir geht’s gerade nicht gut, ich muss etwas ändern.

Mittlerweile hat sich alles zum Guten gewendet – denkst du, das war Schicksal? Glaubst du an Schicksal?
Nein, ich glaube zwar schon, dass man Glück braucht, aber man muss das Glück auch herausfordern. Man muss selbst aktiv sein, eine Vision haben. Man macht sich sein eigenes Schicksal. Ich fühle mich auch besser damit und kann besser damit leben, wenn ich denke, ich persönlich entscheide meine Zukunft. Meine Aktionen führen zu Reaktionen.

„Ich warte nur darauf, dass etwas Schreckliches passiert.“

Welche Rolle spielen Glaube und Spiritualität in deinem Leben?
Keine so große. Ich bin mit Religion aufgewachsen und denke, irgendwas ist da draußen. Aber ich bin auch noch zu jung und unentschlossen, um mich dazu zu äußern. Ich glaube, das ist auch ein Teil vom Erwachsenwerden, sich da selbst eine Meinung zu bilden, aber ich mach erst mal Musik, bevor ich Vorträge zu Spiritualität gebe.

Weißt du noch, was dein allererster Berufswunsch war?
Ich wollte immer Musik machen! Aber ich habe eine Kochlehre gemacht – es gibt halt leider keine Popstar-Schule. Auf jeden Fall wollte ich einen kreativen Job, darum lernte ich kochen. Und jetzt koche ich jeden Abend zu Hause. Jeden Abend, ohne Ausnahme!

Von Island nach Salzburg, wieder zurück und mit 14 Jahren dann schließlich wieder nach Salzburg. Was hat dich damals dazu bewegt, hier leben zu wollen?
Mein Papa war ja in Salzburg, er ist hier Opernsänger. Ich will immer wieder was Neues finden, das war als Kind schon so: „Ach, Island ist mir jetzt wieder fad – ich will zum Papa, da kann ich wieder was Neues erleben, neue Freunde finden.“ – Ich lerne gerne neue Leute kennen, neue Kreise. Immer auf der Suche nach einem neuen Abenteuer!

Jetzt lebst du in Wien – seit wann genau?
Seit Juni, zusammen mit meiner Freundin.

Vermisst du Salzburg?
Ja, natürlich, meine Freunde sind da, meine Familie ist da. Aber wie gesagt, ich freue mich immer, neue Sachen zu machen. Und ich bin sehr glücklich in Wien. Ich besuche aber auch mindestens einmal im Monat die Familie.

Was sind deine Lieblingsplätze hier in Salzburg? Wo hat man die besten Chancen, dich zu treffen?
Im The Dubliner Irish Pub bin ich gern, im Shamrock, im O’Malleys – ich gehe gerne in Pubs, auch zum Fußballschauen. Oder im Hotel Gasthof Brandstätter, in dem ich gelernt hab. Das ist ein sehr bedeutsamer Platz, weil ich dort drei Jahre gearbeitet habe. Und da sind immer noch die Leute von früher, die ich gern sehe.

Gelingt es dir in Salzburg, noch ganz privat und ungestört unterwegs zu sein?
Ja, meistens schon. Ab und zu kommt mal jemand und fragt, ob er ein Foto machen kann. Die Leute sind nicht sehr aufdringlich in Salzburg und die Salzburger sind eher zurückhaltend: Man merkt schon, dass die Leute schauen. Aber ich finde es gut, es hat mehr Vorteile als Nachteile, wenn mich viele Leute kennen. Ich sehe da nichts Schlimmes daran. Im Gegenteil, das ist sehr schön und ich schätze es.

Wie ist das in Island?
Gar nicht, da erkennt mich keiner. Ich habe bislang erst ein Konzert in Island gemacht. Ich hoffe, es werden noch mehr.

Aber du hast natürlich auch Familie in Island, wie deinen Halbbruder, über den du in „Blood Brother“ singst…
Ja, der ist das Beispiel, was Drogen mit einem machen können. Mit ihm habe ich auch seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr – da habe ich den Schlussstrich gezogen: Mach du dein Ding, ich mach mein Ding. Der war einfach Kryptonit (Anmerkung: sein Song Kryptonite, der 2016 herauskam, handelt von Thorsteinns schwierigem Verhältnis zu seinem Bruder). So ein Mensch zieht dich nur runter und irgendwann kann man nicht mehr helfen und muss sagen, mach dein eigenes Ding, ich halt‘s nicht mehr aus. Was sehr schade ist, natürlich hat man innere Konflikte damit, man sucht sich Familie nicht aus, aber wenn man als Familienmitglied nur ausgenutzt wird, ist es auch nicht okay! Da muss man auf sich selbst schauen.

Nicht nur durch deine Stimme, auch aufgrund deiner Texte wirkst du ziemlich reif und erfahren. Denkst du, bist du reifer als andere in deinem Alter?
Nein, ich glaube, jeder der mich kennt, weiß, ich bin entweder 40 oder 4, ich hab auch meine kindlichen Seiten und ich hab auch eine lustigere Seite, bin nicht immer nur ernst.
Ich glaube, ich habe einfach viel Zeit gehabt nachzudenken – über das Leben. Ich bin auch mal gern für mich allein. Ich weiß, wer ich bin und wie ich bin, weil ich viel reflektiere, dadurch kommt wahrscheinlich automatisch eine gewisse Reife. Selbstreflexion – ich glaube, die macht einen älter. Aber sie macht auch ziemlich müde und strengt an.

In einem deiner Lieder am neuen Album rechnest du mit deiner Generation ab. In welcher Zeit hättest du lieber gelebt, welcher Generation hättest du angehören wollen?
Nein, ich bin nicht einer, der sagt, ich bin in einer falschen Generation. Ich glaube nur, meine Generation könnte es eigentlich besser. Ich bin glücklich in dieser Generation, damit, was wir alles haben. Ich finde, wir sind mittlerweile eine Schale ohne was drinnen. Wir sind meistens nicht nett, um nett zu sein. Sondern wir sind nett, damit wir uns gut fühlen. Wir sagen allen, wir essen vegan, aber ich wette, viele von denen haben ihr Steak am Abend. Aber Hauptsache, auf Instagram Avocados posten. Hauptsache ist, die anderen sehen einen als guten Menschen und nicht, dass man mit sich selbst zufrieden ist. Es ist wichtiger, dass die anderen mit einem zufrieden sind.

Es geht auf deinem Album um viele große Themen, auch um den Tod. Wie gehst du mit diesem Thema um?
Ich habe viel darüber nachgedacht – und als mein Opa gestorben ist, war das auch ein Tiefpunkt. Es ist aber ein Teil vom Leben, der passiert, man kann es nicht vermeiden. Ich kann jetzt raus gehen und werde von einem Truck überfahren – dann ist das so. Man muss das Leben genießen lernen – und nicht alles nur auf Instagram posten.

Es geht auch um Liebe. Du bist in festen Händen?
Ich habe eine Freundin, wir sind sehr glücklich.

Wie habt ihr euch kennen gelernt?
Bei einem Musikvideodreh. Ich hab sie sehr hübsch gefunden und hab mir gedacht, ich muss die anreden. Ich hab sie angeredet – und ja, der Rest ist Geschichte!

Was hat sie, was andere nicht haben?
Sie ist sehr besonders und sie ist mit sich selbst sehr glücklich, hat viel Selbstvertrauen, eine gute Aura, eine angenehme Ruhe. Wir haben denselben Humor. Sie studiert und sie liebt, was sie tut. Das ist mir sehr wichtig bei einer Person.

Hat sie auch mit Musik zu tun?
Nein, gar nicht. Gott sei Dank nicht. Ich glaube, das könnte ich nicht, mit einer Musikerin zusammen sein. Das wäre zu viel. Wir reden über ganz andere Sachen.

Ist sie der Grund, dass du dein Leben mittlerweile auch ein bisschen ruhiger gestaltest?
Ja, das denk ich schon. Ich bin nicht unbedingt „ruhiger“. Ich bin beruflich viel unterwegs. Aber ja, auf jeden Fall ist das Leben ruhiger geworden. Auch, weil ich früher einfach nicht gerne alleine zuhause war: Du bist auf Tour und tausend Leute sind immer um dich. Dann kommst du nach Hause und bist alleine – das war für mich so ein komischer Sprung, der mich fertig gemacht hat. Und jetzt komm ich nach Hause und es ist jemand da, eine Person, die nichts von dir braucht und mit der du dich einfach gut verstehst.

Auch wenn die Musik deine Leidenschaft, dein Leben ist – was machst du, wenn du mal keine Musik machst, „frei“ hast, was sind deine Hobbys?
Fußball schauen, ich liebe Fußball, ich schau mir jedes Liverpool-Spiel an. Auch Spiele zwischen zwei unwichtigen Mannschaften schau ich mir an, weil das so meditativ ist. Da sind 22 schwitzende Millionäre, die den Ball in ein Tor schießen müssen. Simpel. Und ich schau mir das an und das macht mir sehr viel Spaß. Ich kann in den Fernseher grölen und schreien, ich kann mich aufregen, ich kann weinen, ich kann glücklich sein. Alles in einem. Da kann man alles rauslassen – das ist Fußball!

Wo siehst du dich in zehn Jahren?
Hoffentlich noch immer bei der Musik. In mehreren Ländern unterwegs zu sein, international spielen zu können, das ist mein Ziel – und hoffentlich komm ich da hin.

Was fehlt dir noch zum Glück?
Gar nix mehr. Im Moment. Liverpool ist grad Erster in der Tabelle, ich hab eine schöne Freundin und bin sehr glücklich mit ihr, meine Karriere läuft gut und alles ist grad wirklich super. Ich sag auch immer zu meiner Freundin: Schatz, demnächst wird irgendwas Schreckliches passieren, denn es ist grad zu gut alles! Ich warte nur darauf, dass irgendwas Schreckliches passiert. Aber jetzt ist grad alles sehr schön, ich bin glücklich, wo ich bin. Das einzige, was ich mir wünsche, ist noch mehr Karriereerfolg – aber den hol ich mir schon!

Wofür bist du besonders dankbar im Leben?
Familie, Freunde, Musik. Dass ich in Österreich bin, dass ich, als ich aus Island herkam, sofort willkommen war. Dass ich hier wohnen kann, dafür bin ich sehr dankbar!

Geboren am 19. März 1996 in Reykjavík, zieht Thorsteinn bereits als Kleinkind nach Salzburg, als sein Vater, der Bass-Bariton Einar Th. Gudmundsson, am Mozarteum Gesang studiert. Nach der Scheidung der Eltern geht es für ihn zurück nach Island, mit 14 Jahren zieht es ihn jedoch wieder in die Mozartstadt.
Immer schon musikbegeistert, nimmt er mit 18 Jahren an der ORF Castingshow „Die große Chance“ teil, wo er den vierten Platz belegt. Sein Finalsong „Leya“ steigt noch im selben Jahr in die Top Ten der österreichischen Charts ein. 2015 gewinnt Thorsteinn den Amadeus als bester Songwriter, 2016 erscheint sein erstes Album. 2019 erscheint sein lange erwartetes Folgealbum „Ingi“. Thorsteinn Einarsson lebt mittlerweile in Wien.