Gesellschaft & Kultur

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Die Wiege der Festspiele

Text: Doris Thallinger

Fotos: Archiv der Salzburger Festspiele/Foto Ellinger, Archiv Setzer-Tschiedel/ Imagno/picturedesk.com, Salzburg Museum/Luigi Caputo, Hotel Schloss Leopoldskron

Mehr als 100 Jahre ist es her, dass Max Reinhardt und Hugo von Hofmannsthal hier den Grundstein für die Salzburger Festspiele legen. Bis heute ist Schloss Leopoldskron ein magischer Ort, der Geschichte lebendig werden lässt und Menschen zusammenbringt. Ein Ort mit bewegter Vergangenheit.

Es ist im April 1918, als Max Reinhardt das Rokoko Schloss Leopoldskron erwirbt – damals in sehr verwahrlostem Zustand. Dennoch erkennt er den Zauber dieses Anwesens, mit seinen großen, repräsentativen Sälen und dem romantischen Schlosspark. Über die Jahre investiert er Zeit und Energie, bringt sein Herzblut ein in die Renovierung. Besonders bemerkenswert: die prunkvolle Bibliothek, die er in den Jahren 1926–1927 nach dem Vorbild der Klosterbibliothek St. Gallen errichten lässt. Die schönsten Zimmer des Schlosses, die bis heute nichts an ihrem Zauber verloren haben, wie das Venezianische Zimmer, das Chinesische Zimmer oder auch der Marmorsaal, finden in dieser Zeit ihre Entstehung. Diese, wie auch der Schlossgarten samt Gartentheater wurden in den Jahren unter Max Reinhardt zum legendären Treffpunkt der Künstler- und Schauspielszene.

Ein Ort für Sommerfestspiele
Dass Max Reinhardt sich im Schloss Leopoldskron niederlässt, soll große Früchte für Salzburg tragen, ist der Theaterimpresario doch bereits seit längerer Zeit auf der Suche nach einem geeigneten Ort für Sommerfestspiele. Und so passiert es im Schloss Leopoldskron, dass er zusammen mit Hugo von Hofmannsthal und Richard Strauss die Salzburger Sommerfestspiele begründet, die – einigem Widerstand zum Trotz – am 22. August 1920 mit der Aufführung des Jedermann ihre Geburtsstunde erleben.

Regiebuch mit handschriftlichen Eintragungen von Max Reinhardt zu Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, 1911, 1920, 1927, 1930er-Jahre

18 Jahre lang leitet Reinhardt den Bereich Schauspiel der Salzburger Festspiele, bevor 1938 – Reinhardt befindet sich bereits in den USA – Schloss Leopoldskron vom nationalsozialistischen Regime konfisziert wird. Reinhardt sollte nie in sein Schloss zurückkehren: „Ich habe achtzehn Jahre in Leopoldskron gelebt, wirklich gelebt, und ich habe es lebendig gemacht. Ich habe jedes Zimmer, jeden Tisch, jeden Sessel, jedes Licht, jedes Bild gelebt. Ich habe gebaut, gezeichnet, geschmückt, gepflanzt und geträumt davon, wenn ich nicht da war. (…) Ich habe es immer feiertäglich geliebt; nie als etwas Alltägliches. Es waren meine schönsten, reichsten und reifsten Jahre (…) Ich habe es verloren, ohne zu jammern. Ich habe alles verloren, was ich hineingetragen habe. Es war der Ertrag meiner Lebensarbeit.“ Geblieben ist sein Geist, sein Esprit.

Max Reinhardt, Johannes Reich und Hans Niederführ

In Reinhardts Sinne Richtung Zukunft
1950 wird Schloss Leopoldskron an die Erben Reinhardts restituiert, die es an die Stadt Salzburg verkaufen – seit 1959 ist die gemeinnützige Organisation Salzburg Global Seminar Eigentümer und Erhalter. Gegründet wurde Salzburg Global Seminar im Sommer 1947 auf Initiative von Clemens Heller, Richard Campbell und Scott Elledge. Drei Harvard-Studenten, die der Überzeugung waren, dass ein „Marshallplan für den Geist“ genauso notwendig sei wie der für den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Aus diesem, nach dem Zweiten Weltkrieg idealistischen Experiment und der Idee, ehemals verfeindete Seiten an einem Tisch zu vereinen, ist eine Institution für zukunfts- und lösungsorientierten Dialog entstanden: für Menschenrechte und Gesellschaft, Klimaschutz und Gesundheitsvorsorge, Finanzindustrie und Regierungsarbeit, Bildung und Arbeit sowie für Kunst und Kultur und die Zukunft der Medien. Seither haben rund 40.000 Fellows aus 170 Ländern an mehr als 600 Veranstaltungen teilgenommen. Fester Bestandteil des Konzepts ist dabei, generationenübergreifend arrivierte Persönlichkeiten, darunter Pulitzer- und Nobelpreisträger sowie Global Player wie Kofi Annan oder Hillary Clinton mit jungen Machern zusammenzubringen. Allesamt mit dem Ziel, gemeinsam
Lösungsansätze für die brandaktuellen Themen und Herausforderungen weiterzuentwickeln.

So ist Schloss Leopoldskron heute wieder inspirierende Kulisse, vor der Menschen aufeinandertreffen und an gemeinsamen Visionen arbeiten. Ganz im Sinne Max Reinhardts, wie Thomas Biebl, Salzburg Global Seminar Vice President, erklärt: „Wie in seiner Vergangenheit ist Schloss Leopoldskron ein Fenster aus Salzburg in die Welt und bringt die Welt nach Salzburg.“

Kurzer Rückblick

Den Auftrag zum Bau des Rokoko-Schlosses als Familiensitz erteilt 1736 Fürsterz-bischof Leopold Anton Freiherr von Firmian. 1740 wird das Anwesen fertiggestellt, im Jahr 1744 verstirbt Firmian, dessen Herz seither in der Schlosskapelle begraben liegt. Schloss Leopoldskron geht daraufhin in den Besitz seines Neffen Graf Franz Laktanz über, der als großer Kunstliebhaber und Sammler im 3. Stock eine Galerie schafft, die damals als die bedeutendste private Kunstsammlung im Land Salzburg gilt. Diese Galerie, die zu Laktanz‘ Zeit Werke von Rubens, Rembrandt, Michelangelo oder Altomonte beherbergt, soll übrigens dieses Jahr wieder belebt werden! Bereits im August ist eine erste Ausstellung mit Bildern des österreichischen Künstlers Friedrich Danielis geplant.

Nach Laktanz‘ Tod 1786 folgen eine Vielzahl an Eigentümern, die das Schloss nicht sehr pfleglich behandelten und weitgehend plünderten, bevor 1918 die glanzvolle Ära Max Reinhardts beginnt.