Gesellschaft & Kultur

Lesezeit: 3 Minuten

Criticus

Text: Martina Filip

Fotos: Feder: Mykyta Dolmatov - istockphoto.com, Expert Edinger

Das virtuelle Klassenzimmer

Ein Kommentar von Martina Filip, Lehrerin am Gymnasium St. Ursula, Salzburg

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Der gute alte Overheadprojektor, so scheint es mir, hat nun endgültig ausgedient. Tafel, Kreide und Klassenzimmer habe ich im vergangenen Schuljahr gegen Computer, digitale Pinnwände und Lernplattformen eingetauscht. Eine Veränderung auf Zeit oder der langersehnte Durchbruch für innovative Medien und die Digitalisierung an den Schulen? Große Skepsis machte sich breit: Ist Wissensvermittlung in naher Zukunft ausschließlich über digitale Formate möglich? Viel Zeit darüber zu grübeln, blieb nicht. Der herkömmliche Unterricht wurde zur Gänze mit Hilfe von unzähligen Klicks in das virtuelle Klassenzimmer verlagert. Plötzlich gab es keine Ausreden mehr wie „Der Hund hat meine Hausaufgaben gefressen”, denn alles ist digital und mit einem Zeitstempel versehen. Ich drehte Lernvideos und erstellte Powerpoints mit Audiounterstützung. Eigentlich funktionierte es ganz gut.

Das Konzept schien auch für Schüler attraktiv zu sein. Lernen wo, wann und wie man will – sogar im Pyjama. Das hohe Maß an Selbstbestimmung verlangte den Kindern viel Eigenverantwortung und Selbstständigkeit ab. Aktives Lernen trat in den Vordergrund, wodurch einige über sich hinauswuchsen, andere sich wiederum in dem riesigen Angebot der digitalen Welt verloren. Nach der anfänglichen Euphorie tauchte bei vielen Schülern das Gefühl der Überforderung auf. Obwohl der Großteil der Schüler aktuell mit Smartphones und Tablets aufwächst, fehlt es oft an den grundlegendsten digitalen Kenntnissen. Wie bediene ich einen Computer, wie speichere ich und finde anschließend ein Word-Dokument wieder? Fragen über Fragen, die den Lernprozess im distance learning erheblich erschwerten. Die Lehrperson, die bei Unklarheiten normalerweise schnell zu Rate gezogen werden konnte, war aus dem Blickfeld der Schüler verschwunden, weit entfernt hinter einem Bildschirm im Homeoffice. Funktionierte das Internet nicht, war jegliche Form der Kommunikation lahmgelegt. So groß der digitale Hype zu Beginn war, je länger das Homeschooling dauerte, desto größer wurde das Bedürfnis nach analoger Begegnung, nach lebendiger Interaktion zwischen Schülern und Lehrern, nach etwas Greifbarem. Social distancing und distance learning haben meinen Alltag als magistra digitalis geprägt. Der Unterricht aus der Ferne bot vielfältige Möglichkeiten, Schülern einen neuartigen Unterricht zu gestalten, gleichzeitig wurde er mit zahlreichen Hindernissen konfrontiert.

Fazit: Lernen mit Abstand ist möglich und in Zeiten der Krise ist das Internet ein unverzichtbares Instrument, wenn Schule vor Ort nicht stattfinden kann. Als gleichwertige Alternative kann die Präsenzlehre aber durch kein Medium gänzlich ersetzt werden! Wichtig ist es, das Potenzial digitaler Medien zu erkennen und auszuschöpfen. Wenn es gelingt, altbewährte Unterrichtsformen mit digital gestützter Lehre zu kombinieren, dann können die Schüler vom digitalen Fortschritt erheblich profitieren.