
Zuhause auf Zeit
Valentina Höll, sechsfache Weltmeisterin und Aushängeschild des Downhill-Mountainbike-Sports, kämpft nicht nur gegen die Uhr, sondern auch mit sich selbst. Ein persönlicher Blick hinter die Kulissen einer Ausnahmeathletin, die in ihrer Heimat in Leogang zwischen Kuhglocken und Kameras ihren eigenen Weg sucht – und findet.
Text: Doris Thallinger
Fotos: Graeme Murray/The Red Bulletin, Monica Gasbichler
Extrem erfolgreich und doch voller Selbstzweifel, voller Humor, aber nicht immer in der Stimmung, ihn zu zeigen, ehrgeizig, aber meistens eher zurückhaltend. So widersprüchlich lässt sich Valentina Höll beschreiben. Eine außergewöhnliche Persönlichkeit, die den Downhill-Mountainbike-Worldcup wie keine andere beherrscht. Ähnlich wie bei der Formel 1 gibt es auch hier verschiedene Stopps auf der ganzen Welt. Einer dieser Stopps liegt im Salzburger Land in Österreich. Ein Ort, an dem sie nicht nur Rennen fährt, sondern ganz sie selbst ist. Ein Ort, der für sie beides ist: Bühne und Rückzugsort. Auf der Rückseite Leogangs, im beschaulichen Glemmtal zwischen Almen, Wiesen und Wanderwegen, lernte sie Radfahren, stürzte, rappelte sich auf und gewann ihr erstes Rennen. Damals noch gegen Jungs – eine eigene Mädchen-Kategorie gab es nicht. Sie setzte sich durch, fuhr als Juniorin in den Weltcup, gewann Rennen, Titel, den Gesamtweltcup. In Saalbach-Hinterglemm zwischen Kühen, Trails und Touristen.
Dort, wo ihre Karriere begann, trifft sportlicher Ehrgeiz auf persönliche Erinnerungen. Zwischen vertrauten Gesichtern, großem Druck und dem Traum vom Hattrick zeigt sich: Hinter der schnellen, starken Athletin steckt ein Mensch mit Zweifeln, Tiefgang – und unerschütterlicher Hingabe an ihren Sport. Doch hier kennt man sie nicht als Ausnahmetalent, Profisportlerin und mehrfache Weltmeisterin. Hier ist sie einfach: Vali.
Von hier aus los
Ein Heimweltcup ist für Vali immer etwas Besonderes, wie auch im vergangenen Juni: Freunde, Familie, Medien, Fans – alles ist nah, alles schaut hin – und der Druck wächst stetig. Das einzige Ziel: der Sieg. Nach Hause zurückzukehren ist zwar immer eine kleine Insel der Erholung, doch mit dem Leistungsdruck wachsen auch die Selbstzweifel. Dieses Jahr liegt der Fokus auf dem Hattrick: drei Jahre in Folge ein Sieg auf derselben Strecke. Das wäre historisch – für den Mountainbikesport, für die Region rund um Leogang und besonders für Vali. Schließt sich hier der Kreis, am Ort, wo ihre Karriere – und auch ihr Leben – begann?
„Eine Athletin zu sein bedeutet mehr, als nur am Wettkampftag zu siegen.”
Es geht um mehr als um Siege. Es geht um die Hingabe, für ein Ziel sein ganzes Leben zu opfern. Weiterzumachen trotz Schmerzen, Zweifel zu überwinden und extreme Belastungen durchzustehen. Es fällt leicht, Vali für ihre Erfolge zu bewundern – für ihre Titel, ihren Speed und ihren Style auf dem Bike. Doch was sie besonders macht, sind nicht nur ihre Fähigkeiten auf dem Mountainbike. Es ist ihre Haltung. Die Bereitschaft, den Sport an die erste Stelle zu setzen. Eine Athletin zu sein bedeutet mehr als nur am Wettkampftag die schnellste Fahrerin zu sein – es bedeutet, täglich und immer wieder aufs Neue sein Bestes zu geben, 100 % abzurufen, wenn es darauf ankommt: für sich selbst, das Team und die Fans.
„Allein gegen die Stoppuhr, jede kleine Unaufmerksamkeit wird hart bestraft.“
Von jetzt auf gleich
Vali übt einen Extremsport aus, wahrscheinlich den extremsten auf zwei Rädern ohne Motor. Das Downhill-Mountainbiken lässt sich am ehesten mit der alpinen Skiabfahrt vergleichen: allein gegen die Stoppuhr. Mit dem Unterschied, dass ein Lauf mit 3–5 Minuten fast dreimal so lang ist und die Strecken oft durch dichten Wald führen und mit riesigen Sprüngen und scheinbar unfahrbaren Stein-Passagen gespickt sind. Trotz dieser enorm anspruchsvollen Strecken, die viele stellenweise nicht einmal runter laufen würden, brettern die Fahrerinnen mit einer Höchstgeschwindigkeit von bis zu 70 km/h herunter: es wird hier um jeden Sekundenbruchteil gekämpft. Jede kleine Unaufmerksamkeit wird hart bestraft – denn wer stürzt, bezahlt mit Schürfwunden, Prellungen oder sogar Knochenbrüchen. Aber wer denkt, dass Frauen in diesem Sport entschärfte, vereinfachte Bedingungen vorgesetzt bekommen, der fehlt: Männer und Frauen fahren dieselbe Strecke. Der Downhill-Sport ist hart. Es benötigt viel Kraft, um den Stößen entgegenzuwirken, starke Ausdauer, die lange Laufzeit durchzuhalten, präzise technische Abstimmungen am Bike, für die Laufruhe, und außergewöhnliches Talent, um zu gewinnen.
„Im Race Run zählt die Balance zwischen Kontrolle und Risiko, zwischen Fokus und Intuition, zwischen äußerem Druck und innerem Willen.”
Zwischen Konzentration und Emotion
Finaltag 2025 in Leogang: Anspannung, Konzentration, Druck. Fein abgestimmte Abläufe bestimmen den Rhythmus. Alles ist getaktet: Frühstück, Training, Warm-up, warten auf dem Gipfel. Vor dem Start: totale Konzentration. Vali ist im Flow, schaltet die Außenwelt aus. Im Race Run zählt die Balance zwischen Kontrolle und Risiko, zwischen Fokus und Intuition, zwischen äußerem Druck und innerem Willen.
Parallel sammeln sich im Tal mehrere tausend Fans im Zielgelände. T-Shirts, Caps und Banner zeigen klar, dass die Lokalmatadorin hier viele Supporter hat. Vom Berg hallen Jubelrufe und das laute Dröhnen von Motorsägen herab. Auf einem riesigen Bildschirm lässt sich das Rennen live verfolgen und Zwischenzeiten verschiedener Streckenabschnitte ablesen, Kommentatoren sind vor Ort und analysieren die technischen Feinheiten der Fahrerinnen.
Als Siegerin des Qualifikationslaufs startet Vali als Letzte. Die vor ihr fahrende Konkurrentin liefert einen soliden, schnellen Lauf – volle Power, kompromisslos nach vorne. Das wird schwer, sie zu schlagen.
Um 14:41 Uhr ist es dann so weit: Vali geht an den Start. Sie sieht voll konzentriert aus, selbstbewusst. Im Zielbereich wird es still. Alle Augen sind wie gebannt auf den Bildschirm gerichtet. Mama und Oma flüstern kaum noch, Papa ist fokussiert, voller Zuversicht. Dann die erste Zwischenzeit: 2,78 Sekunden vorn. Erster Jubel bricht im Zielbereich aus – ein Wechselbad aus Anspannung, Freudentränen und nervöser Erwartung folgt. Vali fährt in den letzten Abschnitt ein, die Schlüsselstelle der Strecke: ein extrem steiles Waldstück, das keine Fehler verzeiht. Sie fährt sauber, aber reicht das für den Sieg, wenn Sekundenbruchteile entscheiden? Auf der Zielgeraden empfängt sie rot-weiß-roter Rauch, tausende Stimmen jubeln ihr zu. Doch Vali jubelt nicht. Sie ist angekommen – mit einem Blick, der mehr sagt als Worte. „It is what it is“, so kommentiert Valentina Höll ihr Ergebnis beim Heim-Weltcup in Saalfelden-Leogang. Über die Jahre wurde der Satz für sie zu einem Mantra – und zum Titel ihrer Dokumentarserie. Denn über Niederlagen darf man nicht zu lange nachdenken. Es ist ein Satz, der viel sagt – und doch so wenig. Vielleicht, weil das, was in ihr vorgeht, schwer in Worte zu fassen ist.
Zurück nach vorn
Für den Sieg – und damit den ersehnten Triple – reichte es dieses Jahr nicht. Platz drei mit 2,4 Sekunden Rückstand. Ein Wimpernschlag, der über den Unterschied zwischen Siegestaumel und erneuten Selbstzweifeln entscheidet. Vor allem vor den Augen ihrer Familie und ihrer Freunde hätte sie sich natürlich ein besseres Ergebnis gewünscht.
Doch viel Zeit, darüber nachzudenken hat sie nicht, denn bereits zwei Wochen später wartet der nächste Worldcup auf sie. Der dritte Platz mag für Vali nach jahrelanger Dominanz enttäuschend sein, doch er erzählt auch von der Stärke der Konkurrenz – und vom Wandel in einem brutal anspruchsvollen Sport. Ein dritter Platz in ihrer Heimat in Leogang mag für Vali keine Option sein, doch er zeigt die Feinheiten dieses brutalen Sports. Ein Ort, der bleibt – auch wenn Vali weiterzieht. Und zu dem sie immer wieder zurückkehrt, in ihre Heimat. Spätestens zu den WHOOP UCI Mountain Bike World Series vom 11. bis 14. Juni 2026.
Und bis dahin geht die Erfolgsserie weiter: Am 7. September 2025 krönte sich Vali Höll in Champéry zum vierten Mal in Folge zur Downhill-Weltmeisterin und verteidigte auf der legendär schwierigen Strecke ihr Regenbogentrikot mit einem nervenstarken Sieg.
„Am Ende will ich einfach wissen, dass ich alles gegeben habe – für mich.“
„Ich hatte immer den Traum, einmal Weltmeisterin zu werden.“
Wie würdest du dich selbst in drei Worten beschreiben?
Fokussiert, bodenständig, ruhig.
Du bist noch jung und hast schon so viel erreicht – wie blickst du selbst auf deinen bisherigen Weg im Downhill zurück?
Es hat ein paar Jahre gedauert, bis ich das alles realisiert habe. Ich fühle mich noch immer wie vor 10 Jahren, als ich mein allererstes Kinderrennen gefahren bin. Ich hatte immer den Traum, einmal Weltmeisterin zu werden und jetzt habe ich es schon 4-mal geschafft, das ist schon crazy.
Was war bisher deine größte sportliche Herausforderung – und wie hast du sie gemeistert?
Um ganz ehrlich zu sein meine bestandene Geräteturn-Matura.
Welche Ziele hast du dir für die nächsten Jahre gesetzt – sportlich und persönlich?
Ich finde meine Lebensphase zurzeit mega spannend, man wird langsam so richtig erwachsen, und man trifft so viele neue und interessante Menschen. Sportlich gesehen gibt es nichts mehr, was ich „abhaken muss“.
Der Sport, vor allem bei den Frauen, schreitet so schnell voran, das Level wird gefühlt alle 3 Monate höher. Ich möchte einfach so lange wie möglich mit den jungen Fahrerinnen mithalten können.
Gibt es einen Satz oder ein Motto, das dich durchs Leben begleitet?
IT IS WHAT IT IS.


