Leben

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„Ziel ist es immer, ganz oben zu stehen“

Text: Doris Thallinger

Fotos: www.kaindl-hoenig.com, WAKO Austria, Charlybanks, seyi.snaps, Phantom Athletics, Private Bilder; Foto Polizei: BMI/Gerd PACHAUER

Sie kämpft wie der Teufel: Stella Hemetsberger ist Österreichs Aushängeschild in Sachen Thai- und Kickboxen. Dieses Jahr steht für die amtierende Vize-Weltmeisterin der bislang wichtigste Kampf ihres Lebens an.

Schauplatz Boxring: Spielerisch tänzelt eine zierliche Blondine um ihre Gegnerin, steht keinen Augenblick still. Unter dem Kopfschutz langes, geflochtenes Haar, die Gesichtszüge verraten höchste Konzentration. Schon setzt sie den ersten Kick, weicht geschickt den Schlägen aus, versucht, mit gezielten Tritten und Hieben ihre Position zu stärken und geht sogleich wieder in Deckung. Totale Körperspannung, fokussierter Blick und schon folgt die nächste Reihe von Kicks und Schlägen.

So erlebt man die Salzburgerin Stella Hemetsberger, gerade einmal 23 Jahre alt, wenn sie in ihrem Element ist und als Thai- und Kickboxerin im Ring Gas gibt. Seit vergangenem Jahr darf sie sich Vize-Weltmeisterin im K1-Kickboxen nennen. Und auch zuvor kann sie auf große Erfolge verweisen, schon 2017 gewinnt sie die Europameisterschaften, 2019 holt sie die Bronze-Medaille bei den Weltmeisterschaften.



Kämpfernatur
Ehrgeiz, Disziplin und eiserner Wille zeichnen die junge Profisportlerin aus und haben sie zu ihren bisherigen Erfolgen geführt. Wie viel Power in ihr steckt, könnte man auf den ersten Blick unterschätzen. Die zarten Gesichtszüge, das hüftlange, blonde Haar und charmante Lächeln geben wenig preis von ihrer Schlagkraft. Nur die kraftvollen Bewegungen, die athletisch-muskulösen Beine verraten die Profisportlerin. Sportiv auch ihre Erscheinung „in Zivil“. Jeans, Hoodie, Sneakers, so kennt man sie. „Für die typischen ‚Mädchensachen‘ hatte ich nie viel übrig“, lacht
sie, „ich bin großteils mit Burschen auf gewachsen und hab lieber Fußball als mit Puppen gespielt.“
Generell zählt Sport von Kindesbeinen an zu ihren Lieblingsbeschäftigungen, ob Fußball, Klettern oder Turnen. Noch in der Gymnasium-Unterstufe bekundet sie ihr Interesse am Boxen – wie es der Zufall will, führt sie das Schicksal im zarten Alter von 13 Jahren zu Roland Schwarz ins RS-GYM in Siezenheim. „Thaiboxen hat mir sofort Spaß gemacht, ich habe aber nicht mit der Intention damit begonnen, Profi zu werden!“

Für ihre Trainer Roland Schwarz und Christin Fiedler kristallisiert sich bald heraus, dass ihr junger Schützling Potenzial mit sich bringt: „Da es damals noch kein eigenes Kindertraining gab, hat Stella bei den Frauen mittrainiert. Man kann es heute kaum glauben, aber damals war sie noch etwas pummelig – und dennoch hat man sofort bemerkt: Die hat den richtigen Biss, das gewisse Etwas, das sie im Training umzusetzen wusste. Sie hat von Anfang an alles gegeben und wollte zeigen, dass sie die Beste ist.“

Stella Hemetsberger mit Trainer Roland Schwarz

Schon bald reicht dem Teenager das Training am Boxsack nicht und sie will in den Ring. „Stella hat rasch von sich aus gefragt, ob sie auch im Sparring mitmachen kann – wo sie dann mit den Burschen gekämpft hat.“

Mit gerade einmal 17 Jahren schlägt er Stella vor, es mit einem ersten Wettkampf zu versuchen. „Ich wollte es einfach einmal ausprobieren, und ich habe sehr schnell gemerkt, wie viel Spaß mir Thaiboxen auch im Kampf macht. Meinen ersten Kampf habe ich zwar verloren, aber das war für mich die beste Motivation, besser zu werden, einfach um zu sehen, was alles möglich ist“, erinnert sich Stella an ihre Anfänge im Profisport zurück. Anfänge, die sich sehr intensiv gestalten, absolviert die Salzburgerin parallel die HTL für Maschinenbau. „Mir war es immer wichtig, die Schule gut abzuschließen, erst danach habe ich mich voll und ganz aufs Training fokussiert. Im Jahr nach der Matura bin ich viel gereist, habe unter anderem in Australien, Thailand und Großbritannien trainiert.“

Globetrotterin
Das Thaiboxen ermöglicht es Stella Hemetsberger, ihre Sport-Karriere mit einem ihrer liebsten Hobbys zu verbinden – dem Reisen. „Ich bin gerne in fremden Ländern unterwegs, zum einen um des Reisens Willen, wobei ich, wohin ich auch komme, vor Ort ein Gym besuche. Die Community ist über die ganze Welt vernetzt und man wird überall herzlich aufgenommen. Zum anderen habe ich natürlich auch viele Länder durch den Sport kennengelernt.“

Und wenn sie einmal nicht trainiert oder kämpft? Dann verbringt sie ihre Freizeit am liebsten in der Natur mit – wie könnte es anders sein – sportlichen Aktivitäten wie Wandern oder Skifahren. Stillstand ist nichts für eine Stella Hemetsberger!

Und das gilt auch für ihren beruflichen Weg. 2020 beginnt sie mit dem Studium der Sportwissenschaften. „Das Studium hat zwar im Moment nicht die oberste Priorität, aber mich interessiert die Materie und ich will mich auch auf dieser Ebene weiterbilden.“ Und weil das noch nicht genug ist, startet Stella im Juni 2021 die Ausbildung zur Polizistin und ist seither Teil des Spitzensportkaders des Bundesministeriums für Inneres. „Für diese Chance bin ich sehr dankbar. Ich finde das Berufsbild äußerst interessant und bin froh über die Unterstützung, die mir dadurch auch für meinen Sport zuteil wird.“

Always hungry
Ihr Hunger nach Kämpfen und Siegen ist namensgebend: Unter dem Kämpfernamen „Always hungry“ steht sie international im Ring. Gute Freunde wissen um die Doppeldeutigkeit, könnte die Sportlerin doch ununterbrochen essen. Worauf sie aber gerade in der Wettkampfvorbereitung verzichten muss. „In der direkten Wettkampfvorbereitung ist Diät angesagt, man schaut natürlich, dass man immer in der niedrigstmöglichen Gewichtsklasse kämpft. Grundsätzlich achte ich immer auf gesunde Ernährung, aber ab und an dürfen schon auch mal ein paar Sünden sein.“

Große Pläne – große Chancen
Mit der Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften im Oktober 2021 qualifiziert sich Stella Hemetsberger für die Teilnahme an den World Games 2022, die dieses Jahr im Juli stattfinden. „Die World Games sind in diesem Jahr das sportliche Highlight für uns und im Grunde das größte Turnier, an dem ich je teilgenommen habe, vergleichbar mit Olympia!“, freut sich die 23-Jährige bereits auf das Groß-Event in Birmingham. Trainer Roland Schwarz bescheinigt ihr beste Chancen: „Die Chancen waren für Stella noch nie größer. Sie ist in noch besserer Form als bei den Weltmeisterschaften 2021 und noch motivierter. Im Herbst haben sich die besten Acht der Welt für die World Games qualifiziert, nun geht es um Nuancen wie die Tagesverfassung oder dass Stella verletzungsfrei durch die Kämpfe kommt. Sie hat jedenfalls das Zeug zur Weltmeisterin – und das hat sie sich hart erarbeitet!“ Und Stellas Ziel? Welche Frage: „Ziel ist es immer, dass man ganz oben steht!“