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Wenn der freche Kiebitz das Wort hat

Ein Artikel von Andrea Kocher

Wenn Spatzen etwas von den Dächern pfeifen, dann ist die kommunizierte Information bekanntermaßen längst kein Geheimnis mehr. In der Lungauer Gemeinde Ramingstein ist es nicht der Spatz, der alles weiß und die Infos noch dazu hinausposaunt, sondern der Kiebitz: Zumindest jene Informationen über den Bürgermeister und seine Gemeindeangehörigen bzw. die Geschehnisse im Ort. Und wenn ein neuer Ortschef sein Amt antritt, dann nutzt dieser Kiebitz die Gelegenheit, um in der gleichnamigen Zeitschrift lautstark über eventuelle Fehltritte, Hoppalas oder gar Peinlichkeiten der betreffenden Personen zu berichten.
Die Informationen werden dem Kiebitz von den Gemeindebürgern „zugetragen“. Kein Wunder, dass vor allem Klatsch, Tratsch und Schandtaten in das Federkleid des frechen Vogels gekleidet werden. Die Zeitschrift erscheint dann anlässlich des traditionellen „Ladübertragens“. Ein Brauch, wie er nur noch in Ramingstein zelebriert wird. Dann veranstalten Vereine und Institutionen im Ort einen großen Festumzug mit Umzugswägen und Darbietungen und überbringen dem Bürgermeister auf diese Weise ihre Glückwünsche und eigenen Wünsche.
Für den Wahlsieger vom März, Günther Pagitsch, war es am ersten Septemberwochenende soweit. 19 Gruppen gratulierten mit 15 Vorführungen. Programm- und Höhepunkte des Tages waren einmal mehr die Übergabe des Gemeindeschlüssels vom „Ehemaligen“, Peter Rotschopf, zum „Amtierenden“, sowie der Wechsel des Hufeisens mit drei Nägeln, die für die Katastralgemeinden, Ramingstein, Mitterberg und Mignitz stehen.
Der Brauch des Ladübertragens stammt übrigens aus einer Zeit, in der es noch keine Gemeindeämter gab: Alle wichtigen Schriften, Dokumente sowie auch die Kasse der Gemeinde wurden in einer Truhe im privaten Zuhause des Gemeindevorstehers verwahrt. Die Lade soll symbolisch daran erinnern. Das Ladübertragen war auf alle Fälle einmal mehr ein Spektakel, das den ganzen Tag dauerte – und bei dem der eine oder andere ab und an mal kurz tief durchatmen musste. Und der Kiebitz? Er brachte wieder einmal mehr die Erkenntnis, dass das (gemeindepolitische) Leben ernst genug ist und man es manchmal einfach mit Humor nehmen sollte.

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