Verhütung heute
Alles über moderne Verhütung, sexuell übertragbare Krankheiten und die Herausforderungen der heutigen Zeit

Verhütung verhindert nicht nur ungewollte Schwangerschaften, sondern leistet auch einen entscheidenden Beitrag zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit. Sie fördert die Gleichstellung der Geschlechter, ermöglicht individuelle Lebensplanung und schützt vor sexuell übertragbaren Krankheiten.
Text: Susanne Rosenberger
Fotos: Adobe Stock, Sabine Holzner Fotografie, Michael Gruber

Wir fragen uns: Wie sieht die Verhütung der Zukunft aus? Fast alle bisherigen Verhütungsmittel – von Pille, Spirale, Implantat oder Diaphragma – waren für Frauen gemacht, einzige Ausnahme bleibt das Kondom. Seit Jahrzehnten wird im Sinne einer geschlechtergerechteren Verhütung an einer Hormonpille für den Mann geforscht, doch bis heute ist keines dieser Präparate auf dem Markt. Dabei sieht die Zukunft neuer Verhütungsmethoden für Männer vielversprechend aus, ebenso die Forschung zu neuen digitalen Verhütungsmethoden für Frauen und Multipurpose Prevention Technologies.

Verhütung jung gedacht

„Frauen sehnen sich nach Natürlichkeit und wollen keine hormonelle Dauer-
belastung mehr.“ – Dr. Andrea Lederer, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe
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„Ich stelle fest, dass junge Frauen viel aufgeklärter zu mir kommen als früher und schon gewisse Vorstellungen haben“, erzählt uns Dr. Andrea Lederer, Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe mit Schwerpunkt auf Kinder- und Jugendgynäkologie, die auch einen deutlichen Rückgang der Nachfrage nach der Pille in ihrer Praxis beobachtet: „Frauen wollen zu ihrem gesunden Lifestyle einfach keine hormonelle Dauerbelastung mehr. Daher gewinnen zyklusbasiertes Tracking, digitale Tools und nicht-hormonelle Methoden stark an Bedeutung.“ Auch Hormonringe mit längerer Wirkdauer, Hormonspiralen in verschiedenen Größen und Dosierungen und kupferbasierte IUDs sowie Wearables boomen – besonders bei jungen, aufgeklärten Frauen, die bewusst und körpernah entscheiden wollen.

Die Nutzung von Apps zur Zyklusüberwachung (wie Clue oder Flo) hat in den letzten Jahren erheblich zugenommen, da sie eine wertvolle Unterstützung für viele Frauen darstellen, die ihre Fruchtbarkeit, Menstruation und allgemeine gynäkologische
Gesundheit verfolgen.

Mit diesen neuen Technologien wird die Möglichkeit, den eigenen Zyklus genau zu verstehen und zu managen, immer präziser und benutzerfreundlicher. Einige Apps verwenden dabei sensorbasierte Technologien, die mit Wearables (z. B. Smartwatches) gekoppelt sind, um Physiologie wie Temperatur, Pulsschlag oder andere biometrische Daten in Echtzeit zu messen. Zukünftige Entwicklungen könnten die Analyse von Hormonschwankungen, Stressniveaus und Ernährung umfassen, um eine noch umfassendere Gesundheitsüberwachung zu ermöglichen. „Digitale Tools geben Frauen ein Gefühl von Autonomie und Körperwissen zurück“, bestätigt auch Dr. Andrea Lederer diesen Trend: „Als Gynäkologin sage ich: Ja, bei stabilen Zyklen und mit Wissen über den eigenen Körper können Zykluscomputer gut funktionieren – aber man sollte ihnen nie blind vertrauen. Zyklus-Apps können hilfreich sein, ersetzen aber wegen einer geringen Sicherheit nicht die symptothermale Methode.“

Zukunftsvision MPTs

Multipurpose Präventionstechnologien (MPTs) sind eine weitere innovative Kategorie von Verhütungsmitteln, die durch Langzeit-Implantate eine Kombination von Verhütung mit dem Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen anstreben. Das Ziel von MPTs besteht darin, mehr Optionen für Frauen anzubieten, die sowohl eine Schwangerschaftsverhütung als auch den Schutz vor Krankheiten benötigen, gleichzeitig aber den Komfort und die Benutzerfreundlichkeit schätzen. „Eine spannende Zukunftsvision“, findet auch Dr. Andrea Lederer, „derzeit sind MPTs aber noch in der Entwicklung, zum Teil vielversprechend.“

Geschlechtergerechte Verhütung

„Die Pille für den Mann ist so alt wie das Thema Kontrazeption des Mannes.“ – Univ. Prof. Dr. Andreas Jungwirth, Facharzt für Urologie und Andrologie

Auch die Forschung im Bereich der männlichen Verhütung – als Option zu Kondomen und Vasektomien – ist vielversprechend und könnte in den kommenden Jahren zu großen Durchbrüchen führen, die eine gleichmäßigere Verteilung der Verantwortung für die Verhütung zwischen Männern und Frauen ermöglichen. Aktuell gibt es verschiedene Ansätze für reversible hormonelle und hormonfreie Methoden zur Oligospermie bei Männern. Forschungsprojekte testen hormonelle Lösungen für Männer, die sowohl Testosteron- als auch Gestagen-Analogon enthalten. Diese sollen die Spermienproduktion unterdrücken, ähnlich wie es bei hormonellen Verhütungsmethoden für Frauen der Fall ist. „Die Pille für den Mann ist so alt wie das Thema Kontrazeption des Mannes“, erzählt uns der Urologe Dr. Andreas Jungwirth. Das große Problem bei der Testosteron Ersatztherapie ist laut Auskunft des erfahrenen Urologen die niedrige Azoospermierate (keine Spermien im Ejakulat), ein noch größeres Problem ist jedoch, dass sich Frauen nicht auf die regelmäßige Hormoneinnahme des Mannes verlassen möchten: „Schwanger wird ja immer nur die Frau und somit ist die Attraktivität der „männlichen Pille“ sehr gering.“

Bei den hormonfreien Methoden gehören Innovationen wie die reversible Hemmung von Spermien unter Anleitung (RISUG) oder das Vasalgel, das in die Samenleiter injiziert wird und somit die Passage von Spermien blockiert, zu den am weitesten erforschten Methoden, die in klinischen Studien vielversprechende Ergebnisse bei gleichzeitig geringen Nebenwirkungen zeigen. Bei der Spermienablation werden die Spermien in den Samenleitern durch lokale Hitzeeinwirkung (z. B. Mikrowellen) oder andere physikalische Verfahren behandelt, sodass deren Fähigkeit, Eier zu befruchten, neutralisiert wird. Hier ist wichtig zu bemerken, dass sich die Forschung zu einigen dieser Methoden noch in der experimentellen oder klinischen Testphase befindet, die weitere Entwicklung und Validierung dieser Methoden wird entscheidend dafür sein, ob sie in Zukunft eine praktikable Option für Männer darstellen können.

Der Urologe Dr. Andreas Jungwirth sieht das Thema eher skeptisch: „All diese Methoden werden kurzfristig als der Durchbruch angepriesen, aber wenn eine Methode sich seit mehr als 15 Jahren im Versuchsstadium befindet, so sollte man eher an deren Umsetzung zweifeln“, meint Jungwirth, der sich realistisch außer der Unterbindung der Samenleiter (Vasektomie) keine sichere und nebenwirkungsarme Kontrazeptionsmethode des Mannes in der nächsten Zeit vorstellen kann.

Sexuell übertragbare Krankheiten

Verhütung spielt nicht bloß eine entscheidende Rolle bei der Verhinderung von ungewollten Schwangerschaften, sondern auch zum Schutz vor Geschlechtskrankheiten. „Das Dilemma fängt bei der mangelnden Sexualaufklärung der jungen Männer an“, meint Dr. Jungwirth, der den jungen Frauen eine bessere Aufklärung über Kontrazeptionsmethoden und Sexualerkrankungen zugesteht. „Das alles spiegelt sich auch in der niedrigen Durchimpfungsrate gegen die HPV-Viren wider“, bedauert der Urologe.

Zu den häufigsten sexuell übertragbaren Infektionen (STI) gehören Chlamydien, Gonorrhö (Tripper), Syphilis, Herpes genitalis, HIV/AIDS und humanes Papillomavirus (HPV). Diese sexuell übertragbaren Infektionen sind in vielen Gesellschaftsschichten verbreitet und nehmen altersübergreifend zu. Viele Verhütungsmittel, insbesondere Barrieremethoden wie Kondome, bieten einen wirksamen Schutz vor zahlreichen STI, indem der direkte Kontakt mit Körperflüssigkeiten, in denen sich Erreger befinden können, minimiert wird.

„Es herrscht leider eine gesellschaftliche Ignoranz zu diesem Thema. Man hat halt Sex so lange ohne Kondom und/oder Testung auf sexuell übertragbare Erkrankungen, bis es einen „erwischt“. Aber es „erwischt“ einen nicht, wenn man verantwortungsbewusst und mit der nötigen Kenntnis seine Sexualität auslebt“, meint Dr. Jungwirth zur unzureichenden Aufklärung über STI in den Jugendtagen – ein Resultat von Tabuisierung, Scham und fehlenden bildungspolitischen Maßnahmen. Eine offene Kommunikation und gezielte Bildungsangebote sind aber entscheidend, um das Bewusstsein zu schärfen und sexuelle Gesundheit zu fördern.

AIDS heute: Mythos & Realität

Auch die Wahrnehmung und mediale Berichterstattung von HIV/AIDS ist in den letzten Jahren in den Hintergrund getreten, und obwohl es Fortschritte in der Behandlung und Prävention gibt, bleibt die Krankheit ein ernsthaftes Gesundheitsproblem. Ende 2022 ergab sich in Österreich eine Schätzung von 9.000 Personen, die mit HIV leben, jährlich werden hierzulande etwa 450 neue HIV-Diagnosen registriert. Österreich hat zwar ein gut etabliertes Gesundheitssystem mit einer hohen Verfügbarkeit von antiretroviralen Therapien oder Prä-Expositions-Prophylaxen (PrEP) und viele Menschen mit HIV erhalten eine effektive Behandlung, die es ihnen ermöglicht, ein nahezu normales Leben zu führen. Dennoch bleibt die Sensibilisierung und der Kampf gegen Stigmatisierung und Diskriminierung wichtig, um die Infektionsraten weiter zu senken und das Leben der Betroffenen zu verbessern.

Insgesamt zeigt die gesellschaftliche Relevanz von Verhütung, dass es sich nicht nur um individuelle Entscheidungen handelt, sondern um zentrale Fragen der Gesundheit, Gleichheit, Bildung und sozialen Gerechtigkeit.