Reportage & Wissen

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Time is brain

Text: Doris Thallinger

Fotos: paul, ag visuell - stock.adobe.com; www.wildbild.at; www.kaindl-hoenig.com

30 % der Bevölkerung leiden an einer Erkrankung des Gehirns. Rund die Hälfte davon ist psychiatrischen Dispositionen zuzuordnen. Der Rest fällt ins Gebiet der Neurologie – und die Liste der neurologischen Erkrankungen ist lang.

Kaum ein medizinisches Gebiet, das so umfassend und spannend, aber für den Laien so schwer zu greifen ist. Kaum eine Fachrichtung, die so viele unterschiedlichste Krankheiten vereint, diagnostiziert und behandelt. Kaum ein Forschungsgebiet, das in den vergangenen Jahrzehnten so wichtige Fortschritte vermelden und Erfolge verbuchen konnte, wie die Neurologie. In den Bereich der Neurologie fallen das Zentrale Nervensystem, sprich Gehirn und Rückenmark, deren Umgebungsstrukturen und blutversorgenden Gefäße sowie das Periphere Nervensystem, das den ganzen Körper durchzweigt samt seiner Verbindungsstrukturen mit der Muskulatur.

Time is brain!
Für Prof. Eugen Trinka, Vorstand der Universitätsklinik für Neurologie, Neurologische Intensivmedizin und Neurorehabilitation an der Christian-Doppler-Klinik, ist es ein großer Moment im November: Die World Health Organization erkennt „Epilepsy and other neurological disorders“ als weltweit wichtigste Ursache für Erkrankungen während der „gesunden Lebensjahre“ an sowie als zweitwichtigste Todesursache. Ist dies zwar kein Grund zur Freude, zeigt es jedoch sehr wohl die Relevanz der neurologischen Medizin und Wichtigkeit der weiteren Forschung auf diesem Gebiet. Dabei hat sich hier in den vergangenen Jahrzehnten bereits richtig viel getan! „Früher konnte man in der Neurologie sehr viel diagnostizieren, jedoch wenig behandeln“, erklärt Eugen Trinka. „Der Wechsel der Neurologie vom diagnostischen Fach hin zum therapeutischen hat sich in den vergangenen 30 Jahren dramatisch vollzogen. Heute gilt die Neurologie als eines der erfolgreichsten therapeutischen Fächer in der Medizin.“

„Heute gilt die Neurologie als eines der erfolgreichsten therapeutischen Fächer in der Medizin.“

Eugen Trinka

So sind mittlerweile unheilbare Krankheiten gut behandelbar geworden: „Spinale Muskelatrophie – früher ein Todesurteil in jungen Jahren – kann heute sowohl medikamentös als auch in der Gentherapie behandelt werden“, führt Trinka als Beispiel an. „Auch bei Schlaganfällen kann man heute, wenn die Behandlung im richtigen Zeitfenster passiert, den entstandenen Pfropfen medikamentös oder operativ entfernen. Selbst Multiple Sklerose ist zu einer behandelbaren Erkrankung geworden – leider nicht in allen Fällen, aber uns stehen heute sieben Medikamente zur Verfügung, die im frühen Stadium eingesetzt werden können.“ Bei allen neurologischen Erkrankungen spielt Zeit eine wichtige Rolle – je früher mit der Therapie begonnen wird, desto besser die Chancen. „Das Prinzip lautet: Time is brain! Was im Gehirn einmal kaputt ist, bleibt kaputt. Dann können wir nur noch in der Rehabilitation tätig werden, aber auch hier sind wir sehr erfolgreich.“ Wesentlich für diese Erfolge ist unter anderem die enge interdisziplinäre Zusammenarbeit: In Salzburg findet sich österreichweit die einzige Universitätsklinik für Neurologie, neurologische Intensivmedizin und Neurorehabilitation. Als eines der führenden Zentren für neurologische Erkrankungen ist die Christian-Doppler-Klinik auch spezialisiert auf Neurochirurgie und Neuroradiologie.

The Big Seven
Welche Erkrankungen fallen nun aber insgesamt ins breit gefasste Spektrum der Neurologie? Die häufigsten fasst Primar Trinka als „The Big Seven“ zusammen: Schlaganfall, neurodegenerative Erkrankungen, allen voran Alzheimer und andere Demenzen, die große Gruppe der Epilepsien, Multiple Sklerose und entzündliche Gehirnerkrankungen, infektiöse Gehirnerkrankungen, Hirntumore sowie Morbus Parkinson. Diese Liste der Gehirnkrankheiten ergänzt die Salzburger Neurologin Ulrike Günther noch um die Erkrankungen des peripheren Nervensystems, wie Polyneuropathien, die beispielsweise durch Diabetes Mellitus Typ II oder übermäßigen Alkoholkonsum verursacht werden können, sowie um sämtliche Nervenschädigungen, die durch Druck und äußere Einflüsse entstehen, wie das Karpaltunnelsyndrom, oder bei Bandscheibenvorfällen.

„Zeit spielt in der Neurologie eine große Rolle.“

Dr. Ulrike Günther

„Grundsätzlich ist bei mir in der Praxis ungeklärter Kopfschmerz ein sehr großes Thema, ebenso wie Schwindel. Es geht darum, zu analysieren, um welche Art von Kopfschmerz es sich handelt, neurologische Ursachen abzuklären und natürlich zu behandeln“, gibt Ulrike Günther Einblicke in ihre Arbeit als Neurologin und stellt dabei fest, dass selbst unter den Patienten anfangs viele gar nicht wissen, was der Neurologe eigentlich macht: „Als Neurologin überprüfe ich mit relativ einfachen Untersuchungsmethoden die Gehirnfunktionen. Ein ganz wichtiger Punkt ist die Anamnese: In der Krankengeschichte, die der Patient erzählt, finden sich bereits sehr viele Hinweise, wo das Problem sitzt. Die Erfahrung zeigt dann, in welche Richtung man weiterarbeitet.“ Ergänzt werden diese Informationen durch bildgebende Untersuchungen, wie der Kernspintomographie oder der Computertomographie des Gehirns, der Elektroenzephalographie, (Hirnstrommessung) oder der Elektrophysiologischen Diagnostik, wie der Elektromyographie (Messung der elektrischen Muskelaktivität) und der Messung der Nervenleitgeschwindigkeit bei Erkrankungen des Peripheren Nervensystems. Bei welchen Anzeichen ist es also angebracht, einen Neurologen aufzusuchen? „Plötzliche Schwäche in einem Arm oder Bein können z. B. auf einen Schlaganfall hindeuten. Auch Probleme beim Sehen, wie Doppelbilder können ihren Ursprung in einer neurologischen Problematik haben, ebenso wie Gefühlsstörungen jeglicher Art: Taubheitsgefühle in den Füßen oder Fingerspitzen, Kribbeln oder Missempfindungen wie Brennen auf der Haut oder Muskelzuckungen. Jegliche Symptome, die ihren Ursprung Zentralen oder Peripheren Nervensystem haben, sollten schnellstmöglich abgeklärt werden. Zeit spielt hier eine sehr große Rolle!“, betont Dr. Ulrike Günther eindringlich.

Gewitter im Kopf

Rund ein Prozent der Bevölkerung leidet an Epilepsie. Die Anzahl jener Menschen, die – aufgrund unterschiedlichster Ursachen – epileptische Anfälle haben, ist jedoch bedeutend höher. Die gute Nachricht: Zwei Drittel der Fälle lassen sich gut durch Medikamente behandeln und auch im operativen Bereich werden laufend Fortschritte errungen – nicht zuletzt an der Universitätsklinik für Neurologie an der Salzburger Christian-Doppler-Klinik.

Epilepsien sind eine Gruppe von Erkrankungen des Gehirns, bei denen sich Nervenzellen plötzlich und unkontrolliert entladen und dadurch neurologische Störungen hervorrufen. Je nachdem, in welchen Arealen sich diese ungeordnet entladen, zeigen sich unterschiedliche Symptome. Diese reichen von motorischen Ausfällen, wie Zuckungen der Extremitäten über Halluzinationen, Geruchs- und Bewusstseinsstörungen und Absencen bis hin zu Krämpfen des ganzen Körpers in schweren Fällen. Die Ursachen sind vielfältig. So können Epilepsien aufgrund einer genetischen Erkrankung auftreten, ebenso wie durch eine Stoffwechselerkrankung des Gehirns oder eine Störung der Mitochondrien. Diese angeborenen Erkrankungen zeigen sich meist schon im Kindesalter. Sehr oft jedoch treten epileptische Anfälle als Folge anderer Erkrankungen auf: 25 Prozent der Schlaganfall-Patienten erleiden im ersten Jahr einen epileptischen Anfall, 30 Prozent der Patienten mit dem Krankheitsbild Delir (Verwirrtheit) und 5 Prozent der Alzheimer-Patienten. Auch Hirntumore oder Entzug bei Alkoholkrankheit können epileptische Anfälle auslösen.

„Der Kern des Anfalls ist bei allen Fällen gleich: Durch das plötzliche, ungerichtete Entladen der Nervenzellen nimmt die Erregung überhand“, erklärt Primar Eugen Trinka, der international einer der führenden Experten auf dem Gebiet der Epilepsien ist. „Ein Anfall muss aber nicht gleich bedeuten, dass man sein Leben lang unter Epilepsie leidet.“

Epilepsie ist heilbar
„Schwere kindliche Erkrankungen sind noch unheilbar“, relativiert Prof. Trinka. „Jedoch gilt Epilepsie längst nicht mehr als lebenslange Erkrankung. Zum einen verschwinden die Anfälle, wenn die ihnen zugrunde liegende Ursache entfernt werden kann, zum anderen sind wir heute in der Lage, zwei Drittel der Patienten sehr gut mit Medikamenten zu behandeln.“

Rund 20 Medikamente stehen der Ärzteschaft heute zur Verfügung, um epileptische Anfälle zu unterdrücken. „Das erste Antiepileptikum, das beschrieben wurde und auch wirkte, war Bromsalz, das im 19. Jahrhundert „Hysterischen“ und „sexuell ausschweifend Aktiven“ verabreicht wurde. Damals wurde erkannt, dass Brom epileptische Anfälle hemmt“, gibt Trinka einen Abriss der medizinischen Geschichte. „Allerdings gingen schwere Nebenwirkungen einher, was Bromsalz zu keinem idealen Medikament macht. Nichtsdestotrotz sprechen auch heute noch einige wenige Patienten sehr gut darauf an.“
1912 entdeckte ein Münchner Psychiater das Schlafmittel Phenobarbital als wirksames Medikament gegen Epilepsie – noch heute ist dieses das weltweit am häufigsten verschriebene Antiepileptikum! Im Laufe der Jahrzehnte reihten sich daran immer mehr Medikamente, die durchwegs alle gut wirken, jedoch mit unterschiedlichen Nebenwirkungen. „Die Kunst ist, die richtigen Medikamente für den jeweiligen Patienten auszuwählen. Dafür gibt es keine Guideline, man muss die Nebenwirkungen kennen und für den Patienten abwägen“, so Trinka. „Wenn ein Patient nach einigen Jahren – je nach Ursache der Epilepsie – anfallsfrei bleibt, kann man beginnen, die Medikamente langsam abzusetzen. Beim Großteil der Patienten kehren die Anfälle nicht zurück.“

Möglichkeiten bei Medikamenten-Resistenz
Rund ein Drittel der Betroffenen gelten als resistent gegen Antiepileptika. „Für diese Menschen bedeutet Epilepsie eine sehr große Belastung, ein Leben mit Anfällen, hohe Verletzungsgefahr – und eine um bis zu 20-fach höhere Sterblichkeit als bei gesunden Gleichaltrigen“, beschreibt Prof. Trinka die Problematik. „Einen Teil dieser Menschen können wir aber mit dem heutigen Stand der Forschung operieren!“

Die Kunst sei dabei nicht die Operation an sich, sondern vielmehr, den Ursprung der Anfälle zu identifizieren, sodass dieser entfernt werden kann – immer unter der Voraussetzung, dass durch die Operation keine neurologischen Defizite entstehen, sowie herauszufinden, welche Patienten davon profitieren können.

Die Abklärung erfolgt im Stufenprinzip:
1. Anamnese durch Neurologen, inklusive der Basisuntersuchungen, wie Elektroenzephalographie (EEG) und Kernspintomografie.

2. Epilepsie Monitoring Einheit: Anfälle und Abfolge der Anfälle werden durch EEG und Videoüberwachung analysiert und Anfallsherde lokalisiert.

3. Konklusion: Anhand einer neuropsychologischen Testung und Erstellung eines Hirnleistungsprofils wird entschieden, ob der zuvor erkannte Herd entfernt werden kann.

Rund 60 Prozent der Patienten, die nach positiver Konklusion operiert werden, werden durch den Eingriff geheilt und gelten als anfallsfrei.